Lukas Teufel stand wie erstarrt im Türrahmen der WG in Berlin-Mitte, den Blick irgendwo zwischen Mia Sommer, die hektisch das Handtuch um ihren Körper schlang, und Hanna Sturm, die mit geballten Fäusten auf ihn zustampfte. Die Luft knisterte vor Spannung – und nicht der guten Sorte. Sein Rucksack hing schlaff über seiner Schulter, und er spürte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte. Das war kein Zufall mehr, das war Schicksal mit einem verdammt schlechten Sinn für Humor.
„Was machst du hier, du Idiot?“ Hanna’s Stimme war ein Donnern, das durch den Flur hallte. Ihre Uniformjacke war halb offen, die Haare zerzaust, als wäre sie gerade aus dem Bett gestolpert. Sie sah aus wie eine Kriegerin, bereit, ihn mit bloßen Händen auseinanderzunehmen. „Hast du mir etwa nachgestellt?“
„Nachgestellt?“ Lukas hob die Hände, als wollte er sich ergeben. „Ich wusste nicht mal, dass du hier wohnst! Ich bin der neue Mitbewohner!“„Mitbewohner?“ Hanna blieb abrupt stehen, ihre Augen wurden schmal. „Das ist ein Scherz, oder?“„Kein Scherz“, mischte sich Mia ein, ihre Stimme hell und leicht amüsiert, obwohl sie immer noch rot im Gesicht war. Sie hielt das Handtuch mit einer Hand fest und stemmte die andere in die Hüfte. „Er hat vor zwei Tagen mit dem Vermieter telefoniert. Ich hab’s selbst gehört. Er zieht hier ein.“
Hanna drehte den Kopf zu Mia, ihre Miene eine Mischung aus Unglauben und Wut. „Und du hast mir nichts davon gesagt?“„Ich wusste ja nicht, dass ihr euch kennt!“ Mia zuckte mit den Schultern, dann grinste sie Lukas an. „Aber jetzt, wo ich ihn sehe… kein schlechter Fang, oder?“„Fang?“ Hanna schnaubte laut. „Der Typ ist ein wandelndes Chaos! Gestern hat er mich—“ Sie stockte, biss sich auf die Lippe und warf Lukas einen tödlichen Blick zu. „Vergiss es. Das willst du nicht wissen.“
Lukas konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Oh, ich glaub, Mia würde die Geschichte lieben. Besonders den Teil, wo du mich durch die Hotellobby geschleppt hast wie ein Preisboxer seinen Pokal.“„Halt die Klappe!“ Hanna machte einen Schritt auf ihn zu, ihre Faust zuckte, als wollte sie zuschlagen. Doch bevor sie etwas tun konnte, sprang Mia dazwischen, das Handtuch gefährlich nah daran, wieder zu rutschen.„Hey, hey, beruhigt euch!“ Mia lachte, ihre blonden Locken hüpften bei jeder Bewegung. „Ihr zwei seid ja wie Hund und Katz. Das wird lustig hier.“
„Lustig?“ Hanna starrte sie an, als hätte Mia den Verstand verloren. „Das ist eine Katastrophe! Ich wohne nicht mit diesem… diesem Kerl zusammen!“„Zu spät“, sagte Lukas lässig und ließ seinen Rucksack auf den Boden fallen. „Ich hab den Mietvertrag schon unterschrieben. Also, wo ist mein Zimmer?“„Dein Zimmer?“ Hanna’s Stimme wurde schrill. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich dich hier wohnen lasse!“„Nicht deine Entscheidung“, sagte Mia und zwinkerte Lukas zu. „Der Vermieter hat ihn reingelassen. Außerdem… wir könnten einen Mann im Haus gebrauchen. Jemanden, der die schweren Sachen hebt, weißt du?“
Hanna öffnete den Mund, schloss ihn wieder und atmete tief durch, als würde sie sich zwingen, nicht zu explodieren. „Das ist ein Albtraum“, murmelte sie schließlich und drehte sich um. „Ich brauch Kaffee. Oder was Stärkeres.“ Sie stapfte Richtung Küche davon, ihre Schritte hallten auf dem Holzboden.
Mia sah ihr nach, dann wandte sie sich wieder Lukas zu. „Ignorier sie. Sie ist immer so, wenn sie keinen Schlaf kriegt. Komm, ich zeig dir die Wohnung.“ Sie winkte ihn herein, das Handtuch jetzt sicherer verknotet, und führte ihn durch den Flur.
Die WG war größer, als Lukas erwartet hatte. Ein langer Flur mit hohen Decken führte zu einem offenen Wohnbereich mit bodentiefen Fenstern, die einen Blick auf die belebten Straßen von Berlin-Mitte boten. Die Möbel waren modern – ein schwarzes Ledersofa, ein Glastisch, ein riesiger Fernseher an der Wand – und doch hatte der Raum etwas Gemütliches, vielleicht wegen der bunten Kissen oder dem Duft von frisch gebrühtem Kaffee, der aus der Küche wehte. Es gab drei Türen, die vom Wohnzimmer abgingen, und eine vierte am Ende des Flurs.
