Körper

1935 Words
Es war Samstag. Die Woche war für meinen Geschmack immer noch viel zu langsam verflogen, da ich es einfach nicht abwarten konnte Ethan wiederzusehen. Klar sahen wir uns ab und zu in einzelnen Vorlesungen, aber das war nicht dasselbe. Wir würden uns nur begrüssen, einige Worte austauschen und dann würden wir wieder getrennte Wege gehen oder keine Möglichkeit bekommen Zeit miteinander zu verbringen. Lucinda gab mir seitdem wir in dieser Vorlesung waren anfangs Woche immer diesen undeutbaren Blick. Ich konnte ihn nicht einordnen und mied sie deshalb. Ich hatte keine l**t auf eine seltsame Konfrontation. Als ich jünger war, sagen wir so in meinen frühen Teenage-Jahren, war ich immer auf Konfrontationen aus. Ich scheute sie kaum, was mir auch oft den Ruf eingebracht hatte, dass ich angriffslustig sei. Die Männer in meiner Familie, da spreche ich von meinen entfernten Verwandten, pflegten es, meine Mutter zu ermahnen, dass ich diese herausfordernden Augen hatte, die es nur darauf ankommen liessen, in Frage gestellt zu werden. Ich hatte verdammt nochmal Feuer unter dem Arsch, wenn ich das so ausdrücken darf. Wo das Feuer hingegangen ist, das weiss ich nicht. Manchmal fragte ich mich, ob sie immer noch in mir steckte, diese feurige Kriegerin. Ich seufzte. Ich vermisste manchmal dieses sturköpfige, angriffslustige und vorlautes Mädchen und das obwohl sie gebrochen war. Sie war so kaputt und liess der Welt keinen Einblick in das Ausmass an Zerstörung, welches in ihrem Herzen residierte. Vielleicht stimmte es, wenn man sagte, dass man im Alter ruhiger werden würde. Ich frage mich, ob das wohl davon kommt, dass man sich einfach mehr gefallen lässt, weil man genug persönliche Reife hat, um zu erkennen, wann sich eine Konfrontation lohnt oder nicht, oder ob es damit zu tun hat, dass man Wasser über das Feuer geschüttet und die zerbrochenen Stücke geheilt hat. Wenn ich so darüber nachdachte, konnte ich nicht klar sagen, was bei mir der Fall war. "Ich finde das echt schön, dass ihr miteinander ausgeht. So können du und deine Schwester endlich mal paar Männer kennenlernen und vielleicht endlich einen Freund haben!", tadelte meine Mutter als ich im g**g stand und verdrehte die Augen. "Mom, es ist nicht immer so toll einen Mann bei sich zu haben, falls du das vergessen hast", erinnerte ich sie an meinen Vater und sie verzog das Gesicht. "Nicht alle Männer sind gleich", konterte sie und ich verschränkte die Arme. "Vielleicht steh ich ja auf Frauen." Ich wartete mit einem Grinsen darauf, dass sie das Geschirr fallen liess und mich empört ansah. Denn so war meine Mutter, eine kleine dramatische Diva. Doch alles was sie sagte war: "Wenn das heisst, dass ich dann endlich Ruhe von dir habe, von mir aus." Ich war es nun, die eine Miene zog und vom Tisch sprang. Ich hatte keine Chance sie davon zu überzeugen, dass ich ganz gut klar kam ohne eine Beziehung. Sie sang mir von morgens bis abends die Ohren voll, dass ich mir einen Freund besorgen soll, als wäre dies das einfachste auf der Welt. Ich konnte ja kaum mal so in einen Laden gehen und mir einen kaufen, oder noch besser, mir einen bestellen. Sie verstand nicht, dass die Typen, die ich bis jetzt mochte, mich nie mochten oder nur so taten und jene die mich mochten, ich nicht mochte. Ein wilder Teufelskreis, wenn ihr mich fragt. Ich hatte ja Verständnis für die Sorge meiner Mutter. Sie wollte nicht, dass ich alleine dastand, wenn sie alt und schrumpelig ist. Doch konnte sie mich nicht drängen eine Beziehung zu haben, nur damit sie sich besser fühlt. Männer fielen leider nicht vom Himmel, wie in dem einen Lied, in welchem Männer vom Himmel herabregnen. Und vielleicht, aber nur vielleicht war es mit Ethan anders… Vielleicht würde er ja meine Chance aus dem Teufelskreis sein? Okay, okay da muss ich mich selbst mal bremsen. Zu früh? Viel zu früh. Ich sollte aufhören mir immer so früh schon Dinge einzubilden, die gar noch nicht geschehen sind. Wahrscheinlich hatte es deshalb bis jetzt nicht geklappt. Oder ich war einfach zu gut für diese Welt… Oder die Welt war sich noch nicht bewusst, wie toll ich eigentlich war. Ich lief die Treppen hoch und geradewegs in mein Zimmer, als ich meine Schwester im Badzimmer entdeckte. Sie war gerade frisch aus der Dusche gesprungen und trocknete sich das Haar. "Verliebt?", fragte sie und ich schüttelte erschrocken den Kopf. "Ich?... Nein! Ich doch nicht…" "In mich du Blödian", lachte sie und schüttelte dann den Kopf. "Mach dir keine voreiligen Hoffnungen, dass er dich mag." "Das brauchst du mir nicht zu sagen, schliesslich bin ich länger auf der Welt, als du es bist." Sie streckte mir die Zunge raus und widmete sich dann wieder ihrem Haar. Vielleicht sollte ich auch davor noch duschen gehen? Ich warf dramatisch die Arme in die Luft. War das wirklich nötig? Ich war doch nicht schmutzig und stinken tat ich auch nicht. Aber wenn sie schon duschen ging, sollte ich es wohl auch tun. Ich seufzte. Ich hatte so gar keine l**t jetzt unter dem Wasser zu stehen und wenn ich ehrlich bin hatte ich auch keine Energie meine Haare zu waschen. Ich tat es aber trotzdem. Ich zog mich also aus und seufzte nochmals lustlos. Als mein Blick sich im Spiegel traf, schaute ich auf mich herab. Ich hatte einen schönen Körper, besonders dafür, dass ich als frühpubertierende wegen ihm immer blöd angemacht wurde von anderen Mädchen! Der Hintern zu gross, die Hüften zu breit, die Nase zu wild, die Oberschenkel zu d**k und die Augen zu gross. Wenigstens den Bauch hatte ich immer einen schönen, laut diesen Teenage-Zicken. Ich konnte es diesen Mädchen einfach nie recht machen. Meine Beine hatten eine zu starke Behaarung, meine Brüste waren nicht gross genug, aber hey! Sie würden ja noch wachsen, wenn ich Glück hatte. So ein Blödsinn! Kein Wunder, dass ich ein wütendes, streitlustiges Mädchen war. Man liess mich einfach nicht leben. Ich hatte wohl die Krallen immer ausgefahren, weil ich so in Ruhe gelassen wurde. Ich war so dankbar für meinen Körper, so wie er war ohne diese blöden Beauty Standards, die vielleicht nur 0,1% der ganzen Weltbevölkerung erfüllten. Echt schwachsinnig! Wie kann man einem kleinen Mädchen solche Standards aufzwängen? Das traurigste war ja, dass mich immer andere Mädchen darauf aufmerksam machten und mir das Gefühl gaben, an mir wäre etwas falsch. Etwas, auf das ich nicht einmal Einfluss hatte. Ich war sogar an einem Punkt gekommen, an dem ich mich mit elf heimlich schon die Beine rasieren wollte, weil es plötzlich zu einem grossen Thema in meiner Klasse geworden war. Eine Klasse voller elf und zwölfjähriger Kinder, die sich um etwas normaler wie Beinbehaarung kümmern, die nicht mal die ihre ist, wie banal klingt das bitte? Ich sah mich erneut im Spiegel an. Ich stand völlig nackt da und ich lächelte. Ich liebte meinen Körper, ganz egal ob er einige Pfunde zu viel auf den Hüften trug, ob einige Stellen für die Gesellschaft als zu behaart galten, oder ob er dort die ein oder andere Narbe, Cellulite, Speckröllchen hatte. Ich liebte meinen Körper. Ich rasierte mich nur dann, wenn ich es war, die es wirklich wollte und nicht, weil ich mich aufgrund von anderen Leuten dazu zwingen liess. Ich tat es nur um meinetwillen, nur um mir selbst zu gefallen. Und ehrlich gesagt, fühlte ich mich wohler mit etwas Behaarung, denn etwas was ich nie verstand, war, dass man von einer erwachsenen Frau verlangte, sie solle keine Behaarung haben. Aber lasst euch was gesagt haben: Kleinkinder sind die einzigen ohne eine Scham- und Beinbehaarung. Das hiesse also, dass die Behaarung die plötzlich in eurer Pubertät aufkam, völlig normal ist und sie ihren Sinn hat! Sie schützt uns verdammt nochmal vor Bakterien und Keimen und sie hält uns warm. Ich strich mir behutsam über die Haut und dann sah ich nochmals auf meinen Körper. Er war genauso, wie er sein musste. Einzigartig. In der Dusche nahm ich mir Zeit um mein Haar zu waschen und meinen Körper zu schamponieren. Einmal in der Dusche wollte ich nicht mehr hinauskommen, da die Wärme des Wassers mich geborgen fühlen liess. Doch ich hörte schon, wie meine Schwester an die Tür klopfte. "Hales, weisst du schon, was du anziehst für heute Abend?" Ich stieg vorsichtig aus der Dusche, um nicht auszurutschen und öffnete die Tür, als ich mir ein Badetuch umlegte. "Keine Ahnung, weisst du es schon?", fragte ich, während sie hineinkam und sich auf den Klodeckel setzte. "Nope, deswegen frage ich ja", sagte sie und schaukelte ihre Füsse hin und her. Ich zuckte mit den Schultern und trocknete mich weiter ab, um mir dann meine Unterwäsche anzuziehen. Meine Schwester und ich hatten kein Schamgefühl gegenüber einander, schliesslich badeten wir als Kinder immer gemeinsam und auch als wir älter wurden, waren wir immer recht offen über was mit unseren Körpern geschah. Dies verdankten wir auch meiner Mutter, die sowieso nie ein Blatt vor den Mund nahm und uns immer recht früh aufgeklärt hatte. Wir konnten bei jeder Frage immer zu ihr und wir konnten ihr alles erzählen, was uns auf der Seele lag. Sie waren mein ein und alles. Als ich aus dem Bad lief, schlich mir meine Schwester hinterher, bis wir beide in meinem Zimmer waren und auf dem Bett sassen. Ich hatte keine Ahnung, was man so in einer Bar trug. Ich hatte auch keine wirklich sexy Klamotten. Ich mochte es simpel und bequem. Ich stand vom Bett auf und begab mich zu meinem Schrank. Er war nicht überfüllt und enthielt alles Kleider, die ich tagtäglich anzog. Ich zog einen schwarzen Pullover heraus, der einen diagonalen Ausschnitt hatte, sodass man die Schultern und das Schlüsselbein sah, welcher entlang diesem Ausschnitt mit Spitze verziert war. "Das vielleicht?" Ich war unsicher. Meine Schwester lag auf ihrem Bauch und rekelte sich auf meinem Bett. Sie legte den Kopf schief. "Bist das denn du?" Ich zuckte mit den Schultern. "Vielleicht? Oder soll ich das hier anziehen? Ganz simpel?" Ich hielt einen beigen Rollkragenpullover in die Höhe und sie zuckte nun die Schultern. "Ah keine Ahnung", stiess sie aus und ich liess die Schultern hängen. Und dann hatte ich eine Blitzidee! Ich schnappte mir eines meiner engen, Strickkleider, die man auch im Sommer tragen konnte und kombinierte das mit dem beigen Rollkragenpulli darunter. Meine Schwester stand dramatisch vom Bett auf und klatschte in die Hände. "Das ist es!" Sie warf mir eine ihrer Tattoo-Strumpfhosen zu und mit etwas silbernen Schmuck wurde das Outfit aufgepeppt. So konnte ich auch meine Stiefeletten anziehen und meinen gelben Mantel, ohne, dass etwas komisch aussah. Ich konnte sogar in dem Outfit noch schnell bei Mr Harris vorbeischauen, um mich heute bei ihm abzumelden. Normalerweise würde ich nämlich samstags Mr Harris beim Aufräumen helfen, aber heute hatte ich zufälligerweise schon etwas vor. Ich kicherte innerlich. Ob ich es ihm wohl erzählen sollte? "Mom, ich bin noch kurz bei Mr Harris im Buchladen, ruft mich an, wenn Melody soweit ist!" Ich hatte es extra noch erwähnt, da ich wusste, wie sehr es meine Schwester liebte, sich beim Aufhübschen Zeit zu nehmen. Es war eines ihrer eher fragwürdigeren Talente, musste ich zugeben, aber ein Talent war es durchaus. Ich schritt also aus dem Haus und machte mich auf den weg zu Mr Harris. Ich fragte mich wohl, ob er etwas bemerken würde. Der Tag war ein schöner, warmer Tag für einen Herbsttag und dieses Mal störte es mich überhaupt nicht. Ich fühlte mich genau so wie das Wetter es tat. Es fühlte sich ganz warm in meinem Innern an und ich spürte ein leichtes Kribbeln auf der Haut, wie der Wind die Blätter auf dem Boden aufwirbelte.
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