Die-Schuld
Vera Pov
Das Diner riecht nach Fett und billigem Kaffee.
Ich wische denselben Tisch zum dritten Mal ab. Meine Hände sind wund. Mein Rücken schmerzt. Meine Schürze ist mit Ketchup und der Hoffnung von gestern verschmiert. Die Uhr an der Wand tickt zu laut. Noch zehn Minuten, bis meine Schicht endet. Noch zehn Minuten, bis ich nach Hause in ein leeres Haus gehe und zu einem Vater, der so tut, als wäre alles in Ordnung.
Es ist nicht in Ordnung.
Ich weiß es. Er weiß es. Wir sprechen nicht darüber.
Ich hole meine Tasche aus dem Hinterzimmer. Der Reißverschluss ist kaputt. Ich muss sie mit der Hand zuhalten. Draußen hat es angefangen zu regnen. Es regnet hier immer. Die Straßen sind dunkel. Die Straßenlaterne vor dem Diner flackert, als würde sie sterben.
Ich gehe schnell. Meine Schuhe sind nass. Mein Mantel ist dünn. Ich habe kein Geld für einen besseren.
Das Haus steht in der Maple Street. Die Farbe blättert ab. Die Veranda knarrt. Der Briefkasten quillt über vor Rechnungen. Ich öffne sie nicht mehr. Ich weiß auch so, was darin steht.
Ich drücke die Tür auf. Das Wohnzimmer ist dunkel. Die Küche ist dunkel. Das ganze Haus ist dunkel, bis auf die kleine Lampe im Arbeitszimmer meines Vaters.
Er sitzt an seinem Schreibtisch. Seine Hände sind gefaltet. Er starrt ins Leere.
„Dad.“
Er schaut nicht auf.
„Dad, ich bin zu Hause.“
Er blinzelt. Er sieht mich an. Seine Augen sind hohl. Sein Gesicht ist grau. Er hat sich seit Tagen nicht rasiert. Er hat seit Tagen nicht gegessen. Ich sehe es an der Art, wie sein Hemd lose an seinen Schultern hängt.
„Vera.“ Seine Stimme bricht. „Ich habe etwas getan.“
Ich bleibe stehen. Meine Tasche rutscht mir aus der Hand. Sie fällt mit einem leisen Plumps auf den Boden.
„Was hast du getan?“
Er antwortet nicht. Er schaut nur auf die Papiere auf seinem Schreibtisch. Ich trete näher. Jetzt sehe ich sie. Kontoauszüge. Kreditverträge. Eine Urkunde.
Eine Urkunde, auf der der Name meiner Mutter durchgestrichen und ein neuer Name mit Tinte eingetragen wurde.
Mein Herz setzt aus.
„Dad. Was ist das?“
Er sieht mich an. Seine Augen sind feucht. Seine Hände zittern.
„Ich habe Geld geliehen.“
„Wie viel?“
Er antwortet nicht.
„Wie viel, Dad?“
„Zehn Millionen.“
Die Zahl trifft mich wie ein Faustschlag. Ich kann nicht atmen. Zehn Millionen. Wir haben nicht einmal zehn Dollar. Wir haben nicht einmal zehn Cent.
„Von wem?“
Er schaut weg. Sein Schweigen ist lauter als jeder Schrei.
„Dad. Von wem hast du dir Geld geliehen?“
Er flüstert den Namen. Es ist ein Name, den ich nur im Flüsterton gehört habe. Ein Name, bei dem die Leute die Straßenseite wechseln. Ein Name, der den Wölfen gehört, die diese Stadt besitzen.
„Hareton Shaw.“
Mir wird schwindelig. Ich halte mich am Türrahmen fest.
„Du hast dir Geld von der Mafia geliehen.“
Er nickt. Jetzt weint er. Lautlose Tränen rollen über seine eingefallenen Wangen.
„Ich hatte keine Wahl, Vera. Ich hatte keine Wahl.“
Ich will schreien. Ich will etwas kaputt machen. Ich will ihn schütteln, bis seine Lügen aus seinem Mund fallen.
Stattdessen hebe ich meine Tasche auf. Ich gehe in mein Zimmer. Ich schließe die Tür.
Ich weine nicht.
Ich schlafe nicht.
Ich sitze nur auf meinem Bett, starre an die Decke und warte darauf, dass die Wölfe kommen.
Das Klopfen kommt bei Tagesanbruch.
Ich habe nicht geschlafen. Ich trage noch immer dieselben Sachen. Meine Hände sind kalt. Meine Beine sind taub.
Ich gehe zur Tür. Ich öffne sie nicht. Ich schaue durch den Spion.
Ein Mann steht auf der Veranda. Vernarbtes Gesicht. Kalte Augen. Schwarzer Anzug. Er ist groß. Er ist breit. Er ist nicht menschlich. Ich sehe es daran, wie still er steht. Daran, wie seine Augen das Licht einfangen wie die eines Tieres.
Er klopft erneut.
„Vera Lin. Mach die Tür auf.“
Seine Stimme ist tief. Ruhig. Geduldig.
Ich öffne die Tür.
Er mustert mich. Von oben bis unten. Abwägend. Beurteilend.
„Dein Vater schuldet eine Schuld.“
„Ich weiß.“
Er hebt eine Augenbraue. Damit hat er nicht gerechnet.
„Wo ist er?“
„In seinem Arbeitszimmer. Er weint. Wie schon seit Wochen.“
Der Mann zeigt keine Regung. Er tritt einfach ein. Ich halte ihn nicht auf.
Er geht ins Arbeitszimmer. Ich folge ihm. Ich sehe zu, wie mein Vater zusammenbricht, als er den Mann im schwarzen Anzug sieht. Ich sehe zu, wie er bettelt. Wie er fleht.
Der Mann reagiert nicht. Er hält ihm nur ein Papier hin.
„Die Schuld ist fällig. Du hast nichts. Das Land gehört uns.“
Mein Vater schluchzt. Er fällt auf die Knie. Er greift nach dem Hosenbein des Mannes. Er bettelt wie ein Kind.
Ich kann nicht mehr zusehen.
Ich trete vor.
„Ich gehe mit dir.“
Der Mann sieht mich an. Mein Vater sieht mich an. Seine Tränen stoppen. Sein Mund öffnet sich.
„Vera –“
„Nimm mich stattdessen.“
Der Mann mustert mich. Er schweigt lange.
„Die Schuld beträgt zehn Millionen.“
„Ich weiß.“
„Dein Vater hat die Grundstücksurkunde unterschrieben. Das Haus gehört bereits mir.“
„Das Haus ist mir egal.“
Er neigt den Kopf. Jetzt ist er neugierig.
„Was willst du?“
Ich schaue zu meinem Vater. Er kniet immer noch. Weint immer noch. Ist immer noch gebrochen.
„Ich will, dass er lebt.“
Der Mann versteht nicht. Er muss auch nicht.
„Sag deinem Boss, ich gehe mit ihm. Ich tue, was immer er will. Lass meinen Vater einfach leben.“
Der Mann sieht mich an. Er nickt einmal.
„Komm mit.“
Er dreht sich um und geht hinaus. Ich folge ihm.
Mein Vater schreit meinen Namen. Ich schaue nicht zurück.
Das Auto ist schwarz. Lang. Teuer. Die Scheiben sind getönt. Ich kann nicht hineinsehen.
Der Mann öffnet die hintere Tür. Ich steige ein.
Und dann sehe ich ihn.
Er sitzt mir gegenüber. Sein Anzug ist schwarz. Seine Augen sind grau. Sein Gesicht ist kalt. Er ist schön. Er ist furchterregend.
Er spricht nicht. Er beobachtet mich nur.
Das Auto fährt los. Das Haus verschwindet. Mein Vater verschwindet. Alles, was ich kenne, verschwindet.
Und ich bin allein mit dem Wolf.
Er starrt mich an wie Beute.