„Das ist dein Zimmer“, sagte Mia und öffnete eine der Türen. Es war nicht riesig, aber hell, mit einem breiten Fenster, einem Einzelbett und einem Schreibtisch in der Ecke. „Nicht viel drin, aber du kannst es dir einrichten, wie du willst.“„Passt schon“, sagte Lukas und warf seinen Rucksack aufs Bett. „Ich brauch nicht viel.“„Gut“, sagte Mia und lehnte sich gegen den Türrahmen. „Dann sind da noch die Regeln: Kein lautes Zeug nach Mitternacht, Müll trennen, und wenn du kochst, mach genug für alle. Oh, und pass auf Hanna auf – sie beißt, wenn sie schlechte Laune hat.“„Hab ich schon gemerkt“, sagte Lukas trocken.
Mia lachte, ein klares, fröhliches Geräusch, das den Raum erhellte. „Du wirst dich dran gewöhnen. Sie ist eigentlich ganz nett, wenn sie nicht gerade… na ja, so drauf ist wie jetzt.“„Nett?“ Lukas hob eine Augenbraue. „Sie hat mir gestern Handschellen angelegt und mich wie einen Verbrecher behandelt.“„Handschellen?“ Mia’s Augen wurden groß, dann prustete sie los. „Okay, das musst du mir erzählen!“„Später vielleicht“, sagte er grinsend. „Erstmal brauch ich eine Dusche. Und vielleicht was zu essen.“
„Dusche ist da drüben“, sagte Mia und zeigte auf die Tür am Ende des Flurs. „Und in der Küche gibt’s noch Pizza vom gestern – bedien dich.“ Sie zwinkerte ihm zu und verschwand dann in ihr eigenes Zimmer, die Tür leise hinter ihr zufallend.
Lukas atmete tief durch, ließ sich aufs Bett fallen und starrte an die Decke. Das war nicht der Start in Berlin, den er sich vorgestellt hatte. Er war hergekommen, um ein Mädchen zu finden – irgendeine mysteriöse Person, von der sein Trainer gesprochen hatte –, aber stattdessen war er in ein Chaos aus wütenden Polizistinnen und Handtuch-Unfällen gestolpert. Doch irgendwie… irgendwie gefiel ihm das. Es war wie ein Boxkampf: unvorhersehbar, chaotisch, und verdammt aufregend.
Er stand auf, schnappte sich ein frisches Shirt aus seinem Rucksack und ging Richtung Badezimmer. Die Dusche war klein, aber sauber, mit weißen Fliesen und einem großen Spiegel über dem Waschbecken. Er drehte das Wasser auf, ließ es heiß werden und trat unter den Strahl. Die Wärme löste die Spannung in seinen Schultern, und für einen Moment schloss er die Augen, ließ den gestrigen Tag Revue passieren. Hanna’s wilde Attacke, das Video in der Lobby, ihr Gesicht, als sie realisierte, was sie getan hatte – es war fast zu komisch, um wahr zu sein.
Als er fertig war, rubbelte er sich die Haare trocken und zog das frische Shirt über. Sein Magen knurrte laut – die Pizza klang immer verlockender. Er öffnete die Badezimmertür und trat in den Flur, nur um fast mit Hanna zusammenzustoßen, die mit einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand aus der Küche kam.
„Pass doch auf, verdammt!“ Sie sprang zurück, ein paar Tropfen Kaffee landeten auf dem Boden.„Sorry“, sagte Lukas und hob die Hände. „Hab dich nicht gesehen.“„Natürlich nicht“, fauchte sie. „Du stolperst ja durchs Leben wie ein besoffener Elefant.“„Und du bist die Grazie mit dem Schulterwurf“, konterte er grinsend.
Hanna starrte ihn an, ihre Lippen zuckten, als wollte sie etwas sagen, aber dann drehte sie sich wortlos um und marschierte zurück in die Küche. Lukas folgte ihr – teils aus Neugier, teils weil er die Pizza wollte.
Die Küche war hell erleuchtet, mit einer großen Arbeitsplatte in der Mitte und einem Kühlschrank, der mit bunten Magneten bedeckt war. Auf dem Tisch stand eine Pizzaschachtel, halb offen, mit ein paar kalten Stücken Margherita darin. Lukas schnappte sich eins und biss hinein, während Hanna ihn von der anderen Seite des Raums aus beobachtete, ihre Tasse fest in den Händen.
„Was machst du überhaupt hier?“ fragte sie schließlich, ihre Stimme etwas ruhiger, aber immer noch scharf. „Ich meine, wirklich. Kein Job, kein Plan – nur irgendeine Geschichte über ein Mädchen?“„Ich hab’s dir gesagt“, sagte er zwischen zwei Bissen. „Mein Trainer meinte, ich soll hierherkommen. Hat mir ’ne Adresse gegeben und gesagt, ich soll’s rausfinden.“„Und du hast keine Details?“ Sie runzelte die Stirn.„Nope“, sagte er und zuckte mit den Schultern. „Aber ich bin gut im Improvisieren.“„Das seh ich“, sagte sie sarkastisch. „Improvisieren wie ein Volltrottel.“
Lukas lachte leise, lehnte sich gegen die Arbeitsplatte und verschlang den Rest der Pizza. „Du wirst mich mögen, wenn du mich erstmal kennst“, sagte er schließlich.„Wohl kaum“, schnaubte sie, aber ihre Mundwinkel zuckten leicht – fast wie ein unterdrücktes Lächeln.
Und damit begann das Leben in der WG – ein Tanz aus Streit, Spannung und unerwarteten Momenten, der Lukas Teufel direkt ins Herz des Berliner Chaos führte.