Kapitel 9: Die Narben der Hierarchie

2897 Words
Gemäß ihrem Plan brach Jinx früh am nächsten Morgen nach Süden auf. Um schneller voranzukommen, verwandelte sie sich in ihre Wolfsform und bewegte sich in weitem Bogen um die Siedlung. Niemand durfte von ihrem Vorhaben wissen. Ihre Hütte lag weit im Norden – sie musste das Dorf umgehen, um nach Süden zu gelangen. Während sie sich lautlos durch das dichte Unterholz bewegte, entging ihrem geschärften Blick kein Detail. Doch plötzlich verharrte sie. Ein Geräusch ließ ihre Muskeln erstarren. Vorsichtig schlich sie näher und spähte zwischen den Bäumen hindurch. Eine Gruppe Wölfe kehrte von der nächtlichen Jagd zurück. Ihre Schnauzen waren noch mit getrocknetem Blut verschmiert – stille Zeugen der Beute, die sie erlegt hatten. Jinx kannte das Gefühl, wenn die Jagd das Blut in den Adern zum Kochen brachte, wenn Instinkte über jede Vernunft triumphierten. Doch als sie erkannte, was die Jäger taten, fraß sich eine eisige Fassungslosigkeit durch ihre Glieder. Sie hatten ihre Jagd nicht beendet. Keuchend wurde eine junge Frau vor sich hergetrieben. Ihre panischen Augen huschten hin und her, doch sie wusste, dass auch eine Verwandlung ihre Flucht nicht sichern würde. Die erfahrenen Wölfe hatten sie umzingelt, ihre Bewegungen präzise, erbarmungslos. Jinx' Blick fiel auf die schmale Gestalt des Mädchens – zierlich, fast kindlich, kaum mehr als Haut und Knochen. Eine Omega. Ranglos. Wehrlos. Ein heißer Strom aus Wut durchzuckte Jinx, ließ ihren Körper erbeben. Alles in ihr schrie danach, einzugreifen. Doch Valerian war nicht hier, und die Sicherheit, die er ihr versprochen hatte, schien in weiter Ferne zu liegen. Während Jinx noch zögerte, schlossen die Jäger den Kreis um das Mädchen enger. Sie war mit dem Rücken an einen Baumstamm gepresst – ein verängstigtes Reh, das den unausweichlichen Ausgang bereits kannte. Dann trat Avernus, der Meister der Jagd, aus den Schatten. Seine Präsenz erfüllte die Lichtung mit drückender Dominanz, und augenblicklich hielten die anderen inne. Ihre Bewegungen erstarrten, als hätte sein bloßes Erscheinen die tobende Gewalt gezügelt. „Zurück,“ knurrte er, seine Stimme tief und durchdringend – ein Befehl, der keine Widerrede duldete. „Sie gehört mir.“ Jinx’ Herz setzte einen Schlag aus. War das Schutz? Oder ein weiterer Anspruch? Die Ambivalenz seiner Worte fraß sich in ihre Gedanken. Vorsichtig schlich sie näher, ihre Muskeln bis zum Zerreißen angespannt. Jede Faser ihres Körpers war bereit, sich zu verteidigen. Ihre Zähne blitzten im gedämpften Licht, und ein gefährliches Grollen stieg in ihrer Brust auf – ehe sie es mühsam unterdrückte. Dann sah sie das Gesicht der jungen Frau. Große, blaugrüne Augen trafen die ihren – doch dort lag keine Angst. Nur Resignation, Frust und ein leiser, unbezwingbarer Funke Trotz. Selbst inmitten der überwältigenden Gefahr war dieser Funke nicht erloschen. In diesem Augenblick huschte ein Schatten an Jinx vorbei, geschmeidig wie der Wind, und sprang todesmutig in den Kreis der feixenden Männer. Die meisten Jäger hatten ihre Wolfsform abgelegt, so sehr in ihrem grausamen Spiel vertieft, dass sie den schwarzen Wolf zunächst kaum bemerkten. Doch er war da. Mit aufgestelltem Fell und leuchtenden blaugrünen Augen stellte er sich schützend vor die junge Frau. Jinx hielt inne, ihre Bewunderung für den selbsternannten Retter wuchs. Seine Augen – dieselben Blaugrüntöne wie die der Frau – ließen keinen Zweifel an ihrer Verwandtschaft. Geschwister. „Tiberius, nicht! Verschwinde!“, rief die junge Frau verzweifelt. Ihre flehende Stimme ließ die Männer scharf auflachen – ein grausames Echo, das die gespannte Luft noch schwerer machte. Der Spott der Jäger mischte sich mit ihrem Knurren, während sie den Kreis enger um die beiden zogen. Doch der schwarze Wolf ließ sich nicht beirren. Sein Fell sträubte sich, seine Muskeln spannten sich – bereit zum Sprung. Entschlossen, sich der Übermacht zu stellen, egal, was es ihn kosten würde. Jinx spürte, wie sich ihre Eingeweide zusammenzogen, ein schmerzhafter Knoten aus Wut und Angst, der sie fast lähmte. Wie mutig von ihm. Und wie töricht, flüsterte eine scharfe, unnachgiebige Stimme in ihrem Kopf. Wenn sie nicht eingriff, würden die Jäger den jungen Wolf zerfetzen. Und danach erst recht über seine Schwester herfallen. Doch wenn sie sich einmischte, könnte es ihr ebenso ergehen. Vor ihren Augen stürzten sich die Jäger mit Zähnen und Klauen auf ihren unterlegenen Gegner. Ihre Bewegungen waren präzise, gnadenlos – ein Schauspiel purer Gewalt. Die Szene riss Jinx unbarmherzig in ihre eigene Vergangenheit zurück. In eine Zeit, in der auch sie gefangen gewesen war. Eine ausweglose Situation, die mit ihrem Tod geendet hatte. Doch damals hatte sie sich bis zuletzt gewehrt, ungeachtet der Aussichtslosigkeit. Ein großes, graues Exemplar verbiss sich gerade in der Schulter des schwarzen Wolfs. Verzweifelt bäumte er sich auf, doch er konnte sich nicht befreien. Der Angreifer riss ihn brutal zu Boden, und ein zweiter Wolf – braun und muskulös – packte ihn mit tödlicher Präzision. Ihre vereinte Kraft hielt ihn am Boden, während ihre Zähne sich erbarmungslos ins wehrlose Fleisch gruben. Die Luft war schwer, durchtränkt von den testosterongeschwängerten Ausdünstungen der Wölfe – eine unsichtbare, aber unentrinnbare Bedrohung. Ein Schaudern lief durch Jinx’ Körper, als der vertraute Geruch alte Erinnerungen wachrief. Erinnerungen an den Moment, in dem Valerian sie markiert hatte – damals, als alles noch anders war. Damals hatte es sich wie ein Spiel angefühlt. Ein unschuldiges Ritual zwischen zwei Seelen, die zusammengehörten. Es war selbstverständlich gewesen. Doch jetzt, mit der Klarheit der Jahre, erkannte Jinx die Ungerechtigkeit, die in diesem Moment verborgen lag. Sie war diejenige gewesen, die von ihm markiert wurde. Er war frei geblieben – frei von Verpflichtungen, frei von Besitzansprüchen. Sie hatte ihm gehört. Doch er hatte nie ihr gehört. Avernus ließ den Kreis enger werden. Seine Präsenz war drückend, sein Schatten unheilvoll. Doch seine Augen ruhten nicht auf dem schwarzen Wolf – sie hafteten an Maya. Und in seinem Blick lag etwas, das ihre Rolle als einfache Omega für einen Moment hinterfragte. Etwas Nachdenkliches. Subtil. „Geh auf die Knie, Maya, und sei froh, dass ich dich beschütze“, knurrte er, seine Stimme ein dunkles Grollen, das über den Köpfen der Jäger schwebte wie eine unausweichliche Drohung. „Glaubst du wirklich, sie würden sich zurückhalten, wenn ich nicht hier wäre?“ Maya zitterte. Ihre Schultern sanken unter der Last seiner Worte, doch in ihren Augen flackerte etwas – ein leiser, fast unsichtbarer Funke des Widerstands, der sich trotz ihrer Lage nicht ganz ersticken ließ. Sie wusste, dass er nicht log. Nicht in dieser Sache. Avernus stand im Zentrum des Jagdtrupps wie eine unerschütterliche Erscheinung, seine Macht unausweichlich. Keiner der anderen Wölfe wagte es, ihm das Recht auf die erste Paarung streitig zu machen. Ihre Körperhaltungen waren angespannt, aber unterwürfig – ein stummer Beweis für die Autorität, die er ausstrahlte. Doch es war nicht nur seine rohe Stärke, die sie beeindruckte. Es war die absolute Gewissheit in seinen Entscheidungen, die keiner zu hinterfragen wagte. Jinx spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog – ein wirbelnder Sturm aus Wut und Entsetzen, der sie innerlich aufpeitschte. Sollte sie wirklich weiter zusehen, wie sich diese Szene vor ihren Augen entfaltete? Ihre Gedanken rasten, während ein tief vergrabener Instinkt langsam die Kontrolle über ihren Körper gewann. Sie hasste sich für ihr Zögern, für die Angst, die sie in dieser entscheidenden Sekunde fast zurückhielt. Doch dann gab es kein Zurück mehr. Ihre Muskeln spannten sich wie von selbst, eine Bewegung, die sich nicht mehr bremsen ließ – und sie sprang. Jinx war nie eines der größten Weibchen des Rudels gewesen, doch sie war schnell, wendig, ihre Muskeln hart wie Stahl – das Ergebnis jahrelangen Trainings. Von Kindheit an hatte sie an der Seite des Alphas geübt, auch wenn Merula es stets missbilligt hatte. Ihr Fell war schwarz wie die Nacht, doch ein markantes hellbraunes Band verlief von ihrer Stirn entlang ihres Rückgrats bis zum Schweif, machte sie unverwechselbar. Diese Färbung war den meisten im Rudel bekannt – und rettete ihr vermutlich an diesem Tag das Leben. Denn so flink und entschlossen sie auch war, gegen einen wütenden Jagdtrupp hätte sie allein keine Chance gehabt. Doch jetzt war das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Mit gefletschten Zähnen warf sie sich auf den grauen Wolf und schleuderte ihn mit der Wucht ihres Aufpralls zurück. Der Triumph währte jedoch nur einen Augenblick. Sie hatte gehofft, durch ihr Eingreifen Tiberius genug Luft zu verschaffen, damit er ihr beistehen konnte – doch der junge Jäger war zu schwer verletzt. Der zweite Angreifer hielt ihn weiterhin mit brutaler Kraft am Boden. Nun stand Jinx nicht nur dem grauen Ungetüm gegenüber, das sich zähnefletschend von seiner Überraschung erholte – sie spürte auch, wie sich der Rest der Meute in ihrem Rücken formierte. Bereit, sie anzugreifen. „Wartet!“, befahl Avernus, seine Stimme scharf und unmissverständlich. Die Jäger hielten inne, ihre Bewegungen eingefroren wie unter einem unsichtbaren Bann. „Riecht ihr denn nicht seine Marke? Und schaut nur das Fell! Das ist die Kleine vom Alpha, die uns den Spaß verderben will.“ Jinx’ Herz raste, während seine Worte in ihr widerhallten. Seine Marke. Dieser verfluchte Valerian. Würde sie seinen Geruch jemals loswerden? Doch so sehr sie ihn verabscheute, musste sie sich eingestehen, dass sein Anspruch ihr heute das Leben gerettet hatte. Mühsam zwang sie sich zur Beherrschung und ließ ihre Wolfsform hinter sich. Nun stand sie entkleidet im Kreis der Jäger, ihre Haltung aufrecht, ihre Augen voller Trotz. Ein Hauch von Genugtuung durchzog sie, als sie bemerkte, wie die Spannung in der Luft wuchs. Sie wusste, dass ihre Nacktheit die Erregung der Männer nur steigerte – eine Erregung, die sie niemals befriedigen konnten. Am Eigentum des Alphas vergriff man sich nicht, wenn einem das eigene Leben lieb war. „Avernus, ich bin hier, weil ich die Dienste Mayas in Anspruch nehmen muss.“ Jinx hielt seinen durchdringenden Blick stand, ihre Stimme klar und fest, auch wenn ihr Herz schneller schlug. „Ich benötige sie, um einen Auftrag des Alphas auszuführen. Sie und ihr Bruder müssen mich begleiten. Es tut mir leid, aber du wirst dir für heute eine andere Partnerin suchen müssen.“ Ihre Worte waren ein Bluff, und Jinx konnte nur hoffen, dass der gewalttätige Jäger nicht weiter nachhaken würde. Avernus’ Miene verfinsterte sich, eine dunkle Wolke der Verärgerung zog über sein Gesicht. So einfach ließ er sich sein Vergnügen nicht entreißen. „Ach ja?“ Er trat einen Schritt näher, und die Wölfe hinter ihm wurden unruhig – als könnten sie die aufgeladene Atmosphäre spüren. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass du ausgerechnet diese Omega brauchst. Such dir doch eine andere. Im Dorf gibt es genügend Weibchen, die stärker sind als Maya.“ Jinx zögerte für einen Moment, doch dann fiel es ihr wieder ein – Maya war diejenige, die den Ohrring in der Kanalisation gefunden hatte. Hoffnung flackerte in ihr auf, und sie entschied sich, diese Information zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie richtete sich auf, ihre Stimme gewann an Überzeugung. „Tut mir leid, Avernus, aber da irrst du dich.“ Ihre klaren, festen Worte ließen die Jäger innehalten, ihre Bewegungen stockten, als hätte sie einen unsichtbaren Bann gesprochen. „Unser Alpha hat mich beauftragt, etwas für ihn ausfindig zu machen. Und zufällig weiß ich, dass keiner so gut darin ist, verlorene Dinge wiederzufinden wie Maya.“ Einen Moment lang zog sich der Kreis der Jäger noch enger um Jinx und die Geschwister zusammen. Ihre bedrückende Nähe lag in der Luft wie ein lauernder Sturm – bereit, jeden Augenblick loszubrechen. Avernus stand reglos. Seine durchdringenden gelben Augen fixierten Jinx, während er abwog, ob es das Risiko wert war, ihr weiterhin zu widersprechen. Glücklicherweise entschied er sich dagegen. Die Gefahr, den Alpha gegen sich aufzubringen, war zu groß. „Zieht euch zurück,“ befahl er schließlich mit knurrender Stimme. Die Worte zerschnitten die angespannte Luft wie eine Klinge. Widerwillig zog sich der Trupp zurück, zähneknirschend und missmutig, bis der letzte Schweif im Dickicht verschwunden war. Erst jetzt wagte Jinx, erleichtert auszuatmen. Die Stille, die zurückblieb, war drückend. Fast greifbar. Ihr Blick wanderte zu den Geschwistern. Sie wirkten noch immer eingefroren. Tiberius hatte sich zurückverwandelt und saß am Boden, die Hände in den Dreck gekrallt. Die Wunden an seinen Schultern begannen bereits zu heilen, doch in seinen Augen lag etwas anderes – eine Verletzung, die nicht verblassen würde. Sein Stolz. Seine Miene war trotzig, verschlossen. Und er weigerte sich, seine Schwester anzusehen. Maya kniete neben Tiberius, ihre Finger fuhren besorgt über seine Wunden, während sie ihn leise tadelte. „Tiberius, so etwas darfst du nie wieder tun! Du weißt, dass Avernus dir das Leben zur Hölle machen kann, wenn du nicht aufpasst.“ Als Jinx nähertrat, fuhr Maya hastig hoch, ihre Bewegungen nervös und angespannt. Sie senkte den Kopf vor ihr, eine unterwürfige Geste, die sich so tief in ihre Haltung eingebrannt hatte, als gäbe es keine andere Art, sich zu verhalten. „Ich danke dir für deine Hilfe, Herrin,“ murmelte sie. „Bitte sage mir, bei welcher Aufgabe ich dir behilflich sein kann.“ Jinx spürte, wie sich ein harter Kloß in ihrem Magen bildete. Die Art, wie Maya sich vor ihr duckte, war wie eine stumme Anklage. Eine Schuld, die sie nicht mehr ignorieren konnte. Hatte sie es wirklich all die Jahre als selbstverständlich hingenommen, dass sich Omegas wie Sklaven verhielten? Persönlich hatte sie im Herrenhaus nie direkt mit den niedersten Mitgliedern des Rudels zu tun gehabt. Doch nun, mit Maya vor ihr, wurde ihr schmerzhaft bewusst, wie tief das System der Unterwerfung reichte. Wie sehr sie selbst Teil davon gewesen war. Tiberius jedoch schien keine Geduld für leises Ergeben zu haben. Wut straffte seine Züge, und seine Stimme durchbrach die bedrückte Stille, scharf und unnachgiebig. „Maya, du brauchst dich vor der hier nicht so klein zu machen!“ Ein brennender Trotz lag in seinen Augen. „Es reicht, dass du dir die Übergriffe dieses Hundes ständig gefallen lassen musst. Hast du es nicht mitbekommen? Jinx ist nicht die Tochter des Betas. Soweit ich weiß, hat sie im Rudel gar keinen Rang mehr.