"Mr Harris", flötete ich als ich in den Buchladen trat. Der Laden war noch nicht so belebt und ich fragte mich, wo der alte Mann steckte. Normalerweise, wenn er nicht hinter der Theke stand, räumte er Bücher in die Regale, doch da konnte ich ihn genauso wenig finden. Wie konnte er den Laden einfach unbeaufsichtigt lassen? Ich war wohl zur richtigen Zeit gekommen, da sich schon einige Kunden zur Theke begaben, um Bücher zu kaufen und einige auszuleihen. Ich seufzte. Ich wollte doch nur kurz vorbeikommen, um ihm zu sagen, dass ich heute nicht da sein kann.
"Zum Ausleihen oder zum Kaufen?", fragte ich wie ein alter Plattenspieler und bediente die Kunden. Ich sah immer nervöser auf die Uhr, als der Buchladen anfing voller, voller zu werden. Mr Harris war immer noch nicht aufzufinden und ich machte mir weniger Sorgen, als das ich mich aufregte. Mr Harris war kein zerbrechlicher alter Mann. Er war auch keiner der plötzlich sein Gedächtnis oder dergleichen verlor. Er konnte zich Sprachen sprechen und lebt schon sein ganzes Leben lang hier in dieser Stadt. Gleichzeitig würde er aber auch nicht den Buchladen einfach so unbeaufsichtigt lassen, wenn es nicht einen triftigen Grund dafür gebe. Ich klopfte genervt mit den Fingern auf den Tisch. Ich konnte nicht spät sein. Ich war in meinem Leben noch nie irgendwo zu spät gekommen und wenn Mr Harris in den nächsten 20 Minuten nicht auftauchte, wäre dies mein aller erstes Mal. Schon pustete ich gestresst meinen Atem aus. Ich hatte schon einige Nachrichten von meiner Schwester auf dem Handy.
…Hales, soll ich auch zum Buchladen kommen?...
…Warum bist du noch nicht da?...
…Hales wieso bist du immer noch bei Mr Harris. Ich brauche wirklich deine Hilfe mit meinem Outfit!!!...
...Hallo Hales? Ignorierst du mich? Ich sehe, dass die Nachrichten ankommen!...
Innerlich schrie ich vor Frustration, wo war Mr Harris? Und als hätte er mich schreien gehört, schlenderte er unbekümmert durch die Ladentür. Hinter ihm tauchte noch eine weitere Gestalt auf, die ein buntes, geblümtes Kleid trug, welches ich sogar anziehen würde…, wenn es Sommer wäre. Aber es ist Herbst? Hat die Frau denn nicht kalt?
"Mr Harris!", rief ich und verliess die Theke, um ihn abzufangen. Er hatte erstaunt zu mir rüber gesehen und dann zur Dame hinter ihm.
"Hailey, was tust du denn hier?" Ich sah ihn verdutzt an.
"Normalerweise würde ich ja beim Aufräumen helfen, aber ich kam um zu sagen, dass ich heute Abend nicht kann. Wo warst du?"
"Ach ich habe Marisol, Ms Vega, versprochen zu helfen. Ich konnte nicht ahnen, dass es so viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Du kannst jetzt gehen, danke dir Hailey", sagte er und scheuchte mich weg. Ja, ihr habt schon richtig gelesen. Er hatte mich weggescheucht. Als ich die Tür hinter mir in Schloss fallen hörte, drehte ich mich um. Mr Harris hatte noch nie eine Freundin gehabt, jedenfalls keine von der ich gewusst hätte. Diese Frau Vega oder Marisol, wie auch immer sie hiess, hatte ich bis jetzt noch nie hier gesehen. War sie etwa neu hergezogen? Für eine ältere Dame sah sie noch recht fit und lebendig aus. Ganz im Gegenteil von Mr Harris, der mit seiner blassen Haut und den grauen Haaren immer so aussah, als sei er etwas neben sich. Diese Frau Vega aber, hatte braungebrannte Haut und grosse, schillernde Augen. Sie sah aufgeweckt aus und als hätte sie Mr Harris komplett verzaubert. Versteht mich nicht falsch ich freute mich für ihn. Es wäre mir sogar eine grosse Freude, wenn er jemanden hätte. Aber ich kannte die Frau nicht und sie hatte ihn dazu gebracht den Laden so lange unbeaufsichtigt zu lassen. Das war es, was mir Sorgen bereitete. Aber nun war dies nicht mehr in meiner Verantwortung. Ich musste jetzt schnell nach Hause mich nochmals etwas auffrischen, meiner Schwester helfen und dann diese Bar aufsuchen, um Ethan zu sehen.
Oh mein Gott. Ethan! Ach du heilige Mutter. Ich durfte echt nicht zu spät sein. Ich flitzte nach Hause und fand meine Schwester schon im Flur.
"Auch endlich da? Was hat das denn so lange gedauert?" Melody stand in einer schwarzen Skinny Jeans vor mir mit einem aufgerauschten, dunkelroten Oberteil vor mir. Sie hatte goldenen Schmuck an und ihre Locken hingen wild in der Luft. So sah sie am besten aus. Ihre Haare trugen viel zu ihrer Persönlichkeit bei. Wild und unaufhaltsam. So war meine Schwester. Sie war auch manchmal zickig und bevormundend, aber ich liebte sie.
"Tschuldige. Mr Harris war plötzlich vom Erdboden verschluckt worden und der Buchladen blieb unbeaufsichtigt. Stellt sich heraus, dass er eine neue Freundin hat." Ich schaute mich nochmals im Spiegel an und ging dann ins Bad, welches gerade neben der Eingangstür war. Ich trug nochmals etwas Lippenstift auf und bürstete mir die Haare gut durch. Dann atmete ich nochmals tief ein und aus und legte den Kopf schief. Ich sah echt hübsch aus.
"Und bist du nervös?" Melody streckte ihren Kopf ins Bad und ich entdeckte sie im Spiegel.
"Was denkst du denn? Du wirst das noch verstehen, wenn du ihn dann siehst. Dann wirst du dich nicht mehr über meine armen Nerven lustig machen", lachte ich und wir liefen aus dem Haus nachdem wir kurz noch ein "Tschüss", ins Haus riefen, um meiner Mom Bescheid zu geben, dass wir nun gehen würden.
Wir hatten auf den Wunsch meiner Schwester ein Taxi gerufen und warteten nun, dass dieses anfahren würde. Die grossen Eichen die gegenüber von unserer Strasse andere Reihenhäuser schmückten, hatten sich ebenso saftig rot gefärbt und liessen unsere Strasse magisch funkeln im Licht der herabgehenden Sonne. Sie schien durch die Blätter der alten Amberbäume, die jeweils in regelmässigen Abständen in der ganzen Nachbarschaft standen, auf uns hinab und blendete mich. Ich hielt mir schützend die Hand vors Gesicht und drehte mich dann zu meiner Schwester.
"Siehe da. Es kommt endlich", bemerkte sie und deutete auf das Taxi Auto hinter mir.
Es war ein schwarz, gelb lackiertes Auto mit der grossen in weiss geschriebenen Taxi Aufschrift. Der Taxifahrer hatte geradewegs vor uns parkiert, als meine Schwester ihn heranwinkte und wir stiegen ein. Es war ein älterer Mann, zwar nicht so alt wie Mr Harris, aber deutlich älter als meine Mutter. Er hatte eine Beret-Mütze auf in einem dunkeln Blau und einen dicken braunen Pullover. Im Taxi roch es unheimlich gut. Da entdeckte ich auch schon den Lufterfrischer, den er vorne bei der Lüftung angebracht hatte. Wir sagten ihm schnell wohin er uns bringen konnte und dann setzten wir uns bequem hin. Wir sassen beide auf der Rückbank und der Fahrer hatte das Radio an. Ich schaute erst jetzt richtig auf das, was Ethan mir geschrieben hatte.
"Hey Hailey, hier ist Ethan. Wegen Samstag, freue ich mich riesig, dass du kommst! Ich hoffe du findest die Bar, da sie etwas versteckt ist, wenn nicht, ruf mich an. Ansonsten wäre das hier die Strasse…" Er hatte mir den Standort mitgeschickt. So konnte ich die Bar kaum verfehlen. Vielleicht wollte er ja einfach nur, dass ich ihn anrufe. Innerlich lachte ich. Süss.
Die Taxifahrt verlief eher ruhig, da meine Schwester und ich beide in unserer eigenen Gedankenwelt verweilten und der Taxifahrer wahrscheinlich auch. Als wir ankamen verabschiedeten wir uns von ihm und er liess das Fenster nochmals kurz runter, um uns viel Spass zu wünschen.
"Ich kenne die Bar. Sie spielen dort mit Abstand die beste Live-Musik und nach einem langen Arbeitstag, was will man da schon mehr? Viel Spass!"
