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1453 Words
Zwei Tage später saß Marleen noch immer in dem leeren Klassenzimmer, den Rücken gekrümmt über die verstreuten Blätter auf ihrem Schreibtisch. Die Tür krachte auf. Felix stürmte herein, bleich, die Augen weit vor Angst, den Atem kurz und hastig, die Hände auf den Tisch gestützt. „Marleen, hast du es gehört?“ fragte er, kaum fähig, ruhig zu bleiben. Sie blickte auf, die Stirn gerunzelt. „Was?“ „Professor Korn…“ Seine Stimme brach ab, er schluckte schwer. Die Furcht in seinen Augen war unverkennbar. „Was ist mit Professor Korn?“ Ihr Magen sackte zusammen. „Er… er wurde getötet.“ Ihr Herz stolperte. „Was? Wie?“ Felix beugte sich näher, senkte die Stimme zu einem Flüstern. „Man sagt, Rudolf… hat ihn umgebracht.“ „Rudolf?“ Der Name riss keine Erinnerung in ihr wach. „Der Oberstufenschüler—der, über den wir neulich gesprochen haben“, sagte Felix. „Der Typ, der dich angerempelt hat.“ Ihre Augen weiteten sich. „Der Typ hat Professor Korn ermordet?“ Felix nickte, immer noch sichtbar erschüttert. „Aber das ist nicht mal das Schlimmste. Die Leute sagen… er ist ein Vampir.“ „Va… Vampir?“ Das Wort kratzte ihre Kehle trocken. Sie schluckte hart. Ihre Telefone summten gleichzeitig. Felix griff zuerst und las vor: „Es gibt heute Nachmittag Unterricht um zwei. Der Klassensprecher hat es gerade geschickt.“ Er sah ihr in die Augen, ruhig trotz des Zitterns in seinen Händen. „Du wirst da sein, oder?“ Marleen nickte langsam. „Ja. Ich werde da sein.“ Innerlich verhärtete sich ihre Entschlossenheit wie Stahl. Rudolf würde hier nicht ungeschoren davonkommen—darauf würde sie achten. Woanders stand Rudolf auf dem Schuldach, stieß dicke Rauchwolken von seiner Zigarette aus und starrte auf den weitläufigen Campus unter ihm. Nach Henriks Tod hatte die Polizei sein Gesicht auf jede Fahndungsliste gesetzt; wenn nur diese verdammte Überwachungskamera an der Straße nicht den Flip erwischt hätte. Er zog tief an der Zigarette, griff nach seinem vibrierenden Telefon. Unbekannte Nummer. Ein Schmunzeln huschte über sein Gesicht. „Interessant.“ Nach dem Unterricht traten Felix und Marleen zusammen aus der Aula. Erleichterung spülte über sie—der Tag war endlos gewesen, ihr Kopf zu zerrissen, um klar zu denken. „Wie weit bist du mit der Aufgabe?“ fragte Felix, als sie ins Nachmittagslicht traten. „Auf einer Skala von eins bis zehn? Vielleicht eine Sechs“, sagte sie, ein kleines Lächeln erzwingend. „Beeindruckend! Da hab ich wohl Glück mit einem fleißigen Partner“, lachte er. Sie lachte mit, dankbar für die kleine Leichtigkeit, die die Last auf ihrer Brust durchbrach. „Übrigens, ich habe ein paar Unterlagen zu Hause, die helfen könnten“, fügte Felix hinzu. „Ich kann sie morgen mitbringen.“ „Wirklich? Das wäre großartig.“ „Klar—aber wie wär’s erst mit etwas zu essen?“ schlug er vor. Sie zwang ein weiteres höfliches Lächeln. „Klar.“ Spät in der Nacht lag die Baustelle von Lichtenwald Hall in unheimlicher Stille. Rudolf erschien, die Schatten musterend, ein Schmunzeln auf den Lippen. „Wer wählt so einen Mistplatz für ein Treffen?“ murmelte er und folgte den auf Pfeilmarkierungen gekritzelten Anweisungen, tiefer in das halbfertige, düstere Labyrinth. Cops, die eine lächerliche Falle stellen wollten? Seine Krallen glitten heraus, lang und glänzend. Wenn ja, würden sie gleich eine schmerzhafte Lektion lernen. Am vereinbarten Treffpunkt entdeckte er eine Gestalt, im Dunkeln sitzend, wartend. Er trat näher, musterte sie. „Wer bist du?“ forderte er, die Krallen fingen das schwache Mondlicht ein. „Warum hast du Professor Korn getötet?“ Die Stimme war kühl, kontrolliert. Er schnaubte. „Oh, er war euer Professor?“ Die Gestalt erhob sich. Das Silhouettenbild löste sich zu einem Mädchen auf, das Gesicht hinter einer Maske verborgen. Rudolf zog eine Augenbraue hoch, überrascht. „Ein Mädchen? Du hast die Nachricht geschickt? Mutig.“ „Du hast immer noch nicht geantwortet“, sagte sie gleichmäßig, den Blick auf ihn gerichtet. Er lachte, die Krallen streckend. „Manche Leute wissen einfach nicht, wo ihr Platz ist. Dieser Bastard Korn hat sich für besser gehalten, nur weil er ein bequemes Leben hatte.“ Sein Schmunzeln wurde bitter. Marleens Magen verkrampfte sich bei dieser beiläufigen Grausamkeit. Professor Korn hatte nichts dergleichen verdient. „Also das ist dein Grund, ihn zu töten?“ fragte sie, Ekel in der Stimme. „Ja.“ Kein Anflug von Reue. Sie seufzte, die Stimme kälter. „Es sind Leute wie du, die die Welt furchterregend machen. Kinder können nicht draußen spielen. Leute haben Angst, nachts nach Hause zu gehen. Du solltest dich stellen, dich bei seiner Familie entschuldigen und die Konsequenzen tragen.“ Die Worte trafen tief. Blitzschnell stürmte Rudolf vor, Faust krachte brutal auf sie ein. Sie flog mehrere Meter zurück, hart auf dem Boden aufschlagend. Er lachte, die Fingerknöchel knackten. „Verdammt, das hat sich gut angefühlt!“ Doch dann fror er. Eis kroch durch seine Adern. Marleen stand bereits—makellos, unversehrt. „Was zum… das war ein sauberer Treffer!“ Sein Schock verwandelte sich in ein böses Grinsen, als die Erkenntnis kam. „Ah, jetzt verstehe ich… du bist auch ein Vampir. Kein Wunder, dass du den Mut hattest, mich hierher zu locken.“ Er fuhr sich durch die Haare, spöttisch. „Wie sitzt du überhaupt im Unterricht, ohne jeden auszusaugen? Warum nimmst du die Maske nicht ab? Hat dir deine Mutter nicht beigebracht, dass es unhöflich ist, das Gesicht zu verstecken?“ Sie schwieg. Sein Lächeln wurde grausamer. „Ah, ich sehe. Du hast Angst, erkannt zu werden. Keine Sorge—ich töte dich nicht. Ich will nur sehen, wie ‚hübsch‘ du wirklich bist.“ Marleens Stimme blieb ruhig. „Ich trage die Maske für dich. Sobald du mein Gesicht siehst, muss ich dich töten.“ Er schnaubte, schloss die Distanz. „Große Worte. Vampire können sich tough geben, aber ein Mädchen wie du? Du wirst auf die Nase fallen.“ Er schleuderte einen weiteren Schlag—härter, schneller. Sie wurde gegen einen Betonpfeiler geschleudert. Er rückte vor, griff nach der Maske, riss sie weg, ein spöttisches Grinsen im Gesicht. „Du bist hübsch… schade, dass es verschwendet ist.“ Er zog sich zurück, bereit zum nächsten Schlag. Marleen blockte nicht. Sie wich nicht aus. Sie ließ ihn alles auspacken—jede Ounce der doppelten Stärke, die die Transformation brachte, immer noch begrenzt auf das, was er früher gewesen war. Jeder Schlag trug die Last seines unterdrückten Zorns: Jahre des Scheiterns, des Herabsehens, der Missachtung durch seine Mutter, Professoren, die seinen Untergang prophezeiten. Hatte dieses Leben gehasst—bis zu der Nacht in der Bar, als er wiedergeboren wurde, endlich stark genug, zurückzuschlagen. Er legte alles in einen letzten, brutalen Schlag auf ihren Bauch. Dann richtete er sich auf, grinste breit. „Wie gesagt… Mädchen sind so schwach wie—“ Die Worte erstarben. Entsetzen kroch über sein Gesicht, als sie wieder aufstand—unversehrt, unberührt. Kein Kratzer. Keine Beule. „War das alles, was du drauf hast?“ fragte sie ruhig. Sein Kopf drehte sich. „Wie… ich hab doch gute Treffer gelandet…“ Er blickte auf seine eigenen Hände—verstümmelt, Knochen gebrochen, Blut aus gespaltenen Knöcheln. Der Schmerz traf ihn auf einmal. Er taumelte zurück, griff die Hände, keuchte. „Hilfe… bitte…“ wimmerte er, fiel auf die Knie. „Tut es weh?“ Marleens Stimme war Eis. „Hast du je daran gedacht, wie viel Schmerz Professor Korn in seinen letzten Momenten fühlte? Wie viel Schmerz seine Familie für immer tragen wird wegen dir? Wie konntest du deinen eigenen Freund töten?“ Er schluchzte, Atem zerrissen. „Ich war… eifersüchtig. Musste verrückt sein. Meine Familie hatte Geld, seine nicht, aber er hatte trotzdem ein besseres Leben… Wahrscheinlich war er der einzige echte Freund, den ich hatte. Wer sonst hätte mich als Punching-Bag benutzt?“ Hohles Lachen entwich ihm. Marleen senkte die Maske vollständig, Blick unverrückbar. „Ich sehe, warum dein Leben ein Chaos ist. Du wirfst jede Chance weg, die du bekommst.“ Er schnaubte schwach. „Warum die Maske abnehmen, wenn du sowieso stirbst?“ Er stürzte sich in einen verzweifelten finalen Angriff. Doch die Luft wurde zäh, als er sich ihr näherte—seine Bewegungen verlangsamten sich, schwerfällig, als watete er durch Sirup. Sie strich leicht mit einem Finger über seine Faust, fast spöttisch. „Vampire regenerieren, klar. Aber ich werde sicherstellen, dass du es nicht tust.“ Sie packte seine Hand und zerquetschte sie. Er schrie, während sie ihn zu Boden warf. Er krachte durch den Boden auf die darunterliegende Ebene, landete als zerbrochener Haufen—die meisten Knochen zerschmettert, Blut tropfte aus seinem Kiefer.
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