Kapitel 4
Das Treffen mit Alexander Thorne hatte Chloe in einem Zustand aufgeregter Unruhe hinterlassen. Sein Angebot, so trügerisch vernünftig, fühlte sich wie ein vergoldeter Käfig an. Sie war in ihre Werkstatt zurückgekehrt, nicht zum Arbeiten, sondern zum Auf-und-Ab-Gehen, die Stille verstärkte den Sturm in ihrem Kopf. Der sterile Konferenzraum von Thorne Industries fühlte sich immer noch auf ihren Sinnen abgedrückt an die Kälte, das Chrom und Thornes beunruhigend ruhiger Blick. Er sprach von Partnerschaft, aber seine Worte waren mit einer unausgesprochenen Macht durchsetzt, einer leisen Drohung, die sie nicht abschütteln konnte.
Sie war so in Gedanken versunken und starrte aus dem Fenster auf die karge, schneebedeckte Landschaft, dass sie das leise Klopfen an der Werkstatttür nicht hörte. Als sie sich schließlich umdrehte, stand Isabelle Moreau dort, wirkte inmitten des Duftes von Sägespänen und Holzpolitur völlig fehl am Platz.
Isabelle war eine Erscheinung in teurer, praktischer Winterkleidung ein maßgeschneiderter, cremefarbener Wollmantel, elegante Lederhandschuhe und ein Seidenschal, der aus ihrem Ausschnitt lugte. Ihr blondes Haar war zu ihrem üblichen strengen, raffinierten Stil zurückgebunden, und ihre Augen, ein blasses, eisiges Blau, überflogen Chloes Arbeitsplatz mit einem Ausdruck, der an Verachtung grenzte. Es war derselbe Blick, den Thorne auf dem Schreibtisch ihres Vaters in Kapitel 1 geworfen hatte, ein Blick, der jahrelange Leidenschaft als… malerisch abtat.
"Frau Davies", sagte Isabelle, ihre Stimme wie das Klingeln von Eis. Es gab keine Wärme, keine freundliche Begrüßung, nur eine kühle Tatsachenfeststellung. "Ich vertraue darauf, dass die Präsentation von Herrn Thorne… informativ war."
Chloes Kiefer spannte sich an. "Die Präsentation von Herrn Thorne war sicherlich… umfassend. Obwohl ich einige Vorbehalte habe."
Isabelle trat weiter in die Werkstatt, ihre teuren Absätze klickten leise auf dem Holzboden. Sie blieb ein paar Schritte entfernt stehen, ihre Haltung gerade, die Arme verschränkt. "Vorbehalte sind bei einem so bedeutenden Übergang natürlich. Aber Herr Thorne lässt sich selten von Sentimentalität beeinflussen. Er sieht das Endergebnis, Frau Davies. Und das Endergebnis hier ist ein erhebliches Potenzial."
"Das Unternehmen meines Vaters ist mehr als nur ein Endergebnis", sagte Chloe, ihre Stimme scharf. Sie ging zu einem halb geschnitzten Holzvogel mit ausgestreckten Flügeln, hob ihn auf und fuhr mit dem Daumen über die zarte Federdetails. "Es geht um Handwerkskunst. Es geht darum, eine Fähigkeit zu bewahren. Es geht darum, etwas Schönes zu schaffen, das Bestand hat."
Isabelle neigte den Kopf, ein schwaches, fast räuberisches Lächeln berührte ihre Lippen. "Schönheit ist subjektiv, Frau Davies. Und Haltbarkeit ist oft eine Frage der Perspektive. Herr Thorne glaubt an Innovation, die den Massen dient. Er möchte Davies Artisanal einem breiteren Publikum zugänglich machen, diese… schönen Stücke zugänglich machen. Stellen Sie sich vor, die Entwürfe Ihres Vaters in Häusern im ganzen Land, nicht nur bei einigen wenigen auserwählten Kunden."
Chloe zuckte zusammen. "Zugänglich? Sie meinen massenproduziert. Billigere Materialien, schnellere Prozesse, weniger Seele. Das ist keine Zugänglichkeit; das ist Verdünnung."
"Herr Thorne investiert stark, um die Qualität zu erhalten", erwiderte Isabelle glatt, ihr Blick wich nicht. "Er versteht, dass der handwerkliche Aspekt das ist, was Davies Artisanal einzigartig macht. Das schätzt er. Er erkennt auch Ihr… Talent. Er sprach von Ihren Fähigkeiten."
Das Lob, das von Isabelle kam, fühlte sich wie eine versteckte Beleidigung an. Chloe vermutete, es war ein strategischer Schachzug, eine Möglichkeit, sie weich zu machen oder vielleicht Informationen zu gewinnen. Chloe hielt den Holzvogel fester. "Herr Thorne scheint viele Meinungen über das Unternehmen meines Vaters und meine Fähigkeiten zu haben. Hat er Sie geschickt, um mich zu bezaubern?"
