Phase zwei

1420 Words
Und irgendwo unten in der Stadt, in einem unmarkierten Gebäude mit verdunkelten Fenstern, überprüfte eine Frau namens Selene Voss Aufnahmen vom Dach des Penthouses. Sie hielt das Bild an. Zoomte hinein. Marinas Gesicht, nach oben geneigt, die Augen geschlossen, der Moment, bevor ihre Stimme gegen die Sonde zurückgedrängt hatte. Selene studierte es lange. „Du hast dich so lange versteckt“, murmelte sie leise, fast mit etwas wie Bewunderung. Sie tippte mit ihrem Stift gegen den Schreibtisch. „Mal sehen, was passiert, wenn du endlich aufhörst.“ Sie griff nach ihrem Telefon und wählte eine Nummer. Es wurde beim ersten Klingeln beantwortet. „Beginnt Phase zwei“, sagte sie ruhig. Dann legte sie das Telefon hin, verschränkte die Finger ineinander und betrachtete das eingefrorene Bild von Marina auf dem Bildschirm. Geduldig wie immer. Die Jagd hatte gerade erst begonnen. Das Essen, das Rafael gemacht hatte, war beschämend gut. Marina hatte das nicht erwartet. Sie hatte in den letzten Tagen viele Dinge über die drei Männer katalogisiert. Sie hatte Dominics Präzision bemerkt, Ashers unermüdliche Energie und Rafaels Intensität, aber häusliche Kompetenz war in keiner ihrer gedanklichen Akten besonders hervorgetreten. Und doch stand hier Rafael Torres, Medienmogul, an der Kücheninsel und schob ihr einen Teller mit perfekt gewürztem Reis und langsam gegartem Huhn zu, als wäre es das Natürlichste der Welt. Sie sah den Teller an und dann ihn. „Du hast das gekocht.“ „Habe ich.“ „Von Grund auf.“ Er warf ihr einen Blick zu, der sagte, die Frage verdiene kaum eine Antwort. „Setz dich, Marina.“ Sie setzte sich. Asher aß bereits, über seine Schüssel gebeugt mit der konzentrierten Hingabe von jemandem, der seit drei Tagen kein Essen gesehen hatte. Er deutete mit seiner Gabel auf Rafael, ohne aufzusehen. „Er macht dieses Ding, bei dem er so tut, als wäre Kochen unter seiner Würde, kommentiert zu werden. Ist es nicht. Der Mann hätte ein Restaurant haben sollen.“ „Ich habe zwölf Restaurants“, sagte Rafael trocken. „Du besitzt zwölf Restaurants. Ganz andere Sache.“ Marina sah zwischen ihnen hin und her und spürte, wie sich etwas leise in ihrer Brust setzte. Nicht genau die Bindung — oder vielleicht war es die Bindung, nur eine sanftere Version davon. Die gewöhnliche Wärme, in einem Raum mit Menschen zu sitzen, die nichts vortäuschen. Sie nahm ihre Gabel und aß. Es war tatsächlich eine der besseren Mahlzeiten, die sie in letzter Zeit gehabt hatte. Dominic kam zuletzt herein, goss sich einen Kaffee ein und blieb am Tresen stehen, statt sich zu setzen. Marina hatte bemerkt, dass er sich in lockeren Räumen selten ganz niederließ, als würde ein Teil von ihm immer an der Tür bleiben. „Asher“, sagte er ohne Einleitung. „Update.“ Asher legte seine Gabel weg und wischte sich den Mund ab. Die verspielte Energie verschwand nicht ganz — das tat sie nie — aber sie verschob sich, wurde schärfer. „Das Voss-Institut hat drei aktive Außenteams“, sagte er. „Zwei davon habe ich gefunden. Das dritte ist entweder besser versteckt oder existiert offiziell in keinem System, das ich bisher geknackt habe.“ „Die, die du gefunden hast“, sagte Rafael. „Standorte?“ „Eines ist lokal. Zwölf Blocks von diesem Gebäude entfernt.“ Ashers Stimme war ruhig, aber seine Augen waren es nicht. „Sie sind dort schon seit vor der Übernahme.“ Der Tisch wurde still. Marina legte ihre Gabel vorsichtig ab. „Sie waren schon hier“, sagte sie. „Bevor ihr Titan Global gekauft habt.“ „Ja.“ Sie nahm das auf. „Das bedeutet, sie haben nicht die Bindung verfolgt“, sagte sie langsam. „Sie haben mich verfolgt, noch bevor die Bindung entstanden ist.“ Dominics Augen wanderten über den Rand seiner Kaffeetasse zu ihr. „Darauf deutet es hin.“ Marina dachte an ihre Mutter. An die Umzüge. Neue Städte, neue Namen alle paar Monate. An die Art, wie ihre Mutter manchmal mitten in gewöhnlichen Momenten innehielt — beim Abwasch, beim Flechten von Marinas Haar — und ganz still wurde, wie ein Tier, das etwas jenseits des Hörbaren wahrnahm. Sie hatte diese Stille immer für Trauer gehalten. Jetzt fragte sie sich, wie viel davon Angst gewesen war. „Wie lange“, sagte Marina leise. „Wie lange beobachten sie mich schon?“ Niemand antwortete sofort. Was an sich schon eine Antwort war. „Asher“, sagte Dominic. Asher rief etwas auf seinem Telefon auf und schob es über den Tisch zu Marina. Sie sah auf den Bildschirm. Eine digitale Zeitlinie. Klar und präzise, mit Datenpunkten und Daten, die ordentlich in einer Linie zurückreichten. Sie scrollte nach oben. Und scrollte weiter. Der früheste Eintrag war auf vor einundzwanzig Jahren datiert. Marina war fünf Jahre alt gewesen. Ihre Mutter lebte noch. Sie legte das Telefon sehr vorsichtig auf den Tisch und sah einen Moment lang auf die gegenüberliegende Wand. Die Bindung regte sich, und alle drei spürten es. Sie konnte es an der Art erkennen, wie sich der Raum kaum merklich veränderte. Rafaels Hand bewegte sich leicht auf dem Tisch, hielt kurz davor an, ihre zu bedecken. Asher wurde still, während Dominic seine Tasse abstellte. „Sie beobachten mich, seit ich ein Kind war“, sagte sie. Ihre Stimme blieb ruhig. Sie war fast überrascht davon. „Die Organisation ist älter als Selene“, sagte Dominic vorsichtig. „Sie hat sie übernommen und neu aufgebaut, aber die ursprüngliche Überwachung begann unter ihrer Vorgängerin.“ „Wer?“ Eine Pause. „Wir haben noch keinen Namen“, sagte Asher. Marina nickte langsam. Sie nahm ihre Gabel wieder auf, legte sie wieder hin und entschied, dass sie keinen Hunger mehr hatte. „Du hast Phase zwei gesagt“, sagte sie und sah Dominic an. „Letzte Nacht. Selene hat gesagt: ‚Beginnt Phase zwei.‘ Und ich nehme an, sie hat seit der Explosion darüber nachgedacht.“ „Was bedeutet Phase zwei für eine Organisation wie diese?“ „Eskalation“, sagte Rafael schlicht. „Von was zu was?“ „Von Überwachung zu Kontakt“, sagte Dominic. Marina sah ihn an. „Sie wird direkt auf uns zukommen.“ „Sie will etwas Bestimmtes“, sagte Dominic. „Die Videobotschaft war keine Drohung, sondern eine Vorstellung. Sie hat sich präsentiert und Glaubwürdigkeit aufgebaut.“ Seine Stimme blieb ruhig, aber Marina hörte die Berechnung darunter. „Selene Voss hat in einer unregulierten Operation nicht so lange überlebt, indem sie leichtsinnig war. Sie handelt überlegt.“ „Also ist Phase zwei Verhandlung?“ sagte Asher und klang ehrlich ungläubig. „Sie sprengt eine Parkgarage und will sich dann hinsetzen und reden?“ „Die Explosion war eine Referenz“, sagte Dominic. „Ein Beweis ihrer Fähigkeiten. Es ist dasselbe, was eine bestimmte Art von Geschäftsmann tut, wenn er etwas erwerben will. Er fragt nicht zuerst. Er demonstriert, was passiert, wenn du nein sagst. Danach fragt er.“ Der Raum wurde still. Marina dachte darüber nach. „Sie will mich studieren“, sagte Marina. „Ja“, sagte Dominic. „Und sie denkt, wenn sie bedrohlich genug ist, werden wir mich übergeben.“ Das Wort „wir“ kam heraus, bevor sie darüber nachgedacht hatte. Keiner der drei Männer reagierte äußerlich darauf. Aber sie spürte etwas in der Bindung, subtil und warm. „Sie hat sich verrechnet“, sagte Rafael. Asher lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Erheblich.“ Dominic sah Marina ruhig an. „Wir verhandeln nicht mit Leuten, die Sprengstoffe als Visitenkarte benutzen.“ Marina erwiderte seinen Blick. „Ich möchte Teil der Strategie sein“, sagte sie. „Nicht davor geschützt werden. Ein Teil davon.“ Dominic musterte sie einen Moment. „Das bist du bereits“, sagte er. Eine Benachrichtigung vibrierte über Ashers Telefon auf dem Tisch. Dann noch einmal. Er nahm es auf und sein Gesichtsausdruck änderte sich. „Nun“, sagte er leise. „Das ging schnell.“ „Was?“ fragte Rafael. Asher drehte den Bildschirm herum. Eine E-Mail mit einer institutionellen Adresse. „Das Voss-Institut für Übernatürliche Forschung.“ Betreff: „Ein Vorschlag.“ „Phase zwei“, sagte Asher. Sie sah auf den Bildschirm. Die Bindung pulsierte fest in ihrer Brust — diesmal nicht warnend, sondern stabilisierend. Sie griff über den Tisch und drehte das Telefon, damit sie es selbst lesen konnte. „Mal sehen, was sie will“, sagte sie.
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