Der Morgen danach

1352 Words
Das Erste, was ich spürte, war das Licht. Es drang durch die dünnen Vorhänge und küsste meine nackte Haut, zwang meine Augen, sich zu öffnen. Für einen Moment konnte ich nicht atmen. Die Decke über mir gehörte nicht mir. Der Duft in der Luft war mir fremd. Alles um mich herum schrie nach Reichtum und Gefahr – polierte Marmorböden, weiche Seidenlaken, das leise Summen einer teuren Klimaanlage und irgendwo in der Ferne das Tropfen von Wasser. Ich blinzelte erneut und versuchte, mir einen Reim darauf zu machen. „Wo bin ich?“ Der Raum war viel zu luxuriös, um zu jemandem zu gehören, den ich kannte – weiße und goldene Wände, ein kunstvoller Kronleuchter, bodenlange Vorhänge, die träge im Morgenwind schwangen. Das Bett, auf dem ich lag, war riesig, mit Satindecken bezogen, die schwach nach Sandelholz und nach etwas Dunklerem rochen … etwas Männlichem. Mein Herz begann zu rasen. Dann traf mich der Schock. Ich war völlig nackt. „W–was …“, japste ich und zog die Decke an meine Brust. Mein ganzer Körper schmerzte – jeder Muskel steif, jeder Nerv wund. Als ich versuchte, mich aufzusetzen, ließ mich ein stechender Schmerz zwischen meinen Beinen erstarren, mir stockte der Atem. Mein Kopf begann zu rasen. Was ist passiert? Und dann, wie ein Sturm, der durch meine Gedanken brach, trafen mich die Erinnerungen an die letzte Nacht. Ein dunkler Raum. Musik. Die Hitze seines Atems an meinem Hals. Finger, die meine Wirbelsäule hinabglitten. Das tiefe Grollen einer Stimme, die ich nicht vergessen konnte. Die Art, wie er mich berührte – fest, besitzergreifend und doch vorsichtig, als würde er jeden Zentimeter von mir bereits kennen. Der Geschmack seiner Lippen. Der Klang meiner eigenen atemlosen Stöhner, die in der Dunkelheit widerhallten. Mein ganzer Körper erzitterte, als die Erinnerungen schärfer wurden, zu lebendig, um sie zu leugnen. Und dann erinnerte ich mich an seinen Duft. Stark. Überwältigend. Wild. Es war nicht der Duft irgendeines Mannes. Er trug diese befehlende Macht in sich, die nur zu einer Art Wolf gehören konnte. Ein Alpha. Ich erstarrte. Meine Augen weiteten sich, und ich presste mir die Hand auf den Mund. Nein … das kann nicht sein. Ich konnte nicht mit einem Alpha geschlafen haben. Ich erinnerte mich nicht einmal richtig an sein Gesicht. Alles war zu dunkel gewesen, zu hastig, zu verzweifelt. Aber ich erinnerte mich an seine Augen – schwach leuchtend im Schatten, grün wie flüssiges Feuer. Seine Stimme hallte noch immer in meinem Kopf, als er meinen Namen flüsterte wie ein Geheimnis. Und jetzt lag ich nackt in einem fremden Hotelzimmer, getränkt von seinem Duft. Tränen stiegen mir in die Augen. „Was habe ich getan?“, flüsterte ich, während Scham und Panik sich in meinem Magen zusammenzogen. Ich zwang mich aus dem Bett, meine Beine zitterten bei jeder Bewegung. Meine Kleidung lag überall verstreut – mein Rock hing über einem Stuhl, meine Bluse lag auf dem Boden, meine Unterwäsche war an der Naht leicht zerrissen. Meine Hände bebten, als ich sie aufhob und mich schweigend anzog. Ich wagte nicht, noch einmal zum Bett zu sehen. Von ihm keine Spur. Der Raum war leer, kalt, still. Doch sein Duft hing noch immer in der Luft – so stark, dass mein Herz erneut zu rasen begann. Ich musste gehen. Bevor mich jemand sah. Bevor ich mich dem stellen musste, was ich getan hatte. Ich griff nach meiner Tasche und schlich leise aus dem Zimmer, mein Puls dröhnte mir in den Ohren, während ich durch den Flur eilte und hinaus ins Sonnenlicht trat. Als ich nach Hause kam, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Mein Vater saß wie gewöhnlich im Wohnzimmer, eine Flasche Whiskey in der Hand. Seine Augen waren stumpf, sein Kiefer angespannt. Der schwache Geruch von Alkohol lag in der Luft. Er sah nicht einmal auf, als ich hereinkam. „Es gibt Neuigkeiten für dich“, murmelte er und nahm einen weiteren Schluck. „Aus dem Rudelhaus.“ Ich blieb stehen, verwirrt. „Aus dem Rudelhaus?“ Er winkte nur ab, desinteressiert. Ich runzelte die Stirn und erinnerte mich daran, dass ich vor ein paar Wochen eine Bewerbung eingereicht hatte. Vielleicht ging es darum. Doch kaum hatte sich der Gedanke gesetzt, zog sich meine Brust wieder zusammen, Erinnerungen an die letzte Nacht krochen wie Rauch in meinen Kopf. Was habe ich getan? Ich biss mir hart auf die Lippe, hielt die Tränen zurück und ging in Richtung meines Zimmers. Ich musste nachdenken. Atmen. Drinnen setzte ich mich auf die Bettkante und starrte auf den Boden. Alles fühlte sich schwer an – mein Körper, mein Herz, meine Seele. Ich dachte an Lucas, meinen Freund, den Sohn des Alphas. Sein arrogantes Grinsen. Seine Lügen. Den Verrat, den ich gesehen hatte, als ich ihn mit einer anderen Frau erwischte. Das war die Nacht, in der alles zerbrach. Die Nacht, in der ich direkt in die Arme eines Fremden lief. Und nun zahlte ich an diesem Morgen den Preis. „Keine Tränen mehr“, flüsterte ich mir selbst zu. „Du kannst nicht rückgängig machen, was passiert ist. Du musst nach vorne schauen.“ Ich zog ein schlichtes Kleid an, band mir die Haare zurück und machte mich auf den Weg zum Rudelhaus. Die Worte meines Vaters hallten mir noch im Kopf nach. Neuigkeiten für dich. Ich hoffte nur, es wären gute – etwas, das mich von dem Chaos ablenken konnte, das ich angerichtet hatte. Als ich mich dem kleinen Bürogebäude hinter dem Anwesen näherte, bemerkte ich den Gamma, der an der Tür stand, ein schwaches Lächeln im Gesicht. „Kiera Gray?“ fragte er. Ich nickte nervös. „Ja?“ Er strahlte und reichte mir einen Umschlag mit dem Siegel des Rudels. „Herzlichen Glückwunsch. Sie haben den Job.“ Meine Augen weiteten sich. „Ich – ich habe ihn?“ „Ja. Der Alpha hat persönlich zugestimmt“, sagte er. „Sie werden direkt in seiner Firmenzentrale arbeiten, ab Montagmorgen.“ Meine Hände zitterten, als ich den Umschlag entgegennahm. „Oh meine Göttin“, flüsterte ich. Ich riss ihn schnell auf und faltete den Brief darin auseinander. Meine Augen flogen über die elegante Handschrift. > Herzlichen Glückwunsch, Ms. Kiera Gray. Sie wurden ausgewählt, als persönliche Sekretärin von CEO Damon Jordan zu arbeiten. Für ein paar Sekunden stand ich einfach nur da und starrte auf das Papier, unfähig, es zu begreifen. Die Firma des Alphas? Seine persönliche Sekretärin? Meine Kehle wurde trocken. „D–der Alpha selbst?“ fragte ich leise. Der Gamma nickte. „Ja. Es ist eine großartige Gelegenheit, Kiera. Sie sollten stolz sein. Nicht viele kommen dem Alpha so nahe.“ Ich zwang mir ein kleines Lächeln ab, obwohl sich mein Magen schmerzhaft verkrampfte. „Ja … ich schätze schon.“ Als er mir erneut gratulierte und wegging, blieb ich wie erstarrt stehen und starrte ungläubig auf den Brief. Das hatte ich nicht erwartet. Ich hatte mir eine einfache Stelle gewünscht – etwas Ruhiges, etwas Kleines. Kein Job, der mich direkt unter den mächtigsten Mann des Rudels stellen würde. Und doch lief mir ein seltsamer Schauer über den Rücken, als ich seinen Namen erneut las. Damon Jordan. Warum rührte dieser Name etwas tief in mir an? Warum ließ er mein Herz genauso rasen wie letzte Nacht … als dieser Fremde meinen Namen im Dunkeln geflüstert hatte? Ich schüttelte den Gedanken ab. Nein. Das kann nicht sein. Ich kannte nicht einmal den Namen dieses Mannes. Und doch konnte ich das Unbehagen nicht stoppen, das sich in meinem Magen zusammenzog. Was, wenn … durch eine grausame Wendung des Schicksals … der Alpha, für den ich gerade eingestellt worden war, derselbe Mann war, der mich letzte Nacht gehalten hatte? Ich schluckte hart und presste den Brief an meine Brust. „Reiß dich zusammen, Kiera“, flüsterte ich mir zu. „Du überdenkst das. Es war nur eine Nacht. Du wirst diesen Mann nie wiedersehen.“ Doch tief in mir wusste ich, dass das nicht stimmte. Denn das Schicksal ließ niemals so leicht los. Und was auch immer in jener Nacht begonnen hatte … es war noch lange nicht vorbei.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD