Elya verharrte einen Moment am Altar. Das goldene Medaillon in ihrer Tasche fühlte sich schwer an, als würde es sich gegen sie stemmen. Der Schatten, der sie vor wenigen Augenblicken beobachtet hatte, war verschwunden, doch die Kälte, die er mit sich gebracht hatte, blieb.
Die Wände der Ruine schienen sich zu verschieben, als sie langsam um den Altar herumging. Ihr Blick wanderte über die eingeritzten Symbole, die in das brüchige Steinpflaster geätzt waren. Einige erkannte sie vage – Zeichen, die in den Märchen ihres Großvaters vorkamen, Geschichten über die alten Wächter des Waldes. Andere waren fremd, so fremd, dass sie ihr fast schwindelig wurden, wenn sie sie zu lange ansah.
Das Feuer in der Mitte des Raums flackerte erneut, als hätte es ihren Gedanken gehört.
»Was bist du?« flüsterte Elya in die Stille, ihre Stimme kaum hörbar.
Die Antwort kam nicht in Worten. Es war ein Gefühl, das sie durchströmte – eine Mischung aus Angst, Trauer und etwas anderem, etwas, das sie nicht benennen konnte.
Elya trat näher an die Wände heran. Auf einer der Flächen, von Ruß und Moos bedeckt, entdeckte sie eine Reihe eingeritzter Figuren: Menschen, Tiere und etwas, das aussah wie ein Baum, aber anders war. Sein Stamm war breit, fast wie ein Tor, und in seiner Mitte war eine einzelne, dunkle Gestalt eingraviert.
Ihr Atem stockte. Die Gestalt trug eine Kapuze. Der Wächter.
Ihre Finger fuhren über die eingeritzten Linien, und plötzlich spürte sie ein Vibrieren unter ihrer Haut, wie ein leiser Puls, der durch die Mauern der Ruine ging.
»Elya …«
Wieder diese Stimme. Sie war näher, drängender.
Sie fuhr herum, doch der Raum war leer. Nichts außer den tanzenden Schatten des Feuers.
Sie spürte, wie ihre Kehle trocken wurde, ihre Hand zitterte, als sie erneut nach ihrem Dolch griff. Es war nicht die Stimme des Wächters, dessen grollender Ton sie vorhin gehört hatte. Es war weicher, vertrauter.
»Rina?« rief sie, doch die einzige Antwort war ein schwaches Echo.
Ihr Blick wanderte zurück zum Altar. Etwas in den eingewickelten Tüchern darauf hatte sich verändert. Es wirkte … lebendig.
Zögernd trat sie näher, der Dolch fest in ihrer Hand. Mit der anderen zog sie langsam an einem der Tücher, das sich wider Erwarten nicht auflöste, sondern nachgab, als wäre es aus frischem Stoff.
Darunter kam eine kleine Schale zum Vorschein, schwarz wie Obsidian und in ihrer Mitte ein feines Muster aus eingeritzten Linien. Sie erkannte es sofort: Es war das gleiche Muster wie auf der Karte ihres Großvaters.
»Das ist unmöglich …«
Die Schale pulsierte leicht, als würde sie atmen. Elya starrte sie an, ihr Herz schlug schneller. Instinktiv griff sie nach der Karte in ihrer Tasche und hielt sie daneben. Das Muster passte exakt.
Ein Gedanke drängte sich in ihren Kopf: Es ist ein Schlüssel.
Doch wozu?
Bevor sie weiter überlegen konnte, wurde die Luft in der Ruine plötzlich schwer. Das Feuer im Raum flackerte erneut, und ein ohrenbetäubendes Dröhnen ließ die Mauern zittern.
Elya taumelte zurück, die Schale in ihrer Hand. Ein Windstoß erfasste sie, obwohl es keinen erkennbaren Ursprung gab, und der Raum begann, sich zu verändern. Die Symbole auf dem Boden glühten in einem unheimlichen Grün, und die Schatten an den Wänden formten sich zu Figuren – schemenhaften Gestalten, die sich auf den Altar zubewegten.
Elya hielt die Schale fester und rief: »Was wollt ihr?«
Die Gestalten blieben stehen, ihre Formen unklar, als wären sie aus Rauch. Doch in ihrem Inneren leuchteten helle Punkte auf, wie Augen, die sie durchdringend anstarrten.
Eine der Gestalten deutete auf die Schale.
Elya schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was das bedeutet!«
Doch die Antwort kam nicht in Worten. Stattdessen sah sie wieder ein Bild in ihrem Kopf: den Baum, der in das Mauerwerk geritzt war, und die Gestalt in der Mitte. Der Wächter.
Und dann Rina.
Sie stand vor dem Baum, das goldene Medaillon in der Hand, und ihre Lippen bewegten sich, als würde sie etwas sagen. Doch Elya konnte die Worte nicht verstehen.
Die Vision brach ab, und Elya fiel auf die Knie, das Pochen in ihrem Kopf wurde lauter.
»Wenn ihr wisst, wo sie ist, dann zeigt es mir!« schrie sie, die Worte hallten von den Wänden wider.
Die Gestalten begannen sich zu bewegen, schwebend und doch zielgerichtet. Sie bildeten einen Kreis um sie herum, während das grüne Licht immer heller wurde.
Elya schloss die Augen, hielt die Schale fest umklammert und wartete auf das Unvermeidliche.
Und dann, plötzlich, war alles still.
Als sie die Augen wieder öffnete, war die Ruine verändert. Die Mauern waren nicht länger zerfallen, und das Feuer brannte nicht mehr auf dem Boden, sondern in einer großen, steinernen Schale, die den Raum erhellte.
Die Schale in ihren Händen war verschwunden.
Und vor ihr, in der Mitte des Raumes, stand der Wächter.
Sein Kapuzenumhang bewegte sich nicht, doch seine leuchtenden Augen waren auf sie gerichtet, eindringlich und gnadenlos.
»Du bist nicht wie sie« , sagte er, seine Stimme ein bedrohliches Grollen.
Elya rang nach Atem, doch sie fand die Kraft, zu antworten. »Was meinst du? Wo ist meine Schwester?«
Der Wächter schwieg einen Moment, dann hob er den Stab, und das Licht im Raum erlosch.
»Folge mir, wenn du bereit bist.«
Und dann war er verschwunden.