Kapitel 7: Der Schatten der Wahrheit

2381 Words
Während sie warteten, wich Jinx Merulas schärfer werdenden Kommentaren aus. Die herablassende Art ihrer Ziehmutter hatte sie in der Vergangenheit genug verletzt. Jetzt war es genug. In Jinx' Herzen regte sich nichts als kalte, durchdringende Verachtung für die Frau, deren gesamtes Leben von Täuschung und Bitterkeit gezeichnet war. Merula hatte nichts erreicht außer einer Verbindung zum Beta des Rudels – ein Leben, das nun von der Angst zerfressen wurde, ihre Stellung zu verlieren. Viel zu schnell kehrte Neyla mit dem wertvollen Ohrring zurück. Jinx war schleierhaft, wie die von der Dienerin empfohlene Omega es geschafft hatte, das Schmuckstück in den Abwässern des Anwesens aufzuspüren. Trotz ihrer niedrigen Stellung offenbarte diese Maya eine stille Stärke, tief in den Schatten ihrer Rolle verborgen – eine Stärke, die das Rudel blindlings übersah. Während Jinx noch über diese Nachlässigkeit nachsann, steckte Merula ihr mit einem harten Zug den Ohrring wieder an, als ob jeder Handgriff ein unausgesprochener Vorwurf war, der schwerer wog als Worte. Dann packte sie ihre Ziehtochter und zog sie entschlossen zur Treppe, ohne einen Moment innezuhalten. Die Empfangshalle hatte sich inzwischen vollständig geleert. Die Gäste hatten sich bereits alle im Zeremonienzimmer versammelt und warteten darauf, dass der Ritus begann. Jinx' Gedanken überschlugen sich, ihr Herz pochte wie ein Trommelschlag, der die drohende Unausweichlichkeit des Moments ankündigte. Ein Blick auf die große Uhr in der Halle bestätigte, dass die Zeremonie bereits vor fünfzehn Minuten hätte beginnen sollen. Doch sie fürchtete, dass dies nicht ausreichen würde. Aus purer Verzweiflung wollte sie einen Unfall inszenieren, indem sie bei ihrem nächsten Schritt mit ihrem hochhackigen Schuh in ihrem langen Rock hängenblieb. Doch Merula reagierte blitzschnell, ihre scharfen Augen registrierten jede Bewegung, und mit einem ruckartigen Griff fing sie ihre Ziehtochter ab, bevor sie stolpern konnte. Ohne eine Sekunde zu verlieren, zerrte sie sie grob weiter. Schon empfing sie Ascan, der Beta der Schattenfänge, der ihr mit einem strengen, kalten Blick seinen Arm anbot. Sein Ausdruck hätte selbst den mutigsten Feuerdämon zu Eis erstarren lassen können. Doch kaum schwangen die massiven Türflügel lautlos auf, enthüllten den festlichen Raum und die unzähligen Augen, die erwartungsvoll und durchdringend auf sie gerichtet waren, veränderte sich die Miene ihres Ziehvaters schlagartig zu einer stolzen Maske. Mit Ascan an ihrer Seite wagte Jinx keine Eskapaden mehr. Würdevoll schritt sie neben dem Beta den Gang entlang, ganz wie es der zukünftigen Luna der Schattenfänge geziemte. Beim Anblick Valerians, der etwas nervös wirkte, schnürte sich Jinx die Kehle zu. Hass und Rachedurst loderten in ihr auf, ein unkontrollierbares Feuer, das für einen Moment all ihre Sinne verschlang. Dieser verfluchte Verräter! Dieser rückgratlose Köter! Seine grünen Augen leuchteten vor Begeisterung, eine kindliche Freude, die einen scharfen Kontrast zu den düsteren Gedanken in Jinx' Kopf bildete. Als sie näherkam, schien seine Aufregung zu verfliegen, und mit einem verschmitzten, selbstbewussten Grinsen nahm er Jinx' Hand in die seine, als der Beta sie ihm gemäß der Tradition übergab. Eine unaufhaltsame Flut aus glühendem Zorn, lähmendem Schmerz und kalter Verzweiflung stürzte über sie hinweg, als ob ihre Seele von einem Sturm zerrissen würde. Dieser Blick! So vertrauensvoll, so aufrichtig. Wie oft hatte sie geglaubt, diese Augen könnten sie nie verraten? Ein scharfer, unerbittlicher Schmerz durchzuckte sie – die Erkenntnis, dass sie nicht nur ihren Geliebten, sondern auch den einzigen Lykaner, dem sie je wirklich vertraut hatte, unwiederbringlich verloren hatte. Mit eiserner Entschlossenheit drängte sie den Schmerz zurück, indem sie sich das erbärmliche Geheule ins Gedächtnis rief, das er ausgestoßen hatte, während er tatenlos zusah, wie sie verraten und ermordet wurde. Jinx konnte ihre Abscheu gerade noch so hinter einer Maske der Gleichgültigkeit verbergen, und ein kaum wahrnehmbarer Schatten der Irritation huschte über das Gesicht des jungen Alphas, als er ihren verzerrten Gesichtsausdruck bemerkte. Ihnen blieb jedoch keine Zeit, um ihre Unstimmigkeiten zu klären, denn der Älteste erklärte die Zeremonie nun für eröffnet: „Werte Anwesende, wir haben uns heute hier versammelt, um Zeuge zu werden, wie Valerian Rotpelz, Sohn des Flavius Rotpelz und amtierender Alpha der Schattenfänge, Jinx Reah Rotklaue, Tochter des amtierenden Betas Ascan Rotklaue, zu seiner Gefährtin und unser aller Luna erheben wird. Die Bindung dieser beiden Seelen, die vor unser aller Augen besiegelt wird, ist mehr als ein Versprechen – sie soll ewig währen, unerschütterlich wie der Mond selbst, selbst im Angesicht des Todes. So wie der Mond am Himmel Teil unseres Wesens ist und uns die Kraft verleiht, welche uns über alle anderen Wesen auf diesem Planeten stellt, so soll von nun an Luna Jinx Reah Rotklaue unserem Alpha Valerian Rotpelz ihre Kraft spenden, damit die Macht der Schattenfänge auch in Zukunft wächst und gedeiht.“ Ein Chor aus rituellen Lauten erhob sich, ein tiefes, dröhnendes Beben, das wie der Herzschlag des Rudels die Wände erzittern ließ und Jinx' Nackenhaare aufstellte. „Gut, die Zeugen haben ihre Zustimmung gegeben. Dann seid nun ihr an der Reihe, den Bund vor unseren Augen zu besiegeln. Alpha Valerian, bestätigst du Jinx Reah Rotklaue als Luna der Schattenfänge und schwörst, deine Gefährtin mit deinem Leben zu schützen, da sie fortan die Seele unseres Rudels sein wird?“ Jinx wusste: Valerians Zustimmung würde den Bund besiegeln, ihre eigene war nicht nötig. „Warte, Valerian!“, hinderte sie ihn daher hastig an seiner Antwort. Unzählige Augenpaare bohrten sich in sie, jeder Blick ein unbarmherziger Fokus – ihr Mut erschien ihr wie ein dünner Faden, der jederzeit reißen konnte. „Bitte entschuldige die Unterbrechung.“ Sie senkte den Blick, konnte Valerian nicht ansehen. Er wirkte verwirrt, aber nicht ungehalten. Jinx' Gedanken jagten wie ein aufgewühlter Sturm durch ihren Kopf; sie suchte verzweifelt einen Weg, das Ritual aufzuhalten, bevor es endgültig besiegelt wurde. „Bist du dir wirklich sicher, Valerian?“, flüsterte sie, für die Versammelten kaum hörbar. Der mächtige Alpha ergriff ihre Hände mit einer Festigkeit, die sowohl Wärme als auch unerschütterliches Vertrauen ausstrahlte, als ob seine Worte jede Unsicherheit hinwegfegen könnten. „Natürlich bin ich mir sicher. Jinx, ich liebe dich.“ Seine Worte trafen sie wie ein Blitz – sie sollten Trost bieten, doch in ihrem Herzen vertieften sie den Riss zwischen Liebe und Misstrauen. Damit schien für Valerian alles geklärt zu sein, und entschlossen machte er sich daran, den Eid zu sprechen. Ein lähmender Strom aus Panik und Verzweiflung wühlte in Jinx’ Brust, als ob eisige Klauen ihr Herz packten und nicht mehr loslassen wollten. Was sollte sie nur tun? Ihre Gedanken überschlugen sich. Da ihr nichts Besseres einfiel, formte sich ein schriller Schrei in ihrer Kehle, der die angespannte Stille durchbrach. Mit einem krachenden Donnerschlag rissen die massiven Türen auf, wie ein Orkan, der die angespannte Stille in tausend Scherben brach und Jinx‘ Schrei im Moment der allgemeinen Überraschung untergehen ließ. Empört drehten sich Dutzende Köpfe zu der Störung um, während ein seltsames Gefühl der Erleichterung Jinx durchflutete. Die verursachten Verzögerungen hatten genügt. In die Halle platzte Theon, einer der Wachposten, dicht gefolgt von Aurelia. Ein Hauch unerwarteter Erlösung durchzog Jinx, obwohl sie nie gedacht hätte, dass sie sich eines Tages freuen würde, diese hinterhältige Wölfin zu sehen. Möglichst unauffällig stieß sie den angehaltenen Atem aus und entzog Valerian wie zufällig ihre Hand. Der Alpha fixierte die Eindringlinge mit einem Blick, in dem unverhohlener Zorn aufloderte wie eine Flamme, bereit, alles zu verbrennen, was ihm im Weg stand. Ein tiefes, bedrohliches Knurren drang aus seiner Kehle. „Theon, was hat das zu bedeuten? Wer ist diese Lykanerin?“ „Bitte verzeih mir, mein Alpha, aber sie hat sich nicht aufhalten lassen. Sie sagt, sie hätte lebenswichtige Informationen, die das Schicksal des gesamten Rudels betreffen.“ Der Kopf des Kriegers senkte sich tief, als wollte er sich vor Valerians Wut in den Boden vergraben. Doch Valerians Aufmerksamkeit verlagerte sich bereits auf Aurelia. „Was bitte kann so wichtig sein, dass du ein heiliges Ritual der Bindung störst?“ Valerians strenger Blick schien für einen Moment zu flackern, als er die attraktive Lykanerin musterte – ein Hauch von Neugier, der sich wie ein Riss durch die Mauer seines Zorns zog. Aurelia klimperte mit den langen Wimpern, ihre violetten Augen glitzerten wie Edelsteine, während sie lauernd durch die Reihen der Versammelten blickte, als würde sie die Wirkung ihres Auftritts einschätzen wollen. „Großer Alpha, bitte verzeih mir mein ungebührliches Eindringen“, begann sie mit gespielter Unterwürfigkeit. „Ich wollte deinen Zorn nicht auf mich ziehen, aber ich konnte nicht schweigen. Ich musste dich warnen – bevor das Rudel unwiederbringlich in den Abgrund stürzt. Dieses Mädchen ist nicht, wer sie zu sein vorgibt. Sie ist nicht die Tochter von Ascan und Merula.“ „Wie kannst du es wagen, unser heiliges Ritual mit solchen Lügen zu beschmutzen?“, fuhr Valerian sie an, seine Stimme donnerte durch den Saal. „Ich kenne Jinx bereits mein ganzes Leben lang. Sie ist sicher keine Hochstaplerin. Verschwinde sofort, bevor ich beschließe, dich für diese dreiste Lüge zur Rechenschaft zu ziehen!“ Da mischte sich Durante ein, seine Stimme ruhig und besonnen: „Mein Alpha, es wäre töricht, nach ihren Worten keinen Beweis zu fordern. Niemand riskiert es leichtfertig, ein heiliges Ritual zu stören. Vielleicht steckt mehr Wahrheit in dem, was sie sagt, als wir glauben wollen.“ Die Versammlung schwieg für einen Moment wie vom Donner gerührt. Dann brach ein unaufhaltsames, brodelndes Murmeln aus, durchzogen von Misstrauen, aufkeimender Neugier und nervöser Erwartung, das wie ein eigenständiges Lebewesen durch den Raum kroch. Jinx' Herz zog sich zusammen. Es war, als ob unsichtbare Klingen ihr Herz zerschneiden und jede Hoffnung mit brutaler Präzision zerstören würden, während sie spürte, wie das Rudel sich von ihr abwandte. Auf gewisse Weise erschien ihr dieser Vorgang beim zweiten Erleben noch viel furchtbarer, da sie ihn dieses Mal mit einer erschreckender Klarheit wahrnahm, die ihr beim ersten Mal gefehlt hatte, als sie kaum begriff, was Aurelias Eindringen für sie bedeuten sollte. Von Durante ermutigt, fuhr Aurelia fort: „Seht nur. Hier steht es schwarz auf weiß – mein Geburtsdatum, mein Gewicht und mein vollständiger Name: Aurelia Rotklaue. Der Beweis, dass ich die wahre Tochter bin!“ Triumphierend hielt sie ein kleines rosiges Krankenhausbändchen empor. Ein Murmeln breitete sich aus—nicht nur ein gewöhnlicher Unmut, sondern ein tiefes, grollendes Brodeln, das wie ein Sturm durch die Menge fegte. „Das beweist doch gar nichts!“ Die Worte einer einzelnen Stimme—unsicher, zaghaft. Doch sofort verschluckt von der Welle aufkeimender Überzeugung. „Sieh nur ihre Augen. Genauso violett wie die Ascans.“ „Und ihre Haare. Silberblond wie Merulas.“ Trotz all ihrer Entschlossenheit schien es, als würde ein kalter, unerbittlicher Griff ihr Innerstes umklammern und jede Regung von Mut ersticken. Dennoch zwang Jinx sich, die Stimme zu erheben. Laut sagte sie an Valerian gewandt: „Mein Geliebter, bitte glaube mir, ich hatte keine Ahnung. Aber ich sehe ein, dass ich nicht deine Luna werden kann, solange diese Angelegenheit nicht eindeutig geklärt ist.“ Valerian schwieg. Seine grünen Augen huschten zwischen ihr und Aurelia hin und her, ein rastloses Suchen nach einer Wahrheit, die sich vor ihm zu entziehen schien. Doch bevor er antworten konnte, war es erneut der Älteste, der das Wort an sich riss: „Werte Anwesende, es liegt in unserer Verantwortung, klug und bedacht zu handeln.“ Seine Stimme durchschnitt die Unruhe wie eine Klinge. „Jinx' Vorschlag zeugt von bemerkenswerter Vernunft und einem tiefen Verständnis für die Verantwortung, die auf uns allen lastet. Unter diesen Umständen können wir sie keinesfalls zu unserer Luna ernennen.“ Ein dumpfer Schlag gegen ihr Herz. „Falls es wahr ist, dass es damals, bei den dramatischen Vorkommnissen, tatsächlich zu einer Verwechslung gekommen sein sollte, ist es unsere Pflicht, dies zu überprüfen. Immerhin stünde in diesem Fall das falsche Mädchen hier, um die Seele unseres Rudels zu werden.“ Jinx hielt ihren Blick fest auf den Boden gerichtet, als ob sie damit die Wogen des Verrats und der Einsamkeit, die in ihr tobten, bezähmen könnte. Doch die Erinnerung an das letzte Mal kroch wie ein giftiger Nebel in ihr Bewusstsein, zersetzte ihren Mut und ließ die Isolation und den Schmerz von damals lebendig werden. Die Situation, die sie dieses Mal erlebte, war kein Stück leichter zu ertragen, und es kostete sie all ihre verborgene Kraft, sich die Kontrolle nicht erneut aus den Händen reißen zu lassen. Ascan und Merula schwiegen schockiert, ihre Gesichter starre Masken. Doch hinter diesen stummen Fassaden schien ein fieberhafter Wettstreit zwischen ihnen zu toben – welches Mädchen würde ihre Macht sichern und den drohenden Ansehensverlust abwenden, sollte die Wahrheit ans Licht kommen? Während Jinx ihre Zieheltern beobachtete, durchzuckte sie eine schmerzhafte Erkenntnis: Die beiden hatten nie bedingungslos auf Aurelias Seite gestanden. Stattdessen kalkulierten sie nur, wer ihre eigene Stellung sichern konnte. Mit plötzlicher Klarheit realisierte Jinx, dass Aurelia keine Chance gegen sie hatte, wenn sie ihre Karten mit ihrem heutigen Wissen ausspielen würde. Wenn sie Valerian nicht durch ihre idealistischen Pläne vertrieb, könnte Jinx ihn sicher dazu bringen, zu ihr zu halten. Sobald ihre Zieheltern dies erkannten, würden sie sich möglicherweise auf ihre Seite schlagen und Aurelias Geschichte leugnen, was diese zu nichts weiter als einer intriganten Hochstaplerin degradieren würde, deren Versuch, im Rudel Fuß zu fassen, sogleich unterbunden würde. In ihrem ersten Erleben dieser Ereignisse war selbst Jinx sicher gewesen, dass Aurelia die Wahrheit sprach. Wieso sonst hätte das ganze Rudel hinter ihr stehen sollen? Doch was, wenn dem nicht so war? Was, wenn Jinx wirklich die Tochter von Ascan und Merula war und Aurelia nichts weiter als eine besonders gute Lügnerin? „Jinx.“ Die sonst so starke und entschlossene Stimme von Valerian war jetzt kaum mehr als ein leises, zittriges Flüstern, das wie ein Schatten seiner sonst so mächtigen Stimme wirkte und Jinx bis ins Mark traf. Dieser eine Laut gab den Ausschlag. Sie würde sich nicht auf diesen Kampf einlassen. Sollte Aurelia Valerian bekommen – es war ihr egal. Sie wollte ihn nicht mehr. Er hatte an ihr gezweifelt, sie fallenlassen, wie alle anderen auch, ohne untrüglichen Beweis. Sie würde die Wahrheit erfahren und einen Weg finden, Aurelia zu vernichten und sich an den Verrätern zu rächen. Dazu benötigte sie weder die Hilfe ihrer Eltern noch des Alphas. Der scheinbare Schutz dieser illoyalen Verbündeten widerte sie an. Die Sicherheit des Herrenhauses, in dem die ranghöchsten Rudelmitglieder von ihren eigenen Intrigen erstickt wurden, stieß sie nur noch ab. Sie würde einen anderen Weg finden, um ihre Ziele zu erreichen. Ihren ganz eigenen.
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