Isabelle's Lächeln wurde breiter, aber es erreichte ihre Augen nicht. "Herr Thorne 'bezaubert' nicht, Frau Davies. Er strategisiert. Er baut auf. Und er lässt sich nicht gerne trotzen. Er sieht in Davies Artisanal einen wertvollen Vermögenswert, und er sieht… Potenzial in seiner Eigentümerin." Ihre blassblauen Augen huschten über Chloe, eine subtile Einschätzung, die Chloe sich von ihr gemustert, beurteilt fühlte. Es war ein Blick, der zu sagen schien: Ich sehe dich, und ich kenne deine Schwächen.
Chloe spürte eine plötzliche, unangenehme Hitze, die sich in ihr ausbreitete. Spielte Isabelle auf Thornes Interesse an ihr an? Die unerwünschte körperliche Wahrnehmung, die sie in der Werkstatt und im Konferenzraum gespürt hatte. War das eine Warnung? Eine subtile Drohung?
"Ich bin kein zu erwerbender Vermögenswert, Frau Moreau", erklärte Chloe, ihre Stimme tief und fest. "Ich bin die Eigentümerin und die Handwerkerin. Und ich werde das Erbe meines Vaters schützen."
Isabelle kicherte, ein leichtes, luftiges Geräusch, das völlig ohne Fröhlichkeit war. "Oh, ich bezweifle nicht Ihre Leidenschaft, Frau Davies. Sie ist… erfrischend. Aber Leidenschaft ohne Macht ist in der Geschäftswelt letztendlich bedeutungslos. Herr Thorne hat die Macht. Er hat die Ressourcen. Er kann Davies Artisanal zu einer globalen Marke machen, oder er kann es verkümmern lassen. Seine Vision ist die Expansion. Und ehrlich gesagt", sie trat näher, senkte ihre Stimme, "er sieht Sie als… eine interessante Variable. Ein Talent, das vielleicht in etwas Nützlicheres für sein Imperium geformt werden könnte."
Die Andeutung hing schwer in der Luft: Chloe war ein Rohmaterial, das Thorne nach seinem Willen formen konnte. Isabelles eisige Miene schien von ihr auszugehen und ließ Chloe bis ins Mark frieren. Es war eine andere Art von Kälte als die von Thorne; sie war schärfer, bösartiger, mit einem Hauch von Besitzanspruch gegenüber Thorne selbst durchsetzt. Chloe spürte hier eine Rivalität, nicht nur um das Unternehmen, sondern vielleicht auch um Thornes Aufmerksamkeit.
"Geformt?", wiederholte Chloe, ihre Stimme gefährlich leise. "Ich bin kein Holzstück, das Herr Thorne schnitzen kann. Ich bin eine Handwerkerin. Und ich habe meine eigene Vision."
"Eine Vision, die derzeit auf diese Werkstatt und eine Handvoll wohlhabender Kunden beschränkt ist", sagte Isabelle, ihr Ton abweisend. "Herr Thorne kann Ihnen die Welt bieten, Frau Davies. Er kann Ihnen Ressourcen geben, von denen Sie nur geträumt haben. Aber Sie müssen bereit sein, Ihre… Bindungen loszulassen. Eine Zukunft anzunehmen, die größer ist als Ihre Vergangenheit." Sie warf einen weiteren Blick in die Werkstatt, ihr Blick verweilte auf einem halbfertigen Schaukelstuhl, dessen Kurven elegant und zeitlos waren. "Sentimentalität ist ein Luxus, den sich nur wenige leisten können, besonders wenn sie einer Kraft wie Thorne Industries gegenüberstehen."
Isabelle trat einen Schritt zurück, ihre Mission scheinbar erfüllt sie hatte ihre Botschaft überbracht, gespickt mit Eis und versteckten Drohungen. "Herr Thorne erwartet Ihre Entscheidung bezüglich Ihrer Rolle in der neuen Struktur. Er wartet nicht gerne. Und er lässt sich sicherlich nicht gerne enttäuschen." Sie drehte sich um, ihr teurer Mantel schwang um sie herum. "Genießen Sie den Rest Ihres… rustikalen Nachmittags, Frau Davies."
Mit einem weiteren eisigen, triumphierenden Lächeln fegte Isabelle Moreau aus der Werkstatt und ließ Chloe in der plötzlichen Stille zurück, der Duft von Holzpolitur nun vermischt mit dem eisigen Parfüm von Ehrgeiz und einem tiefen, beunruhigenden Gefühl des Unheils. Die Februarluft fühlte sich schwerer, kälter an. Isabelles Worte hallten in Chloes Gedanken wider: Potenzial… geformt… Bindung… Enttäuschung.
Isabelle war nicht nur eine Vertreterin; sie war eine Warnung. Ein Symbol für die rücksichtslose Welt, in der Thorne lebte. Und die subtile, aber wirkungsvolle Rivalität, die Chloe zwischen ihr und Thorne spürte, fügte der ohnehin schon überwältigenden Situation nur eine weitere Ebene der Komplexität hinzu. Chloe kämpfte nicht nur darum, das Erbe ihres Vaters zu retten; sie sah sich auch dem eisigen Blick einer Frau gegenüber, die entschlossen schien, alles zu kontrollieren, einschließlich des Schicksals von Davies Artisanal und vielleicht sogar des eigenen Winteranspruchs des CEOs. Der Kampf war noch lange nicht vorbei; in vielerlei Hinsicht hatte er gerade erst begonnen.