KAPITEL VIER: Ein Spiel der Herzen

1674 Words
Lysandras POV Am Donnerstagmorgen stand ich in meiner engen Küche, das Zischen der Zwiebeln in der Pfanne wurde vom Sturm in meinem Kopf übertönt. Die Stimmen der Zwillinge webten sich durch die Luft – Lyra kicherte über einen Zeichentrickfilm, Lysan verlangte extra Sirup für seine Pfannkuchen –, doch meine Hände zitterten, während ich Paprika schnitt, Caelums graue Augen brannten in meinen Gedanken. Seine Stimme aus dem Krankenhaus – Sind sie meine? – kratzte an mir, ein unerbittliches Echo, dem ich nicht entkommen konnte. Zwei Tage waren vergangen, doch seine Präsenz hing wie ein blauer Fleck nach, dunkel und pochend. Ich hatte kaum geschlafen, war in der Wohnung auf und ab gegangen, während Mondlicht durch die Jalousien schnitt und das Summen eines Nachbarfernsehers durch dünne Wände sickerte. Jedes Knarren fühlte sich wie er an – seine Macht, sein Geld, seine Reichweite –, die sich um das zerbrechliche Leben schlossen, das ich für Lysan und Lyra aufgebaut hatte. Sie wussten nicht, wer er war. Sie durften es nicht. Doch ihre Fragen nach „Mr. Drexler“ hingen schwer, jede ein Splitter in meinem Herzen. Er hatte mich einst unfruchtbar genannt, es wie Gift ausgespuckt, und nun wagte er es, nach meinen Kindern zu greifen? Ein scharfes Klopfen an der Tür ließ mich zusammenfahren. Ich legte das Messer ab, wischte mir die Hände an einem Geschirrtuch ab, mein Puls schoss hoch. Die Zwillinge bemerkten es nicht, zu sehr damit beschäftigt, über Pfannkuchen zu streiten. Ich öffnete die Tür einem Kurier, seine Uniform makellos, in der Hand ein eleganter Umschlag mit dem Wappen der Crescent Academy. Mein Magen krampfte sich zusammen, eine Übelkeit erregende Mischung aus Furcht und Wut. „Miss Vale?“, sagte er und reichte ihn mir. „Für Sie.“ Ich nickte, die Kehle eng, und schloss die Tür. Der Umschlag brannte in meinen Händen, schwer vor Absicht. Ich riss ihn auf, meine Augen flogen über die Zeilen: Bestätigung der Einschreibung der Zwillinge an der Crescent Academy, alle Kosten gedeckt, und eine „Einladung“, sich mit einem Schulmäzen zu treffen. Kein Name, aber ich sah ihn in jedem Buchstaben – Caelum Drexler, seine Arroganz tropfte von der Seite, sein Reichtum eine Schlinge, die sich um mein Leben zuzog. Ich zerriss den Brief in zwei Teile, das Geräusch zerschnitt die Stille. Meine Brust hob sich, Eifersucht loderte wie ein Lauffeuer. Er dachte, er könne sie kaufen, ihre Herzen mit seinem glitzernden Imperium stehlen, während ich in dieser bröckelnden Wohnung knapp über die Runden kam. Die Frechheit, nach fünf Jahren zurückzuwalzen und so zu tun, als hätte er ein Recht auf meine Wunder. „Mommy, warum bist du wütend?“ Lyras Stimme durchdrang meinen Nebel, ihre großen Augen auf das zerrissene Papier zu meinen Füßen fixiert. Ich zwang ein Lächeln, meine Lippen zitterten. „Nichts, Liebling. Nur… ein Fehler.“ Lysan neigte den Kopf, zu aufmerksam für einen Fünfjährigen. „War das wegen Mr. Drexler?“ Mein Herz stolperte. „Esst eure Pfannkuchen“, sagte ich, schärfer als beabsichtigt. Ich drehte mich zurück zum Herd, umklammerte die Arbeitsplatte, um mich zu stützen. Ihre unschuldige Erwähnung seines Namens fühlte sich wie Verrat an, als hätte er bereits begonnen, sie zu beanspruchen, Samen der Zuneigung zu pflanzen, die ich nicht ausreißen konnte. Ich rief Mara an, meine einzige Freundin in Summerville, während die Zwillinge aßen. Ihre Stimme war ruhig, eine Rettungsleine. „Lysandra, du kannst ihm nicht entkommen. Caelum besitzt die Hälfte dieser Stadt. Er wird dich finden, und er wird nehmen, was er will. Du solltest abhauen.“ Abhauen. Das Wort sank wie Blei. Ich hatte für dieses Leben gekämpft – schlaflose Nächte, Sackgassen-Jobs, das Lachen der Zwillinge mein einziges Licht. Abhauen bedeutete, ihn gewinnen zu lassen, zuzugeben, dass ich sie nicht beschützen konnte. Aber bleiben bedeutete, seinem Schatten gegenüberzutreten, und ich war mir nicht sicher, ob ich stark genug war. „Ich kann nicht“, flüsterte ich. „Noch nicht.“ „Dann pass auf deinen Rücken auf“, sagte Mara. „Er ist nicht der Typ, der aufhört.“ Ich legte auf, ihre Warnung ein kaltes Gewicht in meiner Brust. Caelum jagte nicht – er eroberte. Und nun war er hinter meinen Kindern her, sein Geld bahnte einen Weg direkt zu ihren Herzen. Ein weiteres Klopfen kam, fester, selbstbewusster. Ich erstarrte, halb in Erwartung von Caelums Silhouette, doch als ich die Tür öffnete, war es Julian Harper. Mein Atem stockte. Groß, makellos gekleidet, mit dunklen Augen, die vor zu viel Charme funkelten, flirtete er seit Monaten mit mir – seit ich Kaffee auf ihn verschüttet hatte in einem Laden nahe meinem alten Job. Ich hatte ihn abgewiesen, unbeeindruckt von seinen Designer-Anzügen und leichten Lächeln. Er war reich, offensichtlich, aber das war mir egal. Mein Herz war eine verschlossene Tür, und Caelum hatte den Schlüssel zerbrochen. Aber heute stand Julian da mit einem schlanken Paket, sein Blick weicher, bedachter. „Lysandra“, sagte er, seine Stimme warm, „ich hoffe, ich störe nicht.“ Ich verschränkte die Arme, misstrauisch. „Was ist das?“ Er reichte mir das Paket, seine Finger streiften meine, verweilten einen Schlag zu lang. „Etwas, das ich dir persönlich geben wollte.“ Ich öffnete es, meine Hände ruhig trotz des Unbehagens, das sich in meinem Bauch ringelte. Drinnen war ein Brief auf geprägtem Briefpapier, der mir eine leitende Marketing-Position bei Harper & Co. anbot, einer Top-Firma downtown. Das Gehalt raubte mir den Atem – das Dreifache von allem, was ich je verdient hatte, mit Leistungen, die wie eine Rettungsleine wirkten: Krankenversicherung, Kinderbetreuung, ein Unterzeichnungsbonus. Ich sah auf, Verwirrung rang mit Misstrauen. „Du bietest mir einen Job an?“ Julian lehnte sich gegen den Türrahmen, sein Lächeln entwaffnend, aber kalkuliert. „Nicht nur einen Job. Eine Chance. Ich habe dich beobachtet, Lysandra – wie du dich trägst, wie du für deine Kinder kämpfst. Du bist eine Kraft, eine Frau, die nicht bricht. Genau das braucht meine Firma.“ Seine Worte trafen wie ein Funke, entzündeten etwas, das ich seit Jahren nicht gefühlt hatte – Stolz. Niemand hatte mich stark genannt, seit Caelum mich zerbrochen hatte. Ich musterte Julian, sein maßgeschneidertes Jackett, seine selbstbewusste Leichtigkeit, und sah mehr als einen Verehrer. Ich sah eine Waffe. Maras Warnung hallte – Caelum würde mich erreichen, wie Gift in mein Herz sickern. Aber was, wenn ich zuerst zuschlug? Caelum war immer besitzergreifend gewesen, seine Eifersucht ein Feuer, das heißer brannte als seine Liebe. Mich mit jemandem wie Julian zu sehen – einem Mann, der seinen Reichtum, seinen Charme rivalisierte – würde ihn ausweiden. Und Gott, ich wollte, dass er litt. Mein Verstand blitzte zum zerrissenen Brief, zu Caelums Dreistigkeit, sein Geld kaufte die Zukunft meiner Kinder, während ich machtlos dastand. Eifersucht brandete auf, bitter und scharf, nicht nur für die Zwillinge, sondern für das Leben, das er mir gestohlen hatte. Er war mit Callista weitergezogen, hatte eine Familie aufgebaut, während ich allein gekämpft hatte. Nun wagte er es, meine Kinder zu beanspruchen, sie mit seinen Entschuldigungen und seinem Imperium zu bezaubern. Ich würde nicht zulassen, dass er ihre Herzen so leicht gewann. „Ich nehme den Job an“, sagte ich, Julians Blick fest haltend, meine Stimme ruhig. „Aber es ist streng professionell.“ Sein Lächeln wurde breiter, ein Funkeln von Intrige in seinen Augen. „Natürlich. Sonst noch was?“ Ich trat näher, senkte die Stimme, damit die Zwillinge nicht hörten. „Ich brauche dich für etwas.“ „Was denn?“ „Um jemanden eifersüchtig zu machen.“ Er hob eine Augenbraue, dann lachte er leise, der Klang tief und verschwörerisch. „Ich bin dabei. Alles für dich, Lysandra.“ Mein Herz pochte, eine Mischung aus Triumph und Furcht. Es war ein gefährliches Spiel, aber ich war fertig damit, Beute zu sein. Wenn Caelum um die Liebe meiner Kinder spielen wollte, würde ich ihn dafür bluten lassen. Julian war mein Zug – ein Schachmatt in Anzug, sein Charme eine Klinge, die ich schwingen konnte. Ich stellte mir Caelums Gesicht vor, wie sein Kiefer sich anspannen würde, seine Augen dunkler werden, wenn er mich mit einem anderen Mann sah. Der Gedanke sandte einen Schauer durch mich, durchzogen von Bosheit. Ich trat zurück, warf einen Blick auf die Zwillinge, um sicherzugehen, dass sie nichts gehört hatten. „Wann kann ich anfangen?“, fragte ich. „Und Julian? Komm nicht auf Ideen.“ Er hob die Hände, grinste. „Streng professionell. Und ein bisschen Rache obendrauf. Aber du kannst anfangen, wann immer du willst.“ „Wie wär’s mit morgen?“ „Du bist frei“, antwortete er mit einem Lächeln. Als er ging, schloss ich die Tür, mein Puls raste noch. Zum ersten Mal seit Tagen spürte ich einen Funken Kontrolle, einen Hauch von Macht. Doch er erlosch, als ich mich umdrehte und Lysans Rucksack auf dem Sofa sah, halb offen. Ich kniete nieder, die Hände zitternd, und zog ein schlankes, silbernes Modell-Raumschiff heraus – teuer, makellos, die Art Spielzeug, die ich mir nie leisten könnte. Darunter steckte ein Zettel in scharfer, vertrauter Handschrift: „Für Lysan. Es tut mir leid. – Mr. Drexler.“ Mein Blut gefror. Ich umklammerte das Spielzeug, meine Sicht verschwamm vor Wut und etwas Hässlicherem – Eifersucht, roh und brennend. Er war wieder in ihrer Schule gewesen, hatte mit ihnen gesprochen, dieses Geschenk hinterlassen wie einen Anspruch, der in ihre Herzen gesteckt wurde. Lysans Worte vom Frühstück hallten – „Er hat uns gesagt, es tut ihm leid.“ Lyra hatte gekichert und gesagt: „Er ist nett, Mommy.“ Nett. Das Wort brannte. Er stahl sie, Stück für Stück, mit seinen Entschuldigungen und seinem Reichtum, während ich kämpfte, sie meine zu halten. Ich sank auf den Boden, das Raumschiff kalt in meinen Händen. Julians Angebot, mein Plan, Caelum eifersüchtig zu machen, fühlte sich wie ein kleiner Sieg gegen eine unaufhaltsame Flut an. Caelum griff nicht nur nach meinem Herzen – er griff nach ihrem. Und als die Eifersucht sich enger in meiner Brust wand, erkannte ich, dass ich nicht nur um Kontrolle kämpfte. Ich kämpfte um alles.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD