KAPITEL 2 – Kael

1226 Words
Kälte. Sie kroch ihm durch die Knochen, in die Organe, in die Gedanken, bis sie nicht mehr von seinem eigenen Wesen zu unterscheiden war. Manchmal wusste Kael nicht mehr, ob die Kälte von außen in ihn hineingebrochen war—oder ob er selbst zu ihr geworden war. Er hörte sein Herz schlagen. Einmal. Schmerzhaft. Dumpf. Wie ein Stein, der in einen tiefen Brunnen fällt. Dann wieder Stille. Ein Gefrierpunkt in seinem Brustkorb. Kael öffnete die Augen, doch die Welt blieb verschwommen—ein Nebel aus Schatten und letzten Erinnerungen. Es war, als würde seine Seele zwischen zwei Orten hängen: der Welt, die er zu betreten versuchte, und der Dunkelheit, die ihn noch nicht ganz loslassen wollte. Er lag auf etwas Hartem. Stein? Holz? Es war warm. Das irritierte ihn am meisten. Wärme war etwas, das nicht zu ihm gehörte. Nicht mehr. Er versuchte sich aufzurichten, doch ein stechender Schmerz fuhr ihm durch die Seite. Seine Muskeln reagierten träge, als wären sie schon halb erfroren. Er hörte Stimmen—leise, gedämpft, fremd. Er konnte die Worte nicht klar erkennen, doch sie klangen geordnet, hektisch und… besorgt? Wer, dachte Kael irritiert, würde sich um ihn sorgen? Er zwang seine Augen, schärfer zu sehen. Über ihm schwebte Licht. Nicht das fahle Licht des Blutmondes, nicht das graue Schimmern der Schattenlande. Es war warm und gold und viel zu rein für eine Welt, in der er sich normalerweise bewegte. Das Licht gehörte zu einer Kugel aus Magie, die über seinem Kopf schwebte und die Luft vibrierend erfüllte. Kael wollte danach greifen, als wäre sie ein Traum, der gleich verfliegen könnte… doch jemand packte seine Hand. „Nicht bewegen.“ Die Stimme war weich. Warm. Eine seltsame Mischung aus Entschlossenheit und Mitgefühl. Sie widersprach allem, was Kael gewohnt war. Er blinzelte. Das Gesicht über ihm wurde klarer. Eine junge Frau beugte sich über ihn. Haare wie flüssiges Bronze, mit einem rötlichen Schimmer im Licht. Augen so hell, dass sie fast golden wirkten—und doch schien darin eine Tiefe zu liegen, die er nicht sofort deuten konnte. Ihre Haut war blass, aber nicht krank. Eher wie kühles Licht. Aber das Beeindruckendste war die Aura um sie. Sie war warm. Sanft. Licht, das atmete. Er schnaubte schwach. „Ein Engel?“ Die Frau runzelte die Stirn. „Was? Nein! Ich bin Heilerin.“ „Schade.“ Seine Stimme klang rau, brüchig, fremd. „Ich hatte gehofft, ich wäre tot.“ „Bist du nicht.“ Sie drückte seine Hand sanft zurück aufs Bett. „Und wenn ich es verhindern kann, bleibst du es auch.“ Kael wollte lachen, doch es wurde ein Husten, der Blut an seine Lippen brachte. Dunkles Blut. Blut, das nicht gesund aussah. Die Heilerin verzog keine Miene, obwohl Kael sah, dass ihr etwas Sorgen bereitete. Sie war jung, aber ihre Augen trugen so viel Verantwortungsgefühl, dass er sofort wusste: Sie war keine Anfängerin. „Wie heißt du?“, fragte sie. Kael schloss die Augen. Sein Name. Ein Wort, das er lange nicht mehr ausgesprochen hatte. Ein Name, der zu einem Mann gehörte, der längst begraben war. „Kael.“ „Kael…?“ Sie wollte den Familiennamen wissen, doch er reagierte nicht. Es war nicht nötig. Der Name allein genügte ihr offenbar für den Moment. „Gut. Ich bin Liora.“ Liora. Ein Name wie Licht. Zu hell für ihn. Er wandte den Blick ab. „Wo bin ich?“ „Im Heilerorden von Selvath. Du wurdest im Wald gefunden.