Kapitel 5: Die Frau mit den kalten Augen

1590 Words
Die WG in Berlin-Mitte war am nächsten Morgen ungewöhnlich still. Lukas Teufel saß am Küchentisch, eine Tasse schwarzer Kaffee dampfte vor ihm, während er mit einem alten Boxhandschuh spielte, den er aus seinem Rucksack gekramt hatte. Die Lederkanten waren abgenutzt, die Nähte an manchen Stellen aufgerissen – ein Relikt aus seinen Hamburger Tagen, als er noch regelmäßig im Ring stand. Er drehte den Handschuh in den Händen, seine Gedanken schweiften ab. Jonas Bergs Angriff gestern hatte ihn wachgerüttelt – Berlin war kein Spielplatz, und er musste auf der Hut sein. Die Tür zum Wohnzimmer öffnete sich leise, und Mia Sommer schlurfte herein, noch im Schlafanzug, die blonden Locken ein wildes Nest auf ihrem Kopf. „Morgen“, murmelte sie verschlafen und ließ sich auf den Stuhl gegenüber fallen. Sie rieb sich die Augen und griff nach Lukas’ Kaffee, nahm einen Schluck, bevor er protestieren konnte.„Hey, das war meiner“, sagte er grinsend und zog die Tasse zurück.„Teilen ist caring“, sagte sie mit einem schiefen Lächeln und lehnte sich zurück. „Du siehst aus, als hättest du was auf dem Herzen. Was ist los?“„Nichts geht über einen Messerangriff am Morgen“, sagte er trocken. „Macht einen nachdenklich.“„Jonas hat dich echt fertiggemacht, was?“ Mia lachte leise. „Keine Sorge, der blufft nur. Er zieht ständig so ’ne Show ab, aber er ist ein Feigling, wenn’s drauf ankommt.“„Feigling mit einem Messer“, murmelte Lukas. „Tolle Kombi.“ Bevor Mia antworten konnte, hörten sie Schritte im Flur. Hanna Sturm kam in die Küche, angezogen für den Tag – Jeans, ein grauer Hoodie und Sneakers. Ihre Haare waren offen, fielen ihr leicht ins Gesicht, und sie trug eine Sporttasche über der Schulter. Sie warf Lukas einen kurzen Blick zu, dann ging sie zum Kühlschrank und zog eine Wasserflasche heraus. „Was glotzt du so?“ fragte sie, ohne sich umzudrehen.„Guten Morgen auch dir“, sagte Lukas und hob die Tasse wie zum Toast. „Gehst du zur Arbeit?“„Nein, Training“, sagte sie knapp und schraubte die Flasche auf. „Ich hab heute frei.“„Training?“ Mia richtete sich auf, plötzlich hellwach. „Du meinst dein Polizei-Kampfzeug?“„Jepp“, sagte Hanna und nahm einen Schluck Wasser. „Nahkampf und Fitness. Muss fit bleiben, falls ich mal wieder Typen wie ihn plattmachen muss.“ Sie nickte in Lukas’ Richtung, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen.„Plattmachen?“ Lukas lachte. „Du hast mich schon einmal k.o. geschlagen – im Suff. Willst du’s nüchtern nochmal versuchen?“„Träum weiter“, sagte sie und warf die leere Flasche in den Müll. „Aber wenn du so scharf drauf bist, komm doch mit.“ Lukas blinzelte, überrascht von dem Angebot. „Mitkommen? Zu deinem Training?“„Warum nicht?“ sagte sie schulterzuckend. „Du bist Boxer, oder? Zeig mal, was du kannst. Oder hast du Schiss?“„Schiss?“ Er grinste breit und stand auf. „Das willst du nicht wirklich wissen. Ich bin dabei.“„Oh, das wird gut“, sagte Mia und klatschte in die Hände. „Ich will Fotos, wenn ihr euch gegenseitig vermöbelt!“„Keine Fotos“, knurrte Hanna und warf Mia einen warnenden Blick zu. „Und du hältst die Klappe.“ Eine Stunde später standen Lukas und Hanna vor einem unscheinbaren Gebäude in Kreuzberg, ein paar Straßen vom Kottbusser Tor entfernt. Die Fassade war grau und verwittert, mit einem einfachen Schild über der Tür: „Kampfsportschule Adler“. Drinnen roch es nach Schweiß, Leder und altem Holz – ein Geruch, den Lukas sofort erkannte. Es war wie nach Hause kommen. Der Raum war groß, mit einem Boxring in der Mitte, Sandsäcken an den Wänden und ein paar Trainingsmatten in der Ecke. Ein Dutzend Leute waren schon da, Männer und Frauen in Sportklamotten, die sich aufwärmten oder an Geräten arbeiteten. Hanna führte ihn zu einer Bank, wo sie ihre Tasche abstellte. „Zieh dich um“, sagte sie. „Es sei denn, du willst in Jeans kämpfen.“„Ich bin bereit“, sagte Lukas und zog sein Shirt aus, warf es auf die Bank. Er trug nur eine alte Trainingshose und Sneakers – kein Schnickschnack, genau wie früher im Ring. Ein großer Mann mit Glatze und einem buschigen Bart kam auf sie zu, seine Muskeln spannten sich unter einem engen Tanktop. „Hanna“, sagte er mit tiefer Stimme und nickte ihr zu. „Wer ist der Neue?“„Das ist Lukas“, sagte sie und zeigte auf ihn. „Ein Amateur-Boxer aus Hamburg. Denkt, er kann was.“„Hamburg, hm?