Nachdem Jinx ihrer Rivalin das Feld überlassen hatte, ließ die Reaktion ihrer Zieheltern nicht lange auf sich warten. Vor den Augen des gesamten Rudels schlugen sich Ascan und Merula endgültig auf Aurelias Seite. Ihre Loyalität zu ihr zementierten sie mit einer öffentlichen Erklärung: Jinx sei nie mehr als ein Ersatz gewesen – ein tragischer Irrtum, geboren aus der Hoffnung, ihre wahre Tochter hätte den Überfall nicht überlebt.
Da Jinx jedoch freiwillig ihren Rang aufgegeben hatte und sich in dieser Zeitlinie nicht mit dem Alpha überworfen hatte, sorgte Valerian persönlich dafür, dass sie weiterhin als Mitglied des Rudels anerkannt wurde. Dennoch blieb ihr, als elternloses Weibchen mit unbekannter Blutlinie, keine andere Wahl, als das Herrenhaus zu verlassen – eine Domäne, die ausschließlich den ranghöchsten Kriegern des Rudels und ihren Familien vorbehalten war.
„Hab keine Angst, Jinx. Solange ich über dieses Rudel wache, wird niemand es wagen, dich zu beanspruchen. Du bist und bleibst mein.“
Jinx spürte die Aufrichtigkeit in Valerians Worten. Trotz der Wut, die in ihr brannte, schufen seine Loyalität und sein Schutz ein unerwartetes Gefühl von Sicherheit. Seine Worte bewahrten sie davor, zum Opfer der männlichen Lykaner zu werden, und boten ihr selbst in ihrer Degradierung den notwendigen Freiraum, ungehindert ihre Pläne zu schmieden.
„Valerian, ich verstehe einfach nicht, warum das alles passieren musste. Ich dachte wirklich, wir wären füreinander bestimmt.“ Die Worte klangen in ihren eigenen Ohren hohl, kaum mehr als ein Echo jener verzweifelten Frage, die sie sich immer wieder gestellt hatte und erinnerte sie schmerzlich an ihre vergebliche Hoffnung, ihr Gefährte würde sich besinnen und sie vor Aurelias Grausamkeit beschützen.
Sanft strich Valerian über ihre Wange – eine vertraute Berührung, die zugleich Trost spenden und die unausgesprochenen Grenzen zwischen ihnen überbrücken sollte. „Das dachte ich auch, Jinx. Und der Gedanke, dass es nicht so sein könnte, zerreißt mich jeden Tag aufs Neue.“
Jinx schwieg. Die Geste fühlte sich an wie ein Schatten der Vergangenheit, ein Nachhall einer Zeit, die nicht mehr die ihre war. Doch anstatt dem instinktiven Drang nachzugeben, sich von ihm zu lösen, zwang sie sich, standhaft zu bleiben.
„Weißt du, wer meine Eltern waren?“ , wechselte sie abrupt das Thema, um ihr Gespräch wie zufällig auf eine sachliche Ebene zu lenken. Gleichzeitig trat sie einen kleinen Schritt zurück, schuf sich Raum zum Atmen und brachte ihre flatternden Gedanken zur Ruhe. Denn letztlich war dies die wahre Frage: Waren Ascan und Merula wirklich ihre Eltern, oder war Aurelia wirkliche ihre Tochter? Sie musste Antworten finden, wenn sie ihrer Gegnerin erfolgreich die Stirn bieten wollte.
Auf die Ehrlichkeit ihrer Zieheltern durfte sie nicht hoffen, deren Wahrheit wandelte sich, je nachdem aus welcher Richtung der Wind der Macht wehte. Auch Valerians Vater Flavius hätte eine entscheidende Spur liefern können, doch direkt nach der Machtübergabe vor wenigen Wochen war er spurlos verschwunden. ‚Milo könnte noch etwas wissen‘, schoss es ihr durch den Kopf. Doch seit Aurelias Auftauchen hatte sie ihn nicht mehr gesehen.
Valerians Antwort riss sie aus ihren Überlegungen. „Leider nicht. Mein Vater hat nie mit mir über jenen Tag gesprochen, an dem meine Mutter starb.“ Der junge Alpha senkte den Blick, seine Augen zeugten von der tiefen Verletzung, die er durch die ständige Zurückweisung seine Vaters erfahren hatte.
Nach einem Moment des Nachdenkens fuhr er fort: „Ascan und Merula wissen sicher etwas. Auch Durante könnte Antworten haben. Eigentlich müssten alle Älteren deine Eltern gekannt haben – falls sie Teil des Rudels waren.“
Ein eisiger Schauer kroch Jinx über die Haut. Der bloße Gedanke, dass ihre Eltern nicht zum Rudel gehört haben könnten, war ein dunkler Schatten, der sich über ihre Gedanken legte. Eine solche Wahrheit würde Aurelia in die Hände spielen. Falls es zutraf, durfte sie es nie erfahren. Dann blieb Jinx nur eine Möglichkeit: jeden Hinweis auf ihre Herkunft auszulöschen.
„Sie müssen zum Rudel gehört haben. Wer sonst würde sich in ein Krankenhaus mitten im Wald verirren?“ Ihre Stimme klang fester, entschlossen.
Sie bemerkte das kaum merkliche Zögern in Valerians Haltung – eine Unsicherheit, die ihn für einen Moment verletzlich erscheinen ließ. „Vielleicht jemand vom Rudel der Stahlklauen? Früher wurde das Krankenhaus von beiden Rudeln genutzt. Und wenn deine Eltern ehrenhafte Mitglieder unserer Verbündeten waren, könnte das zu deiner Rehabilitierung beitragen. Hör zu, Jinx – ich werde mit den Ältesten sprechen und alles tun, um die Wahrheit über deine Eltern ans Licht zu bringen.“
„Ich danke dir, Valerian.“ Und diesmal war es keine leere Floskel. Wenn der Alpha herausfinden würde, wer ihre Eltern waren, und ihr damit zumindest einen Teil ihrer Identität zurückgab, wäre damit wenigstens ein Teil seiner Schuld getilgt.
Statt einer Antwort zog der Alpha sie an seine breite, muskulöse Brust. Seine Umarmung war fest, beinahe überwältigend – ein seltsamer Balanceakt zwischen Trost und erdrückender Nähe. Für einen Moment glaubte Jinx, in seiner Stärke zu verschwinden.
Dann lockerte er seinen Griff und drückte einen zärtlichen Kuss auf ihre Stirn. „Jinx, ich liebe dich. Selbst wenn ich dich niemals zu meiner Luna machen darf, wirst du immer zu mir gehören.“
Ein eisiger Sturm tobte in Jinx’ Brust. Wut, Ablehnung, Verrat. Dieser selbstgerechte Alpha glaubte tatsächlich, seine Worte würden Trost spenden, während sie sich in Wahrheit wie Fesseln um ihren Hals legten. Wie hatte sie sich so sehr in ihm täuschen können? Nicht lange war es her, da hatte sie seine scheinbare Gewissheit für ihre eigene gehalten. Sie hatte sich geborgen gefühlt in seinen Armen, hatte geglaubt, nichts könne ihr an seiner Seite etwas anhaben.
Doch die Kluft zwischen ihrer alten und ihrer neuen Wirklichkeit war zu tief. Sie fühlte sich, als würde ein Riss direkt durch ihre eigene Identität verlaufen.
Eine einzelne Träne rollte über ihre Wange, doch sie bemerkte sie kaum – bis Valerian sie sanft mit seinem Daumen wegwischte. „Ich werde herausfinden, wer deine Eltern waren, Jinx. Und falls sie ranghohe Mitglieder des Rudels waren, wirst du meine Luna. Das schwöre ich bei meinem Leben.“
Jinx verharrte reglos. Sie zwang sich, ihre Gefühle in sich einzusperren, bis sie nichts weiter war als eine Salzsäule, erstarrt vor Angst, ihre Kontrolle zu verlieren. Doch Valerian war noch derselbe. Er hatte sie noch nicht verraten.
‚Doch er wird es wieder tun!‘, erinnerte sie sich mit brennendem Zorn.
„Ich danke dir, Valerian“, hauchte sie mit leise zitternder Stimme. Sie ließ es zu, dass er seine Stirn an ihre legte, auch wenn ihre widersprüchlichen Impulse unerträglich an ihrem Innersten zerrten – fliehen, schreien, sich losreißen. Mit letzter Kraft hielt sie stand.
Wie die Dinge standen, war Valerian ihre einzige Verbindung zu den Vorgängen im Herrenhaus. Ihr einziger Schutz. Sie konnte es sich nicht leisten, ihn zurückzustoßen. Schließlich umfasste er ihr Gesicht noch einmal sanft mit seinen Händen, bevor er sich endlich zurückzog.
Hastig wandte sie sich ab, die Reisetasche über der Schulter, und eilte in Richtung Marktplatz. Tränen rannen ungehemmt über ihr Gesicht, doch sie schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit. Zum ersten Mal seit ihrer Wiedergeburt wünschte sie sich verzweifelt, die Bilder seines Verrats aus ihrem Kopf zu löschen – eine Qual, die wie scharfe Messer in ihre Gedanken schnitt.
Mit einem Schlag traf sie die unerbittliche Realität dessen, was Aurelias Erscheinen ihr genommen hatte. Es war nicht nur Valerian, den sie verloren hatte. Nicht nur den Platz an seiner Seite. Sondern etwas viel Tieferes – die Unschuld ihres Herzens, die naive Überzeugung, dass das Leben von Natur aus gütig war.
Mit brennenden Augen rannte sie durch die Straßen, bemüht, die vielen Blicke zu ignorieren, die ihr folgten. Die Hütte, die Valerian ihr am Waldrand verschafft hatte, erschien ihr wie ein stiller Zufluchtsort. Ein Ort, der Trost versprach, aber zugleich die Einsamkeit ihrer neuen Realität spiegelte. Doch dort konnte sie unbemerkt in den Wald entfliehen – laufen, sich verlieren. Wie sie es früher geliebt hatten. Sie beide.
Mit einem tiefen Atemzug verdrängte Jinx die Schatten der Vergangenheit. Sie ließ sie nicht länger an sich nagen, sondern formte sie zu einer Waffe. Schmerz war erträglich, wenn man ihn nutzen konnte. Valerian war nicht der, für den sie ihn gehalten hatte. Und das durfte sie nie vergessen.
Die Erkenntnis ihrer völligen Einsamkeit schnürte ihr für einen Moment die Luft ab. Doch dann berührte sie eine Erinnerung – vage, wie ein ferner Traum, mehr Gefühl als Bild. Das Band zu dem geheimnisvollen schwarzen Wolf. Sie spürte es noch immer, tief in ihrer Seele. Mit einem Mal legte sich eine erstickende Dringlichkeit über ihre Gedanken. Er würde sterben. Ebenso wie sie. Das durfte nicht geschehen.
Aber wie konnte sie es verhindern? Sie wusste nicht einmal, wer er war. Oder doch? Sie wusste, er war ein Alpha. Und sein Feind hieß Cato. Diese Erkenntnis verlieh ihrem Dasein eine neue Richtung. Noch mehr Wahrheiten, die sie finden musste. Diese Wiedergeburt war nicht nur ihre zweite Chance – sondern auch seine. Doch alles zu seiner Zeit. Sein Fall hatte sich in derselben Nacht ereignet wie ihr eigener Tod. Das bedeutete, ihr blieben noch Monate, um mehr über ihn herauszufinden.
Im Augenblick gab es jedoch dringendere Probleme.
Der Hass, den Aurelia gegen sie hegte, war unerbittlich. Ihre Rivalin hatte ihr bereits die Stellung als Luna entrissen. Sie wollte Valerian für sich gewinnen und selbst zur Luna des Rudels aufsteigen. Doch Jinx wusste, dass Aurelia erst zufrieden sein würde, wenn sie alles zerstört hatte, was Jinx jemals ausgemacht hatte – nicht nur ihre Stellung, sondern auch ihr Innerstes.
