Kapitel 5

943 Words
Kaels Sicht Die Luft im Rudel des Rotmondes stank nach Schwäche. Parfümierte Höflinge mit weichen Händen, Krieger, die es nicht wagten, mir in die Augen zu sehen, und ein Alpha, dessen Rückgrat sich bog wie nasses Holz. Ich konnte ihre Angst riechen, und sie widerten mich an. Aber sie … Sie war der einzige Duft, der mich interessierte. Selbst ohne Mal brannte sie heller als jeder andere im Saal. Arienne. Der kleine Wolf klammerte sich an ihr Handgelenk, als könnte sie verbergen, was ich bereits in mir trug. Ihr Mal. In der Nacht gestohlen, während sie schlief, von ihrer Haut gezogen und durch Magie gebunden, die älter war als das Blut ihrer Ahnen. Es pulsierte nun schwach, eingraviert über meinem Schlüsselbein, lebendig, wo alle anderen erloschen waren. Das war der Unterschied. Jedes Mal, das ich zuvor genommen hatte, war nichts als Nahrung gewesen – hell für einen Moment, dann stumpf, zu Asche zerfallend in mir. Mein Fluch verlangte es. Wenn ich mich nicht von Seelenbanden nährte, welkte meine Stärke, mein Körper verrottete, und die Dunkelheit fraß an mir, bis nichts als Staub blieb. Jahrhundertelang war ich ein Dieb des Schicksals gewesen. Ein Jäger, der die Liebe selbst verschlang. Aber ihres war anders. Ariennes Mal war nicht verwelkt. Es glühte, widersetzte sich mir, band uns auf eine Weise, die ich nicht erwartet hatte. Anstatt den Fluch zu stillen, rührte es etwas Tieferes in mir. Hunger, ja. Aber auch … Verlangen. Das Letzte, was ich gebrauchen konnte. „Alpha Kael“, sagte Ronan erneut mit gespannter Stimme. „Das Mädchen gehört Euch, wie versprochen. Betrachtet es als Geste des guten Willens zwischen unseren Rudeln.“ Ich richtete meinen Blick auf ihn, und er zuckte zusammen. Erbärmlich. „Sprich nicht, als hättest du eine Wahl gehabt“, sagte ich kalt. „Sie gehörte mir in dem Moment, als ich nahm, was du niemals hättest beschützen können.“ Ein Raunen ging durch den Saal, doch ich ignorierte es. Meine Aufmerksamkeit galt wieder ihr. Sie zitterte, die Augen weit geöffnet, die Lippen leicht geöffnet, als würde jeder Atemzug schmerzen. Angst strömte in Wellen aus ihr. Und doch … sie brach nicht zusammen. Flehte nicht. Senkte nicht den Blick wie die anderen. Sie sah mir in die Augen. Trotzig, selbst in ihrer Angst. Die meisten nässten sich vor Furcht, wenn sie nur vor mir standen – sie glaubten, ich sei unsterblich, weil ich seit Jahrhunderten lebe. Ich vernichte Rudel im Alleingang. Niemand wagt es, mir im Weg zu stehen. Aber sie steht da – aufrecht, stolz. Mein Wolf nickte anerkennend. Ronan räusperte sich. „Wenn das alles ist—“ „Ist es nicht.“ Meine Stimme durchschnitt seine Worte, brachte den Saal zum Schweigen. „Ihr werdet nie wieder von ihr als Verfluchte sprechen. Verstanden?“ Ronans Kiefer spannte sich. „Ja, Alpha Kael.“ Gut. Ich trat näher an Arienne heran, senkte die Stimme, sodass nur sie mich hören konnte. „Dein Rudel hat dich verschenkt wie verdorbenes Fleisch“, murmelte ich. „Aber ich werde dich nicht vergeuden. Du kommst mit mir.“ Ihre Lippen zitterten. „Und wenn ich mich weigere?“ Ich beugte mich zu ihr hinunter, ließ ihren Duft über mich hinwegfluten. Mein Mal pulsierte, glühte schwach im Einklang mit ihrem unsichtbaren. Das Band zog an uns, unausweichlich. „Das wirst du nicht.“ ***** In jener Nacht, nachdem der Vertrag unterzeichnet und Ronan sich in falschen Mut getrunken hatte, verließ ich die Halle. Mein Beta, Dorian, folgte mir schweigend. „Sie ist nur eine Omega“, sagte er schließlich. „Bist du sicher, dass sie all diesen Ärger wert ist?“ Ich blieb stehen und richtete meinen Blick auf ihn. „Zweifelst du an mir?“ Sein Adamsapfel hüpfte, aber er wich meinem Blick nicht aus. Mutig, ausnahmsweise. „Ich zweifle an ihr. Sie ist schwach. Zerbrechlich. Nicht wie die anderen, die du genommen hast.“ „Eben deshalb“, sagte ich. Er runzelte die Stirn. Ich öffnete mein Hemd und offenbarte das schwache Leuchten des Mals auf meiner Haut. Seine Augen weiteten sich. „Es lebt noch“, sagte ich leise. „Jede andere Bindung, die ich verschlungen habe, verwandelte sich binnen eines Tages in Asche. Ihre widersteht mir. Verstehst du, was das bedeutet?“ Dorians Schweigen sagte mir, dass er es tat. „Der Fluch kann gebrochen werden“, fuhr ich fort. „Sie ist der Schlüssel.“ Er senkte den Kopf. „Dann nimmst du sie also mit uns.“ „Ja. Sie wird meine Braut.“ ***** Später, allein in der Dunkelheit meiner Gemächer, fuhr ich mit den Fingern über das glühende Mal. Sein Brennen kroch mir in die Knochen, eine Leine, die mich zu ihr zog, auch wenn ich mich wehrte. Die Mondgöttin hatte mich vor langer Zeit verflucht – für Verrat, für Sünden, an die ich mich kaum noch erinnern wollte. Mein Blut war verdammt, meine Existenz zu ewigem Hunger verzerrt. Ich hatte unzählige Seelenbande getötet, nur um zu überleben. Aber jetzt … Jetzt hielt ich ein Stück Schicksal in meinen Händen, das nicht sterben wollte. Arienne. Das Mal verband uns beide. Die Frage war nicht, ob sie zu mir kommen würde. Sie hatte längst keine Wahl mehr. Die Frage war, ob sie mich retten würde. Ich schloss die Augen, atmete langsam aus, während der Hunger wieder erwachte. Ein einziger Geschmack. Das wäre alles, was es brauchte. Aber wenn ich ihre Bindung ganz verschlang, wenn ich den Fluch sie verzehren ließ wie so viele andere … Sie würde das Jahr nicht überleben. Und zum ersten Mal seit Jahrhunderten war ich mir nicht sicher, ob ich diesen Gedanken ertragen konnte.
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