7

1325 Words
Jax stand im Türrahmen zum Umkleidetunnel. Er trug seine Alltagskleidung … einen dunklen, maßgeschneiderten Anzug, der seine Schultern absurd breit wirken ließ. Er tat nichts, lehnte nur mit einer Schulter gegen den Türrahmen, die Hände in den Hosentaschen. Sein Blick war intensiv und unnachgiebig auf mich gerichtet, als versuchte er, eine komplizierte mathematische Gleichung zu lösen, die mir ins Gesicht geschrieben stand. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. „Kann ich Ihnen helfen, Captain Blackwood?“, fragte ich mit belegter Stimme. Er antwortete nicht und blinzelte nicht. Er hielt meinen Blick einen langen, quälenden Moment lang fest, stieß sich dann vom Türrahmen ab und ging wortlos weg. Ich sank gegen das Waschbecken und atmete zitternd aus. Was ist nur los mit ihm? Es macht mich schon wahnsinnig. Dieses Beobachten ist schlimmer als sein Knurren. Wenigstens wusste ich beim Knurren, woran ich war. Diese stille Beobachtung ließ mich vor Nervosität erschaudern, die ich nicht abschütteln konnte. Am Spieltag selbst lagen meine Nerven blank. Ich hatte kaum geschlafen, meine Träume waren erfüllt von flüchtigen Blicken goldener Augen und dem demütigenden Echo von Seraphinas Lachen. Vier Stunden vor Spielbeginn kam ich in der Arena an. Die Atmosphäre war bereits elektrisierend. Draußen feierten Tausende von Fans – hauptsächlich Werwölfe, mit einer mutigen Handvoll Menschen – auf den riesigen Parkplätzen. Drinnen herrschte Stille, eine trügerische Stille wie unter einer tickenden Zeitbombe. Ich ging direkt in den Ausrüstungsraum und war dankbar für die monotone Aufgabe, Handtücher zu waschen und zu falten. Es war stupide Arbeit, etwas, worauf ich mich konzentrieren konnte, anstatt auf das beklemmende Gefühl in meinem Magen. Eine Stunde vor Spielbeginn platzte Miller herein, sein Gesicht hochrot. „Bennett! Wo sind die Handtücher? Die Bears sind gerade erst angekommen, und ihr Zeugwart beschwert sich schon über die Luftfeuchtigkeit in der Gästekabine. Bring sofort einen Stapel runter!“ Mir stockte der Atem … die Gästekabine. Das bedeutete, die gesamte Arena zu durchqueren, vorbei an der Haupthalle, die sich langsam mit Fans füllte. „Jawohl“, murmelte ich und schnappte mir einen riesigen Stapel warmer, sauberer Handtücher. Ich eilte hinaus in den Hauptgang. Es herrschte Chaos. Die Luft war erfüllt vom Geruch Tausender aufgeregter, aggressiver Spieler. Der Lärm war ohrenbetäubend … ein Stimmengewirr, Gelächter und gelegentliches Heulen, das mir eine Gänsehaut bescherte. Ich hielt den Kopf gesenkt und drückte mich an die Wand, um unsichtbar zu sein. Ich kam ohne Zwischenfälle an den Hauptverkaufsständen vorbei und bog in den langen Korridor ein, der zum Gästebereich führte. Hier war es ruhiger, der Lärm der Menge wurde von den dicken Betonwänden gedämpft. Ich war schon halb den Flur entlang, als die Tür zur Gästekabine aufgerissen wurde. Eine Welle aus Lärm und Geruch strömte heraus … anders als bei den Ice Wolves, aber genauso intensiv. Ein moschusartiger, tieferer Wildnisgeruch. Eine Gruppe massiger Spieler der Thunder Bay Bears stürmte lachend in den Flur. Ihre Trikots waren tiefrot, ein starker Kontrast zum Blau und Silber der Ice Wolves. Ich presste mich an die Wand und klammerte mich an die Handtücher wie an einen Schutzschild. „Bitte beachtet mich nicht. Bitte beachtet mich nicht“, betete ich immer wieder zu mir selbst. Die meisten gingen direkt an mir vorbei, zu sehr auf ihr Adrenalin vor dem Spiel konzentriert, um einen kleinen Mitarbeiter zu bemerken. Aber ein Spieler blieb stehen. Er war riesig, genauso groß und kräftig wie Jax. Er hatte struppiges Haar und eine gezackte Narbe, die von seiner Augenbraue bis zum Kiefer verlief. Er blieb direkt vor mir stehen und versperrte mir den Weg. Er schnupperte in die Luft. Seine Lippe verzog sich zu einem höhnischen Grinsen, das Zähne entblößte, so scharf wie die der Wölfe von Silver Creek. „Na, na“, brummte er mit rauer Stimme. „Was haben wir denn da? Stellt Silver Creek jetzt menschliche Maskottchen ein?“ Er streckte eine riesige Hand aus und schnippte mir die Mütze vom Kopf. Es war kein harter Schlag, aber abweisend und demütigend. Mein Gesicht glühte. „Ich bin die Hydrationsassistentin“, flüsterte ich zu Boden. „Assistentin“, lachte er, ein grausames Bellen. „Sieht eher nach einem Leckerbissen aus.“ Er beugte sich näher und drang in meine Privatsphäre ein. Sein Geruch war überwältigend … wild und bedrohlich. „Na los, du kleiner Leckerbissen“, murmelte er, seine Stimme sank zu einem drohenden Knurren. „Weiß Blackwood, dass du hier unten ungeschützt herumläufst? Oder ist es ihm egal, ob er sein Revier bewacht?“ Mein Herz raste. Ich wusste weder, was ich sagen sollte, noch was er wollte. Bevor er etwas erwidern konnte, fiel ein Schatten auf uns. Die Temperatur im Flur schien augenblicklich auf 10 Grad zu sinken. „Problem, Kaelen?“ Die Stimme war tief, bedrohlich und gefährlich vertraut. Ich sah auf und erblickte Jax am Ende des Flurs. Er trug seine komplette Ausrüstung, seine Schlittschuhe ließen ihn größer wirken als sonst. Sein Helm war abgenommen, und sein Gesicht war eine Maske kalter, tödlicher Wut. Seine Augen blitzten und fixierten den Spieler der Bears. Kaelen, der Riese, richtete sich langsam auf. Er wirkte nicht ängstlich, doch die grausame Belustigung verschwand aus seinem Gesicht und wurde durch eine angespannte Miene ersetzt. Eine räuberische Vorsicht durchfuhr ihn. „Kein Problem, Blackwood“, sagte Kaelen mit sanfter, aber angespannter Stimme. „Ich bewundere nur die heimische Tierwelt. Wusste gar nicht, dass du Haustiere hältst.“ Jax trat einen Schritt vor. Das Knirschen seiner Schlittschuhkufe auf dem Betonboden hallte laut durch den plötzlich stillen Flur. „Sie ist ein Staff“, sagte Jax mit emotionsloser Stimme, die ihn aber geradezu umso furchteinflößender machte. „Und sie ist tabu. Für dich, für dein Team und für jeden, der nicht Blau und Silber trägt.“ Er blieb einen Meter vor Kaelen stehen. Die Spannung zwischen ihnen war so greifbar, dass sie sich wie eine physische Barriere anfühlte. „Zurück, Kaelen“, knurrte Jax. Sein Knurren hallte tief in meiner Brust wider. „Bevor ich dich dazu zwinge.“ Kaelen hielt seinem Blick lange stand. Es war ein stiller Kampf der Willen, zwei Alphas, die sich vor dem Hauptkampf musterten. Schließlich kicherte Kaelen, doch es war kein Lachen. Er trat einen Schritt zurück und hob spöttisch die Hände, als wolle er sich ergeben. „Entspann dich, Captain“, höhnte er. „Heb dir die Aggression fürs Eis auf. Ich will ja nicht, dass du dich verausgabst, bevor der Puck überhaupt im Spiel ist.“ Mit einem letzten abweisenden Blick auf mich drehte sich Kaelen um und schlenderte zurück in die Umkleidekabine der Bears. Die Tür knallte hinter ihm zu. Die Stille im Flur war ohrenbetäubend. Ich stand wie erstarrt an der Wand, die Handtücher umklammernd, mein ganzer Körper zitterte. Jax hatte sich nicht gerührt. Er starrte immer noch auf die geschlossene Tür, seine Brust hob und senkte sich leicht. Langsam drehte er den Kopf und sah zu mir herunter. Das Feuer in seinen Augen hatte etwas nachgelassen, war aber immer noch unglaublich intensiv. Er sah mein verängstigtes Gesicht, wie ich am liebsten mit dem Beton verschmelzen wollte. Einen Moment lang dachte ich, er würde mich anbrüllen, mir vorwerfen, wie dumm ich sei, mich in den Weg gestellt zu haben und wie schwach ich doch sei. Stattdessen stieß er nur einen scharfen, frustrierten Seufzer durch die Nase aus. „Bringt die Handtücher“, sagte er mit rauer Stimme. „Und dann zurück auf unsere Bank. Bleibt vom Hauptgang fern.“ Er wartete keine Antwort ab. Er drehte sich um und fuhr mit seinen Rollschuhen den Flur entlang, zurück in sein Revier. Ich sah ihm nach, mein Herz raste noch immer. Er hatte mich verteidigt und mich für tabu erklärt. Ich wusste nicht, ob ich erleichtert oder noch verängstigter als je zuvor sein sollte, denn jetzt war nicht mehr nur Jax da, der mich beobachtete. Ich bin jetzt eine Spielfigur in einem Spiel zwischen Alphas, die ich nicht verstand, und einem Spiel, das noch nicht einmal begonnen hat.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD