Kapitel 1-3

859 Words
Ihre langen Flügel weit ausgebreitet, flog Nali durch eine Wolke und zog einen schwachen Kondensstreifen aus wirbelndem Nebel hinter sich her. Pai, der neben ihr herflog, suchte mit seinen scharfen Augen die Küste ab. Sie befanden sich in der Nähe der Stelle, an der die verletzte Seehirschkuh an Land gespült worden war. „Kaiserin, da bewegt sich etwas in der Nähe der Felsen, eine halbe Meile nördlich von hier“, rief Pai. Nali drehte sich nach Norden und schwebte langsam nach unten, bis sie eine bessere Sicht hatte. Eine Reihe von Felsen ragte aus dem Wasser heraus und schützte einen der vielen schwarzen Sandstrände, die diesen Teil der Küste säumten. In der Nähe der Felsen entdeckte sie einen Seehirsch, der in der Brandung zappelte. „Warte hier, Pai“, befahl sie, bevor sie ihre Flügel fest an ihren Körper zog und zum Strand hinabtauchte. In letzter Sekunde drehte sie sich und landete auf ihren Füßen. Sie verwandelte sich und ihre Haut und ihre Kleidung verhärteten sich zu glattem schwarzem Marmor. Ihre Füße versanken in den feinen, schwarzen Sandkörnern, und ihre Fußspuren verschwanden hinter ihr, als sie auf den Seehirsch zuging. Er lag am Strand und die untere Hälfte seines Körpers ragte ins Wasser hinein. Sie schürzte die Lippen, um den empörten Schrei zu unterdrücken, der Pai sofort dazu veranlassen würde, zu ihr zu eilen. Der Seehirsch war von seiner Vorderflosse bis zur Schwanzspitze aufgeschlitzt. Die große klaffende Wunde gab den Blick auf Knochen und innere Organe frei. Es war ein Wunder, dass der Hirsch es bis ans Ufer geschafft hatte. Nali gurrte dem Hirsch leise zu, als sie sich ihm näherte, und versetzte das schöne Tier in Trance. Die normalerweise hellroten Schuppen waren blass und matt, da die Lebenskraft des Tieres dahinschwand. Der Hirsch drehte seinen Kopf in ihre Richtung und gab ein kaum hörbares Röhren von sich. Sie kniete sich neben ihn in den feuchten Sand und bettete seinen Kopf sanft auf ihren Schoß. „Es tut mir so leid, dass ich dich nicht beschützen konnte“, murmelte sie und streichelte seinen schlanken Kopf. Die Augenlider des Hirsches senkten sich, und er zitterte. Seltene Tränen sickerten aus Nalis Augenwinkeln, als sie die sterbende Kreatur festhielt. Nur große Tragödien und Kummer konnten einem Gargoyle Tränen in die Augen treiben. Sie beugte sich vor und lehnte ihren Kopf an den Hirsch. „Bitte, ich muss wissen, was mit dir geschehen ist, bevor ich dich gehen lassen kann“, flüsterte sie. Auf ihre Bitte hin durchfuhr den Hirsch ein weiterer Schauer. Sie schloss die Augen, während in ihrem Kopf Bilder von den letzten Minuten des Hirsches auftauchten. Als sie die Angst des Tiers spürte, holte sie tief Luft und strich sanft über die Flosse zwischen den Ohren des Hirsches. Die lebende schwarze Flüssigkeit war aus den Tiefen des Ozeans aufgestiegen. Lange Tentakel hatten die Jungtiere angegriffen, bevor sie sich losgerissen hatten und geflohen waren. Der Außerirdische hatte zuerst das Weibchen angegriffen. Als das Männchen herbeigeeilt war, um sie zu verteidigen, hatte der zweite Außerirdische zugeschlagen. Die Bilder verblassten, bevor sie sehen konnte, was als nächstes geschah. Die Verletzungen des Hirsches waren zu schwer, und sie spürte, wie er ihr entglitt. Sie hob den Kopf und blickte in den Himmel. Über ihr hielt Pai Wache. Nali senkte ihren Kopf und streichelte den jungen Hengst zärtlich, bevor sie eine einfache Beschwörungsformel flüsterte. Ihre Magie umgab den Seehirsch und hüllte den Körper der einst so majestätischen Kreatur in ein strahlend weißes Licht. Als das Licht verblasste, blieb nur ein funkelnder Edelstein übrig, und sie war allein am Strand. Nali hob den Edelstein auf und hielt ihn an ihr Herz. Dann richtete sie sich auf und blickte auf den Ozean hinaus. Pai landete neben ihr. „Habt Ihr etwas erfahren?“, erkundigte er sich leise. „Es waren zwei Außerirdische. Einen haben wir. Der zweite ist entkommen. Der Hengst – der Hengst ist gestorben, bevor er mir alles zeigen konnte“, antwortete sie mit leiser Stimme. „Ich habe Spuren bemerkt, die in den Wald führen. Sie stammen von einem Troll“, sagte Pai. Nali biss die Zähne zusammen. Die beiden, die den ersten Hirsch gefunden hatten, hatten glücklicherweise Abstand gehalten und den Palast benachrichtigt, aber der hier war wohl nicht so vorsichtig gewesen. „Es wird bald Nacht. Wir müssen zum Trolldorf und herausfinden, wer hier war. Wir können dort übernachten und unsere Reise am Morgen fortsetzen“, sagte sie. „Ein paar Meilen landeinwärts steigt Rauch aus den Schornsteinen entlang des Flusses auf“, antwortete Pai. Nali nickte. Sie drehte ihre Hand um und betrachtete den roten Edelstein, der die Essenz des Seehirsches enthielt. Pai stand schweigend daneben, als sie an den Rand des Wassers trat und darauf wartete, dass eine Welle an Land rollte. Sie kniete nieder und warf den Edelstein in das zurückweichende Wasser. Dann sah sie zu, wie die Welle den Edelstein zurück ins Meer trug. Mit einem tiefen traurigen Seufzer richtete sie sich auf und sah Pai an. „Lass uns gehen. Ich muss einen Außerirdischen vernichten“, erklärte sie. Ihr Tonfall war ebenso hart wie ihre tiefschwarze Haut.
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