Michael schien verständnisvoll zu sein und sagte: „Kein Problem, Christine. Ich freue mich darauf, euch beide zu sehen. Und du weißt, dass ich für dich da bin und dich unterstütze, egal was passiert. Ich mache mir keine Sorgen wegen Maria. Du solltest dich ausruhen und auf die Reise vorbereiten. Wir sprechen, wenn du in Vegas angekommen bist, okay?“
Christine atmete erleichtert auf und war dankbar für Michaels Unterstützung und Verständnis. Sie wusste, dass sie einen wichtigen
Menschen an ihrer Seite hatte, der für sie da war, selbst wenn ihre Situation kompliziert war.
"Christine? Hörst du mir noch zu?", fragte er plötzlich, und sie wurde ruckartig aus ihren Gedanken gerissen.
"Entschuldige, ich war in Gedanken. Ich bin sehr müde und denke, es wäre besser, wenn ich schlafen gehe. Du verstehst das doch, oder?" "Natürlich. Melde dich, wann genau du ankommst, dann hole ich euch
ab, okay? Gute Nacht." Sie legte auf und spürte die Schwere in ihrem Herzen beim Gedanken an ihn. Und doch freute sie sich so sehr, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen. Wenn sie genug Geld hätte, würde sie gerne ein Hotelzimmer nehmen. Sie wollte nicht zur Last fallen und gleichzeitig eine fremde Frau mitbringen. Aber das Geld brauchte sie für ihre Reise nach Idaho, wo sie niemanden kannte. Sie fragte sich, ob es unangenehm werden würde, wenn sie wieder in seiner Nähe war. Es
waren nicht nur die schönen Gefühle, die sie hatte, wenn er da war, sondern auch die Erinnerungen daran, wie sie Zuflucht bei ihm gesucht hatte, als sie vor Joshua geflohen war. Vielleicht würde es aber gar nicht so schlimm sein, wie sie dachte, wenn sie sich einfach auf das Wesentliche konzentrierte: die Suche nach ihrer Mutter. Immerhin war es nicht mehr dasselbe Apartment. Jetzt musste sie aber erst einmal schlafen. Es war bereits spät, und sie sehnte sich nach Ruhe. Morgen
hatte sie sich von der Arbeit freigenommen, um zum Gynäkologen zu gehen und dann den letzten Rest zu packen, bevor sie am nächsten Abend mit dem Bus nach Las Vegas fuhr. „Sie wollen also zurück in die USA?“, fragte der Arzt, als sie zum
Ultraschall hereingerufen wurde. „Ja, aber nur für ein paar Wochen. Ich mache nur Urlaub dort.“ „Das ist ja wunderbar. Ich hoffe, Sie genießen es.“ Amy drehte sich in Richtung Bildschirm, sie wollte einen Blick erhaschen von ihrem Baby.
Etwas aufgeregt war sie schon, als sie den Herzschlag hörte und auf dem Bildschirm etwas erschien.
„Sehen Sie schon etwas, Doktor?“
„Es ist ein Junge. Sie bekommen einen Jungen. Er scheint gut zu wachsen und gesund zu sein. Es ist alles in Ordnung.“
Sie spürte eine Freude in sich aufsteigen. Zum ersten Mal in ihrer Schwangerschaft spürte sie, dass sie sich auf dieses Kind freuen konnte. Warum freute sie sich? War es die Erleichterung, dass es kein Mädchen war, dem dasselbe widerfahren könnte, wie sie es damals erlebt hatte? Oder hatte sie endlich Muttergefühle entwickelt und sich damit arrangiert, dass sie alles auch alleine schaffen würde? Was auch immer diese Freude in ihr auslöste, sie war da.
„Ich möchte, dass Sie diese Tabletten einnehmen, Christine. Sie sind nur zur Förderung Ihrer Gesundheit, okay? Ich werde Ihnen etwas Schriftliches mitgeben, damit Sie sie bei sich führen können, da in den USA bei den Kontrollen oft Medikamente nicht durchkommen.“
„Warum sollten sie denn nicht durch die Kontrolle kommen?“
„Das ist nur eine Routinemaßnahme. Es sollte eigentlich alles in Ordnung sein, aber nur für den Fall, dass es zu irgendwelchen Vorfällen kommt, haben Sie eine Bescheinigung.“ Sie nahm die Medikamente, ließ sie in ihre Handtasche verschwinden
und verließ die Praxis.
Sie kam am Park vorbei und setzte sich auf die Parkbank. Hier saß sie schon das erste Mal, als ihr klar wurde, dass sie schwanger war. Nun saß sie noch einmal hier, aber diesmal war sie nicht verzweifelt. Diesmal hielt sie die Hand auf ihren Babybauch und streichelte ihn. „Nur du und ich, mein Sohn. Nur du und ich“, flüsterte sie. Sie saß da und genoss
einfach nur die frische Luft und das Gefühl der Freiheit. Sie hatte heute nichts Weiteres zu tun, außer die restlichen Sachen in ihrer Tasche zu verstauen. Sie überlegte noch kurz, aber sie hatte wirklich nichts Weiteres zu tun. Also entschied sie sich, etwas zu essen zu holen und sich nur noch zu Hause zu entspannen, denn morgen sollte es losgehen und das würde mit Sicherheit anstrengend für sie werden. Sie machte gerade die Tür auf, als das Telefon klingelte.
„Hola, Christine, soll ich dich morgen abholen oder treffen wir uns am
Bus?“ fragte Maria.
„Maria, hallo. Entschuldige, ich bin gerade nach Hause gekommen. Ich
denke, es wäre gut, wenn wir gemeinsam fahren, meinst du nicht auch?“
„Okay, mein Vater fährt uns dann hin. Um halb zehn abends fährt der
Bus ab. Wir holen dich um acht Uhr ab, okay?“
Sie war so froh, dass sie nicht mit ihrem Gepäck auch noch ein Taxi
nehmen musste. Obwohl sie es sich hätte denken können, dass Maria
gefahren wird, und sie hätte sich auch etwas Besseres vorstellen
können, als dass sie von ihrem Chef zum Busbahnhof gefahren wird. Aber sie war einfach nur dankbar, denn zurzeit war jegliche Anstrengung sehr ermüdend, und sie war immer froh, wenn sie Hilfe bekam. Der nächste Tag war sehr ruhig, da sie so gut wie alles vorbereitet hatte. Sie verstaute noch schnell den Brief in ihrer Tasche, der zumindest die
Stadt nannte, wo ihre Mutter lebte, und war so gut wie fertig. Sie räumte noch etwas auf und gab ein paar Lebensmittel zu ihrer Nachbarin. Sie wollte ja nicht zurückkommen und alles wegschmeißen müssen, was sie im Kühlschrank hatte. Auch nahm sie sich noch die Zeit für ein Bad. Schließlich würde sie die nächsten eineinhalb Tage in einem Bus verbringen.
Am frühen Abend klingelte es an der Tür. Es war Herr Martinez. Aber er
war zu früh dort, was wollte er?
„Lupita hat gesagt, dass ich dich abholen sollte. Nimm schon mal dein
Gepäck mit. Lupita hat gekocht und sie will, dass ihr beide noch etwas
Ordentliches zu essen bekommt.“ Sie schaute ihn an. Er sah aus, als
wäre er gerade aus dem Bett gekommen, aber es war schon abends.
„Geht es Ihnen gut, Herr Martinez? Sie sehen etwas müde aus.“ „Es war eine lange Nacht. Die Verwandtschaft war gestern Abend noch da“, sagte er nur ganz stumpf, nahm ihren Koffer und ging wieder zum Auto. Lupita hatte wieder viel zu viel vorbereitet, und es schien auch ein paar Überreste von gestern noch dabei zu sein. Es war wieder sehr schön, mit ihnen zu essen, aber sie hatte zu viel gegessen. Gott sei Dank blieb noch etwas Zeit, bis sie aufbrechen mussten, denn sie fühlte sich, als hätte sie einen Stein verschluckt und wollte sich einfach nicht bewegen.
Sie sahen den Bus schon von Weitem, als Herr Martinez sie zum Busbahnhof fuhr. Aber sie hatten ja noch gut eine halbe Stunde, bis er abfuhr. Sie hatten also genug Zeit, sich zu verabschieden. Christine holte schon einmal ihre Reisetasche aus dem Auto und schaute noch einmal zu Maria herüber. Sie umarmte liebevoll ihren Vater und hatte Tränen in den Augen. Sie flüsterte noch etwas Spanisches und küsste ihn noch einmal auf die Stirn. Sie hatten anscheinend ein sehr inniges Verhältnis. Wie sehr hatte Christine sich so etwas für sich selbst gewünscht. Nicht nur einen Vater zu haben, sondern auch einen, der wirklich liebevoll war.
Eine Mutter hätte diesen Job bestimmt auch gut machen können, und doch hatte sie nichts von beidem gehabt, als sie aufwuchs. Doch sie wollte sich bemühen, ihrem eigenen Kind diesen Luxus geben zu können. Ihr Kind sollte ein Zuhause haben und eine Mutter, die es liebte, eventuell sogar auch einen Vater an seiner Seite. Sie wusste, wie es war, abgeschoben zu werden.