Kapitel 2: Ein verdammt peinlicher Moment

1494 Words
Hanna Sturm war weg, die Tür noch immer in den Angeln vibrierend von ihrem dramatischen Abgang. Lukas Teufel saß allein in Zimmer 1016, die Handschellen klirrten leise, als er versuchte, seine Hände zu bewegen. Er schüttelte den Kopf und murmelte vor sich hin: „Was für eine Irre. Und ich dachte, Hamburg wär verrückt.“ Der Raum war ein Chaos – zerwühlte Laken, eine umgekippte Bierflasche auf dem Nachttisch, und irgendwo unter dem Bett lag wahrscheinlich sein linker Schuh. Er konnte sich nicht erinnern, wie er ihn verloren hatte, aber das war im Moment sein geringstes Problem. Die Handschellen waren ein größeres Ärgernis. Er zerrte ein paar Mal daran, testete die Festigkeit, aber sie gaben nicht nach. „Verdammt, die macht keine halben Sachen“, knurrte er. Lukas war kein Anfänger, wenn es um brenzlige Situationen ging – er hatte sich in Hamburg mehr als einmal aus Schlägereien rausgeboxt –, aber das hier war eine neue Liga. Eine Polizistin, die ihn wie einen Sack Kartoffeln ins Hotel geschleppt hatte? Das war selbst für seine Standards absurd. Er lehnte sich zurück, so gut es der Stuhl erlaubte, und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Das „Berlin Horizon Hotel“ war schicker, als er erwartet hatte: hohe Fenster mit Blick auf die glitzernden Lichter der Stadt, moderne Möbel, und ein Teppich, der wahrscheinlich mehr gekostet hatte als sein gesamtes Box-Equipment. Nicht, dass er viel davon besaß – ein Paar abgenutzter Handschuhe, ein Mundschutz und ein paar Narben waren alles, was er aus Hamburg mitgebracht hatte. Er war hierhergekommen, um ein neues Kapitel aufzuschlagen, vielleicht ein Mädchen zu finden, von dem ihm sein alter Trainer erzählt hatte. Aber jetzt? Jetzt steckte er bis zum Hals in Schwierigkeiten, und das Mädchen, das er suchte, war definitiv nicht diese Furie mit den Handschellen. Die Tür flog plötzlich wieder auf, und Hanna stürmte zurück ins Zimmer, ihre Schritte hallten auf dem Parkettboden. In der Hand hielt sie ein Tablet, das sie mit einem finsteren Blick auf den Tisch knallte. „Da“, fauchte sie. „Überwachungsaufnahmen von gestern Nacht. Und rate mal, was ich gesehen hab?“ Lukas hob eine Augenbraue, sein Grinsen kehrte zurück. „Dich, wie du mich durch die Lobby schleppst wie ein Preisboxer seinen Sandsack?“„Halt die Klappe!“ Sie drückte auf „Play“, und das Video startete. Die körnigen Bilder zeigten die Hotellobby: Lukas, wie er mit einem Rucksack aus dem Taxi stieg, die Haare zerzaust und die Jacke schief geknöpft. Dann tauchte Hanna auf – wankend, mit einer Bierflasche in der Hand, die sie wild schwenkte. Sie torkelte auf ihn zu, packte seinen Arm und lachte laut, während sie etwas Unverständliches lallte. Die Szene wurde noch absurder, als sie ihn tatsächlich über die Schulter warf – mit einer Kraft, die man ihr in ihrem Zustand nicht zugetraut hätte – und Richtung Aufzug marschierte. Die Leute an der Rezeption starrten mit offenen Mündern, ein Typ mit Kamera hielt sogar sein Handy hoch. Lukas konnte nicht anders, er lachte laut auf. „Siehst du? Ich hab nicht gelogen. Du warst ein Tier!“„Halt’s Maul!“ Hanna’s Gesicht war jetzt ein tiefes Rot, eine Mischung aus Wut und Scham. Sie stoppte das Video und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Das beweist gar nichts! Vielleicht hast du mich betäubt oder so was!“„Betäubt?“ Lukas prustete. „Mit was denn? Meinem unwiderstehlichen Charme? Du warst hackedicht, das sieht ein Blinder!“ Sie atmete schwer, ihre Brust hob und senkte sich unter der Uniformjacke. „Selbst wenn“, knurrte sie, „warum hast du dich nicht gewehrt? Du bist doch Boxer, oder? Ein Schlag, und ich wär erledigt gewesen!“„Ich hab’s versucht“, sagte er und wurde ernst. „Aber du hast mich kalt erwischt. Zwei Haken in die Rippen, bevor ich überhaupt Luft holen konnte. Du bist echt nicht schlecht – hast du mal geboxt?“„Nein, aber ich hab Nahkampftraining bei der Polizei“, zischte sie. „Und glaub mir, ich hätte dich fertiggemacht, wenn ich nüchtern gewesen wär.“„Das glaub ich sofort“, sagte er und nickte anerkennend. „Du hast Kraft, das muss man dir lassen.