Der Regen kümmert sich nicht darum, dass ich blute.
Er prasselt kalt und schwer herab, durchnässt meine Jacke, klebt mir die Haare platt ins Gesicht und rinnt mir in kleinen Rinnsalen den Nacken hinunter. Meine Turnschuhe sind schon ruiniert – ich spüre, wie das Wasser bei jedem Schritt zwischen meinen Zehen quillt –, aber ich bleibe nicht stehen. Ich kann nicht stehen bleiben. Anhalten hieße, mich umzudrehen. Umdrehen hieße, zu sehen, wie nah er ist.
Und ich weiß schon, dass er nah ist. Ich kann ihn hören.
„Mara.“ Seine Stimme durchdringt den Regen, als gehöre er ihm. Als gehöre ihm alles, sogar der Klang meines Namens. „Mara, tu das nicht.“
*Tu das nicht.* Als ob ich etwas falsch gemacht hätte. Als wäre ich das Problem hier, renne ich um elf Uhr abends durch die Straße, meine linke Wange pocht, mein Herz hämmert so heftig gegen meine Rippen, dass ich es im Hals spüre. Das haben mir die vier Jahre mit Daniel beigebracht – dass, wenn etwas nicht stimmte, es irgendwie immer an mir lag.
Ich biege in die Birch Street ein und verhakte mich mit dem Fuß an der Kante eines kaputten Gullydeckels. Ich stürze hart – mit dem Knie zuerst auf dem nassen Asphalt, beide Hände schrammen über den Boden, der Inhalt meiner Tasche ergießt sich in einer kleinen, traurigen Explosion nach vorn. Lippenbalsam. Ein Bleistift. Mein Skizzenbuch, aufgeschlagen und den Regen aufsaugend, als wäre es durstig.
„Nein –“ Ich greife zuerst danach. Ich denke gar nicht nach, ich schnappe mir einfach das Skizzenbuch, ziehe es an meine Brust und rappele mich auf. Mein Knie schmerzt. Meine Hände brennen. Ich sehe sie nicht an.
„Da bist du ja.“
Ich drehe mich langsam um. Nicht, weil ich es will. Weil mein Körper mir schon sagt, dass es keinen Sinn mehr hat zu rennen. Er steht drei Meter entfernt im orangefarbenen Licht einer Straßenlaterne, die Hände locker an den Seiten, den Kopf in dieser typischen, geduldigen, fast sanften Haltung geneigt – eine Haltung, die mir früher Sicherheit gab und mir jetzt ein flaues Gefühl im Magen bereitet.
Daniel ist gutaussehend. Das war schon immer das Problem. Er hat dieses Gesicht, das sofort Vertrauen weckt, mit seinen klaren Gesichtszügen und dem gewinnenden Lächeln, und genau dieses Gesicht setzt er jetzt ein – sanfte Augen, ein leicht verletzter Ausdruck, die Fassade eines Mannes, der einfach nur reden will.
„Du bist gestürzt“, sagt er und nickt auf mein Knie.
„Mir geht’s gut.“
„Dir geht’s nicht gut, du bist klatschnass und blutest.“ Er macht einen Schritt auf mich zu. „Lass mich mal sehen.“
„Lass es.“ Das Wort klingt härter, als ich es beabsichtigt hatte. Eher wie eine Mauer als eine Bitte.
Er bleibt stehen. Etwas verändert sich hinter seinen Augen – nur für einen Augenblick, nur ein kurzes Aufblitzen – und ich sehe es. Das, was sich hinter dem sanften Gesicht verbirgt. Das, was ich mir zwei Jahre lang eingeredet habe, ich würde es mir nur einbilden.
„Ich will nur reden“, sagt er. „Mehr verlange ich nicht. Fünf Minuten.“
„Das hast du vor meiner Wohnung gesagt, und dann hast du …“ Meine Stimme bricht. Ich hasse es, dass sie bricht. Ich presse die Lippen zusammen und versuche es erneut. „Ich will nicht mit dir reden, Daniel.“
„Das meinst du nicht so.“
„Doch.“
„Du bist aufgebracht.“ Er macht einen Schritt weiter. „Du sagst immer Dinge, die du nicht so meinst, wenn du aufgebracht bist, und dann gibt es morgen …“
„Es gibt kein Morgen.“ Meine Stimme zittert jetzt, und ich kann sie nicht mehr unterdrücken. „Es ist aus. Seit drei Monaten. Lass mich in Ruhe.“
Er lacht. Es ist ein leises, schreckliches Lachen. „Dich in Ruhe lassen.“ Er sagt es, als wäre es das Lustigste, was er die ganze Woche gehört hat. „Mara. Schatz. Du meinst doch nicht etwa …“
„Sie hat gesagt, lass sie in Ruhe.“
Die Stimme kommt von hinten. Leise. Monoton. Nicht ein bisschen lauter, ohne jegliche Betonung – einfach eine Tatsache, die wie ein Stein ins Wasser fällt, mitten in den Regen.
Ich drehe mich um.
Ein schwarzer SUV steht am Bordstein, den ich nicht hatte anhalten hören. Die Fahrertür ist offen. Ein Mann steht im Spalt zwischen Tür und Auto und sieht Daniel mit einer Art von Stille an, die sich gar nicht wie Stille anfühlt. Es wirkt, als würde etwas ganz bewusst festgehalten. Wie der Moment, bevor eine Tür zuschlägt.