Als Waise im Rotmondrudel geboren zu werden, war schon immer schwer gewesen. Laut Alpha Ronans Vater, dem früheren Alpha, starb meine Mutter bei meiner Geburt, und mein Vater, vor Kummer gebrochen, verließ das Rudel. Jahre später kam die Nachricht von seinem Tod.
Der alte Alpha war gnädig gewesen und erlaubte mir, im Rudelhaus zu bleiben. Er gab mir Unterkunft, Kleidung und Essen. Doch an dem Tag, als Ronan die Führung übernahm, änderte sich alles. Er nahm mir das Wenige, das mir geblieben war, nannte mich eine Dienerin und sagte, wenn ich essen wolle, müsse ich dafür arbeiten.
Die Tür zum Verlies quietschte und riss mich aus meinen Gedanken. Ich hob den Kopf – und erstarrte.
Marielle.
„Na sieh mal einer an“, höhnte sie, als sie eintrat. „Die markenlose Schlampe, die hier weint wie ein Kind.“
Ich wich zurück, zitternd, während Elara in mir kratzte, bettelnd, sie anzuspringen.
„Zu denken, dass du das Gefährtenband ohne ein Mal spüren kannst …“ Ihre Stimme triefte vor Spott. „Du bist wirklich verflucht.“
Mein Kopf schnellte hoch. Sie wusste es?
„Oh, überrascht?“ Marielle hockte sich hin, ihr Gesicht nur Zentimeter von meinem entfernt. Sie grinste. „Ronan weiß es auch. Natürlich wirst du ohne dein Mal nie wirklich mit ihm verbunden sein. Aber das spielt keine Rolle. Er will dich nicht. Für ihn wirst du immer nichts sein. Eine markenlose Schande. Bald wird er dich verstoßen – und wenn er es tut, wirst du dir wünschen, nie geboren zu sein.“
Ihre Worte schnitten tiefer als jede Peitsche.
„Und wenn du jemandem davon erzählst …“ Ihre Stimme senkte sich bedrohlich. „Irgendwem überhaupt – dann wirst du es bereuen.“
Ich nickte schwach, zu verängstigt, um zu sprechen.
„Gut.“ Sie richtete sich auf, zufrieden, und grinste herablassend. „Bleib hier, bis du deinen Platz gelernt hast.“ Mit einem Knall fiel die Tür ins Schloss und ließ mich zitternd in der Dunkelheit zurück.
In der siebten Nacht änderte sich alles.
Ich lag zusammengerollt auf dem kalten Boden und fror, als sich die Tür erneut mit einem Kreischen öffnete. Das Fackellicht enthüllte Reyna, deren Lippen sich zu einem grausamen Grinsen verzogen.
„Steh auf“, fauchte sie.
Jeder Muskel in meinem Körper schmerzte, doch ich kämpfte mich hoch. „Warum?“
„Alpha Ronan hat über dein Schicksal entschieden.“ Ihre Hand packte fest meinen Arm. „Du wirst weggegeben.“
Eis kroch durch meine Adern. „Weggegeben?“
„An einen anderen Alpha. Einen, der selbst die Markenlosen nimmt. Anscheinend bist du doch noch als Tauschware nützlich.“
„Nein … ich werde nicht—“
Ihre Hand schlug mir ins Gesicht, heißer Schmerz brannte sofort.
„Du hast keine Wahl“, zischte sie. „Hattest du nie.“
Sie schleifte mich durch die Gänge, ihre Nägel bohrten sich in meine Haut. Meine Rippen prallten gegen die Wand, Schmerz schoss durch meine Seite. „Du solltest dankbar sein“, spie sie. „Immerhin will dich jemand. Besser, als hier unten zu verrotten.“
Dankbar? Dafür, wie Vieh gehandelt zu werden? Ich schluckte die Tränen hinunter.
Als wir die obere Halle erreichten, zog sich mein Magen zusammen. Marielle stand neben Alpha Ronan, strahlend vor Stolz, ihr Gefährtenmal leuchtete wie eine Krone. Als sich unsere Blicke trafen, dehnte sich ihr Lächeln zu blankem Gift.
„Bereitet sie vor“, befahl Ronan.
Reyna zerrte mich ins Badehaus. Sie zogen mich aus, schrubbten meine Haut wund und warfen mir saubere Kleidung zu. Ich wusste nicht, was sie vorhatten, aber ein dumpfes Grauen lag in meinem Bauch.
Marielle rauschte herein, ihr Lächeln scharf wie eine Klinge. „Perfektes Timing“, schnurrte sie. „Das unerwünschte Mädchen ist vorbereitet.“
Sie schlug mit der Hand gegen den Spiegel. Glas zersprang, Blut perlte aus ihrer Hand.
„Was tust du—“ stieß ich hervor und machte einen Schritt nach vorn.
Schwere Schritte hallten.
„Was geht hier vor?“ Ronans Stimme grollte durch den Türrahmen. Für einen Herzschlag flackerte törichte Hoffnung in mir auf. Kam er, um mich zu verteidigen?
„Alpha Ronan!“ Marielles Ton wurde im selben Moment zuckersüß. „Arienne hat mich gestoßen. Ich bin gegen den Spiegel gefallen. Sieh nur.“ Sie hielt ihm ihre blutende Hand hin.
„Nein – das stimmt nicht!“
„Sei still!“ Ronans Brüllen ließ die Wände beben. Seine Wut brannte sich in mich. Törichtes Mädchen. Ich hatte geglaubt, er würde mich retten.
„Bringt sie weg. Zwanzig Hiebe“, befahl er kalt.
Mein Blut gefror. Zwanzig Peitschenhiebe? Ich würde das nicht überleben.
Die Wachen schleppten mich hinaus. Meine Handgelenke wurden an Pfosten gebunden, mein Körper aufgerichtet. Die Peitsche zischte und riss über meinen Rücken. Blut spritzte.
Der zweite Schlag ließ mich beinahe zusammenbrechen. Meine Sicht verschwamm, Tränen liefen über mein Gesicht. Nach zwei Hieben war ich schon am Ende – ich würde keine zwanzig überstehen.
„Halt!“ Marielles Stimme hallte durch den Hof.
Sie trat vor, die Augen funkelnd vor Triumph. Sie hob mein Kinn und schlug mir mit der flachen Hand ins Gesicht. Der Schmerz explodierte, mein Blick verschwamm, Metallgeschmack füllte meinen Mund.
„Alpha Ronan hat dir die Hiebe erlassen“, höhnte sie. „Er hat mir das Recht gegeben, dich zu bestrafen.“
Ihre Hand traf mich erneut, härter. Meine Zähne klapperten. Mein Kleid riss, als sie mich am Kragen packte, ihre Wut überkochend.
Ich schluchzte, mein Körper brach unter der Qual zusammen. Mein Kopf hing schlaff, als sie mich zurück ins Verlies schleiften.
Später öffnete sich die Tür erneut. Der Rudelarzt trat ein, sein Blick kühl.
„Luna Marielle hat mich geschickt“, murmelte er. „Das hier wird die Wunden heilen, aber die Narben bleiben.“ Er warf mir die Salbe wie Abfall zu und ging.
Noch einmal öffnete sich die Tür – und diesmal trat Ronan selbst ein. Seine Augen verengten sich, seine Lippe verzog sich.
„Wie konnte die Mondgöttin dich für mich wählen?“ Seine Stimme tropfte vor Ekel. „Es muss ein Irrtum sein. Du bist erbärmlich.“
Wut flackerte in mir auf, schwach, aber heiß. „Ich bin nicht erbärmlich“, krächzte ich. „Du bist es. Du verleugnest deine eigene Gefährtin.“
Ein tiefes Knurren vibrierte aus seiner Brust. Im nächsten Moment schloss sich seine Hand um meinen Hals, hob mich vom Boden.
„Wie wagst du es, so mit deinem Alpha zu sprechen? Du hast kein Mal. Du bist eine verfluchte, wertlose Omega.“ Sein Griff zog sich zu, bis ich nach Luft schnappte.
„Ronan!“ Marielles Stimme schnitt durch die Luft. Sie stürzte herein, legte die Hand auf seinen Arm. „Töte sie nicht. Morgen geht sie für immer.“
Er stieß mich zu Boden und trat zurück, knurrend. Dann kamen die Worte.
„Ich, Alpha Ronan Ross vom Rotmondrudel, verstoße dich, Arienne Winter, als meine Gefährtin.“
„Nein!“ Mein Schrei zerriss die Luft, als Schmerz wie Feuer in meiner Brust explodierte, mein Herz verbrannte, mein Inneres zerriss. Ich brach zusammen. Durch verschwommene Tränen sah ich, wie sie gemeinsam hinausgingen – Marielle lächelnd, Ronans Hand in ihrer.
Ihre Stimme hallte zurück, ehe die Tür zuschlug. „Reyna wird sie morgen ankleiden.“
Als ich wieder zu mir kam, hatte die Taubheit mich verschluckt. Elara hatte geheult, bis ihre Stimme versagte, dann war sie verstummt – tief in mir verkriecht, unerreichbar. Ihr Schmerz war schlimmer als meiner.
Der Morgen dämmerte. Licht sickerte herein, kalt und gleichgültig. Reyna trat ein, eine Schachtel in der Hand, eine Magd hinter ihr.
Sie packte meinen Arm grob. „Aufstehen. Luna Marielle sagte, du sollst dich anziehen. Kein Bad diesmal. Hier, nimm den Lappen.“
Ein feuchter Lappen flog mir entgegen. Ich wischte das Blut von meiner Haut, dann warf sie mir ein Kleid zu.
„Trag das. Der Alpha wird in einer Stunde hier sein.“
Mein Atem stockte. Welcher Alpha? Und warum wollte er mich sehen?
Das Kleid hing lose an meinen Schultern, roch schwach nach Marielles Parfüm. Reynas Grinsen wurde schärfer. „Seltsam, nicht wahr? Er hat ausdrücklich nach dir verlangt. Die markenlose Omega. Du kannst dich glücklich schätzen – du wirst das Rudel doch noch stärken.“
Mein Magen verkrampfte sich, als sie mich zur Haupthalle zerrte.
Die Türen des Rudelhauses schwangen auf. Ein kalter Wind wehte herein, schnitt mir durch die Knochen.
Und da war er.
Groß. Breitschultrig. In Schwarz gehüllt, eine Präsenz, die den Raum verschlang. Dunkles Haar fiel in Wellen, doch es waren seine Augen, die mir den Atem raubten – glutrot, brennend, auf mich gerichtet, als gäbe es nichts anderes auf der Welt.
Meine Knie gaben nach.
Der Mann aus meinen Träumen. Der, der mein Mal gestohlen hatte.
Schweigen legte sich über den Saal. Selbst die Krieger erstarrten.
„Alpha Kael“, begrüßte Ronan ihn steif und neigte den Kopf. Furcht schwang in seiner Stimme. „Willkommen.“
Kael beachtete ihn nicht. Sein Blick blieb auf mir.
„Das ist sie.“
Ein Raunen ging durch die Menge. Er kam ihretwegen? Aber sie hat kein Mal. Warum sie?
Kael trat näher, überragte mich. Aus der Nähe war er atemberaubend – auf gefährliche Weise. Sein Duft hüllte mich ein, nach Kiefer und Asche, wild und fremd.
Und ich wusste, mein Leben würde nie wieder dasselbe sein.