“ Hanna schwieg einen Moment, unsicher, ob sie das als Kompliment nehmen sollte. Dann schüttelte sie den Kopf, als wollte sie die Verwirrung abschütteln. „Das ändert nichts daran, dass du hier bist und… das passiert ist.“ Sie zeigte wieder auf das Bett, ihre Stimme brach fast vor Frust. „Wie erklärst du das?“„Ich erklär gar nichts“, sagte Lukas schulterzuckend. „Du hast mich hergeschleppt, du hast das Zimmer gebucht. Ich war nur der Typ, der mitgezogen wurde.“„Du lügst!“ Sie trat einen Schritt näher, ihre Fäuste wieder geballt. „Du hättest abhauen können!“„Mit dir auf meinen Schultern?“ Er lachte trocken. „Du hast mich gepackt wie ein Schraubstock. Und ehrlich gesagt… nach den Schlägen dachte ich, es wär sicherer, einfach mitzuspielen.“ Hanna starrte ihn an, ihre Augen schmal vor Misstrauen. Sie wollte ihm nicht glauben, konnte es nicht – aber das Video sprach für sich. Sie drehte sich abrupt um, ging zum Fenster und starrte hinaus auf die Lichter der Stadt. Ihr Kopf war ein Chaos aus Scham, Wut und Fragen. Wie hatte sie so die Kontrolle verlieren können? Sie war Polizistin, verdammt, nicht irgendeine Partytussi, die Typen abschleppte! Und doch… die Beweise waren da, schwarz auf weiß, und dieser grinsende Idiot machte es nicht besser. „Okay“, sagte sie schließlich, ohne sich umzudrehen. „Nehmen wir an, das stimmt. Was machst du jetzt in Berlin?“„Ich such ein Mädchen“, sagte er lässig. „Jemand, von dem mir mein Trainer erzählt hat. Keine Ahnung, wer sie ist, aber ich soll sie finden.“„Ein Mädchen?“ Sie drehte sich wieder zu ihm, die Stirn gerunzelt. „Was für ein Mädchen?“„Keine Ahnung“, gab er zu. „Mein alter Trainer meinte, sie wär hier irgendwo. Hat mir nur gesagt, ich soll nach Berlin kommen und mein Glück versuchen.“„Das klingt wie eine miese Ausrede“, sagte sie und verschränkte die Arme.„Mag sein“, sagte er grinsend. „Aber es ist die Wahrheit.“ Hanna seufzte tief, ihre Wut wich langsam einer müden Resignation. Sie ging zurück zum Tisch, zog einen Schlüssel aus ihrer Tasche und öffnete die Handschellen mit einem leisen Klicken. „Du gehst jetzt“, sagte sie kalt. „Und wehe, du erzählst irgendwem von gestern Nacht. Wenn ich dich nochmal sehe, brech ich dir jeden Knochen einzeln.“„Klingt nach einem Date“, sagte Lukas und rieb sich die Handgelenke, während er aufstand.„Verschwinde!“ Sie zeigte zur Tür, ihre Stimme ein Donnergrollen. Lukas schnappte sich seinen Rucksack vom Boden, warf ihr ein letztes freches Grinsen zu und schlenderte hinaus. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, und er atmete die kühle Berliner Luft ein, die durch den Hotelflur zog. „Was für ein Morgen“, murmelte er und machte sich auf den Weg zum Aufzug. Ein paar Stunden später stand er vor einem eleganten Altbau in Berlin-Mitte. Die Fassade war frisch gestrichen, die Fenster hoch und modern, und ein Schild am Eingang verkündete: „WG zu vermieten“. Lukas hatte die Adresse von einem Kumpel aus Hamburg bekommen – ein Ort, wo er unterkommen konnte, bis er Fuß fasste. Er drückte den Klingelknopf und wartete. Die Tür öffnete sich, und eine junge Frau erschien. Sie war klein, vielleicht einen Kopf kleiner als er, mit wilden blonden Locken und einem Handtuch um den Körper gewickelt. Ihre Augen weiteten sich, als sie ihn sah, und ein schelmisches Lächeln spielte um ihre Lippen. „Wow“, sagte sie und lehnte sich gegen den Türrahmen. „Du bist ja ein echter Hingucker.“„Ich bin Lukas“, sagte er und streckte die Hand aus. „Der neue Mitbewohner.“„Ich bin Mia“, sagte sie, nahm seine Hand und drückte sie leicht. „Mia Sommer. Willkommen in der WG.“ Doch bevor er antworten konnte, fiel das Handtuch zu Boden – ein Versehen, das sie beide für einen Moment erstarren ließ. Mia schrie auf, ein hoher, schriller Ton, der durch das Treppenhaus hallte. Lukas blinzelte, sein Blick unfreiwillig auf ihre perfekte Figur gerichtet, bevor er sich schnell bückte, das Handtuch aufhob und es ihr reichte. „Äh… sorry“, murmelte er, während sein Gesicht heiß wurde. „Was zur Hölle machst du da?“ Eine wütende Stimme donnerte aus dem Inneren der Wohnung. Lukas drehte sich um und sah Hanna Sturm im Flur stehen, ihre Uniformjacke halb offen, die Hände in die Hüften gestemmt. „Du schon wieder? Du verdammter Mistkerl!“ Lukas’ Grinsen gefror. Das konnte doch nicht wahr sein.
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