2. Der Kampf. – Smart und Dayton.-1

2001 Words
2. Der Kampf. – Smart und Dayton.In Helena [Eine kleine Stadt in Arkansas, am Ufer des Mississippi.] herrschte ein gar ungewöhnlich reges Leben und Treiben, und aus der ganzen Umgegend mußte hier die Bevölkerung zusammengekommen sein. Ueberall standen eifrig unterhandelnde Männer, theils in die bunt befranzten Jagd-Hemden der Hinterwäldler, theils in die blauen Jeansfracks der etwas mehr civilisirten Städter gekleidet, in Gruppen umher, während heftige Reden und lebhafte Gesticulationen ihr Gespräch als ein keineswegs alltägliches verkündeten. Vor dem Union-Hotel – dem besten Gasthause der Stadt – schien sich ganz besonders ein nicht geringer Theil dieser Menschenmasse concentrirt zu haben, und der Wirth desselben, eine lange hagere Gestalt, mit blonden Haaren, scharfen Backenwochen, etwas spitzer, gerade vorstehender Nase, aber blauen gutmüthigen Augen, kurz jeder Zoll ein Yankee, hatte schon eine geraume Zeit dem Drängen und Treiben vor seiner Schwelle mit augenscheinlichem Wohlbehagen zugesehen. Im Innern des Hauses fehlte es allerdings keineswegs an Arbeit, und die thätige Hausfrau hatte, von ihrem Dienstboten und einem Neger unterstützt, alle Hände voll zu thun, die Gäste zu befriedigen und Schlafstellen für Die herzurichten, die zu weit entfernt von Helena wohnten. Trotzdem aber verharrte der Wirth in seiner ruhigen Stellung und kümmerte sich nicht im Geringsten um das innere Hauswesen. Durch den Wortwechsel und vielleicht auch durch geistige Getränke erhitzt, artete indeß die bisherige ruhige, wenigstens friedliche Unterhaltung immer mehr und mehr aus. – Einzelne heftige Flüche und Drohungen überschallten zuerst für Augenblicke das übrige Wortchaos, und plötzlich kündete ein scharfer Schrei und ein wildes Drängen, wie es endlich, was der lächelnde Wirth schon lange ersehnt haben mochte, zu Tätlichkeiten gekommen sei. Mit halb vorgebeugtem Oberkörper, die beiden Hände tief in den Beinkleidertaschen und die rechte Schulter an den Pfosten seiner Thür gelehnt, stand er da, und man sah es ihm ordentlich an, welch' Vergnügen ihm ein Kampf mache, dessen Resultat so ganz seinen Wünschen entsprochen haben mußte. Der nämlich, der den ersten Schlag gegeben, war ein kleiner, untersetzter Irländer mit brennend rothen Haaren und wo möglich noch rötherem Barte, dazu in Hemdsärmeln, mit offenem Kragen und etwas kurzen, eng anschließenden Nankingbeinkleidern, was seiner Figur einen eigenthümlich komischen Anstrich gab. Außerdem bewies sich aber Patrick O'Toole nichts weniger als komisch oder auch nur spaßig, sobald er ein paar Tropfen Whisky im Kopfe und irgend Ursache zu einem vernünftigen oder »raisonnablen« Streite, wie er es nannte, hatte. Wenn auch nicht zänkisch, so war er doch der Letzte, der einen Platz verlassen hätte, wo noch die mindeste Aussicht zu einer anständigen Prügelei zu erwarten gewesen wäre. So gerechte Sache aber Patrick oder Pat, wie er gewöhnlich im Städtchen hieß, diesmal haben mochte, so sehr fand er sich bald im Nachtheil, denn kaum lag sein Gegner vor ihm im Staube, als der größte Theil Derer, die bis jetzt wenig oder gar keinen Antheil an dem Zanke genommen, auf ihn eindrangen und den Gefallenen rächen wollten. »Zurück mit Euch! – weg da, Ihr Blackguards, Ihr – Söhne einer Wölfin!« – schrie der Irländer und theilt? dabei, ohne Unterschied der Person, nach links und rechts so gewaltige und gut gezielte Stöße aus, daß er die Angreifer blitzesschnell zu sicherer Entfernung zurückscheuchte. – »Ehrlich Spiel hier!« schrie er dabei und streifte sich schnell den immer wieder niederrutschenden Aermel auf – »ehrlich Spiel. Ihr Spitzbuben, Einer gegen Einen, oder auch Zwei und Drei, aber nicht Acht und Neun; die Pest über Euch – ich klopfe Euch die Schädel so breiweich, wie Euer Hirn ist – Ihr hohlköpfigen Halunken Ihr!« »Ehrlich Spiel!« riefen auch Einige aus der Menge und suchten die übrigen Kampflustigen zurückzudrängen. Der zu Boden Geschlagene hatte sich aber in diesem Moment ebenfalls wieder aufgerafft, und das eine blau unterlaufene Auge mit der linken Hand bedeckend, riß er mit der rechten ein bis dahin verborgen gehaltenes Messer unter der Weste vor und warf sich mit einem Schrei des wildesten, unbezähmbarsten Ingrimms auf den ihn ruhig erwartenden Iren. Dieser jedoch, ohne weiter seine Stellung zu verändern, fing den drohend gegen ihn gerichteten und sicherlich gut gemeinten Stoß auf, indem er den Angreifer am Handgelenk erfaßte, zum zweiten Mal niederschlug und nun in dem Rechtlichkeitssinn der ihn Umgebenden hinlängliche Bürgschaft zu finden glaubte, daß sie einen andern dem ähnlichen Ueberfall verhindern würden. Die Volksmenge schien ihm aber keineswegs geneigt – man entzog zuerst den Besiegten seinen Händen, und dann brach der Sturm in plötzlicher, aber desto verheerenderer Gewalt über ihn los. »Zu Boden mit dem irischen Hund! nieder mit ihm!« tobten sie. – »Er hat Hand an einen Bürger der Vereinigten Staaten gelegt – was will der Ausländer hier? der über's Wasser Gekommene?« »In's Wasser denn mit ihm!« schrie ein breitschulteriger bleicher Gesell, dem sich eine tiefe, noch kaum geheilte Narbe vom linken Mundwinkel bis hinter das Ohr zog, was seinem Gesicht etwas unbeschreiblich Wildes und Unheimliches verlieh – »in's Wasser mit ihm – die irischen und deutschen Halunken verderben armen ehrlichen Arbeitern ohnedies die Preise. In den Mississippi mit der dünnbeinigen Canaille, da kann sie mit den Seespinnen Hornpipes tanzen!« und mit diesen Worten, während er einen nicht sehr lauten, aber ganz eigenthümlichen Pfiff ausstieß, warf er sich so plötzlich gegen den überraschten Irländer, daß er diesen für den Augenblick zum Wanken brachte. Den geübten Boxer würde er jedoch trotz alledem nicht übermannt haben, wären nicht die ihm zunächst Stehenden und mehrere Andere, die sich schnell hinandrängten, rasch zu seiner Hülfe herbeigeeilt, und O'Toole sah sich gleich darauf von mehreren Seiten erfaßt und zu Boden geworfen. »In den Mississippi mit dem Schuft!« tobte der Haufen – »bindet ihm die Hände auf den Rücken und laßt ihn schwimmen! – Fort nach Irland mit ihm – er kann sich unterwegs ein Schiff bestellen,« jubelte ein Anderer, und wenn auch Einzelne der friedlicher Gesinnten, die keineswegs wollten, daß ein bloßer Streit ein solch tragisches Ende nehmen sollte, dazwischen sprangen und den Ueberwältigten zu retten suchten, so wurden diese doch leicht zurückgehalten, und jauchzend schleppten die Rasenden ihr Opfer dem Flußrande zu. O'Toole's Lage war eine höchst mißliche, und er selbst wußte nur zu gut, wie feindlich ein großer Theil der Bewohner von St. Helena gegen ihn gesinnt sei, um nicht das Schlimmste zu fürchten. Schwerlich würden ihm aber seine verzweifelten Anstrengungen, mit denen er versuchte, den Mördern Trotz zu bieten, etwas genützt haben. Die Uebermacht war zu groß, und die Nähe des Flusses ließ ihnen auch keine Zeit zum Ueberlegen, sondern schien ihr Vorhaben eher noch zu begünstigen. – Da war es ein Einzelner, der sich plötzlich mitten zwischen die Wüthenden warf und, den Arm des Iren ergreifend, jeden weiteren Fortschritt hemmte; dieser Einzelne aber niemand Anderes, als unser freundlicher Wirth, Jonathan Smart, der hier mit einer Autorität sein »Halt – das ist genug!« aussprach, als ob er von dem Haufen ganz besonders zum Friedens- und Schiedsrichter bestellt gewesen wäre. Die Menge zeigte indessen nicht die mindeste Lust, das so unerwartete und ungebetene Einschreiten geduldig zu ertragen. »Zurück, Smart – laßt den Mann los und geht zum Teufel!« und mehrere ähnliche und gleich freundliche Anreden schallten ihm aus fast jedem Munde entgegen. Smart aber behauptete nichtsdestoweniger seinen Platz und rief nur mit fester Stimme dagegen: »Ich will verdammt sein, wenn Ihr ihm ein Haar krümmt!« »So sei es denn!« schrie der Eine seiner Gegner, zog eine kleine Taschenpistole, richtete sie auf den Yankee und drückte ab. Nun versagte zwar zum großen Glück des menschenfreundlichen Retters die Waffe, Jonathan Smart war aber nicht der Mann, der ruhig auf sich zielen ließ. Mit schnellem Griff riß er ein unter seinem Rock getragenes, wenigstens zwölf Zoll langes Bowiemesser vor und führte damit schon in der nächsten Secunde einen so kräftigen wohlgemeinten Hieb nach dem entsetzt Zurückfahrenden, daß er ihm, wenn Jener Stich gehalten, den Schädel unfehlbar mit dem schweren Stahl gespalten haben müßte. Der aber, dem die jetzt zornfunkelnden Augen des Gereizten nur zu deutlich verriethen, was ihn erwarte, sprang mit lautem Aufschrei zur Seite, und nur noch die Spitze des Messers traf ihn vorn an der Schulter, von wo an sie ihm den Rock bis hinab an den Saum mit einem Hiebe aufriß. Der Schlag war zu tüchtig geführt gewesen, um an dem vollen Ernst des Mannes nur einen Augenblick zu zweifeln. Sein Auge flog auch jetzt mit so dunkelglühendem und herausforderndem Trotz über die Anderen hin, daß sie scheu und fast unwillkürlich den Iren losließen. Der aber fühlte seine Glieder kaum wieder frei, als er auch schon rasch emporsprang und nicht übel Lust zu haben schien, den für ihn fast so verderblich gewordenen Kampf an Ort und Stelle zu erneuern. Smart jedoch hielt seinen rechten Arm wie mit eisernem Griff umspannt, und ehe noch die für den Augenblick wie vor den Kopf gestoßenen Männer einen neuen Entschluß fassen oder es über sich gewinnen konnten, dem ihnen so herausfordernd gezeigten Stahl zu trotzen, zog der Wirth den kleinen Irländer mit sich fort, seinem eigenen Hause zu, und verschwand gleich darauf im Innern desselben. »Verdamm' meine Augen!« schrie da plötzlich der schon früher erwähnte bleiche Gesell mit der Narbe – »sollen wir uns das gefallen lassen? Wer ist denn der langbeinige Schuft von einem Yankee, der hier nach Arkansas kommt und einem ganzen Haufen ordentlicher Kerle vorschreiben will, was er zu thun und zu lassen hat? Ei so steckt doch dem Halunken das Haus über dem Kopfe an!« – »Bei Gott, das wollen wir – kommt, Boys, holt das Feuer aus seiner eigenen Küche!« tobte und wüthete die Schaar – »nieder mit der Kneipe, die Bestie will so nichts pumpen!« Die Masse wandte sich – rasch zur Unthat erschlossen – gegen das also bedrohte Haus, und wer weiß, wie weit sie in ihrem augenblicklich heftig entflammten Grimme gegangen wäre, hätte sich ihr nicht jetzt, aber mit der freundlichsten, bittendsten Geberde ein Mann entgegengestellt, der sie mit hoch erhobenen Armen und lauter Stimme bat, ihm einen Moment Gehör zu schenken. Er war hoch und schlank gewachsen, mit offener, freier Stirn, dunkeln Augen und Haaren, und feinen, fast weiblich scholl geschnittenen Lippen. Auch in seiner ganzen Haltung lag etwas Gebieterisches und doch wieder Geschmeidiges, und seine Kleidung, die aus feinem schwarzen Tuch und schneeweißer Wäsche bestand, verrieth ebenfalls, daß er entweder diesen Kreisen fremd sei, oder doch eine Stellung bekleide, die ihn über seine Umgebung erhebe. Er war zu gleicher Zeit Advokat und Arzt und seit einem Jahr erst aus den nördlichen Staaten hier eingetroffen, wo er sich seiner Kenntnisse und seines einnehmenden Betragens wegen in gar kurzer Zeit nicht allein eine bedeutende Praxis erworben hatte, sondern auch in Stadt und County zum Friedensrichter ernannt worden war. »Gentlemen!« redete dieser jetzt die ihm wunderbarer Weise rasch Willfahrenden an – »Gentlemen, bedenken Sie, was Sie thun wollen. – Wir befinden uns unter dem Gesetze der Vereinigten Staaten, und die Gerichte sind sowohl bereit, Sie gegen den Angriff Anderer, als Andere gegen Ihren Angriff zu schützen. Mr. Smart hat Sie aber nicht einmal beleidigt – er hat Ihnen im Gegentheil einen Gefallen gethan, indem er Sie vor einer Gewaltthat bewahrte, die wohl böse Folgen für Manche von Ihnen gehabt haben könnte – Sie sollten ihm eher dankbar sein – Mr. Smart ist auch sonst in jeder Hinsicht ein Ehrenmann.« »Hol' ihn der Teufel!« rief hier Der, nach dem der Wirth mit seinem Messer gehauen, »dankbar sein – Ehrenmann – ein Schuft ist er und hätte mich beinahe gespalten wie eine Apfelsine. – In die Hölle mit ihm! – Feuer in sein Nest, das ist mein Rath!« »Gentlemen! Hat Sie Mr. Smart beleidigt,« nahm hier der Richter auf's Neue das Wort, »so bin ich auch überzeugt, daß er Alles versuchen wird, seinen begangenen Fehler wieder gut zu machen; kommen Sie, wir wollen ruhig zu ihm hinausgehen, und er mag dann mit freundlichem Wort und einer kleinen, freiwilligen Spende an Whisky, die wir ihm auferlegen werden, das Geschehene ausgleichen – sind Sie das zufrieden?« »Ei, hol's der Henker – ja!« sagte der mit der Narbe – »er soll tractiren. – Tritt er mir aber wieder einmal in den Weg, so will ich verdammt sein, wenn ich ihm nicht neun Zoll kalten Stahl zu kosten gebe.«
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