Dienstagmorgen danach

1475 Words
Asher fluchte laut. „Was zum Teufel war das?!“ Dominic bewegte sich bereits auf den Flur zu. „Untere Parkgarage.“ Seine Stimme war tödlich. „Ein Warnschuss.“ Marinas Herz hämmerte heftig. Selenes Stimme hallte in ihrem Kopf wider. Ein Test. Rafael half Marina aufzustehen. „Alles okay?“ Sie nickte unsicher. Doch die Bindung in ihr brannte jetzt. Keine Angst. Keine Verwirrung, sondern etwas Älteres und Mächtigeres. Ihre Stimme kam leiser heraus, als sie erwartet hatte. „Sie hat Beobachtung gesagt.“ Dominic sah zu ihr zurück. „Ja.“ Marina schluckte. „Das bedeutet, sie sind noch nicht fertig.“ Sirenen von Einsatzfahrzeugen hallten bereits in der Ferne unter ihnen durch die Straßen. Asher sah wieder auf sein Telefon. „Sie haben das Signal komplett gelöscht.“ Dominics Augen verdunkelten sich. „Sie wollten, dass wir wissen, dass sie es waren.“ Rafaels Kiefer spannte sich an. „Also hat das Spiel begonnen.“ Marina blickte zum zerbrochenen Fenster, durch das kalter Wind in den Raum strömte. Irgendwo da draußen— beobachtete Selene Voss. Wartete. Und die seltsame, uralte Macht in Marina regte sich langsam. Zum ersten Mal, seit sie entdeckt hatte, was sie war… spürte die Sirene in ihr etwas Neues. Keine Angst. Sondern Herausforderung. Das Penthouse roch nach Rauch und zerbrochenem Glas. Marina saß am Rand des Sofas, die Knie eng zusammengezogen und die Hände um eine Tasse Tee geschlungen, die längst kalt geworden war. Um sie herum bewegte sich das kontrollierte Chaos der Nachwirkungen schnell weiter. Sicherheitsteams durchsuchten das Gebäude, Ashers Leute verfolgten digitale Signale, die bereits erloschen waren, und Rafael stand nahe dem zerbrochenen Fenster mit verschränkten Armen und beobachtete die Straße unter ihnen, als erwarte er jeden Moment einen weiteren Angriff. Dominic telefonierte. Er war seit fast einer Stunde am Telefon. Seine Stimme wurde nie lauter, sie brach nie, doch Marina konnte die Schärfe unter jedem Wort hören — ruhig und präzise wie eine Klinge, die absichtlich stillgehalten wird. Sie beobachtete ihn vom anderen Ende des Raumes. Es lag etwas beinahe Hypnotisches darin, wie Dominic unter Druck arbeitete. Die meisten Menschen, die sie in ihrem Leben gekannt hatte, zerbrachen, wenn Dinge schiefgingen. Sie gerieten in Panik, überreagierten oder machten Lärm. Dominic wurde kälter und klarer, als würde der Druck ihn nur noch weiter verfeinern. Er beendete das Gespräch und wandte sich dem Raum zu. „Die Vorrichtung wurde zwischen elf und Mitternacht in der Parkstruktur platziert“, sagte er. „Kleine Ladung, kontrollierte Detonation.“ Rafael wandte sich nicht vom Fenster ab. „Sie hat es perfekt getimt.“ „Sie wollte uns aus dem Gleichgewicht bringen“, murmelte Asher vom Boden, wo er im Schneidersitz mit drei offenen Laptops vor sich saß. „Nicht tot — nur erschüttert.“ Dominic sah zu Marina. „Wie fühlst du dich?“ Es war eine einfache Frage, doch seine Augen sagten mehr. Er fragte nicht nur wegen der Explosion. Marina stellte die Tasse auf den Couchtisch. „Ich denke nach“, sagte sie ehrlich. „Worüber?“ Asher blickte auf. „Über das, was sie gesagt hat.“ Marina sah auf ihre Hände. „Selene. Sie sagte, die Bindung habe ein Signal erzeugt.“ „Das hat sie“, bestätigte Dominic. „Was bedeutet…“ Marina hielt kurz inne und dachte langsam darüber nach. „Jedes Mal, wenn die Bindung stärker wird, senden wir mehr.“ Stille zog durch den Raum. Rafael wandte sich schließlich vom Fenster ab. „Ja“, sagte er schlicht. Marina atmete durch die Nase aus. „Also gilt: Je näher wir uns kommen, desto leichter sind wir zu finden.“ Asher rieb sich über den Kiefer. „Das ist die unangenehme Mathematik daran.“ Sie hatte erwartet, dass diese Erkenntnis ihr Angst machen würde. Stattdessen machte sie sie nur müde. Nicht die Art von Müdigkeit, die Schlaf behebt. Die tiefere Art. Die Art, die entsteht, wenn man zu lange etwas Schweres trägt. „Meine Mutter ist alle paar Monate mit uns umgezogen“, sagte sie leise. Niemand unterbrach sie. „Als ich klein war, habe ich nie verstanden, warum. Ich dachte, es sei aufregend — neue Städte, neue Namen, neue Schulen.“ Marina blickte zum zerbrochenen Fenster, hinter dem die Stadt kalt und gleichgültig glitzerte. „Sie wusste, dass sie verfolgt wurde. Sie hat mir nur nie gesagt, wie.