“ Maya hob zögerlich den Kopf, doch wagte nicht, Jinx direkt anzusehen. Stattdessen funkelten ihre Augen wütend zu ihrem Bruder. „Was sagst du da? Aber jeder weiß doch, dass sie noch immer unter dem Schutz des Alphas steht, auch wenn sie keine Luna ist.“ Bevor die Geschwister ihretwegen in Streit geraten konnten, mischte sich Jinx ein. Ihre Stimme war ruhig, aber fest. „Genau genommen hat Tiberius recht. Und, um ehrlich zu sein, habe ich keinen Auftrag des Alphas. Ich bin selbst auf der Suche nach etwas. Ihr müsst mir nicht helfen – ich bin nur froh, dass Avernus und seine Männer euch nichts angetan haben.“ Sie wollte sich gerade wieder in ihre Wolfsform zurückverwandeln und ihren Weg zum Krankenhaus fortsetzen, als sie Tiberius leise murmeln hörte: „Ja, für heute. Aber spätestens morgen beginnt es von vorn. Der Meister der Jagd hat schon lange ein Auge auf meine Schwester geworfen.“ Die Worte ließen einen heißen Zorn in Jinx aufsteigen. Er war plötzlich da, brennend und unaufhaltsam – und ehe sie sich bremsen konnte, platzte es aus ihr heraus. „Falls ihr beide das wollt, kann ich euch unter meinen Schutz stellen.“ Ihre Worte hallten zwischen den Bäumen wider, unerwartet und fest wie ein plötzlicher Anker. Die Geschwister erstarrten, sprachlos. Dann richtete sie ihren Blick auf Tiberius, durchdringend, prüfend. „Ich habe gehört, dass du zu den Jägern gehörst. Hast du deine Aufnahme bereits hinter dir?“ Tiberius schüttelte langsam den Kopf, sein schwarzes Haar fiel ihm dabei über die Stirn. Er wirkte verloren und erschöpft, während seine Schwester jetzt den Mut fand, Jinx schüchtern und doch hoffnungsvoll anzusehen. „Das ist gut“, fuhr Jinx fort, ihre Stimme hatte nun einen entschiedenen, unerschütterlichen Ton. „Denn ich habe noch keinen Beschützer. Einen hochrangigen Krieger wie einst wird man mir nicht mehr zugestehen, doch ich denke, Alpha Valerian wird es zu schätzen wissen, wenn sich ein zukünftiger Jäger freiwillig für diesen Posten meldet.“ Ihr Blick wanderte zu Maya, deren Schultern sich unwillkürlich strafften, als ob sie die Hoffnung ihres Bruders aufnahm und darin Trost suchte. „Und Maya, du wirst mir helfen, mich außerhalb des Herrenhauses zurechtzufinden. Gleich morgen lasse ich dem Alpha eine Nachricht zukommen, damit er eure neuen Aufgaben bestätigt.“ „Warum erst morgen?“, fragte Tiberius, seine Stimme durchzogen von einer jugendlichen Ungeduld, die ihn drängte, sofort zu handeln. „Weil ich heute noch etwas Dringendes zu erledigen habe“, erwiderte Jinx bestimmt, ihre Worte knapp, aber unmissverständlich. Aber dann ließ sie ihren Blick kurz zu den Geschwistern gleiten, und ihre Stimme nahm eine Spur von Einladungscharakter an: „Wenn ihr wollt, könnt ihr mich begleiten.“ Ohne eine weitere Erklärung verwandelte sie sich. Ihre schlanke, kraftvolle Wolfsform entfaltete sich fließend und elegant, ihre Muskeln angespannt und bereit. Es war keine Zeit zu verlieren. Vermutlich würde sie das Hospital erst lange nach Einbruch der Nacht erreichen, und jede Verzögerung machte ihre Aufgabe nur schwieriger. Bevor sie loslief, erhaschte sie einen letzten Blick auf die Geschwister, die einen hoffnungsvollen Blick austauschten – ein stummer Moment des Einverständnisses, der sie enger zusammenschweißte. Dann wechselten auch sie die Form, kommentarlos und mit einer Entschlossenheit, die ihren Körpern innewohnte. Gemeinsam bewegten sie sich durch den dichten, dunklen Wald, lautlos und zielstrebig, als wären sie eins mit ihrer Umgebung. Die Schatten umspielten ihre schlanken Gestalten, doch sie hielten ihre Richtung klar und sicher. Und zum ersten Mal, seit Aurelias in ihr Leben getreten war, spürte Jinx etwas, das sie längst verloren geglaubt hatte: Zuversicht.
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