KAPITEL 1 – Liora

1264 Words
Die ersten Sonnenstrahlen tasteten sich zaghaft über die welligen Hügel von Selvath und wanderten schließlich über die Dächer des Heilerordens, bis sie als goldene Linien in Lioras kleines Zimmer fielen. Ein Tag wie viele andere – so hätte es sein können. Und doch war es anders. Noch bevor Liora die Augen öffnete, spürte sie es. Ein prickelndes Vibrieren in ihren Fingerspitzen. Ein Pochen tief unter ihrer Brust. Eine Unruhe, die ihre Gedanken unruhig wie ein Vogelschwarm auffliegen ließ. Liora zog die Decke enger um ihre Schultern und versuchte, ihren Atem zu beruhigen. Vergeblich. Die Magie war heute eine ungeduldige Flamme in ihr, als würde etwas in der Welt nach ihr greifen, sie wachrütteln, sie warnen. „Es ist viel zu früh dafür“, murmelte sie verschlafen. Normalerweise flackerte ihre Gabe nur auf, wenn sie jemanden behandelte oder wenn starke Gefühle in ihr loderten. Aber heute hatte sie weder einen Patienten berührt noch war irgendetwas passiert, das ihr Herz hätte schneller schlagen lassen sollen. Sie schlug die Decke zurück, setzte die Füße auf den kalten Holzfußboden und schauderte. Das kleine Zimmer im Nordflügel des Heilerordens war schlicht – eine Holzkiste für Kleidung, ein kleiner Tisch mit Schale und Krug, ein schmales Bett. Kein Luxus, aber das war nie das Ziel eines Heilers in Selvath gewesen. Sie erhob sich langsam und griff nach der Schale, die auf dem Tisch stand. Sie hatte gestern Abend noch eine Delle gehabt, weil einer der jungen Lehrlinge sie fallen gelassen hatte. Doch als ihre Finger das Holz heute berührten, flackerte ein warmes Licht auf. Die Delle glättete sich augenblicklich, das Holz wurde glatt wie frisch poliert. Liora riss erschrocken die Hand zurück. „Magie beim Aufwachen? Das ist… nicht normal.“ Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Ein. Aus. Ein. Aus. Der Duft von frischem Holz und einer Spur Heilkräuter lag in der Luft. Normalerweise beruhigten sie diese Gerüche sofort, doch heute erreichte die unruhige Energie in ihr alle Winkel ihres Bewusstseins. Ein Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken. „Liora? Bist du wach?“ Es war die sanfte Stimme ihrer Freundin, Sareen. Liora atmete aus. „Ja! Einen Moment.“ Sie schlüpfte schnell in ihr schlichtes graues Heilergewand, band den Gürtel fest und zog die Tür auf. Sareen lehnte mit einem Becher dampfenden Kräutertees im Türrahmen, ihr lockiges schwarzes Haar war wie immer viel zu wild, um in einer der ordensüblichen Knotenfrisuren zu bleiben. „Du siehst aus, als hättest du die halbe Nacht Wölfe gejagt“, stellte Sareen fest und drückte ihr den Tee in die Hand. Liora nahm den Becher dankbar. „Meine Magie spinnt.“ Sareen hob eine Augenbraue. „Schon wieder?“ „Heute ist es schlimmer. Sie ist einfach… da. Ohne Anlass.“ „Oh oh.“ Sareen trat ohne zu fragen in das Zimmer und sah sich prüfend um, als hätte sie erwartet, dass die Magie sichtbare Spuren hinterlassen hatte. „Meinst du, du wirst krank? Gefühle, Hormone, Stress, auslaufende Tränenkrise? Irgendwas?“ Liora schnaubte. „Nein.“ Sareen tippte sich nachdenklich gegen die Lippen. „Vielleicht hat der Rat des Ordens wieder irgendeine überdramatische Entscheidung getroffen, von der du intuitiv weißt, dass sie die Welt ins Chaos stürzt.“ „Wäre nicht das erste Mal“, murmelte Liora. Doch tief in ihr wusste sie, dass es etwas anderes war. Etwas Größeres. Etwas, das nicht mit dem Alltag des Ordens zu tun hatte. „Hast du schlecht geträumt?“, fragte Sareen weiter. „Nein.“ Liora rieb sich die Schläfen. „Ich… ich weiß einfach nicht. Es fühlt sich so an, als würde etwas auf mich zukommen. Ein Sturm vielleicht, der noch nicht sichtbar ist, aber der Luftdruck ändert sich schon.“ Sareen, die für gewöhnlich mit Humor alles entschärfte, wurde für einen Moment ernst. „Du hast schon mehr gespürt als irgendein Heiler hier. Wenn du sagst, etwas kommt… dann kommt es.“ Liora wandte sich zum kleinen Fenster. Draußen lag Selvath im morgendlichen Frieden. Die Dächer der weißen Häuser glänzten im Sonnenlicht. Bäume rauschten leise. Am Horizont ragten die türkisfarbenen Türme des Mondpalastes auf – groß, elegant, beinahe schwerelos. Es sah alles so normal aus. Trotzdem wuchs das Drücken in ihrer Brust. Sareen trat zu ihr ans Fenster. „Die Prüfung für die höheren Weihen ist in drei Tagen. Vielleicht ist deine Magie nur nervös.“ „Magie wird nicht nervös“, entgegnete Liora. „Deine schon.“ Liora wollte widersprechen, doch da vibrierte die Luft plötzlich. Nur einen Hauch, kaum wahrnehmbar – aber es war da. Ein Ruck ging durch sie hindurch, als hätte jemand unsichtbar an ihren Nerven gezogen. Sareen sah sie alarmiert an. „Liora?“ Liora krallte sich an der Fensterbank fest. Ein Bild flackerte kurz vor ihren Augen – doch es war verschwommen, zu schnell, zu fremd. Wie ein Schatten, der aus einer anderen Welt herüberwehte. „Hast du etwas gesehen?“, fragte Sareen leise. „Nur… Dunkelheit“, flüsterte Liora. Sie spürte plötzlich Kälte. Nicht in ihrem Zimmer – in ihrem Herzen. Ein bitterer, eisiger Schmerz wie ein geplatzter Stern. Und dann war er wieder weg. Liora atmete heftig. „Ich glaube… jemand stirbt.“ Sareen wurde bleich. „Wer?“ „Ich weiß es nicht.“ Ein Schrei hallte durch den Korridor und ließ beide zusammenzucken. „HEILER! Wir brauchen einen Heiler! Schnell!“ Sareen und Liora tauschten einen Blick – und rannten gleichzeitig los. Der Ruf kam vom Tor. Als sie hinausstürmten, sahen sie mehrere Soldaten, die gerade vom Grenzwald zurückgekehrt waren. Einer von ihnen trug einen Mann auf den Armen, dessen Körper schlaff herabhing. Blut tropfte auf die Pflastersteine. Liora blieb stehen. Ihr Herz zog sich zusammen. Der Mann war über und über mit schwarzen Rissen durchzogen – Risse, die wie gefrorene Spuren wirkten. Eis, das von innen wuchs. Genau diese Kälte hatte sie eben gespürt. „Bring ihn hinein!“, rief sie. „Schnell!“ Sareen verschwand, um andere Heiler zu alarmieren. Liora rannte neben dem Soldaten her, der den Verletzten trug. „Was ist passiert?“, fragte sie. „Wir haben ihn im Wald gefunden“, keuchte der Soldat. „Alleine. Bewusstlos. Keine Waffe, keine Ausrüstung, rein gar nichts. Aber… das hier an seinem Körper…“ Er stockte. „So etwas habe ich noch nie gesehen.“ Liora auch nicht. Der Mann sah nicht aus wie ein Bewohner Selvaths. Seine Kleidung war fremd, dunkel, von Schlamm und Blut bedeckt. Er war groß, kräftig, aber abgemagert wie jemand, der lange gejagt oder gequält worden war. Doch das Seltsamste war sein Gesicht: selbst im Bewusstlosen wirkte es hart. Gezeichnet. Wie jemand, der zu oft gekämpft hatte. Und die schwarzen Eisspuren auf seiner Haut schimmerten unheilvoll. Liora legte ihm eine Hand auf die Brust – und keuchte auf. Ein Schlag. Ein einziger. Dann nichts. Sein Herz war fast völlig erstarrt. Eine eisige Magie hielt es gefangen. Und trotzdem… trotzdem vibrierte in ihr etwas, als würde ihre Magie auf ihn reagieren. Als würde ein Faden zwischen ihnen kurz aufglimmen. „Bringt ihn in Halle Drei!“, befahl sie. „Und niemand soll ihn berühren, bis ich es sage.“ Sareen kehrte zurück, atemlos. „Liora, was immer du vorhin gespürt hast… war es das?“ Liora nickte langsam. „Dieser Mann“, sagte sie mit belegter Stimme, „ist nicht zufällig in unseren Wald gefallen.“ Sie strich ihm eine verschmutzte Haarsträhne aus dem Gesicht. Ein kalter Schauder überlief sie. Denn sie wusste plötzlich: Sein Schicksal war auf irgendeine Weise mit ihrem verknüpft. Und ihre Magie… hatte ihn gerufen.
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