“ Dominic kam herüber und setzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber. „Sie hat dich beschützt.“ „Sie hat Zeit gekauft.“ Marinas Stimme blieb ruhig. Sie hatte mit diesem speziellen Schmerz schon vor langer Zeit Frieden geschlossen. Oder zumindest hatte sie das geglaubt. „Und irgendwann ist sie abgelaufen.“ Der Raum wurde einen Moment lang still. Dann klappte Asher einen seiner Laptops langsam zu. „Nur fürs Protokoll“, sagte er, „Selene Voss ist keine Hinterzimmerjägerin mit persönlicher Fehde.“ Dominics Blick wandte sich zu ihm. „Red.“ Asher lehnte sich auf seine Hände zurück. „Ich habe alles über sie zusammengestellt, während du telefoniert hast.“ „Dr. Selene Voss.“ „Doktortitel in Molekularbiologie, zweiter Doktortitel in dem, was die akademische Welt ‚nicht-standardisierte Speziesgenomik‘ nennt.“ Er hielt kurz inne. „Das ist eine sehr elegante Art zu sagen, dass sie übernatürliche Wesen beruflich untersucht.“ Rafaels Kiefer spannte sich an. „Legal?“ Asher warf ihm einen Blick zu, der die Frage ohne Worte beantwortete. „Sie leitet eine Organisation namens Voss Institute“, fuhr er fort. „Offiziell als private Forschungsstiftung registriert. Auf dem Papier sauber. Sehr sauber.“ Er drehte den zweiten Laptopbildschirm zu ihnen. „Aber ich habe drei Briefkastenfirmen darunter gefunden, alle verbunden mit Militärverträgen aus den frühen 2000ern.“ Dominic betrachtete den Bildschirm. „Staatlich finanziert.“ „War es“, sagte Asher. „Die Finanzierung wurde vor etwa acht Jahren stillschweigend gestrichen.“ „Das bedeutet, sie arbeitet jetzt unabhängig.“ Marina blickte auf. „Was bedeutet, keine Aufsicht.“ „Genau.“ Ashers Stimme trug diesmal keinen Humor. „Keine Regeln, denen sie unterworfen ist. Keine Grenze dafür, was sie bereit ist zu tun.“ Marina nahm das auf. Die Bindung in ihr regte sich sanft. Wie etwas, das von innen eine warme Hand auf ihre Brust legte. Ihr wurde klar, dass sie auf ihre Angst reagierte. Oder vielleicht — dachte sie mit seltsamer Klarheit — reagierte sie darauf, dass alle drei Männer es mit ihr fühlten. Die Bindung trug nicht nur ihre Gefühle. Sie trug auch ihre. Das war neu. Sie speicherte es still für sich. „Sie sagte zuerst Beobachtung“, sagte Marina laut. „Und einen Test“, fügte Rafael düster hinzu. „Die Explosion war der Test“, sagte Dominic. Marina schüttelte langsam den Kopf. „Nein.“ Sie hielt kurz inne und tastete sich vorsichtig durch den Gedanken. „Die Explosion war die Nachricht.“ „Der Test war zu beobachten, wie wir reagieren.“ Die drei Männer sahen sie an. Sie spürte das Gewicht ihrer Aufmerksamkeit — nicht unangenehm, nicht erdrückend. Einfach präsent. Wie in warmem Sonnenlicht aus drei Richtungen gleichzeitig zu stehen. „Sie wollte sehen, wie wir uns bewegen“, fuhr Marina fort. „Wer wen schützt.“ „Wie schnell.“ „Ob ich in Panik gerate.“ Sie sah Dominic an. „Ob du es tust.“ Dominics Augen blieben ruhig auf ihren. „Und?“ Marina lächelte fast. „Du hast es nicht getan.“ Etwas veränderte sich in seinem Ausdruck. Nicht viel. Gerade genug. Asher atmete leise aus. „Also hat sie ihre Daten.“ „Ja“, sagte Marina. „Das bedeutet, der nächste Zug gehört ihr — und sie weiß bereits mehr über uns als wir über sie.“ Rafael stieß sich von der Wand ab und kam durch den Raum. Er ließ sich neben Marina auf das Sofa sinken, ohne sie zu bedrängen, aber nah genug, dass sie die Wärme spüren konnte, die von ihm ausging. Es war beruhigend auf eine Weise, für die sie noch keine Worte hatte. „Dann ändern wir das“, sagte er. Asher knackte mit den Fingern. „Schon dabei.“ Dominic beugte sich in seinem Stuhl nach vorne. „Wir brauchen drei Dinge“, sagte er, und sein Ton wechselte in die Version von ihm, die ganz offensichtlich Imperien aufgebaut hatte. „Erstens — ein vollständiges Profil über Selene Voss und das Voss Institute. Jeder Name, jeder Standort, jede noch aktive Finanzquelle.“ Asher nickte. „Zweitens — dieses Gebäude wird verstärkt. Wer auch immer diese Vorrichtung platziert hat, ist an unserer Sicherheit vorbeigekommen.“ „Das passiert kein zweites Mal.“ Rafael nickte einmal. „Drittens.“ Dominic sah Marina an. Sie erwiderte seinen Blick. „Du beginnst zu trainieren.“ „Richtig.“ Marina öffnete den Mund.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD