Kapitel 1

1983 Words
"Senior Martinez, mit allem Respekt, aber ich werde mein Bestes geben, damit meine Schwangerschaft meine Arbeit nicht beeinträchtigt!", erklärte Christine entschlossen. "Christine, hören Sie mir bitte zu. Ich werde Sie nicht entlassen. Ich brauche Sie hier. Sie haben Urlaub beantragt, den ich genehmige. In dieser Zeit möchte ich, dass Sie alles Weitere klären. Haben Sie mich verstanden?" "Ja, Senior ich werde versuchen, meine Mutter zu finden, und hoffentlich wird sich alles Weitere klären. Sie wird mir bestimmt helfen. Ich danke Ihnen, Senior Martinez." Christine stand auf und ging zur Tür. "Warten Sie, Christine", rief Senior Martinez ihr nach. "Sie wollen Ihre Mutter finden? Wo werden Sie suchen?" "Ich muss zuerst zurück nach Amerika. Ich muss zum Einwanderungsbüro. Die müssten Unterlagen von mir haben, schließlich habe ich einen Reisepass erhalten. Dort muss es etwas geben, das mir weiterhilft." "Entschuldigen Sie, aber ich finde das etwas riskant, besonders in Ihrem Zustand und angesichts Ihrer Gründe für die Flucht nach Mexiko. Wollen Sie wirklich dorthin zurück? Ich werde es nur erlauben, wenn Sie aus Sicherheitsgründen meine Tochter begleiten. Sie ist in Ihrem Alter, und ich denke, Sie werden gut miteinander auskommen. Kommen Sie heute Abend zum Essen zu uns, dann können Sie sich erst einmal kennenlernen. Sie haben noch einige Tage, bevor Ihr Urlaub beginnt. Nutzen Sie diese Zeit, um sich anzufreunden." Christine schaute Herrn Martinez überrascht an. Konnte er das wirklich verlangen? Ihr Urlaub unter dieser Bedingung? Sie zögerte, aber letztendlich wollte sie ihn nicht enttäuschen und das Risiko eingehen, ihren Job zu gefährden. Also nickte sie freundlich und machte sich auf den Weg, um ihre Schicht zu beginnen. Im Grunde war sie erleichtert, dass er sie nicht gekündigt hatte und die Idee, seine Tochter kennenzulernen, schien vernünftig. Als alleinstehende, schwangere Frau zu reisen, war durchaus riskant, und sie schätzte sein Angebot, mit seiner Tochter zu reisen. Den restlichen Tag über führte sie ihre Arbeit gewissenhaft aus und konnte ausnahmsweise pünktlich Feierabend machen. Normalerweise verließ sie das Hotel immer spät, aber an diesem Tag verlief alles ruhig und angenehm, sodass sie rechtzeitig nach Hause gehen konnte. Auf dem Heimweg konnte sie nur daran denken, dass sie zu einem Essen im Haus ihres Chefs eingeladen war. Sie fragte sich, was sie anziehen würde. Sollte sie in ihrer gewöhnlichen Alltagskleidung gehen oder ein Kleid wählen? Die Unsicherheit wuchs. Wie würde seine Familie auf die Idee reagieren, dass er seine Angestellte mit nach Hause brachte? Wie würden sie auf sie reagieren? Was, wenn sie und seine Tochter sich nicht verstanden? Schließlich entschied sie sich dafür, ein Kleid anzuziehen und begann, sich darauf vorzubereiten. Das Treffen sollte um achtzehn Uhr stattfinden, und sie wollte keinesfalls unpünktlich sein. Das entsprach nicht ihrem Naturell. Da sie die Zeit aus den Augen verloren hatte, rief sie rasch ein Taxi, denn Herr Martinez wohnte am anderen Ende der Stadt, und sie hatte nur noch zwanzig Minuten, um pünktlich zu sein. "Christine, da bist du ja endlich. Meine Frau ist schon ungeduldig. Sie hat das Essen fast fertig!", rief Herr Martinez ihr zu, als sie aus dem Taxi stieg. "Es tut mir leid, Herr Martinez. Wir standen im Stau", erwiderte Christine, obwohl sie wusste, dass er es nicht ernst meinte. In Mexiko legte man außerhalb der Arbeit nicht allzu viel Wert auf Pünktlichkeit. Sie betrat sein Anwesen, das sie zum ersten Mal sah. Es war ein großes weißes Haus, umgeben von einem wunderschönen Garten und einer riesigen Einfahrt. Sie war überrascht, denn anhand dessen, wie sie Herrn Martinez täglich im Hotel sah, hätte sie nicht gedacht, dass er so wohlhabend war. Offenbar verheimlichte er seine finanzielle Situation. Christine fühlte sich etwas schüchtern, als sie ins Haus geführt wurde. "Buenos Dias, Senorita", begrüßte er sie höflich. Herr Martinez führte sie zu seiner Frau. "Christine, das ist Lupita, meine Frau." Christine lächelte höflich, nickte und begrüßte sie. Dann stellte Herr Martinez seine Tochter Maria vor. Maria war eine attraktive junge Frau in ihren frühen Zwanzigern mit langen dunklen Haaren und einer schlanken, wohlgeformten Figur. "Ich habe bereits viel von dir gehört. Du suchst deine Mutter? Ich möchte dir helfen", sagte Maria mit einem starken Akzent. Herr Martinez unterbrach sie jedoch und bat sie, das Thema beim Essen zu besprechen und Christine erst einmal essen zu lassen. "¡Ven a comer!" rief Lupita in die Runde. Christine schaute Maria fragend an, und Maria erklärte, ohne dass Christine nachfragen musste: "Komm essen, hat sie gesagt!" "Oh, das sieht wunderbar aus. Was ist es?", fragte Christine höflich. "Das sind traditionelle Gerichte aus unserer Heimat", erklärte Herr Martinez, "meine Frau hat es für dich gekocht. Es gibt Chicharrón con Salsa Verde und Tortillas." In seinen Augen glänzte Vorfreude. Er schien sich sehr auf das Essen zu freuen. Das Mahl war köstlich, und Christine nutzte die Gelegenheit, um sich mit Maria zu unterhalten. Maria schien nett und höflich zu sein und hatte offensichtlich eine gute Erziehung genossen. Ihr äußeres Erscheinungsbild ließ auf Selbstbewusstsein schließen, aber dieser Eindruck täuschte, sobald man sie näher kennenlernte. Der Abend neigte sich dem Ende zu und es wurde spät. "Es war ein wunderbarer Abend, Herr Martinez", sagte Christine, als sie bemerkte, wie spät es schon war. "Christine, setzen Sie sich. Wir wollten noch über Ihre Suche sprechen." "Natürlich, Senior. Aber es ist sehr spät, und wie Sie wissen, muss ich morgen arbeiten." "Keine Sorge, wir bringen Sie nach Hause. In vierzehn Tagen können Sie Ihre Reise antreten, aber Sie nehmen Maria zu Ihrem Schutz mit. Ich habe gesehen, dass Sie gut miteinander auskommen, nicht wahr?" Christine schaute ihn an, und insgeheim hoffte sie, dass er seine Meinung ändern und sie alleine fahren lassen würde. Sie war kein Kind und konnte für sich selbst sorgen. Oder hatte er Angst, dass sie nicht zurückkommen würde? "Christine, haben Sie mir zugehört?" Herr Martinez schien bemerkt zu haben, dass ihre Gedanken abgeschweift waren. „Ja, natürlich“, sagte sie etwas erschrocken. Sie musste nur gerade daran denken, was sie machen und wie sie reagieren würde, wenn sie ihre Mutter endlich gegenüberstehen würde. „Ich nehme Maria mit“, sagte sie so, als hätte sie es gerade auswendig gelernt. „Sehr gut, dann sind wir uns ja einig. Es ist auch nur zu ihrer eigenen Sicherheit. Ich könnte es mir gar nicht verzeihen, wenn ich Sie auf diese Reise gehen lasse, wenn sie doch ein Kind erwarten. Wer weiß, was ihnen alles passieren könnte.“ Christine wollte jetzt aber wirklich aufbrechen und Maria wurde aufgefordert, sie nach Hause zu fahren. Irgendwie mochte sie diese ganze Situation nicht, in der sie gerade steckte. Aber Herr Martinez war ihr Chef und sie war sich nicht sicher, ob, wenn sie sein Angebot abschlagen würde, ob es dann auch Einwirkungen auf ihren Arbeitsplatz haben würde. Das letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, war es, keine Arbeit mehr zu haben aufgrund einer schlechten Entscheidung. Während der Fahrt sprachen beide nicht viel miteinander, was aber mehr damit zu tun hatte, dass es auch schon ziemlich spät war und beide ziemlich müde waren. Maria verabschiedete sich mit einem Lächeln von ihr, als sie Christine vor ihrer Haustür absetzte und fuhr zurück. Der nächste Morgen verlief wie immer auf der Arbeit. Sie hatte schon die Befürchtung gehabt, dass Herr Martinez sie noch einmal wegen der Fahrt ansprechen würde, aber es geschah nicht. Die Tage vergingen und sie versuchte immer wieder, nach irgendwelchen Hinweisen zu suchen, irgendetwas musste es doch geben, was ihr weiterhelfen würde. Vielleicht kannte eine Behörde eine Adresse von ihrer Mutter. Ob das Kinderheim vielleicht irgendwelche Informationen haben würde, bezweifelte sie, aber sie wollte es trotzdem versuchen. Sie ging zum Telefon und plötzlich schossen ihr alle möglichen Fragen wieder durch den Kopf. Was ist, wenn das Kinderheim sie gar nicht mehr kannte? Was ist, wenn sie keine Informationen hatten? Was würde sie dann tun? Das Telefon klingelte. Michael war an der anderen Leitung. Sie war froh, seine Stimme zu hören. Sie hatte lange nichts mehr von ihm gehört. "Hey, Chrissi. Wie geht es dir? Ich bin froh, dass ich dich mal ans Telefon bekomme. Es ist momentan hektisch bei mir!", begann Michael zu erzählen. Sie blieben eine Weile am Telefon. "Michael, bevor ich's vergesse, ich habe in zwei Wochen Urlaub und komme zurück in die Staaten, um meine Mutter zu finden!" "Das ist ja prima. Wir sollten uns sehen, Christine. Du weißt doch bestimmt, wie sehr ich dich vermisse, oder?" "Michael, da gibt es noch etwas, das ich dir sagen muss. Ich bin schwanger!" "Wie, du bist schwanger? Von wem?" "Joshua!" "Bist du sicher, Christine?" "Ja, natürlich bin ich sicher. Ich hatte sonst keinen Freund außer, naja, das, was zwischen uns war. Aber das war ja nur ein Kuss. Aber ich bin im sechsten Monat, und es ist zu spät, um irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen, und ich werde nicht, wie meine Mutter es getan hat, mein eigenes Kind in ein Heim geben, um es seinem Schicksal zu überlassen, das verstehst du doch, oder?" "Natürlich, du weißt, ich bin immer für dich da!", sagte er. Christine hatte Tränen in den Augen, als er es sagte. Sie verspürte Herzschmerz und erinnerte sich plötzlich an den ersten Kuss, den er ihr gegeben hatte. Es war in seiner Wohnung, und sie hatte ihm damals deutlich gemacht, dass sie nicht mehr als nur Freundschaft von ihm wollte. Warum hatte sie das damals getan? Ja, sie war damals nicht bereit dafür, nicht nach der Geschichte mit Joshua. Aber er war so ein lieber Mann, hatte sie immer mit Respekt behandelt und war immer für sie da. Langsam wurde ihr klar, dass sie doch mehr für Michael empfand, als sie sich vielleicht eingestehen wollte. "Ich muss mich hinlegen, Michael. Bis bald!" sagte sie und legte auf. Sie wischte sich eine Träne aus dem Gesicht und ging, um sich einen Tee zu machen. Sie musste sich beruhigen und sich hinlegen. Ihre Gefühle überwältigten sie. Vielleicht war sie auch nur so sentimental, weil sie schwanger war, versuchte sie sich einzureden, aber die Bilder in ihrem Kopf erzählten immer wieder die Geschichte, als sie bei Michael war. Sie fühlte eine Leere in sich. Das letzte Mal, als sie sich so gefühlt hatte, war bei Joshua. Dort durfte sie nie das Grundstück verlassen und fühlte sich einsam. Doch als sie endlich dort herauskam, fühlte sie sich herrlich frei. Sie genoss das Leben und wollte sich nur noch eine neue Existenz aufbauen. Das Leben, das sie jetzt hatte, war das, was sie wollte. Sie war jetzt frei, konnte ihr Leben selbst bestimmen und hatte einen Job. Aber jetzt überkam sie wieder dieses Gefühl – das Gefühl der Leere. Ein paar Tränen liefen über ihre Wangen, als sie sich hinlegte. Sie wollte sich ausruhen. Die Schwangerschaft machte sie müde, und sie wollte nur etwas schlafen, bevor sie sich an ihren Laptop setzte, um noch mehr Recherchen anzustellen. Michael rief in den nächsten Tagen immer häufiger an. Es schien ihm wichtig zu sein, dass es ihr gut ging und dass sie sich nicht überforderte. „Du solltest mal darüber nachdenken, ob du nicht deinen Job wechseln willst. Wie lange willst du das machen, etwa bis zur Geburt? Das kann doch nicht gut sein!“, ermahnte er sie immer wieder, und es schien Christine langsam etwas zu nerven, denn sie machte ihm immer wieder klar, dass sie ihren Job nicht aufgeben würde, da sie das Geld brauchte. "Oh mein Gott, oh mein Gott!", rief sie eines Morgens, als sie den Briefkasten leerte. Nach sehr langen und anstrengenden Telefonaten mit Behörden und ihrem alten Kinderheim hatte sie endlich eine Rückmeldung. Sie schaute immer wieder auf den Brief. Aber erst einmal musste sie arbeiten. Am späten Nachmittag kam sie von der Arbeit nach Hause. Nachdem sie sich etwas ausgeruht hatte, wollte sie den Brief endlich öffnen. Den ganzen Tag konnte sie an nichts anderes denken, und nun war sie unsicher. Sie wollte unbedingt wissen, was darin stand, doch wusste nicht, ob sie den Mut aufbringen konnte, es wirklich zu tun.
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