“ Der Mann musterte Lukas von oben bis unten, dann grinste er. „Ich bin Max, der Trainer hier. Willkommen. Lass mal sehen, was du draufhast.“ Bevor Lukas antworten konnte, trat eine Frau aus dem Schatten des Rings hervor. Sie war groß, fast so groß wie er, mit kurzen schwarzen Haaren und Augen so kalt wie Eis. Ihre Bewegungen waren geschmeidig, präzise, wie die eines Raubtiers. Sie trug eine schwarze Trainingshose und ein enges Top, das ihre muskulösen Arme betonte. Ohne ein Wort ging sie auf Lukas zu, blieb vor ihm stehen und starrte ihn an. „Wer ist das?“ fragte Lukas leise und warf Hanna einen Blick zu.„Das ist Klara Rauch“, sagte Hanna mit einem Hauch von Respekt in der Stimme. „Beste Kämpferin hier. Ex-Militär, jetzt Polizei. Und sie mag keine Angeber.“„Angeber?“ Lukas grinste. „Dann wird sie mich lieben.“ Klara sprach endlich, ihre Stimme war tief und ruhig. „Du bist der Boxer, ja?“„Jepp“, sagte Lukas und verschränkte die Arme. „Und du?“„Jemand, der Typen wie dich zerlegt“, sagte sie kalt. „Willst du’s versuchen?“„Immer“, sagte er und trat einen Schritt näher. Die Spannung zwischen ihnen war greifbar, wie der Moment vor einem Gewitter. Max klatschte in die Hände, ein lautes Geräusch, das durch den Raum hallte. „Gut, dann macht euch bereit! Klara gegen Lukas, Sparring im Ring. Keine schmutzigen Tricks, keine Waffen – nur Fäuste und Verstand.“„Kein Problem“, sagte Lukas und zog seine alten Handschuhe aus dem Rucksack. Er schnürte sie fest, während Klara sich mit ruhiger Präzision ihre eigenen Handschuhe anzog. Hanna lehnte sich gegen die Wand, die Arme verschränkt, und beobachtete die Szene mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Neugier und Schadenfreude lag. „Viel Spaß“, sagte sie sarkastisch. „Sie wird dich in Stücke reißen.“„Abwarten“, sagte Lukas und kletterte in den Ring. Klara folgte ihm, ihre Bewegungen geschmeidig und kontrolliert. Sie stellte sich ihm gegenüber auf, die Fäuste erhoben, die Augen fest auf ihn gerichtet. Max gab das Signal, und der Kampf begann. Klara war schnell – schneller, als Lukas erwartet hatte. Sie schoss vor, ein Jab zielte auf sein Gesicht, gefolgt von einem Haken zur Seite. Lukas blockte den ersten Schlag mit dem Unterarm, duckte sich unter dem zweiten weg und konterte mit einem kurzen Schlag in ihre Rippen. Sie zuckte nicht mal, absorbierte den Treffer und schlug zurück, ein harter Uppercut, der ihn am Kinn erwischte. Sein Kopf flog zurück, und er taumelte einen Schritt, Sterne tanzten vor seinen Augen. „Netter Schlag“, keuchte er und schüttelte den Kopf, um klar zu werden.„Spar dir die Worte“, sagte Klara und griff wieder an. Der Kampf wurde ein Tanz aus Schlägen und Ausweichmanövern. Lukas war gut – seine Reflexe und seine Kraft hielten ihn im Spiel –, aber Klara war ein anderes Kaliber. Sie bewegte sich wie eine Maschine, jeder Schlag präzise, jede Bewegung kalkuliert. Er landete ein paar Treffer – ein Haken gegen ihre Schulter, ein Jab in den Bauch –, aber sie schien es kaum zu spüren. Schließlich erwischte sie ihn mit einem Sidekick, der ihn gegen die Seile warf. Er prallte ab, keuchend, und hob die Hände, um Zeit zu gewinnen. „Gibst du auf?“ fragte sie, ihre Stimme emotionslos.„Nie“, sagte er grinsend, wischte sich Blut von der Lippe und stürzte sich wieder auf sie. Der Kampf endete nach fünf Minuten, als Max dazwischenging. Beide waren verschwitzt und außer Atem, Lukas mit einer blutigen Lippe und Klara mit einem leichten Rötung an der Wange – der einzige Beweis, dass er sie getroffen hatte. „Genug“, sagte Max. „Guter Kampf. Ihr seid beide nicht schlecht.“ Klara zog die Handschuhe aus, warf Lukas einen letzten, kalten Blick zu und verließ den Ring ohne ein weiteres Wort. Lukas kletterte heraus, ließ sich auf die Bank fallen und schnappte sich eine Wasserflasche. Hanna kam zu ihm, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen. „Nicht übel“, sagte sie. „Ich dachte, sie macht dich platt in zwei Minuten.“„Danke fürs Vertrauen“, sagte er trocken und nahm einen Schluck Wasser.„Sie ist die Beste“, sagte Hanna schulterzuckend. „Aber du hast dich gehalten. Respekt.“ Lukas grinste, trotz der schmerzenden Lippe. „Ich werd sie irgendwann schlagen.“„Träum weiter“, sagte Hanna, aber ihre Stimme hatte einen Hauch von Anerkennung. Und so begann ein neuer Tag in Berlin – voller Schläge, Spannung und dem Gefühl, dass das Chaos gerade erst anfing.
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