Die Zeremonie

1001 Words
Bevor Laefa Zeit hatte, sich durch die Blicke der Menge vollkommen verrückt zu machen, erhob Faegan, der Sprecher der Ältesten, seine Stimme und sofort wandten sich alle ihm zu. »Tritt näher, Laefa«, forderte er. Unsicheren Schrittes tat die junge Nymphe wie ihr geheißen. Den Kopf hielt sie weiterhin gesenkt, um dem Ältesten den nötigen Respekt zu erweisen. »Noch stehst du außerhalb unseres Kreises in der Dunkelheit, doch dieser Tag wird dir die einmalige Chance gewährt, deinen Baum zu finden und damit in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen zu werden. Bist du dir der Tragweite dieses Tages bewusst?« Er wartet ihr Nicken ab, ehe er fortfuhr »Dann wiederhole die Regeln, welche die Bäume uns auferlegt haben, und schwöre, dass du dich daran halten wirst.« »Erstens: Es ist mir am heutigen Tage nicht gestattet, meine Naturmagie einzusetzen.« Ihre Stimme zitterte leicht, doch mit jedem ihrer Worte wurde sie fester, denn diesen Teil der Zeremonie hatte sie ihr Lehrmeister so oft üben lassen, dass sie ihn selbst ihm Halbschlaf fehlerfrei aufsagen könnte. »Zweitens: Die Tiere des Waldes um Hilfe zu bitten ist untersagt. Drittens: Weder meine Wünsche noch mein Wollen dürfen Einfluss auf die Wahl meines Baumes nehmen, nur mein Herz kann die richtige Wahl treffen.« Die Ältesten nickten ihr bei jedem Punkt, den sie aufzählte, wohlwollend zu. Laefa hatte so schnell gesprochen, dass sie kurz Luft holen musste. Obwohl diese Unterbrechung lediglich Sekundenbruchteile gedauert hatte, so wurde ihr erst jetzt wirklich bewusst, wie bizarr die Situation war. Sie, die kleine Nymphe, stand vor den Ältesten, welche im Kreis um ein Feuer auf der Erde saßen, und sah auf diese herab. Wenngleich sie den Blick möglichst gesenkt hielt und die Symbolik, die sich hinter dem Sitzen verbarg, so war die ganze Konstellation für sie in diesem Moment einfach zu grotesk. Es gab wohl keinen schlechteren Zeitpunkt im Leben einer Nymphe, um die Kontrolle über ihre Emotionen zu verlieren. So beeilte sie sich, rasch weiterzusprechen und das Kichern, das aus ihrem Mund entweichen wollte, zu unterdrücken. »Viertens: Heute ist der einzige Tag in meinem Leben, an dem ich meinen Baum finden kann. Schaffe ich es nicht bis zum nächsten Zenit des Mondes, dann wird mir dies für immer versagt bleiben!« Sie sprach es zwar nicht laut aus, doch allen Anwesenden war klar, was passieren würde, wenn es Laefa nicht gelang, ihren Baum ausfindig zu machen, besonders ihr selbst. Sie versuchte, den Gedanken jedoch beiseitezuschieben, denn er würde ihr Herz bloß beschweren und dadurch das Unternehmen deutlich erschweren, wenn nicht sogar unmöglich machen. Schnell fuhr sie daher fort: »Fünftens: Keine andere Nymphe darf mich begleiten oder mir helfen, weder bei der Suche noch in einem eventuellen Kampf oder mit Nahrung. Ich muss diese Reise alleine bestreiten, einzig auf diese Weise kann eine reine Verbindung entstehen!« Während sie darauf wartete, weitersprechen zu dürfen, atmete sie tief ein. Der Geruch von verbrennendem Holz, mischte sich mit dem Duft der reinen Nachtluft und des Mooses, welches Gaan’thanahs Stamm bedeckte, und gab ihr ein Gefühl von Heimat. Heimat, die für sie in diesem Moment so greifbar und stark und gleichzeitig so zerbrechlich war. Ehe sie allerdings wehmütig werden könnte, nickte ihr der Älteste Faegan bedeutsam zu. Laefa legte sie die Fingerspitzen ihrer linken Hand flach an ihre Stirn und platzierte ihre rechte über ihrem Herz. Nur Herz und Geist vereint, ergeben einen Schwur, der den Nymphen würdig ist, hörte sie den Vortrag ihres Lehrmeisters in ihre Gedanken. Ihr wurde ganz feierlich zumute, als sie die nächsten Worte sprach. »Ich Laefa, Tochter von Amira und Verdin, Nymphe des Dorfes von Gaan’thanah, schwöre, hiermit, vor den Ältesten und allen Versammelten, dass ich mich an die Regeln der Bäume halten werde. Ich verspreche, auf mein Herz zu vertrauen, das mich zu dem Baum, der mich erwählt hat, führen und mit ihm eine Verbindung fürs Leben besiegeln wird!« Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin erhoben sich die Nymphen rund um das Feuer und antworteten so einstimmig, als stünde irgendwo ein Dirigent, der ihren Einsatz koordinierte: »Wir nehmen deinen Schwur an, Laefa, Tochter der Amira und des Verdin. Öffne dein Herz und folge ihm, dann wird dir nichts geschehen.« Die Stimmen klangen vertraut und gleichzeitig so fremd, dass der jungen Nymphe ein eiskalter Schauer über den Rücken jagte. Verwirrung und Erstaunen über das seltsame Schauspiel hatten sich auf Laefas Gesichtszüge gelegt und wichen nur langsam der Erkenntnis, dass es die Bäume der Erwachsenen gewesen sein mussten, welche durch ihre Seelenverbindungen, mit ihr gesprochen hatten. Unschlüssig stand sie da und wusste nicht, ob die Zeremonie nun beendet war oder was man von ihr erwartete, denn ihr Lehrmeister hatte mit ihr lediglich die Regeln und den Schwur geübt. Den Rest, so hatte er gesagt, würde sie erleben. Den Zauber des Ganzen könnte sie schließlich bloß spüren, wenn sie sich ihm unbedarft und voller Neugier stellte. Und er hatte recht behalten. Sie hatte so viel über die Zeremonie nachgedacht, versucht ihre Mutter auszuhorchen und vor einiger Zeit hatte sie sich sogar probiert, sich zu den Feierlichkeiten ihrer besten Freundin zu schleichen, doch weit war sie nicht gekommen. Eine Amme hatte sie aufgehalten und nach Hause zu den anderen Kindern geschickt, die ebenfalls alle noch auf ihre Aufnahme in den Erwachsenenkreis warteten. Heute war sie ihr dafür einfach nur aus tiefsten Herzen dankbar, denn nichts auf der Welt hätte sie auf dieses Gefühl, das in diesem Augenblick durch ihren Körper floss, vorbereiten können. Es war, als würde eine Energie durch ihre Adern gepumpt werden, die von den Bäumen selbst kam und jede der Nymphen, die sie berührte, verstärkte diese Kraft zusätzlich. Berührungen? Diese Erkenntnis durchzuckte Laefa wie ein Blitz. Langsam löste sie sich von dem warmen Kribbeln, das ihr Innerstes umarmte, und kämpfte sich zurück in die Realität. Es kostete sie einige Sekunden, ehe sie ihr Umfeld wieder wahrnahm, welches sie vor lauter Staunen über diese nie gekannte Lebendigkeit in ihr vollkommen vergessen hatte. Gerade drückte Yalnan kurz ihre Schulter und verließ damit als letzter Dorfbewohner die Lichtung, sodass nur noch die Ältesten und ihre Eltern bei Laefa zurückblieben.
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