Ariennes Sicht
Die Morgensonne ging auf, doch sie vermochte es nicht, die Kälte zu vertreiben, die an mir haftete. Ich hatte kaum geschlafen. Mein Körper schmerzte noch immer von dem seltsamen Brennen an meinem Handgelenk, und meine Träume waren erfüllt von feuerleuchtenden Augen und der Stimme des Mannes, der letzte Nacht erschienen war.
„Dein Mal gehört jetzt mir.“
Die Worte hallten in meinem Kopf wider wie ein Fluch.
Langsam setzte ich mich auf und zog die Knie an meine Brust. Elara schwieg, ihre Präsenz tief in mir zusammengerollt, als hätte sie Angst.
„Warum sprichst du nicht mit mir?“ flüsterte ich.
Endlich erklang ihre Stimme leise und bebend in meinem Geist. „Weil ich es nicht verstehe. Male können nicht gestohlen werden … es sei denn …“
„Es sei denn was?“
„… es sei denn, er ist mehr als ein Wolf.“
Ein Schauer lief mir über den Rücken.
Ich hatte keine Zeit, über ihre Worte nachzudenken. Die Tür zu den Omega-Quartieren flog auf, und Reynas Stimme durchschnitt die Stille. „Arienne! Steh auf. Lady Marielle will dich sehen.“
Mein Magen zog sich zusammen. Ich hatte törichterweise gehofft, dass die Demütigung von gestern vielleicht vergessen worden war. Aber natürlich nicht. In diesem Rudel haftete Schande wie Blut im Schnee – unmöglich, sie abzuwaschen.
Ich erhob mich, glättete mein schlichtes Kleid und folgte Reyna durch den schmalen Gang in den Speisesaal.
Der Raum war bereits voller Wölfe. Lachen, Gespräche, der Duft von Speck und frischem Brot. Ich hielt den Kopf gesenkt, trug Tabletts hin und her und tat so, als hörte ich die Flüstereien nicht.
„Noch immer kein Mal.“
„Sie muss die Göttin erzürnt haben.“
„Glaubst du, sie wird überhaupt einen Gefährten bekommen?“
Meine Hände zitterten so sehr, dass ich beinahe einen Teller fallen ließ.
Dann erklang Marielles Stimme. „Arienne!“
Ich erstarrte.
Sie saß in der Mitte des Tisches, ihr glänzendes Halbmondmal deutlich sichtbar, ihre goldenen Locken perfekt arrangiert. Sie sah aus wie die Luna, die sie so verzweifelt sein wollte. Und sie lächelte – dieses boshafte, wissende Lächeln, das immer Ärger bedeutete.
„Komm her“, befahl sie.
Ich schluckte schwer und gehorchte, das leere Tablett fest an meine Brust gedrückt.
Ihr Blick glitt über mich, blieb an meinem bloßen Handgelenk hängen. „Noch immer nichts. Wie tragisch.“ Sie seufzte dramatisch und neigte den Kopf. „Weißt du, was man sagt? Dass du gar keine richtige Wölfin bist. Dass deine Mutter vielleicht gelogen hat, wer dein Vater war.“
Ein Raunen und unterdrücktes Lachen ging durch den Raum.
Hitze stieg mir ins Gesicht. „Das stimmt nicht.“
Marielles Lächeln wurde schärfer. „Dann beweise es. Zeig uns dein Mal.“
„Ich habe keines“, sagte ich leise.
Das Gelächter wurde lauter und grausamer.
Reyna beugte sich vor. „Vielleicht ist es versteckt. Vielleicht ist es auf ihrem—“
Marielle hob die Hand, spielte die Gütige. „Nein, nein. Demütigt sie nicht noch mehr. Es ist nicht ihre Schuld, dass die Göttin sie verstoßen hat.“
Ich klammerte mich fester an das Tablett. „Die Göttin verstoßt niemanden—“
„Oh?“ Marielle erhob sich anmutig, trat näher, bis ihr Parfüm mir die Luft raubte. Sie beugte sich vor und flüsterte laut genug, dass alle es hören konnten: „Dann sag mir, Arienne. Wo ist dein Mal?“
Ich konnte nicht antworten. Die Wahrheit brannte mir auf der Zunge. Ich hatte es gespürt – es war gestohlen worden. Doch wie hätte ich das erklären sollen, ohne verrückt zu klingen?
Marielle richtete sich auf, Zufriedenheit blitzte in ihren Augen. „Erbärmlich.“
Das Tablett rutschte mir aus den zitternden Händen und krachte zu Boden. Ein Raunen ging durch den Raum.
Marielles Lächeln wurde breiter. „Siehst du? Selbst ihre Hände wissen, dass sie hier nicht hingehört.“
Bevor ich mich rechtfertigen konnte, öffnete sich die Tür, und Alpha Ronan trat ein. Seine imposante Gestalt füllte den Eingang, seine bernsteinfarbenen Augen musterten den Raum mit kühler Autorität.
„Alpha“, sagte Marielle süßlich und setzte sich wieder. „Arienne hat schon wieder ein Tablett fallen lassen.“
Mein Herz sackte ab.
Sein Blick fiel auf mich, scharf wie eine Klinge. „Stimmt das?“
„Ich—“ Meine Stimme versagte.
„Ja, hat sie“, warf Reyna eifrig ein. „Und sie weigerte sich, uns ihr Mal zu zeigen. Sie verbirgt etwas.“
Ein zustimmendes Murmeln ging durch den Raum.
Alphas Kiefer spannte sich. „Arienne, tritt vor.“
Meine Beine fühlten sich wie Stein an, doch ich gehorchte.
Er packte mein Handgelenk, zog meinen Ärmel zurück und entblößte die nackte Haut. Seine Augen verengten sich. „Kein Mal.“
„Es ist noch nicht erschienen“, flüsterte ich. „Etwas … etwas ist passiert—“
„Schweig!“ Sein Knurren ließ die Wände erbeben. „Hältst du mich für einen Narren? Jeder Wolf erhält sein Mal an seinem achtzehnten Geburtstag. Jeder Wolf – außer dir.“
Ich zuckte bei seinem Ton zusammen.
Marielles Stimme triefte vor Gift. „Vielleicht ist sie verflucht, Alpha. Vielleicht bringt sie Schande über unser Rudel.“
„Ja“, stimmte Reyna schnell zu. „Sie sollte bestraft werden. Bevor ihr Fluch sich ausbreitet.“
Mein Herz raste. „Bitte—“
Doch Alpha Ronans Gesicht blieb unbewegt. „Genug. Arienne, du wirst nicht länger im Speisesaal dienen. Ab heute wirst du neu zugewiesen.“
Ein Funken Hoffnung flackerte auf. Vielleicht würde er mich in die Küche oder zu den Ställen schicken – irgendwohin, wo es ruhiger war.
Doch seine nächsten Worte waren wie ein Messerstoß.
„Du wirst die Verliese reinigen.“
Ich keuchte. Die Verliese waren schmutzig, dunkel, von Ratten und Schimmel befallen. Es war die niedrigste, grausamste Aufgabe, die einem Omega auferlegt werden konnte.
Marielles Lächeln strahlte vor Triumph. „Wie passend.“
Meine Brust zog sich zusammen, Scham brannte heißer als Feuer. Doch ich senkte den Kopf und zwang die Worte über meine Lippen. „Ja, Alpha.“
Die Verliese waren schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte. Der Gestank von Moder haftete an meiner Haut, der feuchte Boden betäubte meine Knie, während ich mit einem zerschlissenen Tuch schrubbte. Jedes Kratzen der Bürste hallte in der Stille wider und erinnerte mich an meinen Platz – ganz unten.
Elara winselte leise in mir, ihre Stimme zitternd. „Wir gehören nicht hierher, Arienne. Wir haben nie dazugehört.“
Tränen stiegen mir in die Augen und verschwammen alles vor mir. „Dann wohin gehören wir?“ flüsterte ich mit zugeschnürter Kehle.
„Ich weiß es nicht genau … aber ich habe es gespürt—“
„Das Mal?“ fragte ich hastig, ein Funken Hoffnung durchbrach meine Verzweiflung.
„Nein“, hauchte sie, diesmal fester. „Unser Gefährte.“
Mein ganzer Körper erstarrte. Das war unmöglich. Ohne das Mal gab es keine Möglichkeit, ihn zu spüren. Zumindest hatten wir das immer geglaubt.
„Ich weiß, was du denkst“, sagte Elara, „aber ich habe es heute Abend im Speisesaal gefühlt. Es war schwach, flüchtig … aber ich bin sicher.“
Sie machte keine Scherze. Ich kannte den Unterschied – das hier war echt.
Ein Gewicht, von dem ich nicht gewusst hatte, dass ich es trug, fiel von meiner Brust. Wenn sie recht hatte, wenn mein Gefährte es auch gespürt hatte, dann kämpfte das Band vielleicht nur darum, mich zu erreichen. Vielleicht verstand er. Vielleicht suchte er auch nach mir.
„Wer?“ Meine Stimme bebte, als die Frage aus mir herausbrach. „Wer war es, Elara?“
Elara zögerte, und die Stille zog sich so lange hin, dass sie mich zu erdrücken drohte. Mein Herz pochte in meinen Ohren.
Schließlich antwortete sie. „Es war Alpha Ronan.“