In dem Augenblick trat ich auf eine Handspeiche, die wir am vorigen Abend gebraucht hatten, und das war die einzige Waffe, die hier von Nutzen sein konnte. Mit Blitzesschnelle riß ich sie in die Höhe, rief den Anderen zu – wir hatten noch drei Matrosen und einen Jungen an Bord –, das Tau zu kappen, und schmetterte mit dem schweren Holz auf die Köpfe der beiden dunkeln Halunken nieder, die auch im nächsten Augenblick wieder über Bord sprangen oder wahrscheinlicher stürzten; denn meine Keule saß am nächsten Morgen voll Gehirn und Blut.
Während die Uebrigen, ebenfalls noch halb schlaftrunken, emportaumelten, hatte der Junge so viel Geistesgegenwart behalten, mit einem glücklicher Weise dortliegenden Handbeil das Tau zu kappen, so daß schon im nächsten Augenblick der Schooner, von der starken Ebbe mit fortgenommen, stromab trieb.
Meiers und Howitt, zwei von den anderen Matrosen, versicherten mir nachher noch, sie hätten ebenfalls fünf von den Schuften, die am Schiffsrand gehangen, auf die Schädel geklopft; ich weiß freilich nicht, ob es wahr ist. Unser armer Capitain war aber todt – er hatte einen Lanzenstich durch die Brust und einen Keulenschlag über den Kopf bekommen, und lag, als wir endlich am andern Ufer wieder etwas freier Athem schöpften, starr und leblos an Deck.«
»Und was wurde aus der Ladung?«
»Die verkaufte ich noch in derselben Woche, befrachtete dann die ›Charlotte‹, so hieß der Schooner, mit bei uns verkäuflichen Gegenständen und lief vier Monate später gesund und frisch in Charlestown, wo Dickson's Wittwe lebte, ein. Die arme Frau trauerte allerdings über den Tod ihres Mannes, das Geld aber, was ich ihr brachte, tröstete sie wohl in etwas. Acht Wochen später heirathete sie wenigstens einen Pflanzer in der Nachbarschaft. Das sind Schicksale.«
»Sie wußte doch wenigstens, wo ihr Mann geblieben,« flüsterte der alte Mann halb vor sich hin, »wußte, daß er todt, und wie er gestorben sei. Wie manche Eltern harren aber Monde – Jahre lang auf ihre Kinder, hoffen in jedem Fremden, der die Straße wandert, in jedem Reisenden, der Nachts an ihre Thür klopft, das geliebte Antlitz zu schauen und – müssen sich am Ende doch selbst gestehen, daß sie todt – lange, lange todt sind, und daß Haifisch oder Wolf ihre Leichen zerrissen oder ihre Gebeine benagt haben.«
»Ja, Du lieber Gott,« sagte Tom, indem er, um ein etwas lebhafteres Feuer zu erhalten, einen neuen Ast auf die Kohlen warf, »das ist eine sehr alte Geschichte. Wie Viele kommen allein in diesen Wäldern um, die auf den Flüssen gar nicht gerechnet, von denen die Ihrigen selten oder nie wieder erfahren, was aus ihnen geworden ist. Wie viele Tausend gehen auf der See zu Grunde! Das läßt sich nicht ändern, und so oft ich auch in Lebensgefahr gewesen bin, daran hab' ich nie gedacht.«
»Manchmal kehren sie aber auch wieder zu den Ihrigen zurück,« sagte der Alte mit etwas freudigerer Stimme. »Wenn diese sie schon lange auf- und verloren gegeben haben, dann klopfen sie plötzlich an das so lange nicht gesehene, so heiß vielleicht ersehnte Vaterhaus, und die Eltern schließen weinend – aber Freudenthränen weinend, das liebe, böse Kind in die Arme.«
»Ja,« erwiderte Tom ziemlich gleichgültig, »aber nicht oft. Die Dampfboote fressen jetzt eine unmenschliche Anzahl Leben; bei denen geht's ordentlich schockweise. Das – aber Ihr rückt ja ganz von der Decke herunter,« unterbrach er sich, während er sein erst verlassenes Lager wieder einnahm; »die Nacht ist zwar warm, doch auf dem feuchten Grunde zu liegen, soll gerade nicht übermäßig gesund sein.«
»Ich bin's gewohnt,« erwiderte der Alte, und zwar, wie es schien, ganz in seine eigenen trüben Gedanken vertieft.
»Und wenn Ihr's auch gewohnt seid, die Decke liegt einmal da, warum sie nicht benutzen!«
»An der Stelle dort, wo ich lag, müssen Wurzeln oder Steine sein – es drückte mich an der Schulter und ich rückte deshalb aus dem Wege.«
»Nun, danach können wir leicht sehen,« meinte Tom gutmüthig; »es wäre überhaupt besser, ein wenig dürres Laub zu einem vernünftigen Lager zusammenzuscharren, als hier auf der harten Erde liegen zu bleiben. Steht einen Augenblick auf, und in einer Viertelstunde soll Alles hergerichtet sein.«
Edgeworth erhob sich und trat zu der knisternden Flamme, in die er mit dem Fuße einige der durchgebrannten und hinausgefallenen Klötze zurückschob. Tom zog indessen die Decke weg und fühlte nach den darunter verborgenen Wurzeln.
»Hol's der Henker,« lachte er endlich, »das glaub' ich, daß Ihr da nicht liegen konntet. Eine ganze Partie Hirschknochen steckte darunter und keine Wurzeln; daß wir das aber auch nicht gleich gesehen haben!« Er warf bei diesen Worten die Knochen gegen das Feuer zu und kratzte nun mit den Füßen und Händen das in der Nähe herumgestreute Laub herbei, bis er ein ziemlich weiches Lager zusammenhatte. Dann breitete er wieder sorgfältig die Decke darüber, trug noch einige heruntergebrochene Aeste zur Flamme, um in der Nacht wieder nachlegen zu können, zog Jacke und Moccasins aus, deckte die erstere sich über die Schultern und lag bald darauf lang ausgestreckt auf der Decke, um ein paar Stunden zu schlafen und die Ankunft des Bootes am nächsten Morgen nicht zu versäumen.
Edgeworth hatte dagegen einen der neben ihn hingeworfenen Knochen aufgenommen und betrachtete ihn mit größerer Aufmerksamkeit, als ein so unbedeutender Gegenstand eigentlich zu verdienen schien.
»Nun – seid Ihr nicht müde?« frug ihn sein Gefährte endlich, der zu schlafen wünschte, »laßt doch die Aasknochen und legt Euch nieder. Es wird Tag werden, ehe wir's uns versehen.«
»Das ist kein Hirschknochen, Tom!« sagte der Alte, indem er sich zum Feuer niederbog, um das Gebein, das er in der Hand hielt, besser und genauer betrachten zu können.
»Nun, so ist's von Wolf oder Bär,« murmelte dieser, schon halb eingeschlafen, mit schwerer Zunge.
»Bär? das wäre möglich,« erwiderte nachdenkend der Alte, »ja, ein Bär könnt' es sein, ich weiß aber doch nicht – mir kommt's wie ein Menschenknochen vor –«
»Tretet doch dem Hund einmal in die Rippen, daß er das verdammte Scharren läßt,« sagte der Matrose ärgerlich. »Menschenknochen – meinetwegen auch; wie sollten aber Menschenknochen –« er fuhr auf einmal schnell und ganz ermuntert von seinem Lager empor, während er scheu und wild zu den Bäumen hinaufschaute, die um ihn standen.
»Was ist Euch?« frug Edgeworth erschrocken, »was habt Ihr auf einmal?«
»Verdammt will ich sein,« sagte Tom sinnend und immer noch ängstlich umherblickend, »wenn ich – nicht glaube –«
»Glaube, was? Was habt Ihr?«
»Ist das wirklich ein Menschenknochen?«
»Mir kommt er so vor. Es muß das Hüftbein eines Mannes gewesen sein, denn für einen Hirsch ist es zu stark und für einen Bären zu lang. Aber was ist Euch?«
Tom war emsig beschäftigt, seine Moccasins wieder anzuziehen, und sprang jetzt auf die Füße.
»Wenn das ein Menschenknochen ist,« rief er, »so kenne ich den, dem er gehörte, und habe ihn selbst mit Aesten und Zweigen zugedeckt, als wir ihn fanden. Darum lag also auch hier so viel halbverfaultes Holz auf einem Haufen. Ja, wahrhaftig, das ist der Platz und dieselbe Eiche, unter der wir ihm sein Grab machten; das Kreuz – der Auswuchs hier soll ein Kreuz sein – hieb ich damals mit meinem eigenen Tomahawk in den Stamm. Der arme Teufel –«
»Auf welche Art starb er denn, und wer war es?«
»Wer es war, weiß der liebe Gott, ich nicht, aber er starb auf eine recht niederträchtige, hundsföttische Weise. Ein Bootsmann, dessen Boot gerade da unten am Lande lag, wo wir das unsrige morgen erwarten, schlug ihn todt wie einen Wolf, und das um ein paar lumpiger Dollar willen.«
»Entsetzlich!« sagte der Alte und lehnte sich, den Knochen neben sich legend, auf seine Decke zurück, während Tom ebenfalls seinen so schnell verlassenen Platz wieder einnahm und den Kopf in die Hand stützte.
»Wir jagten hier oben nach Bienen,« fuhr Tom, vor sich niederstarrend und ganz im Andenken der alten Zeiten verloren, fort, »und Bill –«
»Der Bootsmann?« frug Edgeworth.
»Nein, jener Unglückliche,« sagte Tom.
»Und sein anderer Name?«
»Den nannte er nie; wir waren auch nur vier Tage zusammen, und er gehörte, so viel ich verstanden habe, nach Ohio hinüber. Bill hatte jenen Burschen ein paar Dollar sehen lassen, und der wollte ihn gern Abends, als wir am Feuer gelagert waren, zum Spielen reizen. Er spielte aber nicht, und das erbitterte schon den nichtswürdigen Buben. Ein paar Nächte darauf hatte er's denn auf irgend eine Art und Weise anzustellen gewußt, daß er den armen Jungen von uns fortbekam und die Nacht mit ihm allein auslagerte. Wir campirten an demselben Abend in der Nähe der Schlucht, in welcher wir heute zuerst auf die Bärin schossen; denn von der kleinen Prairie aus waren wir dorthin einem Bienencours gefolgt. Den andern Tag ließ sich Niemand von ihnen sehen, und als wir mit Sonnenuntergang zum Flußufer kamen, war das Boot fort.
Dicht am Ufer übernachteten wir. Der alte Sykomorestamm muß noch dort liegen, wo unser Feuer war; denn der hatte sich fest zwischen zwei Felsen gezwängt und konnte nicht fort. Als wir am nächsten Morgen die Bank erstiegen, wurden wir zuerst durch die Aasgeier aufmerksam gemacht, von denen eine große Menge nach einer Richtung hinzog.
Gebt Acht, sagte mein Begleiter, ein Jäger aus Kentucky, mit dem ich damals in Compagnie jagte, gebt Acht, der lumpige Flatbooter hat den Kurzfuß kalt gemacht.«
»Kurzfuß,« fuhr der Alte erschrocken auf, »warum nannte er ihn Kurzfuß?«
»Sein rechtes Bein war etwas kürzer als das linke, und er hinkte ein wenig, aber nicht viel, und richtig – wie wir auf den Hügel hier kommen – ich vergäße den Anblick nicht und wenn ich tausend Jahre alt würde – da lag der Körper, und die Aasgeier – aber was ist Euch, Edgeworth, was habt Ihr? Ihr seid –«
»Hatte der – der Kurzfuß oder – oder Bill, wie Ihr ihn nanntet – eine Narbe über der Stirn?«
»Ja – eine große, rothe Narbe – kanntet Ihr ihn?«
Der alte Mann preßte seine Hände vor die Stirn und sank in stummem Schmerz auf sein Lager zurück.
»Was ist Euch, Edgeworth? Um Gottes willen. Mann – was fehlt Euch?« rief der Matrose, jetzt wirklich erschreckt emporspringend, »kommt zu Euch – wer war jener Unglückliche?«
»Mein Kind – mein Sohn!« schluchzte der Greis und drückte seine eiskalten, leichenartigen Finger fest vor die heißen, trockenen Augenhöhlen.
»Allmächtiger Gott!« sagte Tom erschüttert, »das ist schrecklich – armer – armer – Vater!«
»Und Ihr begrubt ihn nicht!« frug dieser endlich nach langer Pause, in der er versucht hatte, sich ein wenig zu sammeln.
»Doch – er bekam ein Jägergrab,« antwortete leise und mitleidig der junge Mann; »wir hatten nichts mit uns, als unsere kleinen indianischen Tomahawks, und der Boden war dürr und hart da – aber ich martere Euch mit meinen Worten –«
»Erzählt nur weiter – bitte – laßt mich Alles wissen,« bat flehend der Vater.
»Da legten wir ihn hier unter diese Eiche, trugen von allen Seiten Stangen und Aeste herbei, daß kein wildes Thier, wie stark es auch gewesen, ihn erreichen konnte – denn Bären lassen die Leichen zufrieden –, und ich hieb mit dem Tomahawk noch zuletzt das einfache Kreuz hier in den Stamm.«
Edgeworth starrte still und leichenbleich vor sich nieder. Nach kurzer, peinlicher Pause richtete er sich aber wieder empor, schaute zitternd und traurig umher und flüsterte:
»Wir liegen hier also auf seinem Grabe – in seinem Grabe – und mein armer, armer William mußte auf solche Weise enden! Doch seine Gebeine dürfen nicht so umhergestreut länger dem Sturm und Wetter preisgegeben bleiben, Ihr helft sie mir begraben, nicht wahr, Tom?«
»Von Herzen gern, nur – wir haben kein Werkzeug.«
»Auf dem Boote sind zwei Spaten und mehrere Hacken – die Leute müssen helfen. – Ich will meinem Sohn, und wenn auch erst nach langen Jahren, die letzte Ehre erweisen; es ist ja Alles, was ich für ihn thun kann.«
»Sollen wir lieber unser Lager hinüber auf die andere Seite des Feuers machen?« frug Tom.
»Glaubt Ihr, ich scheute mich vor der Stelle, wo mein armes Kind vermoderte?« sagte der Greis; »es ist ja auch ein Wiedersehen, wenngleich ein gar schmerzliches. Ich glaubte an seinem Herzen noch einmal liegen zu können und finde jetzt – seine Gebeine umhergestreut in der Wildniß. – Aber gute Nacht, Tom – Ihr müßt müde sein von des Tages Anstrengungen – wir wollen ein wenig schlafen, und der anbrechende Tag finde uns erwacht und mit unserer Arbeit beschäftigt.«