Nachdem die übrigen Dorfbewohner in der Dunkelheit verschwunden waren, trat Amira zögerlich auf ihre Tochter zu. Sie blickte sie einige lang erscheinende Lidschläge liebevoll an, dann strich sie ihr sanft über die langen, rotbraunen Haare und zog sie anschließend in eine feste Umarmung. »Mein Kleine, ich wünsche dir eine wundervolle Erfahrung und hör einfach auf dein Herz. Dein Wesen ist so rein, du musst keine Angst haben, dass es keinen Baum für dich gibt. Vermutlich haben sich die Bäume in den vergangenen Mondumläufen gestritten, welcher dich haben darf.« Mutter und Tochter mussten beide für einen Moment schmunzeln, wurden jedoch sofort wieder ernst. »Pass auf dich auf, meine Kleine, und halte dich von den Gefahren des Waldes fern. Ohne deine Magie und die Tiere sind die Wälder womöglich dunkler und erschreckender, als du sie bislang gekannt hast.« Sie schenkte Laefa einen letzten zärtlichen Drücker und ein aufmunterndes Lächeln, bevor sich von ihr löste, um Verdin Platz zu machen.
Ihr Vater trat auf sie zu, fasste behutsam das Kinn seiner Tochter und hob ihren Kopf an, sodass er ihr direkt in die rehbraunen Augen sehen konnte: »Dir ist sicher aufgefallen, dass ich kein Mann der großen Worte bin und es gibt wahrlich nichts, was ich dir noch sagen könnte, das du nicht weißt.« Er schwieg einen Augenblick, ehe er sich durchringen konnte, ihr dennoch einen guten Rat zu geben, wie es vom ihm erwartet wurde – und wie er es, wenn er ehrlich zu sich war, auch gerne wollte. »Dieser Tatsache ungeachtet erhoffst du dir, von mir weise Worte zu hören, und glaub mir, mein Kind, ich würde dir gerne welche sagen, doch ich vertraue auf dich – und das solltest du ebenso tun. Verlass dich einfach auf dich selbst, auf die Natur und die Bäume, dann wird sich alles andere finden, denn es ist, wie deine Mutter sagt. Mit einem solch wundervollen Kind möchte gewiss jeder Baum eine Seelenverbindung haben.« Erleichtert, seiner Pflicht erfolgreich nachgekommen zu sein und sogar etwas halbwegs Sinnhaftes zusammenbekommen zu haben, zog er seine Tochter an sich und hielt sie einen Moment in den Armen, bevor er zu seiner Frau trat, um mit ihr ebenfalls ins Dorf zurückzukehren. Gerne hätte er seine Tochter auch bei diesem Abenteuer behütet, so wie er sie ihr Leben lang behütet hatte, diesen Weg allerdings musste sie allein gehen. So blieb ihm nur ein letzter Blick zurück über die Schulter und ein stolzes Lächeln, als er bemerkte, dass ihre Aufmerksamkeit noch immer auf ihnen ruhte.
Laefa schaute ihren Eltern hinterher, bis sie ihre Gestalten vollkommen von der Nacht verschluckt worden waren. Nun war sie mit den Ältesten allein, doch sie wusste, dass es lediglich ein äußerer Umstand war. Die Liebe ihrer Eltern und des ganzen Dorfes trug sie tief in ihrem Inneren und durch die Energieübertragung der Bäume spürte sie all die Liebe umso mehr. Die Liebe, aber auch die Ungeduld, die sie in die Wälder zog. Angespannt blickte sie auf den Ältestenrat. Ob sie bald loslaufen durfte?
Die fünf Männer bildeten einen Halbkreis vor einem der Feuer, Faegan in ihrer Mitte. Die übrigen Ratsmitglieder schwiegen wie so häufig. Tiannant und Kian hatte die junge Nymphe noch nie sprechen hören, ihre Aufgabe war die Kommunikation mit den Tieren beziehungsweise mit den Bäumen. Im Dorf wurde getuschelt, dass sie darüber häufig vergaßen, dass sie auch mit anderen Nymphen reden konnten. Myrrdin, der für alles Schöne und die Künste zuständig war, hielt eine Stück Baumrinde und einen Klumpen Kohle in den Händen. Mit schnellen Bewegungen ließ er das verbrannte Holz über die Borke gleiten. Sollte Laefa die Prüfung bestehen, so würde der Rat ihr dieses Andenken an den Tag vermachen. Wenn nicht … schnell verdrängte sie den Gedanken und sah zu Adohan. Das jüngste Mitglied des Rates, schien gerne etwas sagen zu wollen, und kaute daher nervös auf seiner Lippe herum. Es stand ihm bei solchen Gelegenheiten nicht zu, das Wort zu ergreifen. Nur Faegan als der Wortführer durfte für den Rat sprechen. Dieser gab Laefa just in diesem Moment auch durch einen Wink zu verstehen, dass sie vortreten sollte.
Hastig senkte sie erneut ehrfürchtig den Kopf und näherte sich den Männern bis auf wenige Schritte. Ob sie nun bald aufbrechen durfte? Oder gehörten zu der Zeremonie noch weitere Schritte, in welche der Lehrmeister sie nicht eingewiesen hatte? Am liebsten würde sie ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, so aufgeregt war sie inzwischen. Da dies allerdings äußerst unangemessen wäre, zwang sie sich stillzustehen und geduldig zu wirken, dabei sprach Faegan so langsam. Es sollte wohl getragen und feierlich klingen, aber Laefa hatte dafür gerade so gar kein Ohr. Seit sie von den Bäumen mit Energie geflutet worden war, konnte sie es kaum erwarten, endlich loszukommen.
»Laefa, du bist immer eine fleißige Schülerin gewesen und die Tiere des Waldes lieben dich so sehr, wie du sie liebst, doch diese Stärken werden dir heute nichts nutzen, denn an bis zum nächsten Zenit des Mondes zählt einzig deine Fähigkeit, auf dein Herz zu hören. Ich bin jedoch guter Dinge, dass es dir gelingen wird. So wie du das Herz oft auf der Zunge trägst und redest, ehe du über die Konsequenzen nachgedacht hast, so wirst du auch heute deine Entscheidungen, schon lange bevor du sie überdenken konntest, getroffen haben. Sei wachsam und meide die Gefahr. Obwohl du deine Kämpfe alleine bestreiten musst, darfst du keinen Tropfen Blut vergießen, weder dein eigenes noch das eines anderen Lebewesens. Das würde deine Reinheit beflecken und kein Baum würde sich nach einer solchen Tat noch an dich binden wollen. Und nun, Laefa, wünschen wir dir viel Glück auf der Suche nach deinem Seelenpartner und hoffen, dass du gesund zu uns zurückkommst. Wir werden bei Gaan’thanah bleiben und deine Rückkehr erwarten.« Mit diesen Worten neigten die Ältesten leicht ihre Köpfe vor Laefa und ließen sich am Lagerfeuer nieder. Ihre Rücken wandten sich demonstrativ zu Laefa und geben damit das untrügliche Signal, dass die feierliche Aussendungszeremonie beendet war. Die Zeit des Aufbruchs war gekommen. Endlich hatte das Reden ein Ende und ihre Reise konnte beginnen.