„Guten Morgen, Kind! Wie kannst du bloß noch schlafen? Heute ist doch dein großer Tag!“
Verstört blinzelte Jinx in das grelle Tageslicht, das durch die Fenster hereinströmte. Mit einer fast triumphalen Bewegung hatte Merula die Vorhänge beiseite gerissen, und das Licht schlug wie eine Faust auf sie ein.
Eine Welle der Übelkeit raste durch ihren Körper, ließ ihren Magen sich wie ein Knoten zusammenziehen, und ihre Sicht verschwamm, als der Schwindel über sie hinwegrollte wie eine unerbittliche Welle. Die Dunkelheit, die einst ihr sicherer Hafen gewesen war, hatte sich gewandelt – abweisend, kalt, und nun eine Erinnerung an Verrat und Schmerz.
Nicht noch einmal. Bitte, nicht wieder! dachte sie immer wieder, die Worte wie ein verzweifeltes Mantra. Sie wollte diese Hölle auf keinen Fall noch einmal mit ansehen müssen. Wie oft sollte sie das Ganze denn noch durchstehen?
„Na los, raus aus den Federn! Du kannst doch heute nicht verschlafen, an deinem großen Tag!“
Mit präzisen, kühl wirkenden Bewegungen beugte Merula sich über sie, als ob sie ein Problem lösen wollte, nicht eine Tochter trösten. Sie legte eine kühle Hand auf Jinx' Stirn und runzelte die Stirn.
„Du hast kein Fieber. Also mach schon, dass du aufstehst. Wir müssen dich zurechtmachen. Wie du nur wieder aussiehst!“
Jinx ertrug Merulas Schimpftirade stumm, während ihre Gedanken wie aufgeregte Blitze durch ihren Kopf jagten. War dies wirklich eine zweite Chance? Ein gnadenloser Neustart, der ihr die Möglichkeit gab, alles zu ändern – oder einfach nur eine Wiederholung ihrer Qualen?
Konnte sie dieses Mal wirklich eingreifen? Ihr Schicksal wenden und den tödlichen Verrat, der sie einst verschlang, verhindern?
Ihr Herz schlug wild und unkontrolliert, während sie ihre Mutter – nein, ihre verräterische Ziehmutter – wortlos dabei unterstützte, sie in die samtene Robe zu kleiden. Die blutrote Robe legte sich wie eine Last aus Schuld und Verrat um ihre Schultern, ein unheilvolles Versprechen für die Zeremonie, die sie zu verschlingen drohte.
Anschließend hielt sie still, während Merula, diese falsche Schlange, ihre Frisur mit geschickten Händen zu einem kunstvollen Knoten hochsteckte. Merulas geschickte Hände arbeiteten wie die eines Puppenspielers, jeder Zug ihrer Finger schien Jinx fester an die unerbittlichen Rituale des Rudels zu binden.
Währenddessen tobten ihre Gedanken wie ein aufgewühlter Sturm. Dieses Mal würde sie nicht stillstehen, während ihr Leben in den Händen anderer zerbrach. Dieses Mal würde sie kämpfen – und sie würde gewinnen. Nein – dieses Mal mussten ihre Widersacher am Ende vor ihr im Staub winseln. Sie würden büßen. Bittere Vergeltung würde sie üben.
Nicht nur an Aurelia, sondern auch an Durante und ihren scheinheiligen Zieheltern, die weder für sie noch für ihre echte Tochter auch nur einen Funken Liebe übriggehabt hatten. Sie würde jede Fassade ihrer heuchlerischen Welt Stück für Stück auseinanderreißen, bis nichts als Schutt und Asche übrig blieb, von dem, was ihnen lieb und teuer war.
Und zum Schluss würde sie mit Valerian abrechnen. Sein Verrat fraß sich wie ein unheilvolles Feuer durch ihre Seele, ein unstillbarer Schmerz, der sie dennoch stärker machte. Wie hatte er nur Aurelias Lügen glauben können? Immerhin kannte er Jinx doch schon sein ganzes Leben. Hätte dieser verdammte Alpha auch nur ein bisschen Rückgrat gezeigt, so wäre es nie so weit gekommen.
Jetzt war sie frei – endlich von den unsichtbaren Ketten des Rudels befreit, die einst ihren Geist gefesselt hatten, und frei, ihre Rache wie eine präzise Waffe zu führen. Sie brauchte auf niemanden in diesem verfluchten Rudel Rücksicht zu nehmen, da sie wusste, dass jeder Einzelne von ihnen sie am Ende verraten hatte.
Nur Milo war die Ausnahme. Ein Name, der wie ein Funken Hoffnung in ihrer dunklen Erinnerung glomm. Bevor er entlassen wurde, hatte Milo sie noch gewarnt. Dieser Moment hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt – Milo, der Einzige, der den Mut hatte, gegen den Strom zu schwimmen. Er war mehr als ein bloßer Hinweis – Milo könnte der einzige Verbündete sein, der den Mut hatte, die Wahrheit zu sprechen, als alle anderen schwiegen.
Außerdem wusste sie, dass Aurelia die meisten hochrangigen Rudelmitglieder auf ihre Seite gezogen hatte, indem sie Jinx' Blutlinie mit kalkulierter Bosheit als schändlich und unwürdig hinstellte – eine gezielte Demütigung, die wie Gift in die Herzen selbst der treuesten Rudelmitglieder tropfte. Doch dieses Argument würde sie Aurelia nehmen. Wer wollte schon einen Alpha, der so erbärmlich war, dass er bei der ersten Gelegenheit seine Schwüre brach?
Dieser Alpha, der vorgegeben hatte, sie zu beschützen, und doch tatenlos zugesehen hatte, wie sie verraten und ermordet wurde – er war den geringsten ihrer Gedanken nicht mehr wert. Und dennoch: Valerian war verletzlicher, leichter zu beeinflussen, als sie je geglaubt hätte. Seine Schwäche und Unentschlossenheit waren ihre schärfsten Werkzeuge, bereit, in die Wunde seines eigenen Verrats zu schneiden.
Als die Tür aufging und eine Dienerin das wertvolle Geschmeide für die Zeremonie brachte, war Jinx innerlich bereit, sich ihrer Aufgabe zu stellen. Dieses Mal würde sie die Würfel selbst in der Hand halten – und sicherstellen, dass das Spiel zu ihren Gunsten ausgehen würde.
Ihr entschlossener Blick traf auf das Spiegelbild einer Frau, die sie kaum wiedererkannte – klar, fokussiert und reifer, als sie es jemals gewesen war. Und als Merula ihr die schweren Blutrubine um den Hals legte, die sich wie Tropfen vergossenen Blutes um ihren Hals schlangen – ein makabres Versprechen an den erbitterten Kampf, der vor ihr lag – und die Ohrringe in ihre Ohrläppchen steckte, fühlte sie sich dem erbitterten Kampf, der auf sie zukam, beinahe gewachsen.
Doch sie wusste, was sie als Erstes tun musste: Zeit schinden. In der Vergangenheit, oder vielleicht in einer verdrehten Zukunft, je nachdem, wie man es betrachtete, war Aurelia direkt nach der Zeremonie hereingeplatzt, genau in dem Moment, als sich alle im Festsaal eingefunden hatten. Dieses Mal durfte die Bindung nicht vollzogen sein, wenn ihre Rivalin eintraf.
Eine Stunde. Eine gnadenlose Stunde, in der jede Sekunde über Triumph oder Untergang entschied.
„So, meine Tochter, ich habe dein widerspenstiges Haar wirklich gut gezähmt – wie immer, wenn ich mich darum kümmere,“ meinte Merula und legte ihr mit ernster Miene die zarten Hände auf die Schultern.
„Jetzt komm! Die Zeremonie beginnt in einer halben Stunde. Du willst doch nicht als Letzte zu deiner eigenen Bindung kommen.“
„Natürlich nicht, Mutter. Aber geh doch schon einmal vor, ich fürchte, ich muss noch einmal kurz zur Toilette.“
Ein Funken Ungeduld zuckte über Merulas Gesicht, doch sie zwang sich zu einem gezierten Lächeln. „Na schön, ich gehe schon. Aber lass uns nicht warten – du weißt, wie unnachsichtig dein Vater werden kann, wenn jemand ihn aufhält. Und er fiebert dieser Zeremonie schon seit so vielen Jahren entgegen.“
‚Natürlich freut er sich,‘ dachte Jinx, während die Worte wie bittere Galle in ihrem Mund brannten.
„Keine Sorge, Mutter, ich komme gleich nach. Ach, Mutter, lass Neyla hier – ich könnte noch etwas brauchen, und sie ist immer so zuverlässig.“
Die ältere Wölfin lächelte geziert, doch ihre Augen funkelten mit einem Hauch von Triumph, als ob sie bereits den Erfolg ihrer Pläne feierte. Sie bedeutete Neyla, im Zimmer zu bleiben, bevor sie selbst sich zu den anderen Mitgliedern des Rudels und den Gästen nach unten begab.
Im Bad schloss Jinx geschwind die Tür hinter sich ab, dann ließ sie sich auf dem Rand der Badewanne nieder. Während sie dort saß, formten sich Bilder in ihrem Kopf – Worte, scharf wie Klingen, und Taten, die wie Blitze ihre Feinde zerschmettern würden, genährt von der unaufhaltsamen Entschlossenheit, die in ihr loderte.
Es würde schwierig werden. Aurelia würde gewiss nicht kampflos aufgeben, doch Jinx hatte mehrere Trümpfe in der Hand. Und falls sie erneut scheiterte, würde sie ja möglicherweise noch eine zweite Möglichkeit bekommen, um aus ihren Fehlern zu lernen.
Ein zögerliches Klopfen drang durch die Stille wie das unangenehme Kratzen von Fingern an einer geschlossenen Tür, störte ihre Gedanken und zwang sie zurück zur Realität. Jinx ließ einen der unbezahlbaren Ohrringe ins Klo fallen und betätigte die Spülung. Sie wartete einen Moment, gerade lange genug, um den Eindruck zu erwecken, dass sie das Missgeschick erst jetzt bemerkt hatte, ehe sie einen spitzen Schrei ausstieß.
„Herrin? Herrin, was ist denn los? Ist alles in Ordnung?“, kam es sofort von draußen, gedämpft durch die Tür.
„Oh Neyla!“, rief Jinx verzweifelt. „Etwas Furchtbares ist geschehen! Bitte geh und hol meine Mutter, ja?“
Ein flüchtiger Hauch von Mitleid stahl sich in Jinx' Gedanken, doch sie erstickte ihn schnell – sie konnte es sich nicht leisten, schwach zu sein. Neyla würde unten in der gehobenen Gesellschaft mit Sicherheit nervös und verloren wirken – genau das, was Jinx brauchte. Sie hoffte, dass die Dienerin lange brauchen würde, um Merula ausfindig zu machen.
Es dauerte allerdings keine fünf Minuten, da klopfte es schon wieder an der Tür. Dieses Mal war es kein Klopfen mehr, sondern ein dröhnendes Hämmern, das wie ein drohender Sturm durch die Tür vibrierte.
„Jinx, bist du noch immer da drinnen? Was soll denn das? Mach diese verdammte Tür auf und komm nach unten. Es geht gleich los. Durante hat die Gäste gerade gebeten, Platz zu nehmen.“
Jinx öffnete die Tür, ihre Augen weit aufgerissen, ihr Gesicht eine perfekte Maske aus gespielter Verzweiflung. „Mutter, es tut mir so leid... ich glaube, ich habe einen der Ohrringe in die Toilette fallen lassen.“, stammelte sie mit zitternder Stimme.
„Verflucht sollst du sein, du nutzloses Kind! Wie konntest du nur so etwas Dummes tun? Dieser Schmuck ist unbezahlbar – und jetzt hast du unsere Ehre beschmutzt, als wäre sie nichts wert!“ Merula schob Neyla mit einem scharfen Blick an ihrer Ziehtochter vorbei ins Badezimmer. „Dann fische ihn eben wieder heraus! Oder meinetwegen soll Neyla das für dich erledigen.“
Doch Jinx schüttelte den Kopf, ihre Stimme leise und voller gespielter Demut. „Nein, Mutter, das geht nicht. Ich glaube, ich habe ihn runtergespült.“
„Was?! Du dumme Gans!“ Merulas Stimme überschlug sich fast vor Wut. „Wie konntest du nur so etwas tun? Du bringst uns alle in Verruf!“
Das Gezeter Merulas ging noch eine Weile weiter, scharf und unerbittlich wie ein Peitschenhieb. Neyla senkte den Blick, bevor sie schüchtern einwarf: „Herrin, ich bitte um Verzeihung, aber vielleicht könnte Maya helfen – sie ist die niederste Omega des Rudels und könnte den Ohrring aus dem Abwasser holen.“
„Ja, sofort!“, zischte Merula, ihre Stimme ein giftiger Befehl. „Und wage es nicht, dich zu verspäten – sonst werden heute Nacht beide dafür büßen!“ Sie warf einen scharfen Blick auf Neyla, als ob sie allein für diese Schande verantwortlich sei.
Ein flüchtiger Funken Mitleid durchzuckte Jinx, doch sie erstickte ihn schnell – sie konnte es sich nicht leisten, Schwäche zu zeigen, nicht jetzt. So grausam es war, sie wusste, dass Merula lieber sterben würde, als sich dem Alpha ohne eine makellose Tochter zu präsentieren. Diese Frau hätte lieber ihre Haut zu Markte getragen, als auch nur den leisesten Hauch von Schande einzugestehen.
Und solange Aurelia, ihr schärfster Trumpf, nicht zurückgekehrt war, hielt Jinx ihre Karten geschickt ausspielbereit – mit der Geduld eines Raubtieres, das seine Beute beobachtet und auf den perfekten Moment zum Angriff wartet.