Arias Perspektive
Schmerz durchfuhr meine Brust wie tausend Messer. Ich fiel auf die Knie mitten im Flur und klammerte mich an mein Herz, während Alpha Rowans Worte in meinem Kopf widerhallten: „Ich weise dich als meine Gefährtin zurück.“ Die Bindung zwischen uns zerbrach, riss in mir auseinander. Jeder Riss fühlte sich an, als würde mir die Haut abgezogen. Ich biss mir so fest auf die Lippe, dass ich Blut schmeckte, und versuchte, nicht zu schreien.
„Aufstehen, Sklavin!“ Trish schnappte, packte meinen Arm. „Welches Spiel du auch immer mit dem Alpha gespielt hast, jetzt ist Schluss. Zurück an deine Aufgaben!“
Ich konnte nicht sprechen. Nicht atmen. Die Welt drehte sich, während Trish mich auf die Füße zog. Meine Beine fühlten sich wie Wasser an, als sie mich in Richtung Küche schob.
„Wasch dich und zurück an die Arbeit,“ befahl sie und stieß mich durch die Tür.
Ich stolperte zum Waschbecken und spritzte kaltes Wasser ins Gesicht. In dem kleinen, rissigen Spiegel darüber erkannte ich mich kaum wieder. Meine grünen Augen glanzlos vor Schmerz, mein Gesicht geisterhaft bleich.
„Gefährtin-Abweisung,“ flüsterte ich bitter. Ich hatte davon in alten Rudelbüchern gelesen. Der Schmerz konnte Wochen, vielleicht Monate anhalten. Manche Wölfe erholten sich nie.
Eine Erinnerung schoss mir durch den Kopf – Elenas kleiner weißer Sarg, bedeckt mit Blumen. Das Gesicht meiner Mutter verzerrt vor Hass, als sie mich über dem Grab ansah. „Du hättest hier nicht sein sollen,“ zischte sie. „Du hättest in dieser Kiste liegen sollen, nicht sie.“
Ich schüttelte den Kopf, versuchte, die Erinnerung zu verdrängen. Zehn Jahre, und ihre Worte schnitten immer noch tief.
„Alles in Ordnung?“ fragte eine tiefe Stimme.
Ich wirbelte herum und sah einen großen Mann mit zerzaustem schwarzen Haar und scharfen grünen Augen in der Tür stehen. Ich erkannte ihn als Beta Caleb, Alpha Rowans Stellvertreter.
„Mir geht’s gut,“ log ich, richtete meinen Rücken trotz des brennenden Schmerzes in der Brust.
„Nein, nicht wirklich,“ sagte er einfach. Er trat in die Küche, schloss die Tür hinter sich. „Ich habe gesehen, was passiert ist. Gefährtin-Abweisung ist ernst. Du brauchst Ruhe.“
Verwirrt starrte ich ihn an. Warum kümmerte sich der Beta um eine abgewiesene Sklavin?
„Ich kann nicht ruhen. Ich habe Arbeit,“ sagte ich und griff nach einem Geschirrtuch.
„Ich kümmere mich um Trish,“ antwortete Caleb. Er griff in seine Tasche und holte ein kleines Fläschchen mit violettem Inhalt heraus. „Das wird gegen den Schmerz helfen. Nimm es.“
Zögernd nahm ich es an. „Danke, aber… warum hilfst du mir?“
Calebs Augen wurden weich. „Weil das, was dir passiert ist, nicht richtig war. Niemand verdient es, so abgewiesen zu werden, schon gar nicht vor anderen.“
Bevor ich antworten konnte, drehte er sich um und ging. Schnell steckte ich das Fläschchen in meine Tasche, als Trish durch die Tür platzte.
„Genug Faulenzen! Der Gast des Alphas braucht frische Handtücher,“ bellte sie.
Mit „Gast“ meinte sie Lyra – die Frau, die mir mit einem höhnischen Grinsen bei der Ablehnung zugesehen hatte. Die Frau, die meinen Platz an Rowans Seite einnehmen würde.
Ich nahm die Handtücher und machte mich auf den Weg zum Gästezimmer, jeder Schritt schickte Wellen von Schmerz durch meinen Körper. Die Abweisungs-Bindung wurde immer schlimmer.
Als ich Lyra’s Tür erreichte, hörte ich Stimmen drinnen.
„Sie ist nichts, Rowan. Eine Sklavin! Was hast du gedacht, sie vor allen als Gefährtin zu nennen?“ Lyra’s wütende Stimme hallte durch das Holz.
„Ich habe nicht nachgedacht,“ antwortete Rowan, seine tiefe Stimme ließ mein Herz schmerzen. „Das Wort… kam einfach raus.“
„Nun, stell sicher, dass es nicht wieder passiert,“ schnappte Lyra. „Ich bin deine Auserwählte. Du hast sie abgelehnt. Ende der Geschichte.“
Ich klopfte leise an die Tür, wünschte, ich könnte irgendwo anders sein. Die Tür flog auf, und Lyra stand da, ihr rotes Haar wild um ihr wütendes Gesicht. Sie griff mir die Handtücher aus den Händen.
„Warte hier,“ befahl sie, bevor sie sich wieder zu Rowan umdrehte. „Wir führen dieses Gespräch später zu Ende.“
Sie schlug mir die Tür ins Gesicht. Ich stand wie erstarrt da, unschlüssig, was ich tun sollte. Dann öffnete sich die Tür erneut, und Rowan trat heraus.
Mein Atem stockte. Aus der Nähe waren seine silbergrauen Augen noch beeindruckender. Die Narbe über seiner Augenbraue ließ ihn gefährlich wirken. Die Anziehungskraft zu ihm war so stark, dass ich mich an die Wand klammern musste, um nicht näher zu gehen.
„Aria,“ sagte er, mein Name klang seltsam auf seinen Lippen.
„Alpha,“ flüsterte ich und senkte die Augen.
„Sieh mich an,“ befahl er, und ich konnte nicht anders, als zu gehorchen.
Für einen Moment blitzte etwas in seinen Augen auf – Schmerz? Reue? Doch dann war es verschwunden, ersetzt durch Kälte.
„Was ich getan habe, war notwendig,“ sagte er steif. „Ein Rudel-Alpha kann keine Sklavin als Luna haben. Das Rudel braucht Stärke. Respekt. Verstehst du?“
Ich wollte schreien, weinen, ihn anflehen, es zu überdenken. Stattdessen nickte ich.
„Gut,“ sagte er und ging die Halle hinunter.
Der Schmerz in meiner Brust loderte schlimmer als zuvor. Ich lehnte mich gegen die Wand, kämpfte mit den Tränen.
„Er liegt falsch, weißt du,“ Lyra’s Stimme kam von hinten.
Sie stand im Türrahmen ihres Zimmers, beobachtete mich mit zusammengekniffenen Augen.
„Es war nicht notwendig. Er hätte dich als Geheimnis behalten können, als Spielzeug. Aber er wollte nicht einmal das.“ Ihre Worte waren dafür gedacht, zu verletzen – und sie taten es.
„Halt dich von ihm fern,“ fuhr sie fort und trat näher. „Wenn ich sehe, dass du ihn ansiehst, mit ihm sprichst oder auch nur in seiner Nähe atmest, wirst du es bereuen.“
„Er ist mein Gefährte,“ flüsterte ich, bevor ich es stoppen konnte.
Lyra lachte, ein scharfes, grausames Lachen. „Er hat dich abgelehnt. Du bist jetzt nichts für ihn.“
Sie schlug mir erneut die Tür ins Gesicht und ließ mich allein im Flur stehen.
In dieser Nacht, allein in meinem Bett, ließ ich schließlich die Tränen zu. Ich griff in meine Tasche nach Calebs Fläschchen und trank den violetten Inhalt in einem Zug. Der Schmerz in meiner Brust wurde zu einem Pochen.
Als der Schlaf mich zu übermannen begann, tauchte Elenas Gesicht in meinem Kopf auf. Nicht als das siebenjährige Mädchen, das ertrunken war, sondern älter – wie sie jetzt mit siebzehn aussehen könnte.
„Ich bin nicht tot, Aria,“ flüsterte Traum-Elena. „Finde mich.“
Ich schoss aufrecht im Bett hoch, vollkommen wach. Die Stimme war so klar, so real. Ein Schauer lief mir über den Rücken, als ich ihre Worte erinnerte:
„Ich bin nicht tot.“
Ich blickte mich im dunklen Zimmer um, mein Herz raste. Etwas bewegte sich im Schatten an der Tür. Ich kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können.
Ein Mädchen mit langen blonden Haaren trat in einen Mondlichtstrahl. Ihre blauen Augen – so sehr wie die meiner Mutter – starrten mich direkt an.
„Elena?“ keuchte ich.
Das Mädchen lächelte, legte dann den Finger auf die Lippen.
„Sie haben dir gesagt, dass ich tot sei,“ sagte sie leise. „Sie haben gelogen.“