Kaum zu glauben, dass ich ihn wiedersah. Ich hatte mich noch in Sicherheit gewogen, als ich gestern heimkam und mir meine Schuldgefühle, da ich ihn nicht nach dem Namen gefragte hatte, ausredete und nun sah ich ihn tatsächlich wieder. Ich stand verdutzt da und starrte ihn nun seit einer gefühlten Ewigkeit an. Er hatte mich nicht bemerkt und ich betete, dass es so auch bleiben würde. Ich möchte nicht wie der grösste Stalker rüberkommen, falls sich unsere Augen doch begegnen würden in dieser recht prekären Situation. Aber das konnte doch nicht wahr sein. Wie konnte er mir die ganzen Monate kein einziges Mal aufgefallen sein und jetzt plötzlich sehe ich ihn hier an meiner Universität! Okay, es ist ja nicht meine Universität, aber ihr wisst, was ich meine.
Ich war gerade am Campus angekommen, als ich ihn gesehen hatte, wie er mit seiner Clique in einer Ecke stand und rumalberte. Plötzlich erschien er mir gar nicht so düster, wie am vorherigen Tag mit all diesen schwarzen Klamotten. Der Grund, warum ich einfach so wie versteinert dastand und ihn anstarrte, war, dass ich an ihm vorbeilaufen musste, um in meine Vorlesung zu kommen. Ich konnte mich auch keineswegs überwinden einfach so meine Beine zu bewegen und riskieren, dass er mich wiedererkennen würde. Wäre das nicht irgendwie total komisch, wenn ich jetzt dort einfach vorbeilaufen würde, oder nicht? Was wird der wohl von mir denken, dass ich ihn verfolge? Nein…?
Ich musste ja eh dort durch und es ist ja nicht wegen ihm! Ich muss nur in meine Vorlesung, das ist alles. Och Mensch… Ich hasste solche Situationen. Schliesslich wusste ich nicht einmal, ob ich ihn dann einfach begrüssen oder ignorieren sollte. Vielleicht hatte er mich ja schon vorgessen. Er hatte mich bis jetzt noch nicht ertappt beim Starren und ich zählte darauf, dass ich ihm nicht auffallen würde, wenn ich einfach an ihm vorbeilaufen würde. Der Key liegt dabei, dass der Augenkontakt vermieden werden muss, damit die andere Person dich nicht bemerkt, schreibt es euch ja auf! Mich hatte der Mut gepackt. Wahrscheinlich war es auch die Angst zu spät in die Vorlesung zu kommen. Ich atmete also einige Male ein und aus, bevor ich mit schnellen Schritten an ihm und seinen Freunden vorbeihuschte. Bei der ganzen Aktion hatte ich meinen Atem angehalten und wollte gerade wieder aufatmen, als ich ein "Guten Morgen", hörte und stehen bleiben musste.
Ja, ich konnte nicht anders. Ich musste stehenbleiben, sonst würde ich ja wie der grösste Vollidiot rüberkommen. Ich drehte mich auf meinem Absatz um und setzte ein freundliches Lächeln auf. Zum Glück konnte er keine Gedanken lesen, was für ein verdammtes Glück. Um ehrlich zu sein, freute es mich ein wenig, dass er mich wiedererkannt hatte, auch wenn mir alles etwas unangenehm war. Besonders dann, als ich spürte, wie meine Wangen anfingen zu brennen. Ich wurde rot.
"Oh guten Morgen", flötete ich und stand unruhig auf meinen Füssen. Er lächelte mich an mit seinen funkelnden Augen und mein Herz machte einen kleinen Sprung.
"Und hat's geschmeckt?", fragte er und ich legte verwirrt den Kopf etwas schief.
"Hmm?", sagte ich und dann fiel es mir wieder ein.
"Ah, der Mohnkuchen? Ja, natürlich…", lachte ich nervös und strich mir meine Haare aus dem Gesicht. Mission abbrechen… so kann er ganz sicher sehen, wie rot ich geworden bin! Ich liess meine Strähne wieder ins Gesicht fallen. Um das ganze zu Überspielen versuchte ich ihn mit einem kleinen Small-Talk abzulenken.
"Ich find's übrigens lustig, dich hier zu sehen. Studierst du hier?" Sobald ich die Worte aussprach, gab ich mir innerlich einen Schlag auf die Stirn. Warum sollte er sonst auf dem Campus stehen mit anderen, die offensichtlich Studenten sind? Das war nicht die geschickteste Art einen Small-Talk zu führen, naja nicht einen erfolgreichen.
"Ja, aber ich hatte mir eine Auszeit genommen und bin erst seit kurzem wieder da."
Seine Freunde hatten ihm den Rücken zugedreht und waren wieder mit sich selbst beschäftigt, während er mit mir etwas Abseits stand und er sich dann durch die Haare ging und sie etwas mit den Fingern auflockerte. Es war eine nervöse Geste, die ich so nie bei einem Mann, wenigstens in meiner Nähe, gesehen hatte. Er war nervös, wegen mir, haha. Ich würde lügen, wenn ich verneinen würde, dass mich das gerade übelst freute. Vielleicht war es auch meine Jahrelange Erfahrung mit Liebeskomödien, die mir ins Ohr flösste, dass dies bedeutete, er stehe auf mich. Wahrscheinlich irrte ich mich, wie die letzten Male. Er hatte sicher Angst, ihm wäre ein Blatt ins Haar gefallen, um für andere Frauen gut auszusehen. Obwohl, so einen oberflächlichen Eindruck vermittelte er mir gar nicht… Ich sollte wirklich aufhören immer so viel nachzudenken und einfach mal die Ruhe behalten. Es sah echt nicht mehr gut in meinem Köpfchen aus. Es ist ein Wunder, dass mir der Kopf von dem ganzen Müll noch nicht abgefallen ist.
"Ahh ehm. Naja ich musst jetzt in meine Vorlesung… Tschüss?"
"Warte, wie heisst du eigentlich?" Ich drehte mich wieder zu ihm um und war schon dabei weiter zu laufen, als ich ihm meinen Namen noch zurief.
"Haley und du?"
"Ethan!", rief er mir nach und ich wank noch, bevor ich um die Ecke ging. Jetzt konnten mir meine Schwester und meine Mutter nicht vorwerfen, ich wüsste seinen Namen nicht. Lächelnd und immer noch mit etwas Herzklopfen lief ich in den Seminarraum und suchte mir vergeblich einen Platz. Ich wusste, ich hätte früher da sein müssen. Es gab kaum einen freien Platz und ehrlich gesagt, mochte ich es nicht mich zwischen Fremden zu zwängen. Ich seufzte schwer und bereitete mich mental darauf vor, dass ich zwei Stunden auf dem Boden sitzen würde und ich so auf meinem Laptop Notizen schreiben musste. Plötzlich sah ich eine Hand, die mir zuwinkte und ich erkannte Lucinda, mit der ich einen anderen Kurs gemeinsam hatte, die mir anbot mich neben sie zu setzen.
"Danke dir. Du rettest mich vor schweren Nackenschmerzen!" Ich lachte und nahm zügig mein Zeugs aus der Tasche, um der Vorlesung zu folgen, die in einigen Minuten anfangen würde. Der Professor schneite geradeso noch herein, als noch einige hinter ihm sich hineinschlichen, ohne dass er es bemerkte.
Es waren Ethan und einige der anderen Typen, mit denen er auf dem Campus sich unterhalten hatte. Sie setzten sich gerade auf meiner Seite etwas weiter unten auf der Treppe hin und als Ethan mich bemerkte, schlich er sich einige Treppenstufen weiter hinauf, um geradewegs neben mir zu sitzen. Er versuchte keine Aufmerksamkeit zu ergattern und flüsterte mir ein kurzes "Hey hey" zu, als Lucinda ihn bemerkte und uns kurz mahnend ansah. Warum sie gerade mich so ansah, konnte ich mir nicht erklären, da ich nie während einer Vorlesung mit jemanden sprechen würde. Ich war immer zu sehr mit dem schlagen auf meiner Tastatur beschäftigt, als das ich noch Gespräche führen würde, während einer Vorlesung.
Nach der recht ruhigen Vorlesung packte ich meine Sachen wieder ein, Lucinda verabschiedete sich in Lichtgeschwindigkeit von mir und raste aus dem Saal hinaus. Ethan wartete zu meiner Überraschung vor der Tür, als ich als letzte aus dem Saal lief. Ich war leicht erschrocken, als ich ihn dort stehen sah, da ich dachte, er wäre schon auf und davon in die nächste Vorlesung, so schnell wie er draussen war. Ich hingegen hatte eine freie Stunde und sah nie den Sinn darin mich zu beeilen, weswegen ich immer die letzte war, die aus dem Saal ging. Ja, sogar der Professor hatte sich bemüht schnell aus dem Saal zu springen.
"Hast du eine freie Stunde?", fragte er mich und ich nickte.
"Du auch?" Er nickte und stützte seine Hände in seine Jackentaschen.
