ELEANORS S. I.
Ich rannte aufs Dach, meine Beine brannten, während ich auf meinen Ohrhörer tippte. Christians Signal zeigte an, dass er hier oben war. Nach dem Ausdruck, den er im Gesicht gehabt hatte, als er aus dem Krankenzimmer gekommen war, wollte ich auf keinen Fall, dass er jetzt eine überstürzte Entscheidung traf. Ich hasste es, daran zu denken, aber dieses Dach war der ideale Ort für solche drastischen Entscheidungen.
Endlich erreichte ich die Tür und stieß sie auf. Der Wind schlug mir ins Gesicht, als ich suchend umherblickte, meine Brust hob und senkte sich schwer.
Christian stand ganz am Rand des Dachs, sein Körper schwankte leicht im Wind.
Ich blieb stehen, schwer atmend, als er nach der Flasche neben sich griff. Er nahm einen langen Schluck, presste die Kiefer zusammen und stellte die Flasche langsam wieder ab. Sein Blick war in die Ferne gerichtet.
Mein Herz zog sich zusammen, während ich das Spiel der Emotionen auf seinem Gesicht beobachtete. Er sah am Boden zerstört aus. Als hätte ihm jemand den festen Boden unter den Füßen weggerissen und ihn zum Ertrinken zurückgelassen.
„Christian.“
Er drehte sich nicht um, aber ich wusste, dass er mich hören konnte. Langsam schüttelte er den Kopf.
„Denkst du das auch?“, fragte er, seine Stimme leise und zitternd.
Ich trat einen Schritt näher. „Was meinst du?“
Er drehte sich endlich zu mir um. Seine Augen waren schmal und trüb vor Emotionen. „Siehst du mich auch als wertlos?“
„Christian“, sagte ich, meine Stimme dünn vor Sorge und Verärgerung. Ich wusste nicht genau, was hinter diesen Türen passiert war, um ihn so aus der Bahn zu werfen, aber was auch immer es gewesen war, es rechtfertigte keine so haltlose Reaktion. „Komm da runter. Die Stelle ist gefährlich. Komm sofort herunter.“
Er zuckte nur leicht mit den Schultern und griff erneut nach der Flasche, gefährlich schwankend. Ich ging rasch vor, die Brust schwer atmend, während mein Blick immer wieder zu seinen Beinen huschte.
„Warum?“, fragte er, seine Stimme gedehnt in einem dunklen, trägen Tonfall. „Ich meine, wenn ich runterspringe, musst du nicht länger so tun, als würde dir dieser bescheuerte Job gefallen. Du musst nicht länger so tun, als müsstest du mich beschützen!“
Er lachte leise auf, und für eine ungeschützte Sekunde konnte ich es sehen. Den Schmerz, der sich in seine Züge gegraben hatte, die pure Verzweiflung. „Sag schon. Siehst du in mir auch nur die wertlose Hülle, die alle anderen sehen? Ist das der Grund, warum du immer so verdammt genervt wirkst, wenn du in meiner Nähe sein musst?“
Ich kniff mir hart in die Nasenwurzel, die Finger zu Fäusten geballt. „Ich bin deine Leibwächterin, und deshalb bin ich hier. Ich bin weder dein emotionaler Teddybär noch deine Therapeutin. Und jetzt komm runter und lass mich meinen Job richtig machen.“
Seine Augen weiteten sich, und für eine Sekunde dachte ich wirklich, er würde springen. Stattdessen stieg er vom Rand herunter und überbrückte die Distanz zwischen uns mit wenigen Schritten. Ich sah ihm in die Augen, meine Brust hob und senkte sich schwer. In seinem Blick tobten Stürme, die ich unmöglich verstehen konnte.
Stürme, von denen ich bisher nur kurze Blicke im Krankenhaus und bei seinem Abgang erhascht hatte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ihn in die Arme nehmen und ihm sagen, dass alles gut wird, oder ihn wachrütteln.
Bevor ich zurückweichen und Abstand schaffen konnte, packte er mein Gesicht. Seine Hände waren warm an meinen Wangen, und er küsste mich.
Ich erstarrte auf der Stelle, als Christians Finger sich warm gegen mein Gesicht legten. Er trat näher, drückte mich fester an sich, während seine Lippen meine langsam teilten. Mein Verstand schien auszusetzen, als ich die feuchte Hitze seiner Lippen auf meinen spürte.
Er gab einen kleinen, gebrochenen Laut von sich, und eine Hand legte sich um meine Taille. Ich schwöre, ich konnte die leichte Salzigkeit von Tränen schmecken.
Er wollte den Kuss vertiefen, doch ich kam schlagartig wieder zu Sinnen. Nicht er. Nicht jetzt. Ich hatte meine Entscheidung noch nicht getroffen, und das hier… diese ganze Allianz war nie dazu gedacht gewesen, Küsse oder Romantik zuzulassen. Selbst wenn ich mich letztendlich für ihn entscheiden würde, sollte diese Ehe eine Friedensvereinbarung sein. Nichts weiter.
Ich stieß ihn sofort von mir weg, die Augen vor Schock und Überraschung weit aufgerissen. Er sah mir in die Augen, wirkte jedoch nicht reumütig. Stattdessen sah er vor allem betäubt aus, als hätte die Krankheit seines Vaters ein Stück seiner Seele herausgerissen und ihn vollkommen leer und zerstört zurückgelassen.
Ich hob die Hand, wischte mir über den Mund und verpasste ihm dann eine schallende Ohrfeige. Sein Kopf flog heftig zur Seite, er taumelte einen Schritt zurück, und seine Haare fielen ihm ins Gesicht, verdeckten seine Augen.
„Ich habe diesen Job nicht angenommen, um mich respektlos behandeln zu lassen“, sagte ich, meine Stimme leise und voller Ärger über seine Dreistigkeit.
Wie konnte er so etwas tun? Jetzt war es endgültig klar. Das war genau die Seite von ihm, die seine Familie mit oberflächlicher PR und Lobeshymnen zu verstecken versucht hatte. Genau deshalb hatten sie versucht, ihn mir aufzudrängen, während sein älterer Bruder Lucas die vernünftigere Wahl zu sein schien – besonders da ich weder Romantik noch einen Märchenprinzen suchte.
Er machte einen Schritt auf mich zu, die Hände ausgestreckt. Seine Lippen teilten sich, als wollte er etwas sagen, doch er entschied sich klugerweise dagegen.
„Richtig“, sagte ich und trat zurück. Ohne ein weiteres Wort riss ich mir das Badge von der Brust und ließ es zu Boden fallen. Es landete mit einem leisen Klappern, und Christians Blick fiel für einen kurzen Moment darauf, bevor er wieder zu mir aufsah.
Ich drehte mich um, doch seine Hand schloss sich um mein Handgelenk. Ich wirbelte herum und riss mich grob los.
„Elena.“
„Ich kündige“, sagte ich schlicht. „Ich kündige diesen Höllenjob, und wenn du denkst, das hier wäre eine angemessene Art, mit deinen Angestellten umzugehen, dann solltest du nochmal darüber nachdenken. Ich bleibe keine Minute länger, um deine Emotionen, deine kindischen Wutanfälle und deine körperlichen Übergriffe zu managen. Ich bin fertig.“
„Elena“, sagte er noch einmal, doch ich drehte mich um und ging zur noch offenen Tür.
Ich ging hinaus, ließ sie offen stehen und nahm die erste Treppe nach unten.
Irgendwo auf dem Weg stockten meine Schritte, und ich lehnte mich gegen die Wand, die Brust schwer atmend, die Augen geschlossen.
Mein Verstand drehte sich im Kreis. Ich schloss die Augen, doch selbst das brachte mir keinen Trost. Stattdessen sah ich seine unterdrückte Wut, als er aus dem Krankenhaus gekommen war, die Tränen in seinen Augen, als diese Frauen ihn grundlos angegriffen hatten, und die Hilflosigkeit, als er vor dem Krankenzimmer gestanden hatte.
Und dann den Geschmack seiner Tränen auf meinen Lippen, den Laut, den er von sich gegeben hatte.
Nein. Ich schüttelte den Kopf und richtete mich auf. Denk daran, wer du bist, Eleanor. Er hat dich ohne Erlaubnis geküsst, aus einem Impuls heraus. Er verdient das nicht.
Du verdienst es auch nicht.
Ich nickte mir selbst zu. Das Einzige, was ich verdiene, ist, einen Mann zu wählen, der weniger dazu neigt, solche dummen, emotionsgeladenen Dinge zu tun.
Meine einzige andere Option neben Christian war sein älterer Bruder Lucas. Lucas hatte bisher wie die vernünftigste, bodenständigste Wahl gewirkt. Besonnener, ausgeglichener… einfach mehr von allem, was Christian nicht war.
Ja. Ich würde mich eher für Lucas entscheiden, auch wenn das nicht unbedingt das war, was die Volkovs wollten.