Chapter 1
Jeder Omega wird gewarnt.
Wenn die Hitze kommt, rennt man nicht weg.
Man versteckt sich. Man schließt die Tür ab. Man nimmt die unterdrückenden Tropfen. Man lässt sich von den Ältesten des Rudels wie ein Kind bewachen, bis das Fieber vorbei ist.
Allerdings hat mich niemand gewarnt, dass es sich so anfühlen würde.
Korsettiert, prim, der Inbegriff von Erhabenheit, saß ich in der Bibliothek des Veyne-Anwesens, als es passierte. Eine heftige, gierige Hitze durchzuckte meine Wirbelsäule wie ein Blitz. Das Buch, das ich gerade las, fiel mir aus den Händen, als ich nach Luft schnappte. Meine Oberschenkel wurden plötzlich feucht. Meine Lippen öffneten sich. Ich konnte nicht atmen.
„Seren?“, fragte mein Lehrer verwirrt.
Ich antwortete nicht.
Denn der Duft – das Verlangen – stieg bereits wie Rauch in meiner Kehle auf.
Alpha ... ich brauche ...
Ich rannte los.
Die Hallen waren endlos und hallten wider. Die Wachen meines Vaters schrien, als ich an ihnen vorbeirannte. Einer griff nach meinem Arm, aber ich knurrte ihn durchdringend und wild an, und er taumelte zurück, als hätte er sich verbrannt.
Mit hochgerutschtem Rock und blutenden nackten Füßen rannte ich über den Kies durch die Gärten. Es war mir egal.
Nicht vor der Gefahr.
Sondern vor dem Teil von mir, der darum bettelte, genommen zu werden.
Wie ein heimlicher Liebhaber umarmte mich der Wald. Der Geruch der Erde vermischte sich mit den heißen, wogenden Wellen meiner eigenen Pheromone, sobald ich in den Schatten der Bäume trat. Ich atmete schwer.
Die Kleidung klebte an mir. Meine Brustwarzen schmerzten, hart wie Steine. Mein Schoß – Götter, mein Schoß pochte, als hätte er Zähne.
Ich brannte von innen heraus.
Dann spürte ich es.
Eine Veränderung im Wind.
Einen anderen Geruch.
Alpha.
Nicht irgendein Alpha.
Etwas Uraltes. Wildes. Wie Brennholz und Blut und Kontrolle.
Ich erstarrte.
Ich drehte mich vorsichtig um, als ein grollendes Knurren durch die Bäume hallte.
Er tauchte aus den Schatten auf, als wäre er ein Teil von ihnen.
Breite Schultern, nackter Oberkörper, ein Körper wie eine Waffe. Augen kalt wie Eisen. Schwarzes, zerzaustes Haar. Nackte Füße auf dem Boden wie ein freilaufendes Tier.
Er sah mich an, als wäre ich Fleisch.
Ich konnte mich nicht bewegen. Konnte nicht sprechen.
Dann lächelte er.
Nicht sanft. Nicht freundlich.
Besitzergreifend.
Hungrig.
„Du bist früh dran“, murmelte er. „Aber ich nehme dich trotzdem.“
„W–wer bist du?“, flüsterte ich.
Er antwortete nicht.
Er machte nur einen Schritt nach vorne – und ich fiel auf die Knie.
Mein Körper bot sich ihm ohne meine Erlaubnis an.
Ich hasste es.
Ich wollte es.
„Alpha…“, flüsterte ich zitternd.
Er hockte sich vor mich hin und atmete tief ein. Seine Augen flatterten halb geschlossen. „Verdammt“, knurrte er mit tiefer, gebrochener Stimme. „Du riechst nach Verderben.“
„Nein“, hauchte ich.
„Doch.“
Er packte mein Kinn. Grob. Besitzergreifend. Er neigte meinen Kopf zur Seite und fuhr mit seiner Zunge über die Stelle direkt unter meinem Ohr.
Ich zitterte heftig.
„Du bist Seren“, sagte er. „Die Veyne-Göre. Du riechst nach Erbe. Nach Schande. Nach etwas, das beansprucht werden muss.“
Seine Hand glitt unter mein zerrissenes Mieder. Sein Daumen streifte meine Brust.
„Nein“, sagte ich erneut.
Aber ich stöhnte.
Er lachte düster. „Dein Körper sagt Ja.“
Dann wurde alles schwarz.