Pommes und zugeworfene Blicke - Chapter 5

1119 Words
Ashlyn sagte sich, dass sie nicht lange bleiben würde. Sie sagte es sogar laut im Auto, als würde es dadurch verbindlich werden. „Nur Pommes“, murmelte sie. „Dann gehe ich wieder.“ Das hatte sie schon einmal gesagt. Die Glocke über der Tür des Burgerladens klingelte, als sie eintrat. Es roch nach Fett und Salz und etwas Süßem darunter. Die Fritteuse zischte ununterbrochen. Leise Musik lief hinter dem Tresen. Toby stand an der Kasse, die Mütze verkehrt herum, die Schürze leicht schief gebunden, sein Handgelenk noch immer bandagiert vom Skatepark-Desaster. Er blickte auf. Sein Gesicht veränderte sich sofort. „Du bist wieder da.“ Nicht überrascht. Nicht erschrocken. Einfach nur erfreut. Als hätte er sie erwartet. Ashlyn rutschte in die Sitznische am Fenster – die, die sie inzwischen immer nahm, halb im Schatten, mit Blick auf den Tresen. „Ich hatte Hunger.“ „Klar hattest du den.“ Er griff automatisch nach einem Becher. „Pommes?“ „Du unterstellst mir was.“ „Ich liege richtig.“ Er schaute nicht einmal auf den Bildschirm, als er die Bestellung eintippte. Als müsste er es inzwischen nicht mehr. Er nahm eine Bestellung auf, kassierte, gab Wechselgeld zurück. Effizient. Schnell. Kein Schauspiel dabei. Nur Arbeit. Als er sich kurz über den Tresen zu ihr beugte, dauerte es nur eine Sekunde. „Wie war dein Tag?“, fragte er leise. „Normal.“ Er musterte ihr Gesicht, ohne zu drängen, nur lesend. „Normal gut oder normal schlecht?“ Sie zögerte. „Normal ruhig.“ Er nickte einmal. „Ruhig ist nicht das Schlechteste.“ Ein Kunde räusperte sich, und er richtete sich sofort auf. „Willkommen im Riverside Grill. Was darf’s sein?“ Ashlyn beobachtete ihn. Er war nicht auffällig. Er versuchte nicht, jemanden zu beeindrucken. Er arbeitete einfach. Wenn er eine Bestellung verwechselte, lachte er über sich selbst, statt den Koch anzufahren. Einer älteren Frau dankte er zweimal. Alle paar Minuten glitten seine Augen zu ihrer Sitznische – nicht kontrollierend, nicht klammernd – nur um sicherzugehen, dass sie noch da war. Wie immer. Als er ihr die Pommes brachte, stellte er sie vorsichtig ab. „Heiß.“ „Weiß ich.“ „Das sagst du jedes Mal.“ „Du warnst mich jedes Mal.“ „Beständigkeit schafft Vertrauen.“ Das brachte sie beinahe zum Lächeln. Eine Gruppe Kids stürmte laut und hungrig herein. Toby verschwand wieder hinter dem Tresen. Ashlyn schlug ihr Notizbuch auf, las aber nicht. Ihre Gedanken drifteten dorthin, wo sie nicht hinwollte. Ein anderes Restaurant. Eine andere Stimme. Du gehörst mir. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie richtete den Serviettenhalter auf dem Tisch gerade, weil er schief stand. „Dekorierst du um?“, rief Toby. „Er war schief.“ „Er ist aus Plastik.“ „Er war schief.“ Er sah sie einen Moment länger an, als der Witz es erforderte. Dann nickte er einfach. „Okay.“ Er zog sie nicht weiter damit auf. Das hatte er auch gelernt. Als der Ansturm nachließ, rutschte er ungefragt ihr gegenüber in die Sitznische. Als gehörte es inzwischen dazu. „Hast du schon gegessen?“, fragte er. Sie hob eine Pommes hoch. „Das zählt nicht.“ „Du bist ziemlich meinungsstark für jemanden, der auf Beton gelandet ist.“ „Ich bin mit Hingabe gelandet.“ „Du hast ein Geräusch gemacht.“ „Aufprall braucht Drama.“ Sie schüttelte den Kopf, aber ihre Brust fühlte sich leichter an als seit Tagen. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich leicht. „Alles okay?“ Da war es wieder. Ohne Gewicht. Ohne Forderung. „Ich weiß es nicht“, gab sie zu. Er füllte die Stille nicht. „Ich weiß nicht so richtig, wie man das macht“, sagte sie nach einem Moment. „Was?“ „Das hier.“ Sie deutete zwischen ihnen. „Auftauchen. Hier sitzen. Es nicht kaputtmachen.“ Er lehnte sich zurück und betrachtete sie, als hätte sie etwas Wichtiges gesagt und nicht etwas Dramatisches. „Ich bewerte dich nicht“, sagte er. Sie blinzelte. „Ich warte nicht darauf, dass du versagst“, fügte er hinzu. „Ich führe keine Strichliste.“ Die Worte trafen härter, als sie erwartet hatte. „Du musst nicht beeindruckend sein“, sagte er. „Du kannst einfach hier sein.“ Einfach hier sein. Der Satz drückte gegen etwas Zartes in ihr. Bevor sie antworten konnte, rief jemand seinen Namen vom Tresen. Er stand auf, hielt aber inne. „Bleibst du?“ Sie sah auf die Pommes. „Vielleicht.“ Er hielt ihren Blick einen Moment lang, dann nickte er. „Okay.“ Kein Druck. Kein Drängen. Er ging zurück an die Arbeit. Ashlyn blieb. So wie an den meisten Nachmittagen in dieser Woche. Sie beobachtete den Rhythmus. Bestellungen wurden gerufen. Burger gewendet. Die Glocke klingelte. Toby bewegte sich darin, als gehöre er hierher. Wenn er an ihrem Tisch vorbeiging, strich er leicht mit den Fingern über die Kante. Nicht besitzergreifend. Nicht fragend. Nur ein Zeichen. Ein leiser Check-in. Als das Lokal leer war, rutschte er wieder zu ihr, müde, aber ruhig. „Du bist geblieben“, sagte er. „Ja.“ Er lächelte, als würde das zählen. Ihre Brust fühlte sich seltsam an. Nicht eng. Nur voll. „Ich weiß nicht, was ich tue“, sagte sie leise. „Ich auch nicht“, erwiderte er. „Ich weiß nur, dass ich es mag, wenn du hier bist.“ Keine Dringlichkeit. Kein Versprechen. Kein Besitzanspruch. Nur mögen. Und das Erschreckende war, dass sie langsam auch mochte, hier zu sein. Sie atmete aus, ohne bemerkt zu haben, dass sie die Luft angehalten hatte. „Okay.“ Draußen war es dunkel geworden, ohne dass sie es gemerkt hatte. Als sie schließlich ging, fühlte sich die Luft kühler an. Zu Hause sah ihre Mutter vom Sofa auf. „Du warst lange weg.“ „Ja.“ Ihre Mutter musterte ihr Gesicht sorgfältig. „Alles okay?“ Die Frage klang nicht wie ein Vorwurf. Ashlyn zögerte. „Ich glaube schon“, sagte sie. Ihre Mutter nickte einmal. „Okay.“ Kein Verhör. Keine Schärfe. Ashlyn ging in ihr Zimmer und setzte sich auf die Bettkante. Das Bedauern war noch da. Die Erinnerung war nicht verschwunden. Aber heute Abend verschluckte sie nicht den ganzen Raum. Sie legte sich zurück und starrte an die Decke. Zum ersten Mal seit Langem spannte sie sich nicht an. Wartete nicht darauf, dass sich etwas verschob. Wartete nicht darauf, dass ihr etwas genommen wurde. Sie war an einen Ort gegangen. Sie war geblieben. Sie war immer wieder zurückgekommen. Und nichts hatte sich deswegen um sie herum verengt. Das fühlte sich nach Fortschritt an.
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