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1265 Words
Das Beobachten war unaufhörlich und beunruhigend. Es war nicht einmal ein freundlicher Blick oder ein flirtender „Hey Baby“-Blick, wie ich ihn früher von den Jungs im Diner bekam. Es war der Blick eines Wolfs, der ein Kaninchen anstarrt, das sich unerklärlicherweise in seinen Bau verirrt hat und noch nicht den Verstand besessen hat, ihn wieder zu verlassen. Er war räuberisch, besitzergreifend und zutiefst verwirrend. Es juckte mich auf der Haut und mein Herz machte ruckartige Bewegungen in meiner Brust, die ich absolut nicht wahrhaben wollte. „Er ist nur ein arroganter, reicher Alpha, der darauf wartet, dass ich Mist baue, damit er mich feuern kann“, sagte ich mir jeden Abend. Der Dienstag der vierten Woche war besonders schlimm. Ich fiel in einem Mikro-Test durch, weil ich beim Lernen eingeschlafen war, und Miller tobte, weil die Lieferung des Elektrolytpulvers verspätet war. Ich schleppte gerade einen frischen Stapel Handtücher den VIP-Hauptgang entlang … einen breiten Flur mit weichem, marineblauem Wollteppich, gesäumt von Luxussuiten, deren Jahresgehalt mein gesamtes Lebenseinkommen überstieg … als ich eine Veränderung in der Atmosphäre spürte. Eine Frau bog vor mir um die Ecke, und ich blieb stehen. Ich konnte nicht anders, als stehen zu bleiben, denn sie war atemberaubend, wie eine Eisskulptur … wunderschön, intelligent und völlig unnahbar. Sie ist groß … locker 1,80 Meter in ihren Designer-Stilettos. Ihr Haar … ein glatter, platinblonder Vorhang, der aussah, als hätte er nie Spliss gehabt. Sie trug einen maßgeschneiderten weißen Hosenanzug, der wahrscheinlich mehr kostete als mein gesamtes Wohnhaus in Oakhaven, und sie bewegte sich mit derselben räuberischen, fließenden Anmut wie die Spielerinnen auf dem Eis. Sie musste eine Werwölfin sein, eine High-Society-Wölfin aus Silver Creek. Sie war nicht allein; zwei weitere Frauen, ähnlich umwerfend und furchteinflößend, flankierten sie wie elegante, gefährliche Accessoires. Sie lachten gerade noch, als die blonde Frau mich bemerkte. Ihr Lachen verstummte abrupt, und sie ging direkt auf mich zu, während ihre Begleiterinnen sich um sie herum teilten. Ich presste mich an die Wand, klammerte mich an den Stapel Handtücher wie an einen Schutzschild und versuchte, mich so klein wie möglich zu machen. Sie blieb direkt vor mir stehen. Aus der Nähe wirkte sie noch einschüchternder. Sie beschnupperte mich nicht, nicht so offensichtlich wie die Spielerinnen, aber ich sah, wie sich ihre zarten Nasenflügel leicht weiteten. Ihre Lippe kräuselte sich. „Also“, sagte sie. Ihre Stimme war sanft und kühl, wie teure Seide, die über eine Rasierklinge gestrichen wurde. „Du bist das neue Lieblingsprojekt.“ Mir wurde die Kehle trocken. „Ich bin die Hydratationsassistentin“, flüsterte ich und starrte auf den Diamantanhänger an ihrem Schlüsselbein. Sie stieß einen kurzen, verächtlichen Seufzer aus. „Assistentin. Nennt man so heutzutage wohltätige Fälle?“ Eine ihrer Freundinnen kicherte. Die Blondine trat näher und drang in meine Privatsphäre ein. Ihr Parfüm roch aufdringlich, fast erdrückend. „Hör mal zu, Mäuschen“, schnurrte sie mit tieferer Stimme, die von einem subtilen, bedrohlichen Knurren durchdrungen war, das mir die Knie weich werden ließ. „Ich weiß nicht, warum Jaxson so einen Streuner von jenseits der Grenze in unsere Arena gelassen hat. Vielleicht findet er deine Armut kurios oder er mag es einfach, etwas Erbärmliches um sich zu haben, das ihm Wasser holt.“ Mir wurde übel bei Jaxs Namen. „Aber mach es dir nicht zu bequem“, fuhr sie fort, ihre eisigen Augen bohrten sich in meine. „Das ist nicht deine Welt. Du bist ein Schandfleck für diese Einrichtung. Du riechst nach Verzweiflung und billigen Nudeln, und das ist mir zuwider.“ Sie streckte ihre perfekt manikürte Hand aus, deren langer, scharfer Nagel blutrot lackiert war. Sie hakte einen Finger unter den Rand eines der Handtücher, die ich hielt. „Die sind für den Alpha-Captain“, sagte sie leise. „Pass auf, dass du deine armseligen menschlichen Keime nicht darauf verteilst.“ Dann schlug sie mir mit einer schnellen Handbewegung den Stapel Handtücher aus der Hand. Sie verstreuten sich auf dem weichen, dunkelblauen Teppich. Ich keuchte auf und sank instinktiv auf die Knie, um sie aufzusammeln. Mein Gesicht brannte vor Scham. Die blonde Frau … Seraphina, erkannte ich mit einem Mal. Das musste Seraphina sein, die Society-Lady, die Jax zu seiner zukünftigen Luna auserkoren hatte. Sie blickte nicht einmal nach unten. Sie schritt nur zierlich über das von ihr angerichtete Chaos, ihre Absätze klackten scharf auf dem Teppichboden. „Mach das sauber, Mensch“, warf sie mir über die Schulter zu. „Bevor jemand Wichtiges das sieht.“ Ihre Freundinnen kicherten, gingen um mich herum, als wäre ich eine Pfütze schmutzigen Wassers, und folgten ihrer Königin den Flur entlang zur Suite des Besitzers. Ich blieb auf den Knien zurück, meine Hände zitterten unkontrolliert, während ich die Handtücher zusammenraffte. Heiße Tränen brannten in meinen Augen und verschleierten meine Sicht, aber ich weigerte mich, sie fließen zu lassen. „Fünfzig Dollar pro Stunde!“, schrie ich innerlich und stopfte die Handtücher wieder zu einem unordentlichen Stapel zusammen. Ich stand auf, die Handtücher an meine Brust gepresst, mein ganzer Körper bebte vor Scham und ohnmächtiger Wut. Ich hasse sie, ich hasse diesen Ort. Und Gott steh mir bei, ich hasse Jaxson Blackwood dafür, dass er mich jeden Tag wie ein Luchs beobachtet, nur um dann zuzulassen, dass seine eiskalte Freundin mich behandelt, als wäre es etwas, das sie von ihrem Schuh gekratzt hat. Ich drehte mich um und ging zurück in die Waschküche, denn ich musste den Geruch ihres Parfums und meine eigene Demütigung abwaschen. Ich zog den Frotteebezug an und aus. Als ich mich umdrehte, blickte ich hinauf zur Galerie mit Blick auf den Korridor. Jax war da. Er lehnte am Glasgeländer, trug einen Anzug, der mehr kostete als ein Auto, die Arme vor seiner breiten Brust verschränkt. Er sah Seraphina nicht nach, die sich entfernte. Seine goldenen Augen fixierten mich. Sein Kiefer war angespannt, ein Muskel spannte sich in seiner Wange. Er wirkte weder amüsiert noch abweisend. Er sah … wütend aus. Ob er wütend auf Seraphina war, weil sie eine Szene gemacht hatte, oder wütend auf mich, weil ich existierte und das Ganze verursacht hatte, wusste ich nicht und wollte es auch nicht wissen. Ich senkte den Kopf und rannte in die Sicherheit des stinkenden, lauten Geräteraums. ~~~~ Die Luft in der Arena veränderte sich in der Woche vor dem Meisterschaftsspiel. Die Silver Creek Ice Wolves spielten gegen die Thunder Bay Bears … ein Team von der anderen Seite der nördlichen Grenze, mit denen sie eine Rivalität pflegten, die den Streit zwischen den Hatfields und McCoys wie einen harmlosen Familienstreit aussehen ließ. Es geht nicht nur um Hockey, es geht um Revierkämpfe und Urinstinkte. Und ich stecke mittendrin, ein menschliches Spielzeug in einer Höhle voller wütender Wölfe. Die Spieler waren nervös, ihre Geduld kürzer als sonst. Die Checks im Training waren härter, der Aufprall der Körper gegen die Bande hallte wie Donnerschläge wider. Miller sah aus, als stünde er kurz vor einem Herzinfarkt, so sehr brüllte er Befehle, bis seine Stimme nur noch ein heiseres Krächzen war. Aber das Schlimmste an der angespannten Atmosphäre war weder der Lärm noch der Geruch. Es war das Schweigen von Jaxson Blackwood. Seit dem Vorfall mit Seraphina auf dem Flur hatte der Kapitän kein Wort mit mir gewechselt. Er knurrte nicht und grinste nicht höhnisch. Er beobachtete mich einfach. Es fühlte sich weniger wie Beobachtetwerden an, sondern eher wie Gejagtwerden. Ich füllte gerade Wasserflaschen am Waschbecken im Geräteraum, als ich das vertraute Kribbeln im Nacken spürte, wie statische Elektrizität vor einem Blitzschlag. Ich erstarrte, meine Hand umklammerte eine halbvolle Flasche. Langsam drehte ich den Kopf.
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