Jinx musste vorbereitet sein. Auf Angriffe, die geschickt und gnadenlos ausgeführt wurden. Auf Schachzüge, die ihre völlige Vernichtung zum Ziel hatten. Um sich zu wappnen, war es unerlässlich, die Wahrheit über die Ereignisse von damals aufzudecken. Solange sie nicht wusste, was wirklich geschehen war, blieb sie leichte Beute für Aurelias raffinierte Lügen – ein Spielstein in einem grausamen Match, das auf ihre endgültige Vernichtung hinauslief.
Der Verlust ihres Zugangs zu den Ältesten im Herrenhaus ließ ihr kaum noch Optionen. Sie könnte auf Valerians Versprechen hoffen, doch darauf zu vertrauen, wäre ein Risiko, das sie sich nicht leisten konnte. In diesem Moment fällte sie ihre Entscheidung: Sie würde selbst nach der Wahrheit suchen. Ohne darauf zu warten, dass jemand anderes ihr die Antworten lieferte.
Das Krankenhaus der Schattenfänge war nach dem verheerenden Überfall ins Zentrum der Siedlung verlegt worden. Einst jedoch hatte es strategisch nahe dem Territorium der Zwielichthexen gelegen – jenen Heilkundigen, deren außergewöhnliche Fähigkeiten über Generationen hinweg die Rudel versorgt hatten. Ihre Magie war das Herz der medizinischen Versorgung, ihre Gaben ein lebenswichtiges Netz, das die Schattenfänge und die Stahlklauen miteinander verband. Unterstützt durch die Großzügigkeit des Hexenzirkels teilten beide Rudel einst ihre Ressourcen.
Doch unter Alpha Flavius begannen die diplomatischen Bande zu den Hexen zu erodieren. Abtrünnige störten die fragile Balance, vergifteten das Vertrauen zwischen den Gemeinschaften. Schließlich wurde das Hospital ausschließlich von den Schattenfängen genutzt, und die einst unverzichtbaren Heilkräfte der Hexen gerieten ins Vergessen. Der endgültige Bruch kam nach dem Angriff. Die Kranken wurden nicht länger am Rand des Reviers versorgt – ein neues Hospital entstand im Herzen der Siedlung. Fortschritt ersetzte alte Abhängigkeiten; nun verfügte das Rudel über eigene ausgebildete Ärzte.
Doch der Rückzug aus der Allianz mit den Hexen hatte Folgen. Die Oberhexe verurteilte Flavius für seinen Verrat – nicht nur an ihnen, sondern an den jahrzehntelangen Bündnissen ihrer Völker. Diese Schuld haftete wie ein dunkler Schatten an seinem Namen.
Jinx kannte all dies schon lange. Sie hatte die Fragmente der Geschichte zusammengesetzt, um zu verstehen, was über ihrem Rudel schwebte – eine Wahrheit, die auch Flavius’ unberechenbares Verhalten erklärte. Nach dem Verlust seiner Luna war Flavius gebrochen, seine einstige Stärke in Scherben. Der mächtige Alpha wurde zu einem Schatten seiner selbst, dessen Name mit Schmerz und Versagen verbunden war.
Selbst Valerian wusste kaum etwas über den Tod seiner Mutter. Unzählige Male hatten sie beide überlegt, das alte Krankenhaus zu betreten – einen verbotenen Ort voller Geheimnisse, die niemand zu entwirren wagte. Doch die unkontrollierbare Wut des Alphas hielt sie jedes Mal zurück.
Aber heute war alles anders.
Jinx verspürte keine Angst mehr – nur Entschlossenheit, brennend und unaufhaltsam. Die Wahrheit lag vor ihr, und sie würde sie finden. Egal welche Gefahren auf sie warteten, sie würde sich gleich am nächsten Morgen auf den Weg machen. Vielleicht gab es dort noch Spuren, Aufzeichnungen jener Nacht, die ihr endlich Aufschluss über ihre Herkunft geben konnten.