Wir liefen stumm nebeneinander her und warteten darauf, dass der ein oder andere etwas sagte. Der Korridor hatte sich mittlerweile wieder etwas beruhigt und die Leute waren alle in ihren Sälen, während wir immer noch umherwanderten ohne ein Wort zu verlieren. Wir waren sogar schon draussen auf dem Campus und ich hatte Lucinda wieder erblickt. Sie sah mich von weitem an und wirkte, als sei sie selbst in ihrer eigenen Welt versunken. Was sie wohl dachte? Vielleicht fragte sie sich, woher ich Ethan kannte und warum wir allein unterwegs waren. Vielleicht wollte sie mir auch nur klar machen, dass ich es ja nicht wagen sollte, während einer Vorlesung zu sprechen. Ich lachte in mich hinein.
"An was denkst du?", fragte Ethan als er mein Lachen bemerkte.
"Ach an zu viele Dinge, die meist keinen Sinn ergeben…", kommentierte ich und biss mir auf die Lippe. Eine nervöse Geste meinerseits, die ich auch gerne während dem Grübeln mache und dann folglich eine blutende Lippe bekomme.
"Ich kann mir vorstellen, wie spannend es in deinem Kopf ist", lachte er und wir liefen vom Campus weg und auf die Strasse entlang an einigen kleinen Läden. Wir liefen an einen Antiquitäten Shop vorbei und ich blieb augenblicklich stehen. Ich bestaunte die Gegenstände im Schaufenster und musste ich mich zurückhalten, um mein Gesicht nicht gegen das Fenster zu drücken.
"Wow…", staunte ich, als ich einen Wandspiegel entdeckte, der mit einem zerbrochenen Gold verziert war.
"Sollen wir hinein gehen?" Ethan sah mich mit einem sanften Blick an und ich schüttelte den Kopf.
"Nein, lieber nicht." Ich spürte, wie mein Herz anfing zu rasen und meine Sinne sich vernebelten. Ich verliess nie meine Komfortzone und das bedeutete für mich auch, dass ich öfters zwar die Schaufenster bewunderte, selbst aber nie in einen solch intimen und privaten Laden hineingehe. Ich hatte die irrationale Angst vor fremden Menschen und besonders dann, wenn es sonst keine anderen Leute um mich gab. Ob ich sie nun kannte, oder nicht. Ich konnte mir nie erklären, woher diese irrationale Angst kam. Vielleicht war es auch zu übertrieben sie Angst zu nennen, es war vielmehr einfach ein unerklärliches Unwohlsein.
Ethan legte den Kopf zur Seite und sah dann zwischen mir und dem Schaufenster her. Ohne gross was zu sagen, hatte er mich an die Hand genommen und mich in den Antiquitätenladen gezogen.
"Ethan!", flüsterte ich mahnend, als wir dann im Laden waren und der Besitzer uns begrüsste.
"Hallo", sagte ich scheu und erhaschte einen Blick auf die anderen Gegenstände, die er noch im Laden hatte und die man vom Schaufenster nicht sehen konnte. Er hatte Pop-Art Hängeschildern, wahrscheinlich aus den 50ern und Fotografien aus den 70ern. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus und dies führte dazu, dass ich mein vorheriges Unwohl sein vergass. Ich spürte Ethans intensiven Blick auf mir und ich ignorierte ihn bewusst. Ich wollte nicht schwach oder komisch rüberkommen. Ich wollte ihm gefallen.
Ich stand gerade vor einer der Fotografien, die einen Mann und eine Frau zeigte. Der Mann war wahrscheinlich in einer Band und er sang der Frau im Schein der gedämpften Lichter zu während sie wie verzaubert von ihm dort stand und jedes gesungene Wort ihm glaubte. Die Fotografie hatte etwas höchst Romantisches, sodass ich selbst Schmetterlinge im Bauch bekam. Ich spürte Ethans Präsenz an meiner Seite und drehte mich nach ihm um. Er stand einige Zentimeter neben mir und hatte sich auch die Fotografie angeschaut. Mit dem Zeigefinger strich er vorsichtig über die Gitarre, die der Mann spielte und dann glitzerten seine Augen.
"Eine ES-175 Cimar." Ethan kam aus dem Bewundern kaum heraus und ich konnte nicht anders als zu Lächeln. Es gab, neben dem Herbst natürlich, nichts, was ich am meisten liebte, wie wenn Leute dieses ganz bestimmte und einzigartige Funkeln in den Augen haben, wenn sie über ihre Leidenschaft sprachen. Und ich glaube, ich hatte soeben Ethans Leidenschaft entdeckt. Die Musik.
"Du spielst?", wollte ich wissen und zog ihn somit aus seiner kleinen Welt, in die er sich für einen kurzen Moment verloren hatte.
"Ja und ich liebe es. Es ist das beste, was mir je passiert ist."
"Also spielst du so richtig in einer Band?" Ich hakte weiter nach und es war das erste Mal, dass ich mich einem praktisch Fremden so verbunden fühlte.
"Ja, es ist auch einer der Gründe, warum ich einige Monate nicht an der Uni war. Ich wollte mich auf die Musik konzentrieren."
"Warum bist du dann zurückgekehrt?" Er heilt kurz inne. Meine Frage hatte ihn wohl überrascht. Vielleicht war es eine der Fragen, die er sich nicht einmal selbst gestellt hatte. Er legte den Kopf schief und liess seinen Blick in die Ferne gleiten.
"Keine Ahnung…" Ich war mit der Antwort fürs erste zufrieden. Ich schien nicht in der Position weiter zu fragen und würde ihn das entscheiden lassen, wie viel er mir erzählte.
"Was ist mit dir? Was ist deine Leidenschaft?" Er drehte sich abrupt zu mir um und wir waren nun nur noch einige kleine Atemzügen voneinander entfernt. Ich konnte sein Herz klopfen hören. Er machte mich nervös.
"Ich? Ich… ich weiss es nicht. Ich glaube nicht, dass ich meine Leidenschaft gefunden habe Ethan."
"Gibt es denn nichts, was dein Herz brennen lässt? Etwas, was du gerne machst?" Ich zuckte mit den Schultern.
"Ich schreibe gerne, aber ich glaube kaum, dass ich es eine Leidenschaft nennen kann…" Er nickte vorsichtig.
"Ich werde dir helfen sie zu finden. Jeder sollte eine Leidenschaft haben. Es ist das beste und schlimmste zu gleich." Ich erschrak.
"Wie das beste und schlimmste zugleich? Ich halt mich lieber von solchen Dingen fern!" Ich stand versteinert da und sah ihn fassungslos an. Er grinste mich schelmisch an und lief dann hinaus. Mit einem kurzen Blick auf mein Handy, sah ich, dass meine freie Stunde schon bald vorbei war und ich seufzte. Die Zeit verging wie im Flug. Wir waren bald beim Campus angekommen und ich hatte ihn immer von der Seite beobachtet. Er hatte mir noch nicht erklärt, was er mit dieser aussage vorhin meinte. Als hätte er meine Gedanken gehört lachte er.
"Du wirst schon noch erfahren, was ich damit meine. Ah und wenn wir schon dabei sind. Ich möchte ich einladen."
Wir überquerten gerade eine Strasse, als ich stehen blieb. Wir standen mitten auf der Strasse und ein hupendes Auto fuhr geradewegs an uns vorbei. Ethan schnappte sich meinen Arm und zog mich auf den Gehsteig. Ich hatte immer noch nicht reagiert und als ich mich auffing, fragte ich vorsichtig, "Mich einladen?"
"Ja, ich spiele mit meinen Jungs am Samstag in einer Bar und ich möchte, dass du kommst. Du darfst auch gerne jemanden mitnehmen." Er sah mich mit seinen funkelnden Augen an unter denen ich glatt dahinschmelzen könnte. Dann nickte ich und er machte einen Sprung. Ich war noch nie in einer Bar. Ich trank nicht einmal Alkohol!
"Okay cool. Dann sehen wir uns Samstag", sagte er und wollte schon verschwinden.
"Warte, Ethan ich weiss nicht, wo das ist."
"Ah tschuldige. Ich sende dir die Informationen. Hier nimm mal." Er streckte mir sein Handy entgegen und wollte, dass ich ihm meine Nummer gab. Ich war schon lange aus der Übung, aber wen log ich hier eigentlich an? Ich war gar nie in Übung gewesen. Ich gab doch nicht Männern einfach meine Nummer. Das war etwas Ungewohntes, besonders weil Männer mich immer einschüchterten, naja die Art von Männern, die ich attraktiv fand. Bei anderen hatte ich keine Probleme. Da nahm ich auch kein Blatt vor den Mund, aber bei Männern wie Ethan, die einem alle Sorgen nehmen können mit einem Lächeln, da geschah es, dass ich das ein oder andere Mal wie ein Idiot rüberkam. Ich hatte ihm meine Nummer in sein Handy eingespeichert und wir verabschiedeten uns bevor wir beiden dann wieder getrennte Wege gingen. Ich hatte ein Date, naja ein Fast-Date, am Samstag. Sollte ich meine Schwester mitnehmen? Ich hatte ja sonst keine anderen Freunde und meine Mutter mitzunehmen, wäre zu viel. Wir würden Spass haben und sie mochte es in Bars rumzualbern und einfach auszugehen. Wobei ich lieber daheim blieb oder spazieren ging. Sie würde mir wahrscheinlich dabei helfen mich wohler zu fühlen und so würde Ethan mein wahres ich kennenlernen können. Das wäre ja für alle ein Vorteil… Ja, es war also abgemacht. Ich werde meine Schwester mitschleppen.