Die Mittwinter-Gala

1459 Words
Kapitel 5 Die Einladung kam auf schwerem cremefarbenem Karton, geprägt mit dem Logo von Thorne Industries. Chloe starrte darauf, ein Knoten bildete sich in ihrem Magen. Die Mittwinter-Gala. Ein entscheidendes Ereignis für Thorne Industries, eine Gelegenheit, ihre Übernahmen und ihre Vision für die Zukunft zu präsentieren. Und natürlich eine Gelegenheit für Alexander Thorne, seine Dominanz zu behaupten. Ihr erster Instinkt war, abzulehnen. In ihrer Werkstatt zu bleiben, umgeben vom vertrauten Komfort von Holz und Werkzeugen, weit weg von der kalten, glitzernden Welt von Thorne. Aber die Zusammenfassung des Kapitels hatte "erzwungene Nähe" erwähnt, und sie wusste mit sinkendem Herzen, dass dies der Moment war. Thorne, auf seine kalkulierte Art, wollte sie dort haben. Vielleicht, um ihre Reaktion zu testen, vielleicht, um sie als seine neueste Errungenschaft zur Schau zu stellen, oder vielleicht aus Gründen, die sie noch nicht begreifen konnte. Isabelles eisige Warnung, dass Thorne es nicht mochte, enttäuscht zu werden, hallte in ihren Gedanken wider. Ablehnung war keine Option. Sie verbrachte eine Stunde damit, sich zu quälen, was sie anziehen sollte. Nichts in ihrem Kleiderschrank fühlte sich angemessen an. Ihre üblichen praktischen Arbeitskleider kamen nicht in Frage. Die wenigen Kleider, die sie besaß, waren einfach, unaufdringlich, geeignet für zwanglose Treffen, nicht für eine Gala, die von einem der mächtigsten CEOs der Welt veranstaltet wurde. Schließlich entschied sie sich für ein tief smaragdgrünes Kleid, das sie vor Jahren aus einer Laune heraus gekauft hatte. Es war elegant, ein schmeichelhafter Schnitt und aus einem weichen, fließenden Stoff gefertigt, der sich wie eine Welt weg von ihren rauen Arbeitskitteln anfühlte. Sie kombinierte es mit einfachen Silberohrringen und einem Paar flacher Absätze, die sie selten trug. Als sie in den Spiegel blickte, sah sie nicht nur Chloe Davies, die Handwerkerin, sondern eine Frau, die auf ein Schlachtfeld trat. Sie sah… überraschend fähig aus. Die Gala fand in einem schicken, modernen Hotel in der Innenstadt statt, der Art von Ort, der unmöglich groß und leicht einschüchternd wirkte. Als Chloes Taxi zur Einfahrt fuhr, sah sie die blinkenden Lichter von Kameras und eine Reihe tadellos gekleideter Gäste, die nach drinnen geführt wurden. Die Luft war eisig, der Nachthimmel klar und mit eisigen Sternen besprenkelt. Als Chloe hineinging, war sie sofort von der Opulenz überwältigt. Der Ballsaal war riesig, in tiefe Blau- und Silbertöne getaucht, mit Kronleuchtern, die wie gefrorene Wasserfälle glitzerten. Leise, anspruchsvolle Musik spielte, ein starker Kontrast zum üblichen energischen Summen ihrer Werkstatt. Kellner glitten durch die Menge und boten Champagner und Canapés an. Es fühlte sich an, als würde man in eine andere Dimension treten. Sie umklammerte ihre kleine Clutch und scannte den Raum, bemüht, selbstbewusster zu wirken, als sie sich fühlte. Und dann sah sie ihn. Alexander Thorne. Er stand im Mittelpunkt einer kleinen Gruppe und zog Aufmerksamkeit auf sich, ohne seine Stimme zu erheben. Er war in Person noch imposanter als auf Fotos. Sein dunkler Anzug war makellos, seine Präsenz strahlte eine Aura stiller Macht aus. Er wirkte vollkommen entspannt, völlig in seinem Element. Und an seiner Seite stand Isabelle Moreau, die die ganze Grazie der anspruchsvollen Gastgeberin ausstrahlte. Sie trug ein atemberaubendes, figurbetontes silbernes Kleid, das unter den Lichtern zu schimmern schien. Ihre Nähe war auffällig; sie sahen aus wie ein perfekt abgestimmtes Power-Paar. Chloe verspürte einen vertrauten Stich eine Mischung aus Groll und diesem seltsamen, unerwünschten Bewusstsein für Thorne. Als ob er ihren Blick spürte, drehte sich Thornes Kopf. Seine stürmischen grauen Augen fanden sie über den überfüllten Raum hinweg. Für den Bruchteil einer Sekunde hielt er ihren Blick. Chloe spürte einen Ruck, wie statische Elektrizität. Er nickte kurz, fast unmerklich, kein Gruß, sondern eine Anerkennung. Dann schien seine Aufmerksamkeit wieder auf Isabelle gelenkt zu werden, die sich zu ihm lehnte und ihm etwas zuflüsterte, das ihn lächeln ließ ein seltenes, zusammengekniffenes Lächeln, das dennoch eine Gänsehaut über Chloes Rücken jagte. Chloe beschloss, einen strategischen Rückzug zur Champagnerbar zu machen. Sie brauchte etwas, um ihre Nerven zu beruhigen. Als sie auf ein Glas wartete, sagte eine Stimme neben ihr: "Chloe Davies, nicht wahr? Von Davies Artisanal." Sie drehte sich um und sah einen Mann, den sie nicht erkannte, vielleicht ein Geschäftsmann oder ein Investor. Er hatte ein freundliches Lächeln und einen Händedruck, der etwas zu fest war. "Ja, das bin ich." "Faszinierende Übernahme, dieser Schachzug von Thorne Industries", sagte er und schwang seinen Champagner. "Mutig. Wir fragten uns alle, wie er etwas so… Traditionelles integrieren würde." Er zwinkerte. "Ich hoffe, Sie gewöhnen sich gut ein. Thorne kann… intensiv sein." Chloe schaffte ein gezwungenes Lächeln. "Wir… erkunden die Möglichkeiten." Bevor das Gespräch weitergehen konnte, machte eine Präsenz sie aufmerksam. Es war Thorne, der ein paar Meter entfernt stand, sein Blick auf sie gerichtet. Isabelle war nirgends zu sehen. Er war mit überraschender Geschwindigkeit zu ihr gekommen, seine stürmischen Augen hielten ihre. "Frau Davies", sagte er, seine Stimme tief, durchschneidend den Hintergrundlärm. "Sie sind gekommen." "Sie haben mich eingeladen, Herr Thorne", erwiderte Chloe und versuchte, ihren Tonfall ruhig zu halten. "Und ich glaube daran, meine… neuen Umstände zu verstehen." Er bot ein schemenhaftes Lächeln. "Ich schätze Ihre Direktheit. Ich hoffe, Sie finden die Gala… angemessen." "Sie ist sicherlich… großartig", gab Chloe zu und deutete vage auf den opulenten Raum. "Eine Welt entfernt von meiner Werkstatt." "In der Tat." Sein Blick verweilte auf ihr, ein unleserliches Funkeln in seinen Augen. "Sie sehen… auffallend aus, Frau Davies. Das Smaragdgrün steht Ihnen gut." Chloe spürte, wie eine Röte ihren Nacken hinaufstieg. Es war ein einfaches Kompliment, aber von ihm kommend fühlte es sich bedeutend an, aufgeladen mit unausgesprochener Bedeutung. "Danke, Herr Thorne. Obwohl ich vermute, meine übliche Kleidung ist für meine Arbeit besser geeignet." "Vielleicht", gab er zu, seine Augen kräuselten sich leicht an den Ecken. "Aber Vielseitigkeit hat ihre Vorteile. Besonders in dieser Umgebung." Sein Blick glitt über den Raum, dann zurück zu ihr. "Ich nehme an, Sie haben Isabelle getroffen?" "Wir wurden ordnungsgemäß vorgestellt", sagte Chloe, ein Hauch von Schärfe in ihrer Stimme. Thornes Lippen verzogen sich. "Isabelle kann… gründlich