Voller Begeisterung und Vorfreude war Laefa zunächst einfach losgestürmt, hatte nicht weiter nachgedacht und war blindlings in den Wald hineingerannt. Inzwischen allerdings war sie sich nicht mehr so sicher, ob das ihre beste Idee gewesen war. Obwohl Nymphen keine Probleme damit hatten in der Dunkelheit zu sehen, so hatte sie doch vor lauter Aufregung nicht auf den Weg geachtet und die kleinen Details und Unterschiede jedes Baumes und der Umgebung konnte auch sie nur bei Tageslicht ausmachen. »Das fängt ja gut an!«, fluchte sie vor sich hin und sah sich ratlos um. Die Lichtung hatte sie Richtung Norden verlassen, im Wald jedoch hatte sie natürlich nicht mehr stur geradeaus laufen können. Sie schloss die Augen und versuchte, sich zu erinnern, wie sie ihre Schritte gesetzt und wie es auf ihrem Weg gerochen hatte. Aber sehr sie sich bemühte, es wollten ihr keine wichtigen Details einfallen. Sie erinnerte sich lediglich an den Duft von feuchtem Moos, was grundsätzlich dafür sprach, dass sie sich Richtung Osten oder zumindest Nordosten gehalten hatte, denn so wären ihr die stärker bemoosten Westseiten der Bäume zugewandt gewesen, was den Geruch definitiv verstärkte hätte. Ja, auf diese These würde sie sich erst einmal festlegen, jedenfalls bis die Dämmerung hereinbrach und sie sich neu orientieren konnte. Doch wohin sollte sie sich nun wenden?
Für den Moment musste sich auf ihre Ohren verlassen. Diese waren in der Dunkelheit gewiss das zuverlässigere Sinnesorgan. Laefa konzentrierte sich völlig auf ihr Gehör und lauschte angespannt in die Nacht. Vielleicht könnte sie ja das Bächlein, welches die Grenze zum Gebiet der Bibermenschen markierte, hören oder die Kinder des Waldkauzes, die nach Nahrung schrien. Sogar die übellaunige Wildschweinfamilie oder irgendein etwas anderes, das ein vertrautes Geräusch erzeugen und ihr einen Anhaltspunkt geben konnte, wäre ihr jetzt recht. So sehr sich Laefa allerdings bemühte, der Wald um sie herum blieb still. Wobei, still war nicht die richtige Bezeichnung. Eine Vielzahl von unbekannten Geräuschen drang an ihr Ohr und auch die Gerüche kamen ihr fremd und eigentümlich vor. In diesem Abschnitt des Waldes war sie vorher noch nie gewesen. Wie sollte sie nun vorgehen? Womöglich wäre es am besten zur Lichtung zurückzukehren und die Suche neu zu beginnen. Doch das war leichter gesagt als getan. Erst bei diesem Gedanken fiel ihr auf, dass sie während der Bemühungen, Bekanntes wahrzunehmen, gar nicht darauf geachtet hatte, dass sie sich unterdessen immer wieder um ihre eigene Achse gedreht hatte. Aus welcher Richtung war sie eigentlich gekommen?
Frustriert ließ die junge Nymphe eine Schimpftirade los, welche ihr sicher einige Tage Hausarrest eingebracht hätte, wäre ihre Mutter anwesend gewesen. Andererseits, wäre ihre Mutter wirklich da, hätte diese sie gewiss früher ausgebremst und sie nicht blind drauflos laufen lassen. Doch Laefa war allein und niemand sagte ihr, was sie tun oder lassen sollte – obwohl ihr das Gegenteil im Augenblick deutlich lieber wäre. Selbst wenn es eine Zurechtweisung bedeutet hätte. Gerade wünschte sie sich nichts mehr als einen winzigen Hinweis darauf, wohin sie sich wenden sollte, aber auf diesen würde sich wohl lange warten können. Wütend über ihre Unbedachtheit kickte sie einen herumliegenden Ast zur Seite, um sich ein wenig abzureagieren. Während der Zweig seinen Weg ins nahe Unterholz antrat, flog ein Steinchen geradewegs in die andere Richtung davon. Laefa, die noch weiter vor sich hingeschimpft hatte, hielt inne. Ob der Wald ihr mit dem Stein den so dringend benötigten Hinweis geben wollte? Einen Moment zögerte sie, dann jedoch lief sie in die Richtung weiter, in die der Kiesel gesegelt war. Eine bessere Idee hatte sie ohnehin nicht und wenn sie stehen blieb, würde sie schließlich auch keinen Baum finden. Außerdem sollte sie auf den Wald hören und jetzt war der beste Zeitpunkt, damit anzufangen. Sie streckte ihren Arm aus und ließ ihre Finger über die Rinde jedes Baumes gleiten, an dem sie vorbeikam, um die Schwingungen der Natur wahrzunehmen. Diese schien allerdings nicht mit ihr reden zu wollen, denn völlig gleich wie viele Bäume sie berührte, nichts fühlte sich anders an als an jedem bisherigen Tag ihres Lebens. Vielleicht war sie einfach noch zu weit weg von ihrem Seelenbaum? Suchte sie überhaupt an der richtigen Stelle? Warum war sie bloß so kopflos losgerannt, anstatt sich an den Plan zu halten, welchen sie in den letzten Wochen und Monaten penibel ausgearbeitet und mehrmals überprüft hatte? Sie hatte eine ausgeklügelte Strategie entwickelt, wie sie am sinnvollsten vorgehen wollte. Vom Eindringen in den Wald, über Schritte zählen und wichtige Orientierungspunkte, bis hin zu Beerensträuchern, an denen sie sich stärken konnte, hatte sie alles genau einberechnet.
»Das ist wieder mal so typisch für mich«, murmelte Laefa vor sich hin. »Nie kann ich Geduld haben und mich an irgendwas halten, sobald es drauf ankommt, ganz gleich wie viel Zeit ich mit der Planung verbringe.« Ziellos stapfte sie weiter voran. Halb versuchte sie, sich den Weg einzuprägen, den sie gekommen war, halb schimpfte sie in Gedanken vor sich hin und verfluchte sich selbst für ihre impulsive Art. Daran musste sie dringend arbeiten, wenn sie als Erwachsene ernstgenommen werden wollte. Das allerdings war ein Problem für die Zukunft, jetzt musste sie erst einmal ihren Seelenbaum finden, sonst hatte sich der Rest ohnehin erledigt.
Als ihr die Beine langsam schwer wurden und der fehlende Schlaf sich ebenfalls bemerkbar machte, beschloss sie, dass es so keinen Sinn ergab, weiterzugehen. Sie würde nun rasten und bis die Sonne aufging, neue Kräfte sammeln. Wenn es hell war, konnte sie sich orientieren und dann endlich ihren ursprünglichen Plan wieder aufnehmen, solange sie sich nicht zu weit von sämtlichen ausgewählten Orientierungspunkten entfernt hatte. Sollte sie keinen in der Nähe finden, würde ihr zumindest die Sonne einen Anhaltspunkt dazu liefern, wo sie sich gerade befand und wie sie wieder zurück in eine ihr bekannte Gegend kam. Sie nickte. Ja, das das würde funktionieren. Mit dieser überarbeiteten Vorgehensweise zufrieden, ließ sie sich unter einer großen Eiche auf die Erde fallen und lehnte sich an kräftigen Stamm. Ihr Magen knurrte vernehmlich, doch noch während sie ihr Kastanienbrot auspackte, fielen ihr die Augen zu und ein tiefer Schlaf übermannte sie.