Brandons Sicht
„Wie lange denkst du, wird sie schlafen?“ fragte ich und durchbrach die Stille.
Kelly warf einen Blick auf Amelias immer noch ruhige Gestalt. „So lange, wie ihr Körper es braucht. Ruhe ist die beste Medizin.“
Ich nickte, obwohl die Stille schwer auf mir lastete. Das Knistern des Feuers füllte den Raum, und ich machte mich an die Teetassen, die ich eingeschenkt hatte.
„Die letzten Tage müssen nicht einfach für dich gewesen sein“, sagte Kelly sanft, ihre scharfen Augen auf mir.
„Mir geht’s gut“, murmelte ich und schob eine dampfende Tasse zu ihr über den Tisch.
Sie musterte mich einen Moment, dann fragte sie: „Wo hast du geschlafen?“
Die Frage traf mich unvorbereitet. Mein Blick glitt zum Sessel, dann zum Bett, bevor ich zugab: „Ich bin ein paar Nächte im Sessel eingenickt … aber meistens im Bett.“ Hitze kroch mir den Nacken hinauf. „Nur, weil ich in der Nähe bleiben musste, falls sie mich braucht.“
Kellys Lippen formten ein wissendes Lächeln, doch sie drängte nicht.
„Es läuft nichts“, sagte ich schnell.
„Natürlich“, entgegnete sie, der Ton bewusst leicht. Aber ihr Grinsen blieb, während sie an ihrem Tee nippte.
Wir tranken schweigend, das Feuer knisterte zwischen uns. Nach einer Weile trieb mich die Unruhe auf die Beine, und ich begann, Sandwiches aus dem Brot und Käse zuzubereiten, den sie gebracht hatte.
„Bleibst du zum Mittagessen?“ fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf und zog die Handschuhe an. „Nein, ich sollte zurück. Nach dem Sturm ist das Krankenhaus überlastet. Jede Hand wird gebraucht.“
„Wann bist du zurück?“
„In drei Tagen, um ihre Nähte zu entfernen. Bis dahin mach einfach weiter, wie du es tust.“ Sie stand auf, zog ihre Parka fest.
Gerade als Kelly die Tür öffnete, rührte sich Amelia. „Bleib noch ein bisschen“, murmelte sie, die Stimme heiser vom Schlaf.
Kelly hielt inne, zeigte ein weiches Lächeln, schüttelte dann aber den Kopf. „Sie brauchen mich. Drei Tage“, versprach sie, dann trat sie hinaus in die Kälte.
Die Hütte versank wieder in Stille. Amelias Blick fand meinen.
„Ich habe Sandwiches gemacht“, sagte ich, versuchte beiläufig zu klingen. „Hungrig?“
„Klar.“ Vorsichtig bewegte sie sich vom Bett zum Tisch, immer noch ihren Knöchel schonend.
„Kelly ist nett“, bemerkte ich.
„Ja. Sie hat mir geholfen, diese Hütte einzurichten, und sie hält mich mit ihren Einkäufen am Leben. Ich habe Glück mit ihr gehabt.“ Amelias Lächeln war schwach, aber echt.
Ich zögerte, dann fragte ich: „Und du? Hast du Familie? Irgendwen in der Nähe?“
Ihre Hand hielt inne. Sie sah nach unten. „Meine Familie interessiert sich wahrscheinlich nicht einmal, wo ich bin.“
Die Worte trafen mich wie ein Schlag. Schuldgefühle stachen — ich hätte nicht drängen sollen.
„Es tut mir leid“, sagte ich leise.
Ihre Augen blieben auf ihren Händen. „Früher war ich ihnen nahe. Jetzt nicht mehr.“
Dann, als hätte sie es zu lange mit sich getragen, richtete sie sich auf und sprach in ruhiger, bewusster Stimme.
„Mein Name ist Amelia Stern. Meine Eltern sind Ruth und Jeff Stern — Direktor:innen von Stern Hedge Fund Management.“ Ihr Kiefer spannte sich. „Letztes Jahr haben sie ihren Rücktritt bekannt gegeben und mich zur Direktorin ernannt. Zwei Monate später brach das Unternehmen zusammen.“
Der Name ließ mich zusammenzucken. Stern. Jeder in London kannte ihn. Der Skandal war überall gewesen — der Untergang eines Finanzimperiums. Aber ich hätte nie gedacht, dass die Frau, die in dieser Berghütte hockte, **diese** Amelia Stern sein könnte.
Ich saß wie gelähmt da, unsicher, was ich sagen sollte. Sie beobachtete mich, wartete.
Schließlich fragte ich: „Was ist passiert?“
Ihre Schultern sanken. „Das frage ich mich die ganze Zeit. Die Firma florierte unter meinen Eltern jahrelang. Dann übernehme ich, und alles bricht zusammen. Kunden verlieren alles. Ich hätte es kommen sehen sollen. Verhindern sollen. Dafür haben sie mir vertraut.“
„Das kannst du nicht allein tragen“, sagte ich, beugte mich vor. „Die Märkte sind volatil. Jeder in dem Geschäft weiß das.“
„Nein. Es war meine Verantwortung. Ich habe sie im Stich gelassen.“
„Geben dir deine Eltern die Schuld?“
Ihr Lachen klang hohl. „Seitdem haben sie nicht mehr mit mir gesprochen. Meine Anrufe ignoriert. Das letzte, was ich hörte, sie fliegen nach Bali für einen weiteren Honeymoon.“ Sie presste die Lippen zusammen. „Aber sie wissen es. Jeder weiß es.“
Ihr Atem kam ungleichmäßig, die Augen glänzten. Ohne nachzudenken trat ich an ihre Seite und legte einen Arm um ihre Schultern. Sie wehrte sich nicht. Stattdessen legte ihr guter Arm sich um meinen Rücken, und für einen Moment lehnte sie sich in mich hinein.
Dann zog sie sich zurück, blinzelte heftig. „Könnte ich noch ein paar Schmerzmittel haben, Brandon?“
Ich holte die Tabletten und Wasser, sah zu, wie sie sie schluckte.
„Wir werden bald mehr Feuerholz brauchen“, fügte sie zügig hinzu, als wollte sie ihr Geständnis wieder verschließen.
Ich zog meinen Mantel an und trat hinaus in die beißende Kälte. Die Bergluft schnitt scharf in die Lungen, während ich heruntergefallene Äste sammelte. Doch meine Gedanken waren woanders.
Amelia Stern. Der Name trug Gewicht, Skandal, Ruin.
Aber die Frau in ihr war nicht die Karikatur, die die Schlagzeilen gemalt hatten — sie war zerbrochen, ja, aber da war noch mehr. Etwas passte hier nicht.
Als Datenanalyst lebte ich in Wahrscheinlichkeiten und Mustern. Und irgendetwas an ihrer Geschichte stimmte nicht.
Hätte ich Laptop und Internet gehabt, hätte ich vielleicht nachverfolgen können, was wirklich mit ihrer Firma passiert war. Marktcrashs kommen nicht aus dem Nichts. Nicht so.
Etwas anderes versteckte sich unter den Trümmern.
Und aus Gründen, die ich nicht zu genau hinterfragen wollte, wollte ich es finden — für sie.