sein. Ich hoffe, sie hat Sie nicht überwältigt." "Sie war… informativ", antwortete Chloe sorgfältig und wählte ihre Worte. Sie würde Isabelle's eisige Äußerungen nicht enthüllen oder ihre eigenen Verdächtigungen über Thornes Absichten andeuten. "Gut." Thorne nahm einen langsamen Schluck seines Champagners. Die kleine Geste zog Chloes Aufmerksamkeit auf seine Hände stark, langfingrig. Sie erinnerte sich, kurz seine Hand bei einem vorbeiziehenden Manöver bei einem früheren Treffen berührt zu haben, damals ein Hitze-Schock. Jetzt, so nah stehend, konnte sie fast die restliche Wärme spüren. "Frau Davies", fuhr Thorne fort, seine Stimme fiel leicht ab. "Ich möchte Sie noch einmal versichern. Davies Artisanal wird nicht demontiert. Es wird aufgewertet. Ihr Vater hat eine Grundlage der Qualität geschaffen. Wir werden darauf einen Wolkenkratzer bauen." "Und ich werde dafür sorgen, dass das Fundament nicht unter dem Gewicht einstürzt?", fragte Chloe, ihr Blick herausfordernd. Er hielt ihren Blick, sein Ausdruck unleserlich. "Sie werden unerlässlich sein. Aber Sie werden auch… geführt werden. Wir haben einen Plan." Das Wort "geführt" hing in der Luft, eine subtile Erinnerung an seine Autorität. Gerade in diesem Moment erschien Isabelle neben Thorne, ihr silbernes Kleid ein starker Kontrast zu Chloes Smaragdgrün. Sie schenkte Chloe ein höfliches, enges Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. "Alexander", sagte Isabelle, ihre Stimme glatt und besitzergreifend, als sie Thorne leicht am Arm berührte. "Ich habe dich gesucht. Wir müssen den Senator begrüßen." Ihr Blick huschte zu Chloe, eine stille Botschaft wurde zwischen ihnen ausgetauscht eine Erinnerung an ihre Rivalität, an Chloes Außenseiterstatus. Thorne zog sich nicht von Isabelles Berührung zurück. Chloe beobachtete, ein kalter Knoten bildete sich in ihrem Magen. Es war eine Geschäftsallianz, nichts weiter. Doch sie sahen sie zusammen, so perfekt abgestimmt, dass es ihr einen scharfen Stich versetzte. Es war lächerlich. Sie hatte kein Recht, etwas zu empfinden. Thorne blickte von Isabelle zurück zu Chloe. "Pflicht ruft, Frau Davies. Genießen Sie die Gala. Vielleicht können wir Ihren Integrationsplan nächste Woche detaillierter besprechen. In Ihrer Werkstatt. Dort werden Sie sich wohler fühlen." Er bot ein letztes, kurzes Nicken, dann wandte er sich mit Isabelle ab, seine Aufmerksamkeit bereits auf den nächsten strategischen Zug gerichtet. Chloe sah ihnen nach, ein mächtiges Gemisch aus Gefühlen wirbelte in ihr. Ärger über Thornes besitzergreifende Zuversicht, Groll über Isabelles kühle Dominanz und dieser anhaltende, frustrierende Funken Anziehung zum Mann selbst. Sie wurde in diese Welt gezwungen, gezwungen, ihn zu konfrontieren, diese eisigen Gewässer zu navigieren. Sie umklammerte ihr Champagnerglas, die kalte Flüssigkeit tat wenig, um die unerwartete Hitze zu besänftigen, die in ihrer Brust verweilte. Die Gala war ein Wirbelwind von Gesichtern, gezwungenen Lächeln und höflicher Konversation, aber alles, woran Chloe denken konnte, waren Thornes stürmische graue Augen, seine überlegten Worte und die beunruhigende Erkenntnis, dass sie trotz allem bereits in seine Umlaufbahn gezogen wurde. Die Nähe war erzwungen worden, aber die Funken? Die fühlten sich viel zu real an.
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