Ich starre zurück, als hätte ich keine Angst.
Ich lüge.
„Hareton Shaw“, sagt er. Seine Stimme ist leise. Beherrscht. Tödlich.
„Ich weiß, wer du bist.“
„Tust du das?“
„Jeder weiß, wer du bist.“
Ein kleines Lächeln berührt seine Lippen. Es erreicht seine Augen nicht.
„Dann weißt du auch, dass ich keine Deals aus Güte mache.“
„Ich bitte nicht um Güte.“
„Worum bittest du dann?“
Ich schlucke. Meine Kehle ist trocken. Mein Herz hämmert.
„Ich bitte um sein Leben. Lass ihn leben. Lass ihn sein Land behalten. Ich tue, was immer du willst.“
Er beobachtet mich. Seine grauen Augen blinzeln nicht.
„Was immer ich will?“
„Ja.“
Er lehnt sich vor. Sein Gesicht ist nah an meinem. Ich kann ihn riechen. Regen. Teures Parfüm. Etwas Wildes darunter.
„Was, wenn ich will, dass du mich heiratest?“
Die Worte treffen mich wie eine Ohrfeige.
Ich reagiere nicht. Ich lasse ihn meinen Schock nicht sehen.
„Du machst Witze.“
„Ich mache nie Witze.“
Er lehnt sich zurück. Er beobachtet mich. Wartet.
„Warum?“
„Ich habe meine Gründe.“
Ich denke an meinen Vater. Seine hohlen Augen. Seine zitternden Hände. Seine Tränen auf dem Boden des Arbeitszimmers.
Ich denke an die Schuld. Zehn Millionen. Eine Zahl, die ich mir nicht einmal vorstellen kann.
Ich denke an das Haus. Das Einzige, was uns noch bleibt.
Ich nicke.
„Gut.“
Er reagiert nicht. Er beobachtet mich nur.
„Sag es.“
„Was soll ich sagen?“
„Sag, dass du mich heiraten wirst.“
Ich sehe ihm in die Augen. Ich lasse den Hass in meine Stimme fließen.
„Ich werde dich heiraten. Lass meinen Vater einfach leben.“
Er streckt die Hand aus.
Ich nehme sie nicht.
Er lächelt wieder. Dieses kalte, leere Lächeln.
„Dann ist es besiegelt.“
Das Penthouse besteht aus Glas.
Ich stehe mitten im Raum. Die Stadt leuchtet unter mir. Der Regen zieht Spuren über die Fenster. Ich fühle mich wie ein Vogel im Käfig.
Er ist hinter mir. Ich spüre ihn. Seine Präsenz füllt den ganzen Raum.
„Ich hasse dich“, flüstere ich.
Er reagiert nicht.
„Ich weiß.“
Er geht an mir vorbei. Er berührt mich nicht. Er sieht mich nicht an.
„Ich schlafe auf der linken Seite. Komm mir nicht nahe. Fass mich nicht an.“
Ich lache. Es klingt bitter. Hohl. Es hallt von den Glaswänden wider.
„Keine Sorge, Wolf. Ich würde lieber auf dem Boden schlafen.“
Er bleibt im Türrahmen stehen. Er schaut zurück.
„Du wirst deine Meinung ändern.“
„Werde ich nicht.“
Er lächelt. Dieses kalte, leere Lächeln.
„Das werden wir sehen.“
Er geht.
Ich bin allein.
Ich schaue mich im Raum um. Glas. Marmor. Teure Dinge, die nichts bedeuten.
Ich gehe zum Fenster. Ich drücke meine Hand gegen das kalte Glas.
Ich denke an meinen Vater. Ich denke an meine Mutter. Ich denke an das Leben, das ich verloren habe.
Ich weine nicht.
Ich werde nicht weinen.
Ich werde überleben.
Ich werde einen Weg hier raus finden.
Und ich werde sie alle bezahlen lassen.
Jeden Einzelnen von ihnen.
**ENDE VON KAPITEL 1**