Die Heimfahrt mit Sina und Lucy war richtig nett gewesen. Das waren zwei coole Mädels und ich verstand mich mit ihnen.
Daheim angekommen hatte ich zuerst die Hausaufgaben gemacht und anschließend die Wohnung geputzt.
Gerade als ich mich auf die Couch setzen wollte, klingelte es.
Eigentlich erwartete ich niemanden mehr, weshalb ich skeptisch wurde.
Ich ging zur Haustür, stellte mich auf die Zehenspitzen und spähte durch den Türspion.
Es war Miranda, die verdammt wütend wirkte. Ihre Arme waren verschränkt und ihr Gesichtsausdruck sprach Bände.
Mit einem unguten Gefühl machte ich die Tür auf.
Auf nett machen war die beste Strategie, weshalb ich die Erfreute spielte. "Hi Miranda."
Sie musterte mich abfällig. "Mia." Das war ein bissiger Ton, der ihren Gemütszustand verdeutlichte.
Ohne ein weiteres Wort ging sie an mir vorbei in die Wohnung. Ich kommentierte es nicht weiter, ansonsten würde das eskalieren.
Hinter ihr knallte ich die Tür zu und drehte mich fragend zu ihr um. Sie fing sofort an: "Mia, was sollte das heute? Du bist einfach gegangen und nett warst du auch nicht. Wir sind beste Freundinnen. Dann gehst du mit Sina und Lucy. Was willst du mit denen?"
Wow, da war jemand sauer.
Wenn sie mich nicht derart anfunkeln würde, würde ich lachen.
"Miranda, es tut mir leid. Ich hatte Stress und habe es vergessen. In meinem Leben ist viel los. Lucy hat mir angeboten, dass sie mich Heim fahren kann, deshalb bin ich mit ihnen mitgefahren."
Keine Ahnung, wie ich es schaffte derart ruhig zu bleiben.
Sie schnaubte wütend und antwortete: "Trotzdem war das nicht ok. Du hast mich sogar ignoriert, als ich dich angerufen habe. Wieso gibst du dich mit dem Abschaum ab?"
Nun kochte die Wut in mir hoch, die ich zwanghaft unterdrückte.
"Sie sind kein Abschaum. Außerdem wohnt Sina in der Nähe, das dürfte dir klar sein. Das war ein nettes Angebot."
"Was ist los mit dir, Mia? Du bist richtig komisch in letzter Zeit."
Ich war komisch? Wurde ich den ganzen Sommer ignoriert und jetzt war ich ihr wieder gut genug. Für wen hielt sie sich?
Vielleicht manipulierte Miranda mich wirklich und ich kapierte es nicht.
Wie dumm war ich eigentlich?
Miranda ging ins Wohnzimmer und ich folgte ihr zwangsläufig.
Oft war sie zwar nicht bei mir gewesen, dennoch kannte sie die Räume.
Und schon rümpfte sie ihre Nase. Man konnte ihr ablesen, was sie von der Wohnung hielt. Sie versuchte das keine Sekunde zu verbergen. Wenigstens ließ sie keinen Kommentar ab.
Um wenigstens halbwegs höflich zu sein fragte ich: "Willst du was zu trinken?"
"Nein, ich wollte nicht lange bleiben. Nur klären was mit dir los ist."
Die größere Frage war was mit ihr los war.
Ich riss mich zusammen und antwortete: "Ja, tut mir leid, Miranda. Ich habe viel zu tun. Ich versuche mich zu bessern, ok?"
Meine Worte besserten ihre Laune kein bisschen. "Dennoch ist dein Verhalten in letzter Zeit nicht ok."
Innerlich zählte ich von zehn rückwärts, um gefasst zu bleiben. Bevor ich ihr an die Gurgel sprang, schien mir das eine geeignete Lösung zu sein.
Sie schnappte sich James nach nicht mal einer Woche nach der Trennung und hatte mich offensichtlich viel zu lange manipuliert. Aber ich war das Problem.
Ich räusperte mich: "Ja sorry. Ich bessere mich und gebe mir Mühe. Versprochen." "Gut, ich nehme dich beim Wort." Schon rauschte sie an mir vorbei und ging in Richtung Tür.
Sie griff zur Türklinke und wandte sich nochmal an mich. "Und Mia, versteh mich nicht falsch, wir sind beste Freundinnen. Aber könntest du aufhören meinen Freund so anzusehen? Du weißt was ich meine. Du solltest mir mein Glück gönnen und eine gute beste Freundin sein. Außerdem sagst du selbst das ihr nie zusammen gepasst habt. Und das ist eine Tatsache."
Autsch und autsch.
Mein Glück das Miranda sofort aus der Tür stürmte, denn eine Antwort wäre mir beim besten Willen nie eingefallen.
Dieses eiskalte Biest.
Mein Zorn auf sie wurde stets größer. Mir wäre nicht klar das ich James irgendeinen bestimmten Blick zuwerfen würde. Ich mied ihn allgemein. Das tat nur weh und das wollte ich vermeiden.
Hm, ich sollte mir für morgen etwas Gutes überlegen. Jetzt rief erst mal die Couch nach mir, mit dem Rest befasste ich mich morgen.
~~~
Der nächste Tag kam und ich hatte kaum geschlafen.
Mir war zwar eine Idee gekommen, aber die machte mich irgendwie nervös. Und sie war fraglich.
Ich diskutierte es mit mir selbst aus, ob ich das machen sollte, als ich das Haus verließ. Damit war ich total abgelenkt.
Da zuckte ich erschrocken zusammen, als jemand meinen Namen rief. Die Stimme erkannte ich und sah gleich hinüber.
"Sina?" Sie schloss mit mir auf und lächelte breit. "Hey Mia."
"Hi." Mehr kam nicht von mir, denn ich musste diese Info erst verarbeiten.
Sina ging schon weiter und ich folgte ihr.
Verwirrt fragte ich: "Ich dachte du fährst immer mit dem Bus?" Sie zuckte mit den Schultern. "Frische Luft tut gut." "Trotzdem...ja...nein...keine Ahnung." Mir fiel keine gerechte Antwort ein.
So gingen wir nebeneinander her und sie schien bester Laune zu sein.
"Was? Darf ich jetzt nicht mehr zu Fuß gehen?"
Ich räusperte mich und war endlich zu einer normalen Antwort fähig: "Doch klar. Es wundert mich nur."
Sie ging nicht weiter darauf ein und fragte stattdessen: "Wie war dein Abend noch?" "Ganz ok, nur Miranda machte eine Szene."
Sina seufzte und verdrehte ihre Augen. "War ja klar, da musste doch was kommen. Was hat sie getan?"
Ich erzählte es ihr und auch von meinem aktuellen Plan. Bevor ich so etwas Verrücktes machte, wollte ich eine zweite Meinung einholen. Sina war die perfekte Wahl dafür.
Zur Sicherheit erklärte ich noch die Logik meines Plans, bevor sie mich vollständig als Irre abstempelte.
Erstaunlicherweise hörte sie mir aufmerksam zu, ohne mich zu verurteilen.
Erst am Ende bekam sie einem Lachanfall.
Leider dauerte es dadurch einen Moment, bis sie endlich antwortete: "Ja, zieh den Scheiß durch. Ich bin voll deiner Meinung. Außerdem dürfte es unsere geliebte Königin beruhigen, aber bei Jack ein paar Fragen aufwerfen."
Sie grinste mich trotzdem an und ich verzog mein Gesicht. "Da könntest du recht haben."
"Ich könnte nicht, ich habe recht." Diesmal mussten wir beide lachen.
Es war erstaunlich wie gut wir uns verstanden. Das verbesserte innerhalb kürzester Zeit meine Laune.
Vielleicht hatte ich ja doch noch eine Chance auf echte Freundschaft.
Den restlichen Weg quatschten wir darüber was heute anstand. Irgendein Thema gab es da immer.
So kamen wir bald am Schulhof an, dort erreichte meine Nervosität ihren Höhepunkt. Jetzt oder nie.
Ich holte zur Beruhigung tief Luft und folgte Sina zu ihren Freunden.
Ich starb vermutlich gleich, so nervös war ich.
Warum machte mich das derart hibbelig?
Ich sollte mich zusammenreißen und das durchziehen. Ich würde das schaffen.
Prinzipiell konnte man alles schaffen, sofern man Motivation und Ausdauer hatte.
Jeder Schritt ließ mich mehr an meiner Entscheidung zweifeln. Vielleicht war ich doch übergeschnappt.
Allerdings sollte ich das eiskalt durchziehen, denn eigentlich war es eine gute Idee.
Ich war nur wenige Schritte vom Zielobjekt entfernt, bald würde es losgehen.
Ich kratzte all meinen Mut zusammen und fragte: "Jack?"
Sina flüsterte noch: "You go, girl." Ein guter Spruch von ihr, aber meinen Herzschlag bekam ich trotzdem nicht mehr in den Griff.
Vermutlich nie wieder.
Jack drehte sich zu mir um und ich verdrängte jeden Zweifel. Ich würde das machen.
Ich stellte mich direkt vor ihn und sein Blick war fragend. Ausnahmsweise fehlte das freche Grinsen. Ich hatte ihn wohl überrascht.
Dabei war das noch nichts zu seiner baldigen Verwirrung, sobald ich meinen Plan umgesetzt hatte.
Da er groß war musste ich mich auf die Zehenspitzen stellen.
Ich war wahnsinnig genug, das durchzuziehen.
Eine Hand legte ich auf seine Brust und ignorierte die Verwirrung in seinen grünen Augen.
Und dann tat ich es wirklich.
Ohne weiter zu zögern trafen meine Lippen auf seine.