"Dank! Ihnen einen schönen Abend noch." Ich hakte mich bei Melody im Arm ein und wir liefen an die von Ethan genannte Adresse. Verwirrt standen wir vor einem grossen Wohnkomplex. Ich dachte hier sollte eine Bar sein? Aber da leben ja Menschen???
"Sicher, dass dieser Ethan uns die richtige Adresse geschickt hat? Der wollte dir sicher sein Zimmer zeigen", lachte Melody und ich verdrehte die Augen. Kurzer Hand nahm ich mein Handy heraus und sah auf seine Nachricht. Nein, das war die richtige Adresse.
"Meinst du, ich sollte ihn mal anrufen?" Etwas unsicher starrte ich auf seine Nummer. Melody gab mir einen Schlag auf den Arm.
"Auf was wartest du? Natürlich!"
"Autsch", sagte ich und sah sie gespielt verletzt an. Sie zuckte unschuldig mit den Schultern und ich tippte seine Nummer ein. Okay, jetzt geht's looos.
"Ethan?", antwortete ich als ich ein Summen am anderen Ende hörte. Das Summen wurde von einer scharfen E-gitarre begleitet und ich hielt das Handy etwas weg von meinem Ohr. Dann hörte ich plötzlich ein "Hey, hat jemand angerufen? Ihr sollt nicht einfach an mein Handy gehen Leute…"
"Hallo?", kam es dann und ich schluckte schwer.
"Ethan? Hier ist…"
"Hailey! Bist du schon da?" Ich erschrak etwas als er meine Stimme wiedererkannt hatte und lächelte dann.
"Ja, aber wir sind etwas verwirrt, könntest du rauskommen und uns abholen?" Ich biss mir unbewusst auf die Lippen, eine nervöse Geste, die ich wohl nie ablegen würde.
"Wir? Oh wen hast du mitgebracht?", fragte er etwas verwirrt und dann hörte ich wieder ein Rauschen und ein Rumpeln.
"...Psst! Leute ich mein es ernst… Hailey? Ja warte ich komme raus!" Er legte auf. Ich sah dann etwas unbeholfen zu meiner Schwester, die mich mit einem undeutbaren Blick ansah und dann hob sie die Augenbrauen.
"Das ging ja schnell", sagte sie und hob den Finger in eine Richtung. Ich drehte mich schnell um und sah Ethan, wie er heran gejoggt kam. Er sah verdammt gut aus und dies war schon die Untertreibung des Todes. Seine Haare lagen wild in der Luft, das hellblaue Hemd trug er leicht offen und es glitzerten silberne Halsketten in der Sonne hervor. An den Fingern trug er auch einige Ringe und mir blieb kurz der Atem weg.
"Hailey!", rief er und als er ankam hatte er mich zur Begrüssung kurz in den Arm genommen. Ich sah machtlos zu meiner Schwester, die mir beide Daumen hob und grinste und diese sofort wieder runternahm, als Ethan auch sie kurz in den Arm nahm zur Begrüssung.
"Und du bist?"
"Ihre kleine Schwester", sagte Melody und lächelte mich doof an.
"Melody, Ethan, Ethan Melody", stellte ich die beiden kurz vor und lächelte dann Ethan freundlich an.
"Na dann, los geht's. Ich hoffe, euch stört es nicht, wenn ich schon euren Platz ausgesucht habe…" Wir liefen Ethan nach und er führte uns den einige Häuser weiter und dann eine Hintertreppe hinunter. Wir befanden uns in einem kleinen gemütlichen Garten, der von der anderen Strassenseite einfacher zu finden gewesen wäre, da am Zaun ein grosses Schild mit dem Namen der Bar hing. La Chispa. Im kleinen Garten hingegen grosse Lichterkugeln, die an einer Kette quer über den Garten hingen und als die Nacht langsam anbrach, war die Atmosphäre ungemein gemütlich und romantisch geworden. Die Pflanzen und Blumen im Garten gaben dem ganzen nochmals eine etwas Süd-Ländischere Note, was total mein Geschmack war und wo ich mich sofort wohl fühlte.
"Achtung Köpfe", sagte Ethan als wir durch die Tür liefen und wir duckten uns etwas, da die Deko an der Tür hinunterhing.
