Der Traum

1009 Words
Die Sonnenstrahlen, die ihre Nase kitzelten, weckten Laefa einige Zeit später aus einem unruhigen Schlaf. Sie rieb sich die feinen Körner aus den Augen und richtete sich auf. Da ihr Magen bereits so laut rumorte, dass sie Angst haben musste, dass sein zufällig herumstromernden Biber sie sofort ausmachen könnte, kramte ihre Schnitte aus der Tasche. Sie wusste schließlich nicht, wo sie sich genau befand und ob sie sich überhaupt noch auf dem Land der Nymphen aufhielt, daher war Vorsicht angeraten. Es reichte schon, dass sie völlig naiv und unbedarft unter dem erstbesten Baum auf dem Boden geschlafen hatte, statt wenigstens hoch ins Astwerk zu klettern und sich zumindest vor den ersten neugierigen Blicken zu verbergen. Der Albtraum, der sie heimgesucht hatte, war schlimm genug gewesen, sie legte keinerlei Wert darauf, ähnlich Erfahrungen außerhalb der Traumwelt zu machen. Und obwohl ihr der Gedanke absolut zuwider war, beschloss sie, während sie ihr Kastanienbrot verschlang, sich an den Traum zurückzuerinnern. Ihr Lehrmeister hatte ihr eingeschärft, dass alles, was sie auf der Suche nach ihrem Seelenbaum erleben würde, von Bedeutung sein konnte. Deshalb wäre sie auch schlichtweg töricht, wenn sie ein so aufwühlendes Szenario einfach ignorieren würde. Im Schlaf war sie durch einen dunklen Wald gerannt und hatte furchtbare Angst gehabt. Irgendetwas war hinter ihr her gewesen, doch es war weder ein Biber gewesen noch ein ihr anderweitig bekannter Feind. Genauer gesagt, hatte sie ihren Gegner nicht mal gesehen. Eine unsichtbare Macht saß ihr im Nacken und egal, was sie versuchte, sie konnte ihr nicht entkommen. Irgendwann war sie über eine Wurzel gestolpert und der Länge nach auf den Boden geschlagen. Schnell hatte sie sich aufrappeln wollen und ihre Flucht fortsetzen, aber sie war nicht mehr fähig, sich zu rühren. Wer auch immer ihr Gegner war, er kniete auf ihrem Rücken, drückte ihr Gesicht ins Gras und ließ ihr kaum genug Luft zum Atmen. Laefa war ihm vollkommen ausgeliefert. Ihre Suche nach dem Baum war gescheitert. Verloren! Sie hatte verloren! Eine unsagbare Traurigkeit überfiel sie und sie gab den Widerstand auf. Schon halb im Davongleiten nahm sie noch wahr, dass die Blätter der Bäume sich zu regen begannen und ihren überlegenen Kontrahenten anscheinend von ihr hinunterbließen, denn auf einmal fühlte sie sich wieder freier. Sie wandte ruckartig ihren Kopf, schnappte nach Luft und spähte gleichzeitig nach der Gefahr, doch nirgends war jemand zu entdecken. Nur ein einzelnes Blatt einer Eiche war auf ihrem Kopf gelandet. Ehe sie jedoch im Traum darüber nachdenken konnte, war sie, verwirrt in die Sonne blinzelnd, aufgewacht. Die Angst kroch Laefa erneut unter die Haut, sobald sie nur an diesen Traum dachte. Dieses Gefühl verfolgt zu werden, hatte so echt gewirkt, dass sie sich nervös umschaute. Natürlich lief keine mysteriöse Gestalt zwischen den Bäumen umher, aber damit hatte sie, wenn sie ehrlich war, auch nicht gerechnet. Überhaupt fühlte sie sich trotz aller Furcht auf unerklärliche Weise sicher und vertraute darauf, dass ihr nichts geschehen konnte. Obwohl sie nicht verstand, woher dieses Vertrauen kam, doch sie wusste, dass die Bäume ihr helfen würden, genau wie sie es im Traum getan hatten. Das konnte allerdings nicht die einzige Bedeutung ihres nächtlichen Abenteuers gewesen sein, das wäre für einen solch wichtigen Tag, viel zu simpel. Irgendetwas übersah sie. Sie konnte es zwar nicht greifen, aber sie hatte ein untrügliches Gefühl, dass sie den Traum besser nicht so schnell vergessen sollte. Gedankenverloren strich sie sich durchs Haar, um ihre verzauste Schlaffrisur wieder zu ordnen, als etwas zwischen ihre Finger geriet. Sie zupfte daran, doch es hatte sich in ihrem Haar verfangen, sodass sie einen Moment brauchte, ehe sie es lösen und betrachten konnte. Es war ein Eichenblatt. Die Stirn in nachdenkliche Falten gelegt, blickte Laefa in die Krone der Eiche, unter der sie saß. Konnte es wirklich Zufall sein, dass sich in ihren Haaren das gleiche Blatt befand wie in ihrem Traum oder wollte der Baum ihr eine Nachricht senden? Ihre Finger streichelten sanft über die raue Rinde der uralten Pflanze, fuhren durch die tiefen Kerben und glitten über die moosigen Stellen am Fuße des Stamms. Etwas veränderte sich in ihr, das konnte sie ganz genau spüren. Es war, als würde man ihr eine schwere Last von den Schultern nehmen, alles wurde einfacher, ein Stück leichter. Die Ängste und die Unsicherheit verschwanden und irgendwie wurde es ihr auch gleichgültig, dass sie ihren Weg nicht kannte, denn ihr Innerstes sagte ihr, dass alles gut werden würde. Je ruhiger Laefa wurde, desto lauter wurde ihre Umgebung. Anfangs bemerkte sie es kaum, danach schob sie es auf ihre geschärfte Wahrnehmung, doch als die Blätter schließlich immer vernehmlicher rauschten und schon beinahe ungeduldig anmuteten, wandte sie ihren Blick von der Eiche ab und lauschte. »Sie ist fast am höchsten Punkt. Die Sonne…« »Noch so ein weiter Weg…« »… Schwester wartet…« Unterhielten sich die Bäume miteinander oder waren es alles Gedanken der Eiche, welche von ihren verschiedenen Zweigen in die Welt getragen wurden? »Jammerschade, wenn sie versagt.« »So ein hübsches Kind.« »… Weg verloren…« Inzwischen war es Laefa gelungen, mehrere unterschiedliche Stimmlagen herauszuhören. Offenbar waren sämtlich Bäume um sie herum in heller Aufregung und rauschten wild durcheinander. In diesem Stimmengewirr gelang es der jungen Nymphe nicht wirklich, etwas mit den Gesprächsfetzen anzufangen. Über wessen Schwester sprachen sie? Und meinte die Bäume, dass sie hübsch war oder ging es da auch wieder um diese Schwester? Andererseits spielte das wohl für ihre Suche nach ihrem Seelenbaum keine Rolle. Sie hatte noch nie gehört, dass irgendeine Nymphe wegen ihrer Schönheit oder irgendeiner anderen oberflächlichen Eigenschaft ausgewählt worden war. Einzig der Hinweis auf den Stand der Sonne ließ Laefa realisieren, dass es bald Mittag sein würde. Erschrocken stellte sie fest, dass sie nicht nur viel länger geschlafen haben musste, als ursprünglich geplant, sondern auch danach vollkommen die Zeit aus den Augen verloren hatte. Dieser Teil des Waldes musste ein deutlich dichteres Blätterdach haben, als die Gebiete rund ums Dorf. Damit standen zwei Dinge fest: Zum einen war sie viel weiter von ihrem Weg abgekommen als gedacht und zum anderen hatte sie nur noch einen halben Tag Zeit und rein gar nichts erreicht!
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD