Der Ruf der Schatten

1713 Words
Die Sonne hatte den Horizont noch nicht erreicht, als das Dorf Hohenmoor erwachte. Es war ein trüber Morgen, und die wenigen Bewohner, die sich bereits aus ihren Häusern wagten, warfen besorgte Blicke in Richtung des Düsterwalds. Der dichte Nebel, der wie ein grauer Schleier über den Feldern hing, schien aus den Tiefen des Waldes zu quellen, als wäre er ein lebendiges Wesen, das sich über die Welt ausbreitete. Niemand sprach es laut aus, aber alle wussten, dass der Wald heute unruhig war. Elya stand am Fenster ihres kleinen Hauses, die Finger um die Kante des Holzrahmens geklammert. Ihr Blick war auf die dunkle Baumlinie gerichtet, die den Wald vom restlichen Land trennte. Seit ihrer Rückkehr hatte sie sich jeden Morgen hierhergestellt und gewartet – auf was, wusste sie selbst nicht genau. Es war eine Woche vergangen, seit ihre Schwester Rina verschwunden war. Eine Woche, seit Elya ihre Schritte in den Düsterwald hatte führen sehen. Niemand hatte sie aufgehalten, niemand hatte sie begleitet. Es gab nur den Wald und die, die töricht genug waren, ihn zu betreten. »Du solltest dich ausruhen.« Die Stimme ihres Großvaters riss sie aus ihren Gedanken. Der alte Mann saß am Tisch, die Hände auf einen Stock gestützt, der mehr als nur ein Gehstock war – er war eine Waffe, ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Seine Augen waren müde, aber wachsam, wie die eines Mannes, der mehr gesehen hatte, als er bereit war zu erzählen. »Ich kann nicht« , antwortete Elya ohne sich umzudrehen. »Ich habe letzte Nacht geträumt. Von ihr.« Der Alte schwieg, und in seinem Schweigen lag Zustimmung. Sie hatten beide diesen Traum gehabt, immer wieder, seit Rina verschwunden war. Die Stimme, die aus der Dunkelheit rief. Der Klang von Rinas Lachen, verzerrt und fremd. Und der Schatten – immer der Schatten. »Der Wald nimmt sich, was er will« , sagte der Großvater schließlich. »Und er gibt nichts zurück.« Elya drehte sich zu ihm um, ihre Augen glühend vor Wut. »Dann bleibt mir keine Wahl. Ich werde sie zurückholen.« Der Alte hob warnend eine Hand. »Du bist nicht bereit. Niemand ist bereit für das, was da draußen lauert.« »Und was soll ich tun? Warten, bis ich auch nur noch ein Flüstern bin, wie sie?« Ihr Großvater schloss die Augen, sein Gesicht schien für einen Moment wie aus Stein gemeißelt. Dann, ohne ein weiteres Wort, griff er unter den Tisch und zog ein Bündel hervor. Es war ein altes, verblichenes Lederriemenpaket. Er legte es auf den Tisch und band es langsam auf. Darin lag eine Klinge, alt und stumpf, aber noch immer bedrohlich. Ein Amulett, das in der Mitte einen schwarzen Stein trug, dessen Oberfläche im trüben Licht schimmerte. Und eine Karte, vergilbt und zerfetzt, die den Wald in schemenhaften Umrissen zeigte. »Wenn du gehst,« sagte er leise, » nimm das mit. Aber ich warne dich: Was du im Wald findest, wird dich nicht zurücklassen.« Elya trat an den Tisch, ihre Hand zitterte leicht, als sie nach dem Amulett griff. »Er hat mich schon gerufen« , sagte sie. »Es gibt kein Zurück.« Elya spürte das Gewicht des Amuletts, als sie es sich um den Hals legte. Der schwarze Stein lag kühl auf ihrer Haut, und obwohl er klein war, fühlte er sich schwerer an, als er sollte. Ihr Großvater hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt, der Blick war leer, als würde er in eine andere Zeit blicken, zu einem Ort, den sie nicht sehen konnte. »Die Karte zeigt dir den Weg« , sagte er schließlich, seine Stimme leise und rau. »Aber sie warnt dich nicht vor dem, was dich erwartet.« Elya nickte stumm, nahm die Karte und rollte sie vorsichtig zusammen. Es war kaum mehr als ein Sammelsurium aus Linien, Markierungen und unleserlichen Anmerkungen, aber sie wusste, dass sie ihr dienen würde – irgendwie. Sie steckte sie in ihre Tasche, warf einen letzten Blick auf ihren Großvater und trat zur Tür. »Elya« , rief er ihr hinterher, als sie die Hand auf die Klinke legte. »Du musst ihn meiden.« »Wen?« Sie drehte sich um, verwirrt über den plötzlichen Ernst in seinen Worten. »Den Wächter.« Seine Augen hatten sich verengt, und seine Finger krallten sich in den Stock, als würde allein der Gedanke an diesen Namen ihn erschüttern. »Wenn du ihm begegnest, lauf. Verstehe das: Lauf, egal was er dir sagt.« Elya wollte fragen, wollte wissen, wen oder was er meinte, doch sie biss sich auf die Zunge. Es war besser, ihn nicht weiter zu bedrängen. Ohne ein weiteres Wort trat sie in die Kälte des Morgens hinaus. Die Luft war schwer und feucht, als sie den Pfad nahm, der aus dem Dorf hinausführte. Die Geräusche der erwachenden Welt klangen hinter ihr leise ab, bis sie nur noch das Rauschen der Blätter und das Knarren der Äste hören konnte. Der Wald lag vor ihr, die Schatten zwischen den Bäumen waren dichter, als sie es am Morgen hätten sein sollen. Elya blieb kurz stehen, ihre Hände verkrampften sich um den Griff ihres Dolches. Der Wind hatte aufgehört, und mit ihm jede Bewegung. Alles schien auf sie zu warten – oder auf das, was sie mitbrachte. Sie atmete tief ein. Schritt für Schritt näherte sie sich der Grenze, an der die Welt aufhörte, vertraut zu sein. Der erste Schritt in den Wald fühlte sich an wie ein Fall. Die Dunkelheit schien sie zu verschlucken, und die Luft wurde kälter, schwerer. Das Licht, das hinter ihr von den Feldern kam, war auf einmal nicht mehr zu sehen, obwohl sie sich erst wenige Meter entfernt hatte. Elya hielt die Laterne hoch und drehte sich langsam um. Die Bäume standen so dicht beieinander, dass sie kaum noch unterscheiden konnte, in welche Richtung sie gekommen war. »Rina« , flüsterte sie in die Stille, ihre Stimme war kaum lauter als ein Gedanke. Etwas knackte in der Ferne, ein Laut, der wie ein gebrochener Ast klang. Elya fuhr herum, ihre Hand umklammerte den Dolch. Die Dunkelheit war absolut, sie konnte nichts erkennen. Dann kam es wieder. Näher. Langsamer. Es war kein Tier, das wusste sie. Die Schritte waren zu schwer, zu bewusst. »Wer ist da?« rief sie, ihre Stimme zitterte trotz ihrer Bemühungen, ruhig zu bleiben. > Keine Antwort. Doch der Wald antwortete nicht. < Sie schluckte die aufkommende Angst hinunter, griff nach der Karte in ihrer Tasche und richtete sich auf. Der Wächter war verschwunden, und die Warnungen ihres Großvaters hallten in ihrem Kopf wider. Doch sie hatte nicht vor, umzukehren. Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen. Der Wald um sie herum blieb still, aber das Gefühl, beobachtet zu werden, wich nicht. Elya wusste, dass dies erst der Anfang war.
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