“ Selvath. Feindesland. Der Gedanke traf ihn wie ein Schlag. Kael spannte sich an, wollte sich aufrichten, doch Liora legte ihre Hand auf seine Brust—keine Kraft, nur eine Berührung—und etwas an dieser Berührung ließ ihn augenblicklich wieder in die Kissen sinken. Magie. Nicht aggressive Magie. Beruhigend. Wärmend. Kael knurrte schwach. „Fass mich nicht an.“ „Wenn ich dich nicht anfasse, stirbst du“, entgegnete sie ruhig. Er blinzelte verwirrt. Seit wann sprach ihn jemand in diesem Ton an? Sie klang nicht feindlich, sondern entschlossen. Ein Tropfen Mut, ein Tropfen Sorge, eine ganze Kanne Sturheit. „Was… fehlt mir?“, presste er heraus. Liora sah seinem Körper entlang, betrachtete die schwarzen Adern aus Eis, die unter seiner Haut pulsierten. Kael wusste, wie es aussah. Er lebte lange genug damit. „Eisfluch“, sagte sie leise. „Aber… ich habe noch nie gesehen, dass er so weit fortgeschritten ist.“ Er schnaubte. „Dann hast du nicht viel gesehen.“ Sie ignorierte das. „Wer hat dir diesen Fluch gegeben?“ Kael schloss die Augen. „Jemand, den ich besser getötet hätte, bevor er mir zu nahe kam.“ Liora wollte mehr fragen, doch sie tat es nicht. Sie beobachtete ihn nur—mit dieser warmen, irritierenden, viel zu offenen Art von Mitgefühl. Er hasste Mitgefühl. „Warum bin ich nicht gefesselt?“, fragte er rau. „Ich bin ein Fremder. Gewiss ein Feind. Ihr kennt mich nicht.“ „Weil du sterben würdest, wenn wir dich fesseln“, antwortete sie knapp. Er blinzelte. „Du machst es einem schwer, dich zu hassen.“ Liora hielt inne, dann sagte sie trocken: „Gut. Dann lass es einfach.“ Er öffnete die Augen und sah sie an. Lange. Zu lange. Es war… seltsam. Seit Jahren hatte er entweder Hass, Angst oder Abscheu in Menschen gesehen. Doch in ihren Augen sah er etwas, das er vergessen hatte. Ehrliche Sorge. Und etwas, das er nicht sofort benennen konnte. Vielleicht Neugier. Doch das Merkwürdigste war etwas anderes. Etwas, das Kael erschreckte. Ihre Nähe… warmes Licht, Heilmagie, ein Herz, das deutlich zu fühlen war… …ließ den Schmerz in seiner Brust minimal nach. Der Fluch reagierte. Auf sie. „Was… tust du mit mir?“, flüsterte er. „Ich heile dich.“ „Nein.“ Seine Stimme war brüchig. „Du machst… irgendetwas anderes. Ich spüre es.“ Liora wich nicht zurück. „Vielleicht reagiert dein Körper auf meine Magie. Das passiert manchmal.“ „Nicht so“, knurrte Kael. Sie schwieg. Lange genug, dass er wusste, sie hatte es auch bemerkt. Da war ein Faden zwischen ihnen. Unsichtbar. Reißend dünn—und doch stärker als alles, was er seit Jahren gefühlt hatte. Was zur Hölle bedeutete das? „Ruh dich aus“, sagte Liora schließlich, obwohl ihre Stirn in Sorge gefaltet war. „Ich werde versuchen, deinen Körper zu stabilisieren. Aber… der Fluch ist alt. Und mächtig.“ „Ich weiß.“ „Dann weißt du auch, dass du kämpfen musst.“ Kael lachte tonlos. „Ich kämpfe, seit ich denken kann.“ „Diesmal nicht mit einem Schwert.“ Ihre Worte trafen ihn unvorbereitet. Gefährlich nah. Zu ehrlich. Kael wollte etwas erwidern, vielleicht eine Abwehr, vielleicht Spott—doch die Kälte griff wieder nach seinem Herzen. Dunkel, hart, unerbittlich. Er keuchte. Liora reagierte sofort, ihre Hände glühten sanft. „Bleib bei mir, Kael.“ Er biss die Zähne zusammen. Nicht wegen der Schmerzen—die kannte er. Sondern wegen des Tons in ihrer Stimme. Warm. Besorgt. Echt. Niemand hatte seit Jahren so mit ihm gesprochen. Sein Körper wurde schwer. Die Kälte zog ihn hinunter. In die Dunkelheit. Bevor er ganz sank, hörte er Lioras Stimme flüstern: „Bitte… gib nicht auf.“ Und Kael dachte verwirrt: Warum bei allen Schatten… sollte ich auf eine Fremde hören? Dann wurde alles schwarz.
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