Kapitel 1Seite 4

2598 Words
Schließlich war sie in einem Heim gewesen bis zu ihrem sechsten Lebensjahr, und das war kein Zuckerschlecken gewesen. Maria holte ihre Tasche und sie gingen zum Bus. Christine machte noch einmal halt, schaute zurück in Richtung Auto, atmete tief durch und stieg die Stufen zum Bus hoch. „Ist alles in Ordnung?“ Maria schaute sie etwas besorgt an. „Ja, es ist alles in Ordnung, Maria. Nur mein Mut hatte mich kurz verlassen, mehr nicht. Aber jetzt ist alles wieder gut“, versicherte sie und schenkte ihr ein Lächeln. Im Bus war es eng und die Fenster waren dreckig, was den Anschein gab, als wäre es dunkel im Bus. Es war nur der Dreck an den Fenstern, der es unmöglich machte, etwas Helleres zu sehen. Aber nicht nur die Fenster waren dreckig, die Sitze hätten auch mal eine Reinigung vertragen können, und im Allgemeinen roch es im Bus sehr muffig. Der Geruch glich einer Mischung aus Schweiß und altem Essen. Und es gab nicht mal ein Fenster, das man öffnen könnte, nur die beiden Türen, wovon die Tür im mittleren Teil des Busses geschlossen war, wahrscheinlich damit die Fahrgäste nicht einfach einsteigen konnten, ohne ihren Fahrschein vorzeigen zu können. Endlich fand Christine einen Sitzplatz, der einigermaßen sauber aussah, und setzte sich. Es war ein Fensterplatz, so dass sie während der Fahrt wenigstens etwas nach draußen schauen konnte, auch wenn sie nicht die perfekte Sicht hatte. Maria nahm den Sitzplatz neben ihr und half Christine, ihre Tasche nach oben zu verstauen. Nur eine mittelgroße Handtasche wollte sie bei sich behalten, denn darin war alles, was sie brauchte. Auch ein Buch und ein kleines Kissen hatte sie dabei. Das Buch hatte sie sich vor ein paar Tagen gekauft. Es handelte von Schwangerschaft und Babys. Sie hatte nie gedacht, dass sie eine der Mütter sein würde, die sich ein Buch zu dem Thema kaufen würde. Doch nun sah sie sich immer wieder bei solchen Themen halt machen, um doch etwas nachzulesen. Die Fahrt würde lang werden, und sie musste sich ja beschäftigen können, da würde das Buch nützlich sein. Es schien noch eine Ewigkeit zu dauern, bis die letzten Passagiere eingestiegen waren und die Motoren des Busses starteten. Endlich setzten sich die Räder in Bewegung, und die Reise begann. Plötzlich überkam Christine eine kleine Panikattacke. Ihr Blick schweifte hektisch durch den Bus. Was machte sie hier? Was, wenn ihre Mutter sie gar nicht sehen wollte? Was würde passieren, wenn sie den ganzen Weg umsonst gemacht hätte? Doch nun war es zu spät. Sie saß im Bus, und er war bereits unterwegs. Es gab kein Zurück mehr. Sie versuchte, an etwas Schönes zu denken, und sofort kam ihr Michael wieder in den Kopf. Sie hoffte nur, dass er da sein würde, wenn sie ankamen. Sie konnte es kaum erwarten, ihn endlich wiederzusehen. Sie ließ ihren Blick durch den Bus schweifen. Er war düster gestaltet. Ein wenig freundliche Farbe hätte sicherlich nicht geschadet, aber vielleicht war das so beabsichtigt, damit man die Schmutzflecke nicht so leicht erkennen konnte. Während sie in Gedanken versunken war, musste der Bus sich mit weiteren Fahrgästen gefüllt haben, denn erst jetzt bemerkte sie, wie voll es geworden war. Der Geruch im Bus war ebenfalls unangenehmer geworden, seitdem so viele Menschen an Bord waren. Zuvor war es schon nicht angenehm, aber jetzt roch es noch stärker nach Schweiß, und ein Hauch von altem Zigarettenrauch hing in der Luft. Sie wusste, dass sie das für eine Weile ertragen musste, aber vielleicht würde der Fahrer gelegentlich anhalten und die Türen länger offenlassen. Schließlich war die Reise sehr lang. Ihr Blick wanderte zu Maria, die neben ihr saß, die Augen geschlossen und entspannt wirkte. Sie hatte Kopfhörer in den Ohren und schien sich von der Umgebung nicht stören zu lassen. Christine beschloss, sich ebenfalls abzulenken, denn je mehr sie über den Zustand des Busses nachdachte, desto unwohler wurde ihr. Sie nahm ihr kleines Kissen aus der Tasche, lehnte sich an die Fensterscheibe und versuchte, etwas Schlaf zu finden. Christine öffnete die Augen. Sie musste eingeschlafen sein, denn der Bus stand an einem Rastplatz, und im Bus waren lautstarke Männer, die die übrigen Passagiere weckten. Bei genauerem Hinsehen bemerkte sie, dass es Grenzschutzbeamte waren. Sie schienen jeden Ausweis zu überprüfen und wollten sogar in die Handtaschen sehen. Es schien, als suchten sie jemanden oder etwas Bestimmtes. Maria war ebenfalls wach und suchte in ihrer Tasche nach ihrem Ausweis. Die Grenzschutzbeamten waren laut und etwas grob, aber anscheinend war alles in Ordnung, und sie verließen den Bus bald wieder. Sie winkten dem Busfahrer zu, dass er weiterfahren durfte. Christine blickte neugierig aus dem Fenster und sah, dass alle Fahrzeuge durchsucht wurden. Was war hier los? Wen oder was suchten sie? Es waren nicht nur die Grenzschutzbeamten zu sehen, sondern auch bewaffnete Polizisten. Es musste irgendetwas Ernstes vorgefallen sein, aber diese Frage blieb unbeantwortet, denn der Bus setzte seine Fahrt fort. Die Situation beschäftigte Christine weiterhin. „Maria, was um Himmels willen ist gerade passiert?“, fragte sie. „Vor ein paar Tagen haben sie hier einen Transporter gestoppt. Er war mit Menschen ohne Papiere besetzt, die das Land verlassen wollten. Es wurden Drogen und minderjährige Mädchen gefunden. Ich denke, sie haben jetzt schärfere Kontrollen als gewöhnlich durchgeführt, aber nichts Ernstes. Es war jedoch aufregend, nicht wahr? So etwas sieht man nicht alle Tage“, erklärte Maria und legte Christine beruhigend die Hand auf den Schoß. Christine war zwar verunsichert, lächelte aber zurück. So eine Situation hatte sie bisher nur im Fernsehen gesehen, war aber noch nie wirklich dabei gewesen. Die Weiterfahrt zog sich langsam dahin, und Christine lehnte ihren Kopf an das Fenster. Draußen gab es einen riesigen Stau, und es schien, als käme der Bus kaum voran. Die Sonne war bereits aufgegangen, und es wurde im Bus langsam aber sicher unangenehm warm. Sie saß bereits seit Stunden fest und sehnte sich nach einer Rast. Ihr Bedürfnis nach einer Toilette wurde immer drängender, aber sie wollte keinesfalls die Toilette im Bus benutzen. Sie fand die Vorstellung nicht nur unangenehm, angesichts des ohnehin unsauberen Zustands des Busses wollte sie sich gar nicht vorstellen, wie schmutzig die Toilette sein könnte. Der Busfahrer kündigte an, dass sie an der nächsten Raststätte eine Frühstückspause einlegen würden, aber es würde noch etwa dreißig Minuten dauern. Doch Christine konnte nicht so lange warten. Das Baby drückte auf ihre Blase, und sie musste jetzt gehen. Sie quetschte sich durch den viel zu schmalen Gang. Das WC war kaum größer als eine winzige Abstellkammer und sehr dunkel. Der beißende Gestank überwältigte sie fast, und sie war froh, dass sie sich nicht lange hier aufhalten musste. Schnell kehrte sie zum Gang zurück und atmete tief durch. Sie sollte wirklich versuchen, während der Fahrt am besten gar nicht auf die Toilette zu müssen, da es ansonsten unangenehm werden könnte. Sie kehrte zu ihrem Platz zurück, wo Maria vertieft in ihr Buch saß und ihr nur ein schwaches Lächeln schenkte, als sie sich setzte. Christine lehnte ihren Kopf an die kühle Fensterscheibe und genoss die Erfrischung. Die Klimaanlage schien nicht wirklich zu funktionieren und es war viel zu warm im Bus. Sie träumte kurz vor sich hin und versuchte, für einen Augenblick der Realität zu entfliehen. In diesem einen Moment war ihre Welt wieder in Ordnung. Sie befand sich nicht in diesem schmutzigen Bus, und der alte Mann hinter ihr, der nach Zigarren und Tequila roch und schnarchte, existierte nicht. Stattdessen saß sie mit Michael in dem Park, wo sie ihn damals getroffen hatte. Sie teilten eine Parkbank, die Luft war angenehm warm, es roch nach frisch gemähtem Rasen und Vögel zwitscherten im Hintergrund. "Señorita, Senorita, möchten Sie nicht aus dem Bus aussteigen und frühstücken?" Christine bemerkte überhaupt nicht, dass sie bereits an der Haltestelle angekommen waren. Natürlich wollte sie aus diesem Bus aussteigen, und zwar schnell. Maria war ebenfalls eingeschlafen, und Christine versuchte, sie so sanft wie möglich zu wecken. "Komm, lass uns etwas zu essen holen, Maria. Ich habe langsam Hunger." Auf dem Weg nach draußen fragten sie noch einmal den Busfahrer, wie lange sie hier Halt machen würden. "Wir fahren in genau dreißig Minuten weiter!" Dreißig Minuten waren wirklich nicht viel Zeit. Sie würden wie im Flug vergehen, wenn sie noch etwas essen wollten. Wenn sie Glück hatten, würden sie gerade genug Zeit haben, um etwas zu kaufen, denn an der Kasse des Bistros war bereits eine Schlange zu sehen, und sie mussten sich beeilen. Sie gingen zügig zum Rastplatz-Bistro, und obwohl die Schlange davor nicht gerade kurz war, gab es zwei Mitarbeiter, daher hofften sie, dass es schnell vorangehen würde. Und sie hatten recht, sie waren gefühlt in fünfzehn Minuten fertig und konnten sich vor der Weiterfahrt etwas die Beine vertreten. Sie liefen herum, und Christine erzählte Maria noch ein wenig über Michael, während sie die anderen Fahrgäste beobachteten, die sich auf unterschiedliche Weisen eine Pause gönnten. Der Mann hinter ihr holte eine Flasche Schnaps aus seiner Jackentasche, ein anderer genoss genüsslich ein mit Zucker überzogenes Stück Kuchen, während ein anderer am Telefon sprach, und es klang wichtig, vielleicht ein Geschäftsgespräch. Plötzlich quietschten Reifen und Christine erschrak. Ein Auto hätte sie beinahe erfasst. Hätte der Fahrer nicht abrupt gebremst, wäre es nicht gut ausgegangen. Der Mann im Auto schaute sie nur an und fuhr dann weiter. Etwas an dieser Situation und daran, wie er sie ansah, kam Christine seltsam vor. Es war, als ob er sie ansah, aber irgendwie auch durch sie hindurch. Vielleicht war er verrückt, dachte Christine. Der Schreck saß noch tief und ihr Körper zitterte noch leicht. Sie rannte zurück zum Bus, ihr Atem zitterte immer noch. Christine kehrte zurück zu ihrem Platz und dachte erneut über das soeben Geschehene nach. Hatte sie sich das alles nur eingebildet, oder hatte der Autofahrer sie tatsächlich angestarrt? Und wenn ja, warum? Kannte sie ihn? Nein, das konnte nicht sein. Das musste einfach ein Zufall gewesen sein, oder er hatte vielleicht herübergeschaut, während er im Auto etwas sagte. Sie wartete darauf, dass sich die Bus-Türen schlossen und sie weiterfahren würden. Dann versuchte sie, nicht mehr darüber nachzudenken und hoffte, etwas Schlaf zu finden. Sie hatte nur noch wenige Stunden vor sich, bevor sie endlich in Kalifornien ankommen würden. Dort würde sie Michael wiedersehen und endlich aus diesem verdreckten Bus aussteigen. Tatsächlich gelang es ihr diesmal, tief und fest zu schlafen. Als sie erwachte, war es bereits später Nachmittag und Maria schlief immer noch. Der Busfahrer informierte die Passagiere über das Mikrofon, dass sie in einer Stunde ankommen würden. Christine versuchte, Maria zu wecken, und nach dem dritten oder vierten Versuch schien sie langsam aufzuwachen. Obwohl Christine wusste, dass sie ihr erstes Ziel erst am Abend erreichen würden, fühlte sie eine gewisse Traurigkeit. Sie hätte gerne den Tag genutzt, um Maria die Gegend zu zeigen und mit Michael in ein Diner zu gehen. Doch Michael würde wahrscheinlich direkt nach der Arbeit kommen und keine Lust haben, mit zwei Frauen spazieren zu gehen. Oder vielleicht doch? Wie lange war es her, seit sie Michael zuletzt gesehen hatte? Die Vorfreude wuchs und auch die Nervosität stieg. Dieser Ort war der Anfang von allem, was mit Joshua geschah. Wie würde sie reagieren, wenn sie diesen Ort nach so langer Zeit wiedersehen würde? Würden all die Erinnerungen und Emotionen wieder hochkommen? Würden all die negativen Gefühle, die sie so gut unterdrückt hatte, jetzt wieder hochkommen? "Michael, wir sind in einer Stunde da!" Sie hörte durch das Telefon, wie aufgeregt er war, sie endlich wiederzusehen. "Ich werde da sein, keine Sorge, aber ich muss jetzt erst meine Schicht zu Ende machen. Bis später." Maria telefonierte auch mit ihrer Familie und teilte ihnen mit, dass sie bald ankommen würden. Die letzte Stunde im Bus verging sehr schnell und man konnte bereits den Busbahnhof sehen. Viele der Reisenden wurden ungeduldig und begannen, ihre Taschen zu holen, um sicherzustellen, dass sie alles wieder eingepackt hatten, was sie während der Fahrt ausgepackt hatten. Die Stimmung im Bus wurde unruhig und es war spürbar, wie jeder im Bus es kaum erwarten konnte, auszusteigen. Je näher der Busbahnhof kam, desto mehr Menschen erhoben sich von ihren Sitzplätzen. Eine Schlange bildete sich bereits im engen Gang und es schien, als könne es ein Problem werden, auszusteigen. Endlich hielt der Bus und die Türen öffneten sich. Es war schwierig, zwischen den vielen Menschen im Gang hinauszukommen, und Christine und Maria verloren sich kurz aus den Augen. Es wurde geschubst und gedrängelt, und einige Passagiere begannen zu schimpfen. Der Busfahrer schien sich nicht darum zu kümmern und zündete sich draußen eine Zigarette an. Er zog ein paar Mal daran, bevor er die Zigarette ausdrückte und den Kofferraum öffnete, um das große Gepäck auszuladen. Endlich kamen auch die beiden Mädchen draußen an. Christine wollte nur kurz frische Luft schnappen und ging ein paar Schritte zur Seite, wo es weniger Menschen gab, die ihr die Luft zum Atmen raubten. Sie atmete ein paar Mal tief durch, froh darüber, dass die drückende Atmosphäre des Busses vorbei war. Maria staunte, als sie die vielen Lichter der Stadt sah. Alles schien für sie so unendlich groß zu sein, und Christine hatte bereits vergessen, wie belebt die Straßen hier immer waren. Als sie sich nach Michael umschaute und ihn nicht finden konnte, wurde sie nervös. In Mexiko, zumindest in ihrer Gegend, war es meistens ruhiger gewesen. Ab und zu gab es Nachbarn, die sich gestritten haben, aber dann kehrte wieder Frieden ein. Hier schienen die Menschen zu jeder Tages- und Nachtzeit auf den Straßen zu sein. Sie schaute sich erneut um und entdeckte eine winkende Hand. Dort war er. Michael sah genauso gut aus wie damals, als er sie auf Joshuas Geburtstagsfeier angesprochen hatte. Christine griff nach Marias Hand und zog sie hinter sich her, um sicherzustellen, dass sie nicht verloren ging, als sie auf Michael zulief. "Michael, Michael!", rief sie immer wieder. "Ich bin so froh, dass du hier bist." "Oh, mein Gott, Chrissy! Wie habe ich dich vermisst!" Er drückte sie fest an sich. Diese herzliche Begrüßung hatte sie nicht erwartet, aber sie genoss sie und legte die Arme um ihn. Für einen Moment schien die Welt stillzustehen, als er tief in ihre Augen sah. Es war fast so, als würde er sie küssen wollen, denn sein Mund kam ihrem sehr nahe. "Christine, wann gehen wir? Und wohin gehen wir? Ist es noch weit?" Maria hatte wahrscheinlich nicht bemerkt, in welche Situation sie plötzlich geraten war. Doch jetzt wurde der Zauber des Moments unterbrochen. Genau in diesem Moment erinnerte sich Christine daran, warum sie alleine reisen wollte – um solche Zwischenfälle zu vermeiden. Musste sie ausgerechnet jetzt dazwischenreden? Michael lächelte verlegen und ließ dann von Christine ab. Schnell drehte sich auch Christine zu Maria und stellte sie ihm vor. "Das ist also deine Freundin. Komm, wir gehen jetzt erst einmal nach Hause. Da könnt ihr eure Taschen loswerden." Sofort nahm er Christine ihre Tasche ab und hakte sich bei ihr ein. Sie schaute ihn verlegen an. Noch nie war ihr sein Lächeln so ins Auge gefallen, oder vielleicht hatte sie es nur vergessen. Sein Lächeln war traumhaft schön, auch dank seiner strahlend weißen Zähne. Es hatte etwas Verlegenes, aber gleichzeitig, wenn sie in seine Augen sah, erkannte sie, dass er doch etwas Dominantes an sich hatte. Er wusste genau, was er wollte und wie er es bekommen könnte, und genau das machte ihn so anziehend für Christine. Aber so, wie sie ihn kannte, war er nicht der Typ Mann, der das schamlos ausnutzen würde. Sie gab Maria ein Zeichen, ihr zu folgen, und genoss die Aufmerksamkeit, die Michael ihr schenkte, während sie zu seinem Haus zurückgingen.
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