„Ich weiß“, sagte Dominic ruhig und schnitt ihren Einwand ab, bevor er entstehen konnte. „Du bist noch nicht bereit. Du fühlst dich noch nicht im Kontrolle darüber.“ Er machte eine Pause. „Genau deshalb.“
Dagegen konnte sie nicht argumentieren.
Sie versuchte es auch nicht.
„Die Bindung macht dein Signal stärker“, fuhr er fort, „aber sie macht auch deine Macht stärker. Selene wird wieder Druck ausüben. Wenn sie das tut, musst du in der Lage sein, zurückzudrängen.“
Marina sah ihn lange an.
Dann blickte sie zu Asher, der ihr ein kleines Nicken gab.
Dann zu Rafael, der sie bereits mit ruhiger Gewissheit ansah – als wäre die Antwort, nach der sie suchte, eine, die sie längst gefunden hatte und nur noch nicht zugegeben hatte.
Sie holte langsam Luft.
„Okay“, sagte sie.
Das Wort kam ruhiger heraus, als sie erwartet hatte.
Draußen begann die Stadt aufzuwachen. Die Morgendämmerung zog blasses Gold über die Skyline und fing sich an den Rändern der Glassplitter, die noch immer über den Boden des Penthouses verstreut lagen.
Marina sah einen Moment lang darauf.
Dann stand sie auf.
„Wo fangen wir an?“
Dominic erhob sich von seinem Stuhl.
Zum ersten Mal, seit sie ihn kennengelernt hatte, huschte etwas, das sehr nahe an Zufriedenheit lag, über sein Gesicht.
„Am Anfang“, sagte er.
Training, lernte Marina schnell, sah ganz anders aus, als sie es sich vorgestellt hatte.
Sie hatte etwas Dramatisches erwartet.
Einen weiten offenen Raum, vielleicht Kerzen, Gesänge oder etwas, das dem Gewicht dessen entsprach, was sie tun sollte.
Stattdessen führte Dominic sie in einen kleinen schallisolierten Raum im zweiundvierzigsten Stock, der eher wie eine Firmen-Meditationssuite aussah als alles andere. Cremefarbene Wände, ein niedriger Tisch und zwei Stühle, die sich gegenüberstanden. Eine einzelne Stehlampe warf warmes Licht durch den Raum.
„Setz dich“, sagte er, und sie setzte sich.
Er setzte sich ihr gegenüber und verschränkte die Hände locker auf dem Tisch zwischen ihnen.
„Schließ die Augen.“
Marina zögerte. „Das ist alles? Einfach nur die Augen schließen?“
„Für jetzt.“
Sie sah ihn einen Moment länger an als nötig, dann schloss sie die Augen.
Der Raum war still. Sie konnte das leise Summen des Gebäudes um sie herum hören. Irgendwo weit unter ihnen bewegte sich die Stadt. Hier oben fühlte es sich fast an, als wäre alles angehalten.
„Sag mir, was du fühlst“, sagte Dominic.
Marina runzelte leicht die Stirn, ohne die Augen zu öffnen. „Im Allgemeinen oder—“
„Jetzt. In deiner Brust. Beschreibe es.“
Sie richtete ihre Aufmerksamkeit nach innen. Es war immer da gewesen.
Sie hatte gelernt, es zu ignorieren, so wie man ein Geräusch ignoriert, das nie aufhört – den Verkehr draußen vor einem Fenster, das Summen eines Kühlschranks.
Aber wenn sie wirklich darauf hörte, war es unmöglich, es zu übersehen.
„Warm“, sagte sie leise. „Als würde etwas atmen.“
„Gut.“
„Es pulsiert“, fuhr sie fort. „Nicht genau wie ein Herzschlag, eher wie Wellen. Langsame.“
„Das ist die Bindung“, sagte Dominic. „Nicht nur deine. Unsere. Alle vier zusammen.“
Marina öffnete die Augen.
„Ich kann euch alle drei darin spüren?“
„Das konntest du immer“, sagte er schlicht. „Du hast nur nicht zugehört.“
Sie schloss die Augen wieder und diesmal hörte sie genauer hin.
Er hatte recht. Es gab Schichten darin.
Eine war ruhig und tief, wie etwas, das weit unter der Erde verwurzelt war – und das war Dominic, erkannte sie ohne dass es ihr gesagt werden musste.
Eine war leichter, schneller und knisterte vor rastloser Energie, wie statische Spannung vor einem Sturm. Das war Asher.
Und unter beiden lag etwas Warmes, Niedriges und Beständiges – wie Glut, die nie ganz erlosch.
Rafael.
„Ich kann euch fühlen“, sagte sie leise, fast zu sich selbst. „Ich kann euch alle fühlen.“
„Ja.“
„Seit wann ist das so?“
„Seit dem ersten Morgen“, sagte Dominic. „Als du mit deinem Klemmbrett in den Konferenzraum gekommen bist und so getan hast, als würdest du uns nicht bemerken.“
Marina spürte, wie sich ihr Mund trotz allem leicht verzog.
„Ich habe nicht so getan.“
„Du hast sehr angestrengt so getan.“
Sie hätte fast gelacht. Fast.
„Okay“, sagte sie und fing sich wieder. „Also die Bindung. Was bedeutet Training eigentlich? Was versuche ich zu tun?“
„Im Moment?“ sagte Dominic. „Nichts.“
Sie öffnete wieder die Augen.
„Nichts.“
„Du hast Jahre damit verbracht, deine Kräfte herunterzudrücken. Mauern zu bauen. Jedes Mal, wenn etwas aufstieg, hast du es zurückgedrängt.“ Er sah sie ruhig an.
„Du bist sehr gut im Unterdrücken geworden. Was du nicht weißt, ist, wie man etwas einfach existieren lässt, ohne es zu kontrollieren oder dagegen anzukämpfen.“
Marina sah auf den Tisch zwischen ihnen.
Das traf sie härter, als sie erwartet hatte.
„Also ist die erste Lektion einfach nur, es zu fühlen.“
„Es zu fühlen, ohne darauf zu reagieren“, sagte er. „Das ist ein Unterschied.“
Sie dachte an jedes Mal, wenn die Bindung aufgeflammt war. An jedes unbeabsichtigte Summen, jede Vibration, die durch ihre sorgfältig aufrechterhaltene Fassung geschlüpft war. Jedes Mal, wenn sie sie hart unterdrückt hatte.
„Und wenn ich es nicht kann?“
„Du wirst.“
„Du klingst sehr sicher.“
„Bin ich.“
Es lag kein Hochmut darin, nur dieselbe ruhige Gewissheit, die immer hinter seinen Augen zu leben schien.
„Du hast etwas Außergewöhnliches über zwei Jahrzehnte lang ohne Training, ohne Anleitung und ohne jemanden, der verstanden hat, was du bist, unter Kontrolle gehalten.“
„Dass du dabei nie jemanden verletzt hast, ist kein Glück, Marina. Es ist Kontrolle. Du hast mehr davon, als du glaubst.“
Sie sah ihn an.
Sie wusste nicht, was sie damit anfangen sollte. Damit, so klar gesehen zu werden.
„Schließ die Augen wieder“, sagte er sanft.
Sie tat es.
„Finde die Wärme und lass sie atmen. Drück sie nicht herunter, ruf sie nicht hervor – lass sie einfach da sein.“
Marina konzentrierte sich.
Die Wärme war sofort da, ruhig und lebendig.
Fast gleichzeitig spürte sie den Instinkt, sie niederzudrücken – ein alter Reflex, tief eingeprägt durch Jahre – und sie bemerkte ihn, ließ ihn vorbeiziehen und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Bindung selbst.
Sie bewegte sich wie Wasser.
Langsam. Geduldig. Als wüsste sie bereits, wohin sie wollte.
Marina saß einfach damit.
Eine Minute.
Zwei.
Sie verlor das Zeitgefühl, und als sie die Augen wieder öffnete, sah der Raum genauso aus wie zuvor. Aber etwas in ihrer Brust hatte sich verschoben.
Nicht dramatisch.
Nur ein wenig.
Wie eine Tür, die sich auf einem Scharnier öffnet, das lange nicht bewegt wurde.
„Das war die erste Lektion“, sagte Dominic.
„Das war alles?“
„Das ist alles“, sagte er. „Der Rest baut darauf auf.“
Marina atmete langsam aus.
Irgendwo draußen im Flur spürte sie Asher, bevor sie ihn hörte. Dieses knisternde, rastlose Gefühl durch die Bindung.
Dann kam seine Stimme durch die Tür.
„Wie läuft das mystische Training? Hat schon jemand levitiert?“
Dominic sah Marina nicht aus den Augen.
„Geh weg, Asher.“
„Ich nehme das als nein.“
Eine Pause.
„Rafael hat übrigens Essen gemacht. Richtiges Essen. Nicht diese traurige Proteinsituation von heute Morgen.“
Marinas Magen reagierte, bevor sie es verhindern konnte.
Dominics Ausdruck veränderte sich fast unmerklich.
Das Nächste an Amüsement, das sie je bei ihm gesehen hatte.
„Wir können nach dem Mittagessen weitermachen“, sagte er und stand auf.
Marina stand ebenfalls auf.
Sie fühlte sich leichter als seit Tagen. Nicht geheilt – sie war nicht naiv genug zu glauben, dass eine ruhige Sitzung sechsundzwanzig Jahre des Versteckens rückgängig gemacht hatte.
Aber etwas hatte sich gelöst.
Ein kleiner, hartnäckiger Knoten, von dem sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie ihn trug.
Sie folgte Dominic zur Tür, blieb dann jedoch stehen.
„Dominic.“
Er drehte sich um.
„Was du vorhin gesagt hast.“ Sie hielt kurz inne und wählte die Worte sorgfältig. „Darüber, dass ich nie jemanden verletzt habe und dass das kein Glück war.“
Sie sah ihm in die Augen.
„Danke.“
Er hielt ihren Blick einen Moment lang.
„Es war die Wahrheit“, sagte er schlicht. „Ich biete nichts anderes an.“
Er öffnete die Tür.
Der Geruch von dem, was auch immer Rafael gekocht hatte, zog warm durch den Flur, und die Bindung in Marinas Brust pulsierte leise, während alle drei darin präsent waren – ruhig und real.
Sie trat durch die Tür.
Hinter ihr fiel der stille Raum wieder in Ruhe zurück.