Kapitel 3

875 Words
Ariennes Sicht Die Verliese hatten keine Fenster. Nur Wände, von denen Wasser tropfte, und das endlose Huschen von Ratten. Meine Hände waren wundgescheuert vom Schrubben, meine Lungen brannten vom Modergeruch. Jeder Zug meines Lumpens schien ein weiteres Stück meiner Würde fortzuwischen. Am zweiten Tag hatte ich das Zeitgefühl verloren. Mahlzeiten kamen unregelmäßig – wenn überhaupt. Einmal warf mir ein Diener eine vertrocknete Brotrinde zu und murmelte „Markenlose“, als wäre das mein wahrer Name. Ich konnte immer noch nicht glauben, dass die Mondgöttin mich mit Alpha Ronan verbunden hatte. Elara schwor, es sei wahr, auch wenn ich das Band selbst nicht spürte. Wenn es wirklich so war, würde er vielleicht umdenken. Vielleicht könnte ich erklären, dass mein Mal gestohlen worden war – auch wenn das unglaublich klang. Aber ich musste es wissen. Ich musste sicher sein, dass er es auch fühlte. Am fünften Tag durfte ich die Eimer voller Schmutz hinaustragen. Meine Arme schmerzten, als ich sie über den Hof schleppte, doch auf dem Rückweg erstarrte ich. Dort, über den Trainingsplatz hinweg, stand Alpha Ronan. „Ich spüre es wieder, Arienne“, flüsterte Elara, ihre Stimme bebte vor Hoffnung. „Geh zu ihm.“ Das Ziehen war unbestreitbar. Diesmal stärker. Mit jedem Schritt über das Feld spannte sich etwas in meiner Brust, als zögen unsichtbare Fäden mich näher zu ihm. Vielleicht war mein Band anders. Vielleicht hatte die Göttin mich doch gesegnet. Er stand in der Mitte, beherrschte mit seiner bloßen Präsenz jeden Krieger. Seine Haltung war mühelos. Schweiß glänzte auf seiner Stirn im Sonnenlicht, das seine scharfen Züge betonte und ihn unnahbar wirken ließ. Mein Atem stockte, als sein Blick sich mit meinem verfing. Zum ersten Mal seit Jahren keimte Hoffnung in mir auf. Ein flüchtiges Erkennen lag in seinen Augen. Elara hatte recht gehabt. Das war es. Er würde mich sehen, mich zu sich holen, mich aus diesem Elend befreien und der Welt beweisen, dass ich nicht verflucht war. Ich kümmerte mich nicht darum, dass er mich in die Verliese geworfen hatte. Er hatte es nicht gewusst. Ich konnte ihm vergeben. Meine Füße bewegten sich, ehe ich es bemerkte, mein Herz hämmerte in meiner Brust. Er war alles, wovon ich geträumt hatte – stark, stolz, der Alpha, über den jedes Mädchen im Rotmondrudel flüsterte. Meine Lippen bebten, als ich hauchte: „Gefährte …“ Doch er rührte sich nicht. Sein Gesicht verhärtete sich, sein Blick wurde kalt. Warum? Ich wusste, dass er es spürte. Ich hatte es in seinen Augen gesehen. Lag es daran, dass mir das Mal fehlte? „Alpha Ronan—“, begann ich verzweifelt. Ein scharfer Stoß traf meine Schulter. Ich stolperte vorwärts, fing mich gerade noch. Ronans Ausdruck veränderte sich sofort – das flüchtige Erkennen wich kalter Enttäuschung … und Zorn. Bevor ich etwas sagen konnte, trat Marielle hervor, ihr Lächeln strahlend wie Sonnenschein. „Alpha Ronan!“ rief sie, zuckersüß. Und dann, direkt vor mir, öffnete er die Arme und zog sie an sich. Er küsste ihre Stirn, als stünde ich gar nicht da, als wäre ich Luft. Etwas in mir zerbrach. Ich spürte das Band nicht, aber ich spürte den Schmerz des Verrats. Elara heulte in mir auf, ihre Wut kratzte an meinem Innersten. „Nein – er gehört uns.“ Sie wollte Marielle zerreißen, doch ich wusste, sie war zu schwach. Wenn sie jetzt die Kontrolle übernahm, würde Ronan uns beide vernichten. Jahrelang hatte ich von diesem Moment geträumt – von einem Gefährten, der mich lieben und erkennen würde. Doch wie mein gestohlenes Mal wurde auch das mir entrissen – diesmal durch Marielles selbstzufriedenes Lächeln und Ronans kalte Gleichgültigkeit. Tränen brannten in meinen Augen. Marielle drehte sich zu mir um, ihr Blick schnitt wie eine Klinge. „Und wie bist du aus dem Verlies gekommen?“ Ihre Stimme traf mich unvorbereitet. Ich hatte nicht an meine Strafe gedacht. Ich hatte nichts bedacht – ich hatte alles auf meinen Gefährten gesetzt. „Nun?“ Ronans Stimme hallte über den Platz, tief und gefährlich. „Ist deine Zunge gelähmt?“ Hitze stieg mir ins Gesicht. Meine Kehle schnürte sich zu. Ich senkte den Blick, Scham überflutete mich. Ich war töricht gewesen zu hoffen. Ich hätte es besser wissen müssen. „Zu denken, dass ein markenloses Ding wie du es wagt, hier zu stehen,“ spottete Marielle. „Solltest du nicht im Verlies verrotten?“ „Ich kam nur, um den Schmutz hinauszuwerfen,“ flüsterte ich. Ihre Lippen verzogen sich zu einem kalten Lächeln. „Das hier sieht nicht wie eine Müllgrube aus.“ „Es tut mir leid,“ murmelte ich und verneigte mich hastig, bevor ich mich umdrehte. Die Wachen packten mich auf Ronans Befehl hin und schleppten mich zurück in das Verlies, fesselten mich enger als zuvor – ohne Essen. Ich kauerte mich in die Ecke, die Knie an die Brust gedrückt, der Boden eiskalt unter meiner Haut. Tränen liefen lautlos über mein Gesicht. Gab es keinen Ausweg? Seine Ablehnung war nicht einmal ausgesprochen, doch ich fühlte sie, als würde sie mich innerlich zerreißen. Sein Blick, sein Schweigen, die Art, wie er durch mich hindurchsah – es war schlimmer als Worte. Vielleicht lag es daran, dass ich kein Mal trug. Vielleicht war ich für ihn wirklich nichts. Plötzlich kreischte die Tür auf.
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