Arias Perspektive
„Alles Gute zum Geburtstag, Aria,“ murmelte ich leise, während ich das große Tablett voller Gebäck in den Speisesaal trug. Heute war mein Geburtstag… nicht irgendeiner, sondern mein achtzehnter.
Viele Wölfe fiebern ihrem achtzehnten Geburtstag entgegen, denn das ist der Tag, an dem ihr Wolf erwacht — und an dem man meist seinen Seelengefährten findet. Die meisten feiern diesen Tag mit Aufregung und Hoffnung. Doch nicht ich.
Abgesehen von dem Albtraum über Elena, der mich – wie immer – geweckt hatte, fühlte ich nichts. Ich hatte auf das leiseste Beben in mir gehofft, auf ein Zeichen, dass mein Wolf irgendwo tief in mir schlummerte. Doch da war nichts.
Ich hatte keinen Wolf… und wahrscheinlich auch keinen Gefährten. Vielleicht war das meine Strafe von der Mondgöttin selbst. Vielleicht war dies der einzige Weg, meine Schuld für das zu sühnen, was ich Elena angetan hatte.
Schuld nagte an mir, als ich erkannte, dass ich trotz allem immer noch auf meinen Wolf und meinen Gefährten hoffte. Wenn Elena nie die Chance bekommen hatte, ihren Wolf zu treffen – warum sollte ich es dürfen?
„Das ist nicht die Zeit zum Träumen, es gibt noch viel zu tun!“ Trishs scharfe Stimme riss mich aus meinen Gedanken.
„Steh nicht einfach da, mach weiter. Der Alpha kommt jeden Moment!“ schnappte sie, als ich stehen blieb. Ich reagierte sofort, eilte zurück in die Küche und holte die restlichen Tabletts, die in den Speisesaal gebracht werden mussten.
„Ich habe gehört, Alpha Rowan kommt heute mit seiner Auserwählten Luna zurück,“ flüsterte eine Sklavin ihrer Freundin zu, während wir zurück in den Raum gingen.
Das war das Einzige, was gut daran war, Sklavin zu sein — man galt als unsichtbar. Niemand achtete auf uns, und so erfuhren wir oft Dinge, die uns eigentlich verborgen bleiben sollten.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich das noch erlebe. Die Rudelmitglieder reden immer davon, wie kalt und unnahbar er ist. Ich bin überrascht, dass er sich überhaupt eine Gefährtin genommen hat,“ meinte die andere.
„Bestimmt nur fürs Rudel. Jeder weiß, dass er sein Rudel über alles stellt – sogar über sich selbst,“ erklärte die erste.
Ich hatte viele Gerüchte über Alpha Rowan gehört – über seine Kälte, seine Härte, seine Rücksichtslosigkeit gegenüber Feinden – doch eines wussten alle: Er liebte sein Rudel. Vielleicht war seine Reise nur dazu da gewesen, eine Gefährtin zu sichern.
Der restliche Tag verging mit hektischer Vorbereitung. Wir polierten, dekorierten und überprüften jedes Detail. Heute würde nicht nur der Alpha zurückkehren – auch die zukünftige Luna würde anwesend sein.
„Sie sind da!“ rief eine der Sklavinnen, und sofort nahm jeder seine Position ein.
Rowans Beta und mehrere Mitglieder des Rudels standen am Eingang, bereit, ihn zu empfangen. Ich wusste, sie würden am Ende den ganzen Lob ernten – so war es immer.
„Alpha.“ Alle verneigten sich, als die Tür aufschwang. Wir Sklaven blieben in den Schatten, unbemerkt, wie es unsere Pflicht war. Nur erscheinen, wenn wir gerufen wurden.
Alpha Rowan trat langsam in den Raum — und mir stockte der Atem.
Ich konnte den Blick nicht von ihm abwenden, beobachtete jede seiner Bewegungen. Ich hatte ihn schon einmal gesehen, aber diesmal war etwas anders. Etwas an ihm fesselte mich.
Er war groß, mit dunklem braunem Haar und durchdringenden, silbergrauen Augen. Eine kleine Narbe zog sich über seine linke Augenbraue – sie machte ihn nur noch anziehender.
Neben ihm stand eine elegante Frau mit feuerrotem Haar und honigbraunen Augen. Zusammen sahen sie aus wie das perfekte Paar… und in mir zog sich etwas zusammen.
Rowan blieb stehen und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Mein Herz begann zu rasen, als sein Blick auf die Stelle fiel, an der wir Sklaven uns verborgen hielten. Ich konnte förmlich spüren, wie er mich ansah – doch das war unmöglich. Er konnte mich nicht sehen.
Nach den Begrüßungen wurden er und seine Begleiterin in den Speisesaal geführt. Das Abendessen begann, und wir Sklaven arbeiteten flink und lautlos, um alles reibungslos ablaufen zu lassen.
„Hol noch eine Flasche Wein, bevor die leer ist,“ befahl Trish, und ich rannte in die Küche, griff nach einer Flasche und kehrte rasch zurück.
Mit zitternden Händen stellte ich die Flasche vor Alpha Rowan. Plötzlich erstarrte er. Er hob den Kopf – und als sich unsere Blicke trafen, spürte ich es.
Etwas in mir riss auf. Eine unsichtbare Verbindung spannte sich zwischen uns.
Konnte das wirklich sein?
Nein, ich musste mir das einbilden.
Sein Blick brannte sich in meine Haut, während ich versuchte, mich zurückzuziehen.
„Gefährtin.“ Das Wort verließ seine Lippen wie ein Schlag. Meine Augen weiteten sich.
Der ganze Tisch war still geworden. Alle sahen uns an.
Ich war nicht verrückt gewesen — Alpha Rowan war mein Gefährte. Ich spürte die Bindung, sie zog mich unaufhaltsam zu ihm.
Vielleicht hatte die Mondgöttin endlich Mitleid mit mir. Vielleicht hatte sie gesehen, dass ich genug gelitten hatte. Vielleicht war das ihre Art, mir Vergebung zu schenken.
Freude durchströmte mich, während ich ihn anstarrte, unfähig, zu sprechen.
„Rowan, was ist los?“ fragte seine Begleiterin, doch er beachtete sie nicht.
Würde er mich wirklich annehmen… trotz allem? Trotz meiner Ketten?
„Wie ist dein Name?“ Seine tiefe, ruhige Stimme durchbrach das Schweigen.
„Aria Thorn,“ flüsterte ich.
„Ich, Alpha Rowan Blackthorn, weise dich, Aria Thorn, als meine Gefährtin zurück.“
Seine Worte schnitten durch mich wie Klingen.
„Ich brauche keine Sklavin als Gefährtin. Ich brauche jemanden, der würdig ist, meine Luna zu sein.“
Seine Augen waren kalt, als er sich abwandte und den Raum verließ.
Der Schmerz, der in meiner Brust aufflammte, war unerträglich.
In diesem Moment starb jede Hoffnung in mir.