4.

4159 Words
Sebastian "Und dieser Freddy ist also dein bester Freund?", frage ich als Daisy und ich nebeneinander vor der Theke stehen und darauf warten, dass der Konditor mit der bestellten Torte zurückkommt. Sie nickt. "Ja genau. Wir kennen uns seit der Grundschule." Überrascht ziehe ich die Augenbrauen hoch. "Ernsthaft?" Sie nickt erneut. "Wow! Das ist ne lange Zeit." "So wie du das sagst klingt es, als wäre ich schon ur-alt." Mist! Fettnäpfchen. Schnell beeile ich mich zu sagen, "Quatsch. So meine ich das nicht. Aber du musst zugeben, es ist ungewöhnlich, dass zwei Menschen ihr ganzes Leben schon befreundet sind und noch immer in Kontakt stehen." "Oh, das was wir haben, ist mehr als nur in Kontakt stehen.", erwidert sie lachend.  Bevor ich etwas erwidern kann kommt der Konditor zurück. In den Händen hält er eine rechteckige Tortenschachtel. "Voila. Da ist sie.", verkündet er fröhlich.  Begeistert klatscht Daisy in die Hände. "Sie ist perfekt! Dankeschön!" Erfreut, dass sein Kunstwerk so gut ankommt strahlt der Bäcker sie an. Schnell, ehe das gute Stück in der Schachtel verschwindet werfe ich selbst auch noch einen Blick auf die Torte. Tatsächlich, sie ist wirklich außergewöhnlich. Rechteckig, dreistöckig und vollkommen golden. Verziert ist sie mit unzähligen pinken Herzchen. Mein Fall wäre es ja nicht gerade. Angewidert verziehe ich den Mund und enthalte mich meiner Meinung. Doch gerade da will Daisy von mir wissen, wie ich sie finde. Stammelnd antworte ich ausweichend, "J-ja ... ähm ... toll. Ganz ... toll." Ich ringe mir ein Lächeln ab. Sie scheint befriedigt und geht dem Konditor hinterher um zu zahlen.  "Das macht dann noch 40 Pfund, Miss.", sagt er. Daisy zückt ihr Portmonee und bezahlt den Betrag. Anschließend nimmt sie den Karton entgegen und balanciert ihn vorsichtig Richtung Ausgang. Rasch komme ich ihr zur Hilfe und nehme ihn ihr ab. Dankbar lächelnd sagt sie, "Dankeschön, Sebastian." "Kein Problem. Genau dafür hast du mich doch mitgenommen." Lächelnd hält sie mir die Tür auf und lässt mich vorbei.  Vor meinem Audi angekommen stehe ich vor dem Problem, dass sich der Schlüssel in meiner Hosentasche befindet. Klar könnte ich den Karton auf dem Dach abstellen oder ihn mit einer Hand ausbalancieren um ihn heraus zuholen. Aber wo bleibt denn da der Spaß?  "Ähm, Daisy …" Mit gespielter Verzweiflung bitte ich, "... würdest du bitte kurz den Schlüssel herausholen?" Sie tritt vor mich. "Klar. Wo ist er?" Mit einem Nicken deute ich an mir herab. "In meiner rechten Hosentasche."  Für einen Moment entgleiten ihr die Gesichtszüge, doch sie fängt sich rasch, lächelt schief und lässt ihre kleine Hand in meine Hose gleiten. Unwillkürlich halte ich den Atem an. Ihr Blick trifft meinen und viel zu schnell ist der Moment vorüber. Der Schlüssel klimpert in ihrer Hand. "Darf … ähm soll ich?", murmelt sie und deutet mit einem Nicken auf den Wagen. "Klar doch.", lächel ich. Etwas zu schwungvoll öffnet sie den Kofferraum. Qualvoll verziehe ich das Gesicht. Auffordernd sieht sie mich an. Ich trete vor und lege vorsichtig den Karton darin ab. Anschließend schließe ich selbst den Kofferraum, öffne ihr galant die Tür und warte bis sie eingestiegen ist. "Du bist ein Gentleman der alten Schule, oder?", fragt sie kaum das ich neben ihr sitze.  