Als wir hineinkamen, konnte ich kaum meinen Blick vom Raum nehmen. Ich hätte nicht erwartet, dass so viel Platz da sein würde. Sie hatten eine grosse Bühne aufgestellt, auf der sich schon eine Handvoll Leute mit dem Equipment beschäftigten und die ganzen Kabel sortierten und versorgten. Zusätzlich waren über all kleine runde, schwarze Tische aufgestellt, an dem immer jeweils zwei Personen Platz nehmen konnten. Am anderen Ende des Raumes befand sich die Bar, die sich an der ganzen Hinteren Wand erstreckte und eine grosse Auswahl an Getränken vorzeigte. Es war alles recht dunkel gehalten und die Holzmöbel waren in einem warmen, dunkelbraun getränkt. Dieselben Lichterkugeln hingen hier von der Decke und abgesehen von den bunten Alkoholflaschen hinter der Bar, war nichts gross an Farbe da und trotzdem fühlte es sich an, als würde alles passen. Die Leute, die hier zu Besuch kamen, die Musiker und Sänger, sie waren es, die Farbe in den Raum brachten und ich fand es einen schönen Gedanken. Ethan führte uns an einen der vorderen Tische. Es war ohne Spass der vordere Platz, der wahrscheinlich die beste Aussicht auf die Bühne hatte. Wir setzten uns und dann flitzte Ethan wieder hinter die Bühne. Dort wurde er von einer Gruppe von fünf Köpfen begrüsst. Es waren drei weitere Männer dabei und eine Frau mit silbernen kurzen Haaren und einem grellen Lila Top. Sie trugen alle eine eigene Farbe und passten optisch perfekt zusammen. Das musste wohl seine Band sein, dachte ich. Die anderen Männer hatten jeweils auch ein Hemd an, das eine grün, das andere orange und das letzte war rosa. Meine Schwester begab sich kurz an die Bar und holte uns zwei Softdrinks. Ich sass in der Zwischenzeit auf meinen Stuhl und stützte die Arme auf den Tisch. Wann Ethan wohl dran sein würde? Als meine Schwester nach einer Weile wiederkam, gingen plötzlich auch die Lichterkugeln aus. Die Scheinwerfer auf der Bühne leuchteten auf und es waren Leute auf der Bühne. Sie eröffneten den Abend mit feinen Klavierklängen gefolgt von einer weiblichen Soul-Stimme. Es war ein angenehmes Lied und ich schloss kurz die Augen. Ich liebte Musik. Musik liess mich Dinge fühlen, die ich nie so ganz in Worte fassen konnte und es störte mich nicht einmal. Ich konnte Ethan verstehen, warum er die Musik so sehr liebte. Sie war eine Sprache für sich und dennoch universell verständlich. Nach der Band und nach dem sie die Bühne freigaben und sich einen grossen Applaus einholten, entdeckte ich Ethan, wie er hinter der Bühne hervorblickte. Sein Blick traf den meinen und er winkte mir zu. Ich lachte und winkte zurück. Mit einer Handgeste deutete er mir, dass sie bald dran sein würden und ich hob ihm meine gedrückten Daumen entgegen. Dann sah ich ihn wieder mit einem grossen Lächeln im Gesicht hinter die Bühne verschwinden und ich war es diesmal, die an die Bar ging um uns noch etwas zu trinken zu holen.
"Bitte nochmal zwei von denen", sagte ich zum Barista und übergab ihm die leeren Flaschen. Als ich auf die Softdrinks wartete, setzte ich mich kurz auf einen Barhocker und sah zur Bühne. Die Lichterkugeln gingen wieder aus und die Schweinwerfer erleuchteten. Ethan tauchte auf der Bühne auf mit einer schwarzen akustischen Gitarre um seinen Hals und hinter ihm die Leute, die ihn vorhin so begrüsst hatten. Die Frau stand am Bass, der mit dem grünen Hemd am Schlagzeug, der mit dem rosa Hemd am Keyboard und der mit dem orangenen Hemd trug, der ebenfalls eine Gitarre um den Hals trug, stand mit Ethan am Mikrofon.
"Hier deine Drinks", holte mich der Barista aus meinem Kopf und ich bedankte mich schnell für die Drinks und lief an meinen Platz. Ich hatte mich die ganze Zeit beobachtet gefühlt und hatte versucht nicht zu Ethan zu sehen. Doch als die ersten Gitarrenklänge den Raum erfüllten, hob ich kurz meinen Blick und ich traf sofort Ethans Augen. Für einen kurzen Moment schien es als würden Funken sprühen und ich hielt meinen Atem an.