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1326 Words
„Alles okay?“ Miriams Stimme war weich, von Sorge durchzogen. Marleen zwang ein kleines, müdes Lächeln. „Ja. Ich brauch nur einen Moment.“ Matthias zwinkerte Miriam zu. „Komm, ich mach dir die Nudeln.“ Miriam zögerte, warf einen Blick zurück zu Marleen, nickte dann. „Okay.“ Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, lehnte Marleen schwer an der Wand und atmete lang, zitternd aus. „Ich bin so ein Chaos…“ Ihr Blick glitt zum Spiegel. Langsam verfärbten sich die weißen Strähnen ihres Haares zurück zu normalem Braun. Ihre Krallen zogen sich mit leisen, schmerzhaften Klicks zurück. Das Monster zog sich zurück, wieder eingesperrt. Pater Wilhelm hatte diese Krone für sie geschmiedet. Eine grausame, aber notwendige Lebensleine, wann immer Wut oder Angst drohten, ihre Kontrolle zu sprengen. Sie strich mit leichten Fingern über die Dornen, ein bittersüßes Wärmegefühl breitete sich in ihrer Brust aus. Er hatte sie einmal vom Abgrund zurückgezogen. Hatte ihr diese fragile Chance auf etwas wie ein normales Leben gegeben. „Du hättest sie mitnehmen sollen“, murmelte sie zu ihrem Spiegelbild. „Wenn dich jemand so gesehen hätte…“ Schon der Gedanke drehte ihr den Magen um. Enthüllung würde alles zerstören. Schule. Die Handvoll Menschen, die sie duldeten. Die sorgfältige Lüge, die sie Stein für Stein aufgebaut hatte. Menschen fürchteten Vampire bis ins Mark. Sie konnte sich keinen einzigen Fehler erlauben. Am nächsten Nachmittag zog ein leises Klopfen auf ihrem Schreibtisch Marleen aus ihren Gedanken. Eine Dose Cola rollte vor ihr zum Stillstand. Sie blickte auf. Der neue Professor stand da, beobachtete sie. Sein Blick war freundlich, aber irgendwie durchdringend, als sähe er direkt durch die Erschöpfung, die sie zu verbergen versuchte. „Du bist Marleen von Hohenberg, richtig?“ „Ja, Professor.“ Sie sah die Dose an. Dann ihn. „Hab gesehen, dass du gestern spät gearbeitet hast. Dachte, das könnte nützlich sein.“ Ein kleines, echtes Lächeln huschte über seine Lippen. Wärme flackerte in ihr auf. Unerwartet. Klein. „Danke.“ „Weiter so.“ Er nickte einmal und drehte sich weg. Zwei Studenten warteten bereits an seinem Schreibtisch. Marleen sah ihm nach, seine stille Präsenz blieb länger in ihrem Kopf, als sie sollte. „Hey, Marleen.“ Sie drehte sich um. Ein Klassenkamerad kam auf sie zu, freundlich, aber unbekannt. Sie zwang sich zu einem höflichen Lächeln, suchte im Gedächtnis. Hatten sie schon einmal gesprochen? „Hey, Marleen.“ Die Stimme zog sie vollständig zurück. Ein Junge setzte sich neben sie, bot ein zaghaftes Lächeln. „Hi. Ich bin Felix. Wir haben uns schon mal gesehen. Ich sitze in ein paar Kursen hinter dir.“ Sein Lächeln wankte, schüchtern. Oh. Hatte sie nicht bemerkt. Sie nickte. „Ja, glaube schon.“ Er zögerte, die Augen kurz abwendend, dann sammelte er sich. „Ich wollte fragen… ob du Partner für Professor Korns Aufgabe sein willst? Wenn du noch niemanden hast.“ Seine Nervosität war irgendwie charmant. Ein Lächeln zuckte um ihren Mundwinkel. „Ich habe niemanden.“ Sein Gesicht hellte sich auf. „Also… wir können zusammenarbeiten?“ „Ja.“ „Super! Vielleicht könnten wir es in der Mittagspause durchgehen?“ Dieses Vorspielen. Dieses kleine Geplauder. Die gezwungenen Lächeln. Der Teil des „Menschseins“, der sie am meisten erschöpfte. Doch sie zwang eine heitere Stimme hervor. „Klar. Ich hatte sowieso Hunger.“ Die Lüge fiel ihr leicht. Sie bahnten sich ihren Weg durch die überfüllten Gänge zur Cafeteria, Stimmen summten um sie herum. Ein Gespräch schnitt sich durch den Lärm und bohrte sich in ihre Brust. „Hast du gehört? Letzte Woche hat ein Vampir eine ganze Familie ausgelöscht.“ „Ja“, spottete eine andere Stimme. „Monster. Hoffentlich fallen sie alle tot um.“ Marleen erstarrte. Ein Schritt wackelte für einen Moment. Die Worte schnitten tief. Vertraut. Roh. Sie ging weiter, den Kopf gesenkt, das Gesicht sorgfältig leer. Sie hätte sich daran gewöhnen müssen. Es tat trotzdem jedes Mal weh. Ihr Geist glitt zurück. Einsame Nächte. Stille Gebete für jemanden, der nicht wegläuft. Und der Junge, der einst geantwortet hatte. Kai. Sie konnte ihn noch sehen. Warmes Lächeln. Helle Augen. Eine Hand, die ohne Zögern nach ihrer griff. Es hatte sich eine Zeitlang perfekt angefühlt. Er hatte Geheimnisse geteilt. Vollständig vertraut. In diesen Momenten hatte sie fast geglaubt, normal sein zu können. Doch nichts hielt. Eines Tages kam er zu ihr, verletzt und hohläugig. Sie hatte ihn angefleht, zu erklären. Er schüttelte nur den Kopf. Dann hörte er auf zu kommen. Sie wartete. Tage wurden zu Wochen. Wochen zu Monaten. Bis sie ihn wieder sah. In einer Gasse von Schlägern eingekesselt, ihr Lachen grausam. Wut zündete in ihren Adern. Sie hatte sich verkleidet. Sie wie Blätter verstreut. Sie flohen. Sie war zu ihm gerannt, riss die Verkleidung ab. „Ich bin es.“ Doch seine Augen… Weit. Verängstigt. Atem zitternd. Sie zerbrachen etwas in ihr. „Bitte… verschone mich…“ Die Erinnerung traf wie ein Schlag in den Magen. „Marleen? Marleen?“ Felix’ Stimme riss sie zurück. Sie blinzelte, desorientiert. „Entschuldige. Was hast du gesagt?“ Bevor er antworten konnte, stieß eine harte Schulter gegen sie. Sie stolperte, fing sich gerade noch. Ein scharfer Blick. Eine Stimme, triefend vor Verachtung. „Pass auf, wohin du gehst, Schlampe.“ Felix trat sofort vor. „Du hast sie doch zuerst angerempelt.“ Sein Ton trug eine Warnung. Murmeln breitete sich durch die Menge. „Moment… ist das nicht der Typ, der immer Ärger anfängt?“ flüsterte jemand. „Hab gehört, er ist endlich zurück.“ Felix schnaubte leise. „Berüchtigt. Sucht Streit, erpresst Leute, raucht in Vorlesungen. Irgendwie immer noch mit Professor Korn aus der Schule befreundet. Go figure.“ Sie runzelte die Stirn. „Woher weißt du das alles?“ „Oberstufentratsch.“ Er zuckte mit den Schultern. Sie seufzte. „Lass uns einfach gehen. Einmischen hilft nicht.“ Felix nickte. Aber sie spürte es. Das Gewicht des Blicks des Typen, brennend in ihrem Rücken, während sie weggingen. In dieser Nacht taumelte Rudolf die leere Straße hinunter. Sein Atem keuchte, unregelmäßig. Er warf einen leeren Wasserkanister beiseite. Das Plastik klapperte gegen den Bordstein. Sein Hals brannte. Heftig. Unaufhörlich. Wahnsinnig. Ein Durst, den keine Flüssigkeit stillen konnte. „Dieser Durst geht nicht weg…“ murmelte er und wischte sich über den Mund. Er hatte die gezählten Gallonen heute schon längst verloren. Zehn? Fünfzehn? Egal. Nichts half. Die Leute tuschelten über ihn. Wie er jede Bewerbung vergeigt hatte. Wie er nach neun verlorenen Jahren wieder zur Uni gekrochen war. Ihr Mitleid. Ihr Urteil. Es bedeutete jetzt nichts. Er sah sein Spiegelbild in einem geparkten Auto. Ein seltsames, dunkles Vergnügen wickelte sich um seine Brust. Ich bin wiedergeboren. In der Nähe näherte sich Henrik Korn seinem Auto, Ordner balanciert auf einem Arm. Er entdeckte Rudolf und hob die Hand. „Hey, Rudolf. Lange nicht gesehen.“ Rudolfs Finger ballten sich zu Fäusten. Ja. Lange genug, dass du anfängst, dich überlegen zu fühlen. Henriks leichtes Lächeln nervte schlimmer als alles andere. „Hab gehört, du bist zurück an der Uni, aber hab dich nicht gesehen.“ Rudolf mahlte die Zähne zusammen. Schau ihn an. Wir haben zusammen angefangen. Jetzt ist er Meilen voraus. Stabile Arbeit. Gutes Leben. Während ich im Ablehnen ertrank. Wie kann so ein ahnungsloser Idiot alles haben? Wie wagt er es? Eine Stimme glitt in seinen Kopf. Sanft. Giftig. Es muss nicht so sein, Rudolf. Du kannst dafür sorgen, dass er diese Dinge nie wieder hat. Sein Atem beruhigte sich. Ein bösartiger Entschluss setzte sich tief fest. Seine Finger zuckten. Dann glitten Krallen frei, kalt glänzend unter den Straßenlaternen. Mit einem tiefen Knurren rammte er sie in die Motorhaube des Autos. Metall kreischte, als er drehte. Dann, mit unmöglicher Kraft, hob er es. Das Auto kippte. Es krachte auf das Dach, ein krankhaftes Krachen von Glas und Stahl. Henrik taumelte zurück, Augen weit, huschte zwischen Rudolf und dem Wrack hin und her. „Was zum…?“
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