Überrascht sehe ich sie an. "Wie kommst du denn darauf?" Ihre Hand wedelt in der Luft herum. "Na, deshalb."      Ich winke ab. "Das war nur Höflichkeit.", tue ich es ab. "So was macht man eben." "So sollte es eigentlich sein. Doch leider sieht das heutzutage nicht mehr jeder so." Wie wahr. "Hm.", brumme ich. "Ich danke dir jedenfalls." Da es mir peinlich ist von ihr gelobt zu werden, lenke ich ab und frage, "Wohin jetzt? Du meintest du musst noch mehr besorgen." Daisy nickt zustimmend. "Stimmt. Zu Mark und Spencer bitte Herr Chauffeur!" Ihr Lachen ist wohltuend. So hell und ehrlich. Ich mag sie! Daisy selbst und nicht nur das Lachen. Einkaufen hat mir noch nie so einen Spaß gemacht! Daisy ist nicht nur freundlich und hübsch, sondern auch noch ziemlich kreativ und klug. Sie erzählt mir, während wir Unmengen Knabberkram, Gummibärchen, Freddy steht da wohl voll drauf, Luftballons und anderen Dekokram einkaufen von ihrem Leben. Sie berichtet wie es dazu kam das sie zum Teil eine Buchhandlung besitzt. Welche Bücher ihr am Herzen liegen und wo ihre Familie herkommt. Nebenher beobachte ich, wie schnell sie im Kopf die Summen addiert.  "Einkaufen scheint voll dein Ding zu sein.", bemerke ich als wir gemeinsam den Einkaufswagen über den Parkplatz zum Audi schieben.  "Wieso?" "Du scheinst Spaß an sowas zu haben. Ich dagegen bin immer nur genervt wenn ich einkaufen muss. Und du rechnest ziemlich schnell." Sie zuckt die Schultern. "Na ja, Mathe ist mir schon immer leicht gefallen. Und einkaufen … nun ja, ich bin ein Mädchen." Als würde das alles erklären grinst sie mich frech an. "Ja das bist du.", stimme ich ihr zu. "Aber alle Mädchen die ich kenne, shoppen lieber Klamotten, Schuhe und son Zeug." "Du hast meinen Kleiderschrank noch nicht gesehen.", lacht sie. "Komm schon, alter Mann! Mach das Auto auf!" "Alter Mann?", echauffiere ich mich gespielt theatralisch. "Ich werd dir noch zeigen wie alt ich bin." "Ach wirklich?", grinst sie. "Kannst du reiten?" Entsetzt starre ich sie an. "Reiten? Nee. Ich steh eher auf richtigen Sport." Daisy legt den Kopf schief. "Richtiger Sport? Was machst du so?" Ich will antworten, doch sie unterbricht mich mit erhobener Hand. "Oh warte … du boxt. Nein, nein … du bist eher der Typ für Kampfsport. Karate, Kickboxen, Krav Maga oder sowas?" Lachend winke ich ab. "Eher nicht. Aber ich steh auf mixed martial arts. Das mache ich manchmal. Aber nur so aus Spaß." Verschiedene Emotionen sind ihrer Mimik abzulesen. Entsetzen, Interesse, Bewunderung und Anbetung. Ich fahre fort, "Sonst geh ich klettern und mache Extremsport." "Ex-extremsport?" "Hm. Hast du schon von den Highland Games gehört?" Sie nickt fasziniert.  "Sowas eben. Ich schwimme, laufe und hebe schwere Sachen.", lache ich und fahre mir lässig mit der Hand durch das Haar. Damit hatte ich sie ganz eindeutig beeindruckt.  "D-das s-sieht man dir … an.", stammelt sie und sieht ausweichend in eine andere Richtung. Still in mich hinein grinsend platziere ich den Einkauf in dem Kofferraum und auf dem Rücksitz. Mein Auto ist zwar nicht gerade dafür geeignet Großeinkäufe zu verstauen, doch diesmal wird es schon gehen. "Passt doch. Hätte nicht gedacht, dass so viel in das Auto passt.", murmelt sie mit einem Mal laut.  "Ich sorge gern für Überraschungen." Sie sieht mich an, ein wissendes Lächeln umspielt ihren hübschen Mund und ohne was darauf zu antworten steigt sie ein und wartet solange wie ich den Einkaufswagen wegbringe.  "Fährst du bei mir mit oder willst du bei …" Dan's Blick fliegt zu mir als er Daisy fragt wie sie nach Embley kommen möchte. "B-bei dir dachte ich." Ihre Antwort klingt mehr wie eine Frage. Hilfesuchend huscht ihr Blick von ihm zu mir. Ein schüchternes Lächeln auf den Lippen. Triumphierend grinst Dan mich an, der den Kürzeren gezogen hat. Wie besitzergreifend er jetzt seine Hand auf ihren Rücken legt um sie aus dem Haus zu begleiten. Ich könnte kotzen. Ihre Tasche wirft er sich souverän über die Schulter. Nachdem sie in seinen Bentley gestiegen war wendet er sich mir zu und ruft, "Am besten folgst du mir einfach! Embley kann für Außenstehende etwas schwierig zu finden sein." Das hat gesessen. Um Coolness bemüht antworte ich, "Ich hab nen Navi." "Wie du meinst." Er steigt ein und zieht die Tür seiner Nobelkarosse zu. Von wegen er lässt den Titel nicht raushängen. Wer fährt denn sonst schon so ein protziges Auto? Im Auto stelle ich das Radio laut und gebe Gas. Das mit dem Navi war gelogen. Ich musste mich so zurechtfinden. Unauffällig versuche ich dem matt schwarzen Bentley im Londoner Verkehrschaos zu folgen. Doch schon in Marylebone verlor ich ihn. "Scheiße!", fluche ich laut. Ich habe überhaupt keinen Plan wo dieses Nest liegt. Anna. Sie muss mir helfen. Wo steckte die heute überhaupt schon den ganzen Tag? Bei einem Primark in der Park Street hielt ich auf einem Parkplatz an um meine Schwester anzurufen. "Seb, was gibt's?", meldet sie sich kaum das sie das Gespräch angenommen hat. "Anna, du musst mir helfen!", platze ich heraus. "Wieder einmal?", lacht sie. "Was ist los?" "Ich bin auf dem Weg nach Embley …" "Und hast dich verfahren.", beendet sie den Satz für mich. Förmlich kann ich ihr hämisches Grinsen vor mir sehen. "Hat Dan dir nicht angeboten ihm hinterher zu fahren? Embley findet man nämlich …" "Nicht so leicht. Ja, ich weiß.", unterbreche ich sie stöhnend und fahre mir mit der Hand durch das Haar.  Sie lacht. "Verstehe. Du wolltest dir keine Blöße geben. Tja, das hast du jetzt davon. Wie stellst du dir das vor, wie ich dir helfen soll?" Ich zucke die Schultern. "Ich dachte, du begleitest mich." Sie stöhnt. "Wie soll das gehen, Seb? Ich bin noch auf Arbeit." "Wo ist das? Ich komm dich abholen." "Ich bin noch mittendrin. Heute steht ein Shooting an. Ich kann hier nicht einfach so weg." "Scheiße!" "Du wolltest gleich heute mit raus fahren? Warum wartest du nicht bis wir alle am Samstag hinfahren?" "Daisy hat mich eingeladen.", brumme ich beleidigt.  "Verstehe.", murmelt sie.  Nachdenklich schweigend ist für einige Momente nichts mehr zu hören. Schließlich sagt sie, "Tja, tut mir wirklich leid, Bruderherz. Da kann ich dir nur raten dir ein Navi anzuschaffen!"  "Ja danke.", brumme ich und lege auf. Navi, gute Idee. Wozu hab ich mein Smartphone? Ich hole es aus der Hosentasche und suche auf Maps nach dem Ort. Dann werfe ich das Gerät auf den Sitz neben mir und starte den Motor.  So war es zwar etwas umständlicher, aber ich komme, sicherlich mit deutlicher Verspätung gegenüber den anderen ans Ziel. Fasziniert starre ich aus dem Fenster als ich langsam die lange von gerade gewachsenen Ulmen gesäumte Zufahrtsstraße entlang fahre. Schnurgerade zieht sie sich durch eine umfangreiche Parkähnliche Anlage. Am Ende, auf einer niedrigen grünen Anhöhe steht ein riesiger Backsteinbau. Wer ist der Kerl? Der 10 in der Thronfolge oder was? Ich parke meinen Audi direkt neben dem schwarzen Bentley auf einem Vorplatz. Langsam steige ich aus und nehme das Gebäude in Augenschein. Es ist äußerst gut in Schuss. Also ein Gespenst lebt hier sicher nicht, dafür sieht es viel zu modern aus. Nicht unbedingt der Architektur wegen, ich schätze es auf Georgianisches Zeitalter, aber es strahlt so etwas modernes aus. Alle Fenster und die Erker sind von Sandstein eingefasst. Ich drehe mich um und lasse meinen Blick über das Anwesen schweifen. Drei einzeln stehende riesige Bäume stehen auf perfekten englischen Rasen und recken ihr Laub würdevoll in die Luft.  "Na, auch schon da.", höre ich plötzlich Dan's Stimme hinter mir. Rasch setze ich eine coole Miene auf und antworte, "Ja, ich musste noch was erledigen." Er nickt wissend. "Komm rein! Ich zeig dir alles." Ich hatte überhaupt keine Lust mir von ihm seinen Reichtum unter die Nase reiben zu lassen, aber ich wollte auch nicht unhöflich erscheinen. Kaum das ich die hohe Eingangshalle betreten habe, werde ich auch schon beinahe von dessen beeindruckendem Interieur erschlagen. Eine Galerie führt von einer breiten Freitreppe recht und links im oberen Stockwerk entlang. Ein riesiger Kronleuchter baumelt majestätisch über unseren Köpfen. Wenn das Ding runter kommt überlebt das keiner. Es ist angenehm kühl, aber das wissen nur ein armseliges Würstchen zu sein, ließ mein Blut kochen.  "Daisy ist in der Küche. Komm ich zeig's dir!", meint Dan und geht auf eine unscheinbare dunkle Eichenholztür unter der Treppe zu. Ich folge ihm und nachdem wir eine schmale Treppe herab gestiegen sind befanden wir uns in den Eingeweiden des Hauses. Hier versteckten die ehemaligen Hausbewohner ihr Personal. Ein herrlicher Duft wabert den Korridor entlang. Diesem folgend gelangen wir in die riesige Küche. Daisy steht neben eine älteren Frau mit Schürze. Als sie uns kommen hört drehen sich beide Frauen um. "Da bist du ja.", empfängt Daisy mich und kommt auf mich zu. Mich an meinem Arm mit sich ziehend führt sie mich zu der Köchin. "Mrs. McAdams, darf ich Ihnen unseren neuen Mitbewohner der Wohngemeinschaft vorstellen?" "Aha. Hallöchen." "Das ist Sebastian Anderson. Ich hoffe, Sie nehmen es uns nicht krumm, dass es fortan einen Esser mehr geben wird!", meint Daisy freundlich und strahlt.  Sie wischt sich ehe sie mir die Hand reicht diese an ihrer Schürze ab. "Na dann, willkommen auf Embley. Und nein, natürlich macht es mir nichts aus.", entgegnet die ältere Frau freundlich.      Dankbar erwidere ich die Begrüßung. "Prima! Dann zeige ich dir jetzt dein Zimmer.", jubelt Daisy. "Komm mit, Sebastian!" Nur zu gern lasse ich mich von ihr weiter durch die Gegend zerren. Wir lassen den düster dreinblickenden Dan stehen und gehen wieder die Treppe hinauf. Sie führt mich über die Freitreppe hinauf in den ersten Stock, von da aus durch mehrere Korridore, eine weitere Treppe hinauf in den zweiten Stock. "Ich hoffe, du merkst dir den Weg recht schnell!", meint sie. "Nicht das wir dich andauernd retten müssen wenn du dich verlaufen hast." Sie zwinkert mir schelmisch zu. "Das Haus kann schon mal wie ein Labyrinth wirken." Oh Gott, bloß das nicht! "Ich habe eine rasche Auffassungsgabe. Ich krieg das schon hin.", verspreche ich gelassen.  "Dann ist ja gut.", lacht sie. "So, da wären wir." Abrupt bleibt sie vor einer weiteren dunklen Tür stehen, dreht den Türknauf und öffnet sie schwungvoll. "Dies ist dein Zimmer.", eröffnet sie mir das offensichtliche. Gespannt trete ich ein und sehe mich um. Der Raum ist groß, größer als ich gedacht habe und hell. Der Eindruck wird von den hellen Möbeln, der cremé farbenen Tapete und den weißen Vorhängen vor den tiefen Fenstern verstärkt. "Schön!", murmle ich ergriffen. "Hat jeder hier so ein Zimmer?" "Klar doch. Na ja, ehrlich gesagt, Dan's ist größer. Aber ich denke es ist ausreichend." "Das … das wollte ich damit gar nicht sagen.", beeile ich mich richtig zu stellen. "Ich meinte nur … Das ist der Wahnsinn! Ich hab noch nie ein so großes Zimmer allein bewohnt." Lachend entgegnet sie, "Tja, gewöhn' dich dran! Dies ist ein Schloss."  Langsam durchquere ich den Raum um aus einem der drei Fenster zu schauen. Es bietet einen sensationellen Ausblick auf den rückwärtigen Park. Ich frage mich, ob Daisy mir das Zimmer ausgesucht hat oder ob Dan mich tatsächlich so mag, mir ein solch komfortables Zimmer zu überlassen?    "Und wo … wo ist deines?" Warum habe ich das gefragt? Was muss sie jetzt von mir denken? Ich beiße mir auf die Lippe und warte gespannt auf ihre Reaktion.  "Mein Zimmer?" Ich sage nichts und hole nur tief Luft. "Das ist fast nebenan." Sie deutet mit dem Daumen hinter sich vage in eine Richtung. "Auf dem selben Gang. Alle unsere Zimmer sind hier." Ich nicke erleichtert. "Verstehe. Dan's Gemächer sind sicherlich in einem anderen Flügel oder?" Sie grinst. "Seine Gemächer?" Ich zucke die Schultern. "Na ja, in einem solchen Haus sagt man das doch so, oder?" "Ich nehme es an.", murmelt sie. "Aber ja, du hast recht mit deiner Vermutung. Die privaten Räume des Earls sind genau auf der anderen Seite." Mein Herz wird leicht als ich meine Chancen steigen sehe. Wir schweigen.  "Gut … ich lass dich dann mal auspacken.", sagt sie in die Stille hinein. Da fällt mir ein, dass meine Tasche noch im Auto liegt. "Ich komm mit dir runter.", erwidere ich. "Meine Tasche ist noch im Auto." "Okay." Sie geht voran. Ich folge ihr erneut und trabe neben ihr her den dunklen langen Flur entlang. Vor einer Tür die meiner bis auf's Haar gleicht bleibt sie stehen und erklärt, dass sie gleich ausreiten würde und sich umziehen müsse.  "Oh okay. Dann bis später." "Zum Dinner bin ich zurück." "Dinner?", staune ich. Etwas beschämt sieht sie auf ihre Fußspitzen. "Na ja, hier ticken die Uhren eben anders. Hier nennt man das Abendessen eben Dinner. Und du darfst dich auf ein umfangreiches und äußerst leckeres Essen freuen." "Wirklich?" Daisy nickt ernsthaft. "Mrs. McAdams ist eine hervorragende Köchin!", lobt sie die Kochkünste der älteren Lady. "Dann bin ich mal gespannt. Und wann wird hier diniert?", will ich wissen.  "Immer pünktlich um 19 Uhr." Ich nicke verständig. "Okay. Und herrscht auch eine gewisse Kleiderordnung? Es ist nämlich so, dass ich meinen Frack in London vergessen habe.", scherze ich. Ein niedliches Lachen entfährt ihr und ihr blondes Haar schwingt durch die Luft als sie den Kopf schüttelt. "Nein. Das macht Dan nicht mehr so. Zumindest nicht an normalen Tagen." Mir bricht der Schweiß aus. Wo bin ich hier nur hingeraten?  "Keine Angst. Dann sind wir für gewöhnlich nicht dabei. Das ist für so karitative Veranstaltungen und so.", beruhigt sie mich. "Komm einfach so wie du bist!" "Ist gut. Dann … viel Spaß beim reiten!" "Danke." Lächelnd öffnet sie die Tür und tritt ein. Bevor sie sie endgültig schließt zwinkert sie mir noch einmal zu.  Allein gehe ich hinunter ins Erdgeschoss. Auf der Treppe der Halle begegne ich einem älteren Mann in schwarzer Livree. Wer ist der Kerl? Ein Butler oder so was? Doch ehe ich ihn fragen kann tritt Dan aus einer Tür und ruft, "Ah Sebastian, darf ich dir meinen Diener Mister Banes vorstellen?"   "D-diener?", stammle ich verwirrt. Dennoch reiche ich dem Mann die Hand, die er auch mit festem Händedruck erwidert. "Banes, dies ist ein weiterer Freund der künftig öfters zu Gast sein wird." Der angesprochene nickt verständig, aber schweigend. "Ich wünsche, dass, sollte er einen Wunsch haben, dieser ihm erfüllt wird." "Selbstverständlich, my Lord.", erwidert er widerspruchslos. "My Lord?", raune ich als Banes verschwunden und Dan und ich allein waren. "Mein Titel.", erklärt er locker. "Ich weiß, es ist schräg. Glaub mir für mich ist das viel seltsamer als für euch." Er sieht mich erstaunt an. "Hat dir noch niemand erklärt wer ich bin?"    "Doch, doch, na klar.", beeile ich mich klar zu stellen. "Aber wenn man das alles tatsächlich sieht … ist es doch recht … gewöhnungsbedürftig.", gebe ich zu. Dan lässt den Blick durch die Halle schweifen. "Ich weiß genau was du meinst. Ich kann es selbst kaum glauben, dass ich nun der Hausherr bin. Aber selavi, so ist es eben. Man gewöhnt sich an alles." "Bist du denn nicht auch hier aufgewachsen?"  "Doch schon. Doch im Alter von 13 Jahren bin ich nach Eton gekommen." "Eton. Echt jetzt? Ich weiß nicht, ob ich dich bewundern oder bemitleiden soll." "Bemitleiden?" Er zieht die Stirn kraus. "Na ja, es war doch sicher kein Zuckerschlecken." "Da magst du recht haben. Aber ich hatte mir meine Lebensziele schon recht früh gesteckt und Eton half mir auf dem Weg diese zu erreichen." "Und, was ist aus dem Schüler von einst geworden?", frage ich weil mir einfällt, dass ich gar nicht weiß, womit Dan eigentlich sein Geld verdient. "Ich bin Barrister." "Und was ist denn das? Machst du was mit Kaffee und so?" Lachend schüttelt er den Kopf. "Nein, eher nicht. Ich bin Rechtsanwalt.", klärt er mich auf. "Ich als Barrister vertrete und unterstütze Klienten vor Gericht und entwerfe Prozessschriften und andere gerichtsrelevante Schriftstücke." "O-k-a-y.", sage ich gedehnt. "In London? Trägst du dann auch diese lustigen Perücken?" "Die gehören zur Berufsbekleidung, ja." "Hm." Ich mustere ihn und versuche mir vorzustellen wie er wohl mit dieser langen weißhaarigen Perücke aussieht. Schließlich frage ich, "Und das hast du nötig?" "Nötig?", echot er verständnislos. "Na ja, das alles hier sagt mir doch das du es nicht unbedingt nötig hast zu arbeiten." Er zieht die Stirn kraus. "Nur weil mein Vater zu früh gestorben ist und ich seine Pflichten übernommen habe, muss das doch nicht auch gleich bedeuten, dass ich meinen Beruf aufgeben muss. Ich liebe ihn! Und ich gedenke damit weiter zu machen." "Schon gut.", murmle ich. "Ich wollte dir nicht auf den Schlips treten." "Ich teile mir die Aufgaben. Donnerstag bis Sonntags bin ich immer hier und die restliche Zeit in London in der Kanzlei." "Hast du eine eigene Kanzlei?" Er schüttelt den Kopf. "Nein, unsere Kanzlei ist ein Zusammenschluss aus vier verschiedenen Fachbereichen." "Und welchen bedienst du?" "Ich bin Fachanwalt für Strafrecht." "Die Königsdisziplin also." Damit hatte er mich ehrlich beeindruckt. "Hm." Schweigend treten wir durch das Portal vor das Haus hinaus in das helle Sonnenlicht. "Schön hast du es hier!", lobe ich ehrlich. "Ja, ich weiß. Nur für einen allein viel zu groß." "Vielleicht ändert sich das ja irgendwann?" "Ja, irgendwann schon.", murmelt er leise. "Noch keine Earline oder wie das heißt in Sicht?", scherze ich. Natürlich kenne ich die korrekte Formulierung.  "Es heißt Countess. Und nein, noch ist da … niemand." Tatsächlich? Hat er also doch kein Auge auf Daisy geworfen? "Okay.", meine ich kurz angebunden. "Was nicht ist kann ja noch werden oder?"     In diesem Moment tritt die Frau der Stunde wieder auf den Plan. Komplett im sexy Reiterdress und mit Kappe in der Hand tritt Daisy durch das riesige steinerne Portal ins Freie. "Na, was macht ihr? Fachsimpelt ihr über Grundstückswerte?", lacht sie und geht ohne eine ernsthafte Antwort abzuwarten davon. Schweigend blicken wir ihr hinterher wie sie um die Hausecke verschwunden ist.  "Reitet sie hier immer?", frage ich. "Ja." "Hat sie ein eigenes Pferd oder gehören die dir auch noch?" "Sieh dich hier um und ziehe deine Schlüsse!", entgegnet er nur. Schon klar. Natürlich hat er einen Stall mit vielen prächtigen Pferden darin. Sicherlich hat er sogar eine Kutsche die er gezielt um eine Frau zu begeistern einsetzen kann. Alle Frauen die ich kenne stehen jedenfalls auf romantische Kutschfahrten. "Wie kam es eigentlich dazu?", platzt es aus mir heraus. "Was genau meinst du?" Verständnislos sieht er mich an.  "Na, das alles hier." Ich mache eine ausholende Geste mit der Hand. "Wie wurde deine Familie so wohlhabend? Stammt ihr in direkter Linie vom britischen Königshaus ab oder was?"  Lachend schüttelt er den Kopf. "Nein. Nur über viele viele Ecken. Tatsächlich ist das alles hier hart erarbeitet. Seit dem Mittelalter schon wurde Landbesitz nicht mehr zusammen mit dem Titel vererbt. Allein ein 15 Hektar großes Gelände und das Schloss wurde vererbt. Alles weitere haben meine Vorfahren im laufe der Zeit dazu erworben." "Tatsächlich?", staune ich und sehe mich erneut um. "Ja. Mittlerweile ist es auf 37 Hektar angewachsen und ich finde das reicht. Mir persönlich ist es jedenfalls genug. Es ist ziemlich zeitraubend das alles zu verwalten. Und die Last die auf meinen Schultern lastet ist nicht gerade angenehm." Ich frage mich ob er zu jedem so offen und ehrlich ist? "All die Menschen die von mir abhängig sind. Die Verantwortung. Dazu kommt die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Der gute Name derer zu Embley muss stets gewahrt bleiben." "Kann ich mir denken.", brumme ich. "Ist sicher nicht ganz einfach." "Wirklich nicht. Aber um ehrlich zu sein, ich habe ja Hilfe. Und darüber bin ich sehr froh!" "Ich weiß, Anna hat's mir erzählt. Daisy hilft dir?" Er nickt überrascht. "Genau. Sie berät mich in Sachen Ackerbewirtschaftung und Viehzucht." "Das machst du auch noch?" "Nicht ich direkt. Aber zu Embley gehörte seit jeher schon Acker und Weideland. Dazu nennen ich eine Schafzucht und einen Haufen Pferde mein Eigen." "Wahnsinn!", staune ich wieder einmal. "Das ist ganz schön viel." "Ja. Aber dafür habe ich ja meine Angestellten. Die managen das alles. Ich zahle nur für alles." "Wie reich bist du wirklich?" Schon wieder siegte meine neugierige Zunge über den Verstand.    "Ähm … ich rede nicht gern über Geld.", antwortet er ausweichend. Ergeben hebe ich die Hände. "Schon klar. Sorry!" "Es ist ausreichend um mein Leben lang mit meiner Familie ein angenehmes Leben zu führen."   "Hast du noch Geschwister oder so? Und deine Mutter?" "Sie ist gestorben als ich vier Jahre alt war. Ich kann mich nur noch dank Fotos an sie erinnern. Und Geschwister oder andere Angehörige habe ich nicht. Zumindest keine nahen." "Das ist traurig!", urteile ich. Er zuckt die Schultern. "Ich kenne es nicht anders." "Ist aber ziemlich riskant gewesen von deinen Vorfahren, nur ein Kind in die Welt zu setzen.", lache ich. "Ja, für die Erbfolge schon, da hast du recht!", stimmt er mir zu. "Es gab da eine Schwester meiner Mutter. Doch sie starb bei einem Badeunfall in Südfrankreich als sie noch zu jung war um selbst Kinder in die Welt zu setzen."   "Mist!" Er nickt.  "Tja, dann liegt es an dir auch dies noch gebacken zu kriegen.", versuche ich ihn aus der Reserve zu locken. Doch er macht nur abwesend "Hm.". Schweigend stehen wir nebeneinander auf dem Vorplatz und schauen in die Ferne. Weit entfernt prescht plötzlich rechterhand ein Reiter mit einem roten Pferd über den Rasen in Richtung eines Waldstückes.  "Daisy. Das ist sie.", murmelt Dan und deutet mit einem Nicken auf die Reiterin. "Das ist ihr Lieblingspferd. Royal." "Hm.", mache ich. Von Pferden verstehe ich nichts. Ich kann nur mit motorisierten Pferdestärken etwas anfangen.  "Ich werde es ihr schenken.", murmelt mein Gegenüber kaum hörbar.   Interessiert sehe ich ihn an. "Zu welchem Anlass?" "Was?" Er wirkt als sei er soeben aus einem Tagtraum erwacht. "Zu welchem Anlass willst du ihr das Pferd schenken?", helfe ich ihm neugierig auf die Sprünge. "Ach so. Einfach so … denke ich." Nachdenklich nickend runzle ich die Stirn.  
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