Der Motor des Busses schrie mit einem dumpfen Grollen auf. Dann fuhr er auch schon an. Ich wurde in den angenehm weich gepolsterten Sitz gepresst und beobachtete die vorbeiziehende Kulisse durchs Fenster: Große Eichen mit grünen Blättern, eine Katze, die in einem Zug über die Straße huschte.. und da ist mein vollgerotztes Auto. Ich ließ meinen Kopf gegen den Sitz fallen und begann, mich zu entspannen. Weiter vorne im Bus starteten einige eine epische Mario Kart Party. An dieser grenzte eine Gruppe, die ein Poker Duell austrug. Ich schloss die Augen und nahm den Moment bewusst wahr. Das Lachen, die glückliche Stimmung, die den Bus ausfüllte. Jeder hatte so unfassbar Bock auf diese Klassenfahrt.
"Bist du müde Bro?" Bruno stupste mich an.
Ich öffnete meine Augen. "Ja, schon ein wenig. Ich glaube ich penn erstmal ein bisschen."
"Mach das." Anschließend steckte er sich seine Airpods ins Ohr.
Ich schloss erneut meine Augen.
Als ich sie wieder öffnete, waren wir bereits auf der Autobahn. Mein Blick wechselte zu Bruno, der es sich gerade bequem machen wollte. Er stellte seinen Sitz so weit es ging nach hinten. Damit er es auch so richtig gemütlich hatte, zog er seine Schuhe aus, um seinen vor Schweiß triefenden Füßen etwas Freiraum zu gönnen.
"Das kannst du nicht machen!", flüsterte ich ihm zu.
Mit seinen verständnislosen Augen blickte er mich an. Nun zog er eine Augenbraue nach oben und den rechten Mundwinkel in die Breite. Ich kannte diesen Blick. Es war sein "Du hast mir nichts zu sagen" Blick. Für einen Fremden wäre dieser nonverbale Kommunikationsversuch schwer zu interpretieren gewesen. Als er mich das erste Mal so ansah, dachte ich, er müsse mal ganz dringend aufs Klo. Nun kenne ich diesen lustigen Schwachkopf aber schon eine Weile, mit all seinen Macken.
"Spar dir den Blick für wichtigere Anlässe.", sagte ich zu ihm. "Im Ernst. Deine Füße sind eine toxische Waffe. Direkt vor uns sitzen Elisa und Michelle. Meinst du, ihnen wird es gefallen, wenn der süßlich beißende Duft deiner Schweißfüße sie in Empfang nimmt?"
Bruno dachte kurz über meine Worte nach. Dann war es aber auch schon zu spät.
"Elisa? Riechst du das?"
"Nein, was denn?"
"Es riecht, als sei hier irgendwo etwas gestorben.." Michelle hielt sich die Nase zu. Tränen liefen ihr aus den Augen.
Elisa nahm mehrere konzentrierte Atemzüge. "Jetzt rieche ich es auch!"
Bruno streckte seinen Kopf durch die beiden Vordersitze, sodass die beiden Mädels ihn anschauten. "Fast! In welchen Genuss ihr gerade kommt, ist der Geruch des wilden Mannes, mit all seiner Natürlichkeit."
Elisa und Michelle sahen sich an. Sie waren offensichtlich von der Situation überfordert.
Bruno half ihnen auf die Sprünge und streckte nun auch einen seiner Füße direkt vor Michelle.
"Ihhhhhh!", schrie Michelle. "Nimm deinen verwesenden Fuß sofort aus meinem Gesicht!!"
Elisa hingegen bekam einen Lachflash.
"Wirklich schön zu sehen, wie du dich über mein Leid amüsierst!", sagte Michelle.
"Tut mir Leid!", erwiderte Elisa, die nun versuchte, sich zusammenzureißen. "Bruno? Würdest du bitte deinen Fuß aus dem Gesicht meiner Freundin nehmen?" Dabei drehte sie sich zu uns um und setzte ein freundliches Lächeln auf.
"Sie hat so ein schönes Lächeln." Darauf sah sie mich an. "Mist! Hab ich das etwa laut gesagt?"
"Max? Kannst du bitte was mit Bruno machen, damit er aufhört, meine Freundin zu vergasen? Langsam geht ihr vermutlich schon der Sauerstoff aus." Beim letzten Satz schlich sich ein erneutes Grinsen in ihr Gesicht.
Erleichtert darüber, dass ich nichts Peinliches getan habe, zog ich an Brunos Fuß. "Bruno, jetzt ist Schluss. Lass bitte die beiden Mädels in Frieden."
Schließlich gab er nach. "Nun gut. Ihr habt eure Lektion gelernt."
"Wenn die Lektion war, dass du ekelhaft bist, dann ja!", murmelte Michelle eingeschnappt.
Elisa rempelte Michelle mit der Schulter. "Ach komm. Das war doch lustig. Du darfst nicht immer alles so ernst nehmen."
"Du würdest nicht so reden, wenn dir gerade jemand seinen schwitzigen Fuß vor die Nase gehalten hätte."
Elisa wuschelte ihrer Freundin durchs Haar. "Jetzt ist es vorbei. Du hast es geschafft."
"Ja.. aber vermutlich brauche ich jetzt eine Therapie."
"Mein Onkel ist Therapeut! Ich kann dir seine Nummer geben!", rief Bruno.
Ich fing an, zu lachen. Eine Sekunde später dachte ich, dass die Reaktion vielleicht etwas unpassend ist, aber dann lachte